Die bayerische Reise

Mit Sicherheit gibt es auch einen Film mit dem Titel "Wo der Wildbach rauscht". FOTO: mno

Mit Sicherheit gibt es auch einen Film mit dem Titel "Wo der Wildbach rauscht". FOTO: mno

Der nur bedingt der Abwechslung sowie in keinerlei Hinsicht der Erholung geschuldete jährliche Aufenthalt im Freistaat Bayern ist in diesem Jahr etwas umfangreicher ausgefallen. Umfangreich genug, um auch mal einen auf Goethe zu machen, auch wenn’s für Italien nicht ganz gereicht hat – ein nachgereichtes Tagebuch.

Tag 1: Kaltenberg. Der Ort trägt seinen Namen zu Recht; passender wäre noch Nasskaltenberg. Selbst im Juli wird es nachts mitunter so frisch, dass man seinen Atem sieht. Geweckt wird man hier entweder vom Krach, mit dem der Regen auf das Wagendach hämmert, oder – seltener – davon, dass bereits um sechs Uhr morgens 50 Grad im Auto herrschen. Auch das gibt es hier. Hält die Leute vermutlich gesund, Hitzeschlag hilft wahrscheinlich gegen Lungenentzündung.

Ich kaufe Vorräte fürs bevorstehende Mittelaltermarktwochenende ein, was gar nicht so einfach ist, da die Straße, die durch den nächstgelegenen Ort führt, wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Der Getränkemarkt befindet sich auf der einen, der Supermarkt auf der anderen Seite der Baustelle, und obwohl sie vielleicht einen Dreiviertelkilometer auseinanderliegen, muss man, um von einem zum anderen zu kommen, zehn Kilometer über die Dörfer fahren. Was ich schicksalsergeben tue, denn nur im Getränkemarkt gibt es Jever, und wer hätte nicht gerne ein Stück Heimat in der Hand, wenn er abends in den Regen starrt?

Es gibt einen Käse mit Namen „Birkenstock“, und wer mal Zivi in einem Krankenhaus war, findet diese Namensgebung nicht wirklich appetitlich. Vielleicht möchten die Mäuse ja welchen? Auf dem verdorrten Wiesengrundstück, das als Parkplatz dient, müssen, gemessen an der Zahl der Erdlöcher, Millionen von ihnen leben. Eine verschwindet gerade im nächstbesten Loch, als ich die Wagentür öffne. Ich bezweifele, dass das zufällig ihr eigener Bau war. Haben die eventuell eine Art öffentliches Luftschutzbunker-System? Mal einen Biologen mit Nebenfach Militärgeschichte fragen.

Tag 4: Um nach zweieinhalb Tagen Dauerregen die Kälte aus den Knochen zu bekommen – schließlich friste ich mein Dasein in einem nur unzulänglich an moderne Lebensqualität angepassten Kraftfahrzeug -, plane ich den Besuch einer Therme. Im nicht weit entfernten Bad Wörishofen gibt es eine. Die Bewohner des Städtchens scheinen im Durchschnitt 65 Jahre alt zu sein und ihre Hauptbeschäftigung darin zu bestehen, Durchreisenden argwöhnisch hinterherschauen. Vermutlich schätzt man Fremde hier nicht. An den Straßen wechseln sich Seniorenresidenzen und Kurhotels ab, Sanitärgeschäfte laden zum – Achtung, Bratwurst – Shoppingerlebnis ein und die Fußgängerüberwege scheinen hier breiter und die Grünphasen länger zu sein als anderswo. Bad Wörishofen ist offensichtlich das Florida Süddeutschlands. Wohl weil man in fortgeschrittenem Alter Veränderungen noch weniger schätzt als Fremde, gibt es in Bad Wörishofen ein offizielles Verkehrsschild, das den Weg zum „Postamt“ weist; allerdings sollte ich in den kommenden Tagen feststellen, das dieses Schild nicht das einzige seiner Art ist. Mich hätte interessiert, was man in diesem Ort abends so machen kann; vermutlich Bingo spielen. Ich entscheide mich aber nach kurzer Überlegung (3,7 Sekunden) dafür, ihn bereits nachmittags wieder zu verlassen.

In der Therme eine sichere Methode entwickelt, mit der man festzustellen kann, wo man sich am Wochenende überall verletzt hat, ohne es bemerkt zu haben: Man lege sich einfach ins Solebecken. Das mit dem „Salz in die Wunden“ ist nicht nur so eine Redewendung. Die Besucherstruktur ist dieselbe wie in Bad Wörishofen; ich stelle eine gewisse Diskrepanz zum Werbeflyer der Therme fest, der beinahe ausschließlich junge, knackige Besucher zeigt. Vor allem auf den Bildern des „Saunaparadieses“. Auch die Zahl der abgebildeten Palmen stimmt nicht wirklich mit der der tatsächlich vorhanden überein, aber was soll’s – Hauptsache, das Wasser ist warm. Der unmotivierteste Wassergymnastiktrainer der Welt steht auf einer Plattform über dem Hauptbecken, macht mit ein paar Styroporwürsten Übungen vor und verflucht sein Leben. Zumindest sieht er so aus. Vielleicht träumt er nachts vom Durchbruch als Moderator einer Anrufspielshow.

Tag 5: Landsberg am Lech. Eine Stadt, die aussieht, als hätte sie jemand von einer Modelleisenbahnanlage gemopst und zur Originalgröße aufgepumpt. Hier ist auch in etwa so viel los wie in einem Modelleisenbahnstädtchen – was nicht heißt, dass vereinzelt unbewegliche Figuren hingeklebt worden wären, um eine belebte Innenstadt zu simulieren. Hier wird nicht einmal simuliert; man sieht am frühen Abend einfach gar niemand auf den Straßen, nur in den wenigen geöffneten Cafés sitzen hier und da Gestalten und beobachten die Büsche, die durch die Fußgängerzone wehen. Vom Versuch, hier einen öffentlich zugänglichen und funktionierenden Wlan-Hotspot zu finden, erzähle ich ein anderes Mal. Oder auch nicht.

Ein Schild am Ortseingang preist „Schrobenhausener Kartoffeln“ an. Ich weiß nicht, ob es ein Qualitätsmerkmal für eine Kartoffel ist, in Schrobenhausen aus der Erde geklaubt worden zu sein und nicht, sagen wir, im benachbarten Langenmosen. Die Wikipedia führt in der Liste bedeutender Schrobenhausener Persönlichkeiten einen Wolfgang Mottl als „Pionier der Kartoffelzucht in Europa“ auf. Na dann. Wir fahren in den folgenden Tagen noch ein gutes Dutzend Male an dem Schild vorbei, denn auch Landsberg ist durch eine Baustelle mitten im Ortskern in zwei Teile getrennt, zwischen denen man per x Kilometer langem Umweg verkehren muss. Scheint eine bayrische Eigenheit zu sein. Vielleicht pinkelt man auf diese Weise traditionell der Nachbarkommune, die dann mit dem ganzen Umleitungsverkehr klarkommen muss, ans Bein.

Kurz überlegt, eine Nacht hierzubleiben und mir Pommes aus Schrobenhausener Kartoffeln zu Gemüte zu führen, aber den Plan geändert, nachdem sich, als ich am örtlichen Campingplatz gerade die Preisliste studierte, eine trotz Einhaltung der aufgeführten Öffnungszeit verschlossene Tür am Rezeptionshäuschen öffnete, ein vergrelltes Frauengesicht herauslugte und mich anbellte, was ich denn – ich zitiere – hier wolle.

Später einen Campingplatz bei München aufgesucht. Hat schon bessere Tage gesehen. Also der Campingplatz. München sieht so aus wie gewohnt; blankgewienert, die Straßen mit Blattgold überzogen und die Bürgersteige mit frischen Juwelen bestreut. Auf dem Campingplatz gibt es immerhin Wlan, allerdings kann ich mich aus irgendwelchen Gründen nur per Internet-Explorer einklinken. Sofort einen Trojaner eingefangen. Abends Kabarett mit Andreas Rebers in einer kleinen Münchner Kneipe gesehen und sogleich auf der Liste “Dinge, die man in München besser tun kann als anderswo” verbucht.

Tag 7: München, Westfriedhof. In der Stadt scheinen Akademiker entweder einen besonderen Stolz oder keine besonders hohe Lebenserwartung zu haben – jedenfalls weisen überdurchschnittlich viele Namen auf den Grabsteinen den Zusatz „Dr.“ auf. Am Eingang steht ein Automat, an dem man sich Grablichter ziehen kann. Prima Idee eigentlich. Und ausbaufähig. Denkbar wären noch ein Blumenstraußautomat, ein Unkrautvernichtungsmittelautomat und ein Automat, an dem man einfach fünf Euro einwirft und dafür einen Beleg bekommt, dass man dagewesen ist und mit dem so erworbenen guten Gewissen, den Ahnen den gesellschaftlich erwarteten Respekt erwiesen zu haben, gleich wieder umdrehen kann. Anschließend Tollwood-Festival: Hier ist, wie überall in München, alles etwas edler; daher werden mir meine erworbenen Souvenirs in Ausgaben der Süddeutschen Zeitung eingewickelt statt in profane Anzeigenblätter.

Tag 8: Bedingt durch einen Zwangsaufenthalt in einem Arztwartezimmer einen Blick in die ausliegende und Monate alte Presse geworfen. Der Focus lässt einen Theologen sagen, wie er die ungarischen Klerikalprotofaschisten um Orban findet (gut, weil christlich), und eine Operetten-Erbin, was sie vom Ablauf von Urheberrechten hält (scheiße, weil Einnahmen futsch). Men’s Health gibt Tipps, wie man aber auch jede Frau ins Bett kriegt, und schafft dabei eine mustergültige Symbiose aus Klischeebedienung und Pornofantasie. Wenn ich es richtig zusammenbekomme, soll eine Mischung aus Stalkertum und Münchhausensyndrom helfen. Bemerkenswerterweise versucht es auch der Cosmopolitan mit Sex auf der Titelseite, aber aus Frauensicht und schafft es dabei nicht so richtig, die Trennlinie zwischen redaktionellem Beitrag und Buchwerbung einzuhalten.

Abends an irgendeinem Flüsschen gesessen, Bier getrunken und aus dem Stegreif ein Drehbuch zu einem Wildwestporno improvisiert. Bier ist schuld. Nein, wohl doch eher Men’s Health.

Tag 9: Ich habe aus dem zusehends unwiderstehlichem Drang heraus, meinem Nomadendasein durch die zwischenzeitliche Aufnahme einer warmen Mahlzeit zumindest vorübergehend einen Hauch von Zivilisiertheit zu verleihen, zum ersten Mal in meinem nun auch nicht mehr ganz so jungen Leben eine Fünf-Minuten-Terrine zubereitet. Lassen Sie es mich, um mich nicht wegen des Vorwurfs der Schmähkritik juristisch angreifbar zu machen, so formulieren: Sie schmeckt genau so, wie ich es mir in all den Jahren vorgestellt hatte.

Die folgenden sozialen Interaktionen mit verschiedenen Leuten deuten darauf hin, dass die Uno irgendwann für dieses Datum den „Welttag des Herumnölens“ ausgerufen zu haben scheint – nur ich habe es wieder mal nicht mit-, dafür aber abbekommen. Ob man ihn auf Antrag erweitern könnte zu „Welttag des Herumnölens, das von einem Klatschen gefolgt wird, bei dem es sich nicht um Beifall handelt“? Ach was, wahrscheinlich legen die Russen ohnehin wieder ihr Veto ein.

Frisches Schwarz. Wie man sich mit einem simplen Waschtag auf einem Campingplatz verdächtig macht. FOTO: mno

Frisches Schwarz oder: Wie man sich mit einem simplen Waschtag auf einem Campingplatz verdächtig macht. FOTO: mno

Tag 11: Das Experiment mit der Therme wiederholt. Im Solebad neue Kratzer und Schnitte entdeckt. Im Restaurantbereich wird tatsächlich Bingo gespielt: Eine Thermenmitarbeiterin mit trotz der Umgebungswärme festgefrorenem Lächeln versucht, daraus eine spannende Show zu machen und dabei tapfer zu übersehen, dass nur zwei Damen mitspielen, und das offensichtlich nicht einmal aus Langeweile, sondern aus reiner Höflichkeit heraus.

Gegen drei Uhr nachmittags fällt der Altersdurchschnitt rapide. Junge Menschen strömen aus der Schule oder von ihren Arbeitsplätzen, von denen sie sich mit irgendeinem Alibi früher verabschiedet haben, in die Therme; ältere Besucher verlassen sie binnen kurzer Zeit. In Bad Wörishofen gibt es um diese Zeit vermutlich Abendessen. Vielleicht wissen sie aber auch schon, dass es zu fortschreitender Stunde immer weniger ums Baden, sondern mehr ums Posen geht. Ab einem bestimmten Zeitpunkt hege ich die Vermutung, dass am Eingang mittlerweile Rausschmeißer dafür sorgen, dass nur noch Leute hineinkommen, die es auch auf den Werbeflyer des Bads geschafft hätten. Ich bin froh, dass ich schon drin bin; verdünnisiere mich alsbald aber trotzdem, bevor die Stylepolizei kommt und mich nach draußen befördert.

Tag 12: Der Tag fängt schon mit schlechten Nachrichten per Email an, und dann breche ich mir auch noch einen Zeh. Mist. Blöde Flipflops. Ich hätte auf meine Instinkte hören sollen. Jene Instinkte, die seit Jahrtausenden das Überleben der Spezies sichern: Man meide alles, was mehr als vier oder weniger als zwei Beine hat (könnte giftig sein), alles, was beim Hinabschauen Schwindel verursacht (könnte tief runtergehen) und alles, was nicht wie ein Schuh, sondern wie ein Fladenbrot mit Einmachgummiband aussieht (könnte dem Fuß beim Kontakt mit einem Holzklappstuhl zum Nachteil gereichen).

Warum besitze ich eigentlich welche? Ich mag das Geräusch, das die Dinger beim Gehen machen, doch gar nicht. Ich hasse es sogar, seit ich meine Magisterarbeit verfasst habe. Das war auch in den Sommermonaten, und zwar in der Unibibliothek, in der es erstaunlich still war – bis auf gelegentliches Handyklingeln, gefolgt vom kurzen Aufschrei des Angerufenen, der meiner rächenden Hand zum Opfer fiel, und dem omnipräsenten Geflipfloppe des witterungskonformen Schuhwerks.

Zwischenstopp an einem Campingplatz am Ammersee, der wie immer riecht, als würde er zweimal pro Tag umkippen, und zwar morgens und abends vor den Mahlzeiten. Ich hatte ganz vergessen, vielleicht auch verdrängt, dass Campingplätze das klassische Experimentierfeld pubertierender Teenager sind, die ihre ersten Gehversuche im Balzverhalten machen. Bemitleidenswert, wie sie sich, vollständig hormonüberflutet – was ihr Verhalten allerdings keineswegs entschuldigt – und von körpereigenen Drogen ferngesteuert über den Platz bewegen und total ernsthafte Gespräche darüber führen, wer wann wie lange mit wem gesprochen hat. In Gegenwart von Mädchen, heißt das. Jungs machen einen auf dicke Badehose, labern Leute, die biologisch ihre Eltern sein könnten, krumm von der Seite an und haben nicht die geringste Ahnung davon, wie knapp sie einem grausamen und schmerzhaften Ende entrinnen; und das nur aufgrund meiner ausufernden Großmütigkeit.

Fühle mich dennoch irgendwie betrogen: Der Campingplatz, auf dem ich in meiner Jugend unzählige Wochen zubrachte, war zu klein für sowas, der Pool an potentiellen Kandidatinnen zum Austausch von Spucke viel zu überschaubar, die Bevölkerung zu alt, die Grundstimmung zu spießig. Nur einmal lernte ich dort Gleichaltrige kennen, zwei an der Zahl, beide Jungs, und beide waren doof.

Ich entwickle tiefsitzende Hassgefühle gegen Sanitäranlagen, bei denen das Wasser durch das Drücken eines Knopfes zum Laufen gebracht werden muss und das dann genau 1,4 Sekunden lang tut. Abends neue persönliche Bestmarke in der Trendsportart „Bei einer Rasur an möglichst vielen verschiedenen Stellen Blut ziehen“ aufgestellt.

Tag 13: Murnau. Ein in weiten Teilen erfrischend unpittoresker Ort, in dem selbst das Schloss, wie es in einem Anflug von unangebrachtem Lokalpatriotismus genannt wird, eher wie ein normales Haus aussieht, wenn auch ein ziemlich großes. Für irgendwas war Murnau doch bekannt – für was denn nur? Für den gleichnamigen Regisseur? Für die kitschigen Wandmalereien? Dafür, dass Autos, die älter als drei Jahre sind oder seit mehr als drei Tagen nicht gewaschen wurden, offenbar sofort von den Behörden eingezogen werden? Tatsächlich heftet sich bald nach dem Ortseingangsschild ein Streifenwagen an die Stoßstange unseres hier und da mit Reparaturblechen ergänzten Busses, lässt aber von uns ab, als wir an einem örtlichen Supermarkt anhalten und mit dem dort getätigten Einkauf (Schokolade und Gummibärchen) Anrecht auf einen Parkplatz erwerben sowie die örtliche Wirtschaft voranbringen.

Aber wir waren ja bei der Frage, wofür Murnau berühmt ist. Für die Vielzahl an Kreuzungen, an denen es vollkommen ausgeschlossen ist, jemals nach links auf die Vorfahrtsstraße zu kommen, ohne sein Auto existentiellen Bedrohungen auszusetzen? Wenn ich es mir recht überlege, könnte das die Erklärung dafür sein, dass man hier sonst nur Neuwagen sieht. Halt, ich weiß wieder: Murnau ist für den „Blauen Reiter“ bekannt. Allerdings wohl nicht für die Ausstellung dazu. Ein überschaubarer Raum, bisschen Beckmann, bisschen Kandinsky, viel Münter, weil die Dame hier gestorben ist.

Um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen, mache ich mich wieder auf den Weg Richtung Süden. Irgendwann schieben sich die Alpen wie eine gigantische Sichtblende über den Horizont. Ich habe zu viele Heimatfilme in meinem Leben gesehen, um den Bergen, den darin verstreuten Dörfern und den holzvertäfelten und geranienverzierten Balkonen der Häuser noch etwas abgewinnen zu können. Berge halt. Habe ich schon mal gesehen. Auf Kreta zum Beispiel, und da wurden mir die Balkone erspart. Das mit den Heimatfilmen geschah, das sei kurz erwähnt, höchst unfreiwillig. Eine traurige Geschichte, die sich vor der Marktreife des Videorecorders zutrug und die an anderer Stelle zu erzählen ist. Ich passiere eine Unterführung, an dessen Einfahrt stolz ein Reichsadler prangt. „Erbaut 1935“, informiert mich ein Schriftzug. Das dazugehörige Hakenkreuz ist weggemeißelt, aber dieser und die nächsten paar Tunnel sehen tatsächlich so aus, als würden abends die Drehbänke hineingeschoben und Granaten für die Ostfront fabriziert.

In Garmisch-Patenkirchen angekommen, einer Stadt, die vornehmlich von Touristen und Nacktschnecken bewohnt wird. Beide Gruppen halten sich an eine Absprache, dass sie nacheinander die Straßen bevölkern, nicht gleichzeitig. Das offizielle Hochklappen der Bürgersteige scheint den Schichtwechsel einzuläuten. Ich fahre an der Olympiaanlage vorbei, die architektonisch ebenfalls stark nach Drehbänken und Granaten aussieht. Also die Anlage am Fuß der Schanze, die selbst einfach nur ziemlich grotesk wirkt, so ohne Schnee. Immerhin hat sich die Auswahl der Flaggen an den Masten seit 1936 signifikant erweitert.

Die Zugspitze ist mein Ziel, allerdings eines, das ich nach einem Blick in einen Prospekt mit den Preisen für die Seilbahn wieder in Frage stelle. Ein freundlicher Einwohner riet mir, einfach von der österreichischen Seite aus hochzufahren, das sei billiger. Ihm gehörte der Grund und Boden, auf dem wir dieses Gespräch führten; und er sagte, er sei noch nie auf der Zugspitze gewesen. „Ich bin doch nicht wahnsinnig und gebe fuffzich Euro dafür aus!“ Kein Wunder, dass es von Österreich aus günstiger ist – „höchster Gipfel Deutschlands“, da lachen die doch drüber! Die haben knapp tausend andere, die höher sind als die Zugspitze, da können sie sich den Gag leisten, Deutsche zum Sonderpreis auf ihren eigenen Nationalberg zu karren.

Nix für mich. FOTO: mno

Nix für mich. FOTO: mno

Tag 14: Die fremdartigen Leitpfosten am Wegesrand weisen darauf hin, dass wir uns im Stammesgebiet der wilden Ösis befinden. Sie sind derzeit aber friedlich. Tatsächlich sind die Seilbahntickets günstiger, kosten aber immer noch mehr als die für den Besuch einer normalen Schiffschaukel. Warum ich diesen seltsamen Vergleich wähle? Steigen Sie in die Seilbahn und finden Sie es selbst heraus, wenn Sie die Pylone passieren. Hatte ich erwähnt, dass ich unter Höhenangst leide?

Die Grenze zwischen Österreich und Deutschland verläuft über die Zugspitze. Man kann mit einem Blick feststellen, in welchem der beiden Länder man sich gerade befindet, auch wenn die Auswahl im Restaurant keine eindeutigen Hinweise auf den Kulturkreis liefert (Bratwurst, Frankfurter Würstchen, Weißwurscht): Da, wo sich keine Sau aufhält, ist Österreich. Und da, wo sich die Leute gegenseitig auf den Füßen herumstehen und sich die Zahl der pro Stunde vertilgten Würste, Würstl und Wurschte nach tausenden bemisst, ist Deutschland. Man kann aber auch einfach danach gucken, wo das Gipfelkreuz steht. Das sieht man auch nur von der deutschen Seite – nehmt das, ihr Alpenrepublikaner!

Ich scheine der einzige zu sein, der sich mit einer zu den umgebenden Wolken passenden Gesichtsfarbe stur von den Geländern fernhält und dessen Bewegungsradius einer asymetrischen Fläche entspricht, deren Kanten in mindestens fünf Metern Abstand zu den Rändern verlaufen. Nur ein kleiner Hund scheint ähnlich zu fühlen wie ich, er zerrt verzweifelt an seiner Leine, in entgegengesetzter Richtung zum Geländer. Hilft ihm nicht, Frauchen packt ihn und schleppt das winselnde Fellbündel zum gähnenden Abgrund, damit der Wauwau auch mal was von der Welt sieht. Das bliebt mir erspart, mein Frauchen kann mich nicht schleppen. Aber warum ist mein einziger Leidensgenosse ein Hund, der es vor lauter hektischem Gekläffe nicht einmal hinbekommt, sich einfach in eine erlösende Ohnmacht zu flüchten? Hat denn keiner außer mir heutzutage noch Höhenangst, ist sie nicht mehr bloß frustrierend, sondern jetzt auch noch altmodisch? Irgendwann dämmert es mir: Ich bin der einzige, der doof genug war, trotz Höhenangst hier überhaupt erst heraufzufahren. Keine Raketenwissenschaft, darauf zu kommen, aber die Luft ist hier sehr dünn; ihr Sauerstoffgehalt reicht nicht, um mein Gehirn und all die mit Würsten beschäftigten Digestivsysteme gleichzeitig adäquat zu versorgen.

In den Flyern und Plakaten werden alle denkbaren Wortspiele, die sich aus „Zugspitze“ ableiten lassen, in ermüdender Weise breitgetreten. „Das ist Zugspitze!“ Hoho. Ich hätte da auch noch einen: „Wir haben Zugspitzenpreise!“ Eine fotografische Selbstschussanlage gibt jedesmal, wenn sie betätigt wird – also auch jedesmal, wenn irgendein Gör den großen roten Auslöseknopf entdeckt und das Naheliegende damit anstellt – ein unfassbar nervtötendes Piepen von sich. Sie relativiert das Alpenidyll ein wenig. Allerdings nicht so sehr wie der omnipräsente Würstchendampf.

Am obersten Pylon der Seilbahn, die in eine nackte Felswand gedengelt wurde, arbeiten Leute. Es muss der schlimmste Job der Welt sein. So aus meiner Perspektive. Vielleicht lassen sie aber auch Indianer dafür einfliegen. Der Pylon steht schief, was meinem Sinn für Stabilität aufs gröbste widerspricht. Am besten nicht darüber nachdenken, schließlich muss ich das Ding auf dem Rückweg noch einmal passieren. Stattdessen werfe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Schneeball im Juli. Leider kann man von der Plattform, auf der sich die Schneewehe befindet, die Schlange an der Freßbude nicht treffen.

Tag 15: Über die „Romantische Straße“ geht es zurück. Sie ist wirklich romantisch. Rosig schimmert der Asphalt, bunt leuchten die Blümelein am Wegesrand, und auf kleinen Schildchen in den Kurven sind rote Herzen auf weißem Grund gemalt. Bei näherem Hinsehen stelle ich allerdings fest, dass es doch bloß Richtungspfeile sind. Vielleicht Nachwirkungen der Höhenluft. Oder des Weizenbiers, sowas macht mich immer müde. Die Existenz der herumflatternden dicken Kinder mit Pfeil und Bogen muss ich daher wohl auch anzweifeln.

Würde ich versuchen, die Landschaft zu beschreiben, die ich gerade durchfahre – es klänge wie eine Beschreibung des Auenlandes: Die Felder sind bestellt, die Gärten – nein: die Geranienkästen – stehen in voller Blüte, die Bewohner schauen satt und zufrieden drein, während sie ihre Auffahrten fegen. Nur heißen die Orte hier nicht „Hobbingen“, sondern „Achselschwang“ und ich möchte nicht wissen, wie das winzige Kaff zu diesem Namen gekommen ist.

In Ettal gibt es ein berühmtes Kloster. Berühmt vielleicht wegen seiner Ausmaße: Das Größenerhältnis zwischen dessen Kuppel und den umgebenden normalen Wohnhäusern wirkt grotesk. Die Leute können froh sein, dass es seinerzeit noch kein Bauordnungsamt gab, das hätte so etwas nie erlaubt und der Ort hätte es nie in die Kreuzworträtsel dieser Welt geschafft. Die Einwohner müssten dann ihr Dasein mit dem Verkauf von „Dirndl und Lederhos’n“ verdienen. Obwohl: Machen sie auch so.

In Oberammergau wird mein Auto von lauter blutverschmierten Jesusdarstellern umringt, die mich bekehren oder mir wenigstens Eintrittskarten für die Passionsspiele verkaufen wollen. Nur mühsam kann ich sie mit Dawkins-Zitaten abwehren, aber als mir diese ausgehen – ist schon etwas her, dass ich was von ihm gelesen habe – gebe ich einfach Gas und hoffe, nicht über heruntergefallene Nägel oder Dornen zu fahren. Die enttäuschten Messiasse werfen mir Passionsspiele-Handyhalter, Passionsspiele-Kühlschrankmagneten und Sandalen hinterher. Da ich sehe, dass es sich nicht um offizielle Passionsspiele-Sandalen handelt, merke ich, dass ich träume. Weizenbier macht mich wirklich, wirklich müde.

Unterammergau ist kleiner als Oberammergau, hat aber immerhin eine Sommerrodelbahn.

Tag 16: Zeh sieht besser aus. Vielleicht doch nicht gebrochen. Es müsste so eine Art Farbtafel geben, die eine erste Selbstdiagnose ermöglicht, so ähnlich wie bei Schwangerschafts- oder Drogentests, nur ohne Urin. Mein Zeh hat ein liebliches fliederviolett angenommen, mit einem Stich milkalila. Angebrochen? Geprellt? Simples Hämatom? Spontaner Anfall von Heulsusigkeit? Man weiß es nicht. Ich entlasse meine Flipflops aus der Untersuchungshaft.

Während das eine Nachbardorf den Verkehrsstrom nach Kaltenberg – wir befinden uns mal wieder auf dem Weg zum Marktgelände – rechtzeitig zur Großveranstaltung abgeschnitten hat, wirbt das andere Nachbardorf auf einem großen Schild mit dem bevorstehenden Bau einer schnellen DSL-Verbindung. Es gibt nur ein solches Schild, es steht am Ortseingang Richtung Kaltenberg, wo man – gemessen an der dortigen Verbindungsgeschwindigkeit per UMTS beziehungsweise der Wahrscheinlichkeit, überhaupt eine Verbindung hinzubekommen – mutmaßlich im Wesentlichen per Trommeln kommuniziert. Ich frage mich allmählich wirklich, ob das Miteinander zwischen den Gemeinden hier besonders herzlich ist.

Tag 18: Diese braunen Tourismus-Schilder an der Autobahn werden auch immer zahlreicher. In manchen Abschnitten stehen drei, vier von ihnen im Abstand von wenigen hundert Metern; und parallel zum Anstieg ihrer Zahl scheint die Interessantheit der Dinge, auf die sie hinweisen, abzunehmen. Ich warte nur auf Schilder mit Aufschriften wie „Feld-, Wald- und Wiesendorf Oberdeppensau“ oder „Hinterwalding – das Kaff in der Nähe der Autobahn“.

Mangels eines Sohnemanns, der sich durch sowas beeindrucken ließe, spendiere ich dem Jungen in mir selbst einen Abstecher in die Flugwerft Schleißheim. Nach kurzer Verwunderung darüber, dass bereits der erste Eurofighter im Museum gelandet ist, fliege ich eine Runde mit dem Simulator. Eigentlich wollte ich dem mäßig ambitionierten Fluglehrer zeigen, was eine Harke ist, schließlich können ein paar Hundert Flugstunden mit diversen Simulatoren in meiner Jugend Maienblüte nicht umsonst gewesen sein. Aber der Museumsmitarbeiter übernimmt ungefragt und nach außen unersichtlich das komplette Landemanöver. Traut er mir nicht? Denkt er gar, ich würde das Flugzeug in ein Hochhaus lenken, wegen der langen Haare und so? Dabei kann er ganz beruhigt sein – die Landschaft, die wir per Microsoft Flight Simulator (der so zuverlässig stabil läuft wie andere Produkte des Hauses) überfliegen, ist die Antilleninsel St. Maarten, und auf der gibt es keine richtigen Hochhäuser. Dafür vermutlich eine ganze Reihe All-inclusive-Hotels, und wer schon mal in einem karibischen All-inclusive-Hotel war, könnte durchaus den Drang verspüren, es zumindest virtuell von der Karte zu tilgen.

Mein Rückweg führt mich durch die Zone. In Thüringen mache ich aus, äh, „Gründen“ Zwischenstopp im Tal der schwarzen Dörfer: Wir befinden uns im Schiefergebirge, und nahezu jedes Haus ist zumindest teilweise mit dem Zeug verkleidet, sogar die Kirchen. Anderswo gilt Schiefer als edles und teures Baumaterial; hier wirkt es, als würden die Bewohner von schiefernen Tellerchen essen, ihre Köpfe nach erledigtem Tagwerk auf schiefernen Kissen betten und sich vielleicht auch Schieferkrümel in den Kaffee streuen. Entlang der Autobahn Richtung Norden erneut eine erkleckliche Anzahl an touristischen Hinweisschildern, aber man sieht abseits der Straße kaum je irgendetwas anderes außer Windrädern, Gewerbegebieten oder Ruinen von Fabriken. Später sieht man Magdeburg, aber das ist rein optisch auch keine wirkliche Verbesserung.

Abflug. FOTO: lg

Abflug. FOTO: lg

Tag 19: Wieder zuhause. Fühle mich wie nach einer langen Expedition, wozu auch der Eindruck beitragen mag, der sich aus dem Umstand ergibt, dass das Nachbarhaus in der Zwischenzeit verschwunden ist. Oder schlicht daraus, dass die Dusche hier solange läuft, wie ich will und die Zubereitung von Kaffee keinerlei steinzeitliches Werkzeug erfordert. Und das ist doch auch was. Aber wenn ich schon mit einem Goethe-Bezug einsteige, will ich mich ganz goetheesk auch mit einem lyrischen Kleinod verabschieden – da allerdings Ovids Elegie nicht ganz passen mag, muss es eben das hier tun: “Oa Zwetschgn im Batz dadatscht und oa im Batz dadatschte Zwetschgn gaabatn zwoa batzige dadatschte Zwetschgn und an batzign Zwetschgndatschi.” In diesem Sinne.

 

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