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	<title>Noltejournal &#124; Magazin &#187; Uni Oldenburg &#124; Noltejournal | Magazin</title>
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		<title>&#8220;Letzte Zuckungen eines Körpers, der nicht sterben will&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Mar 2013 04:00:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
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		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Im zweiten Teil des Lokalteil-Interviews spricht Postwachstumsökonom Niko Paech über den Bioboom, erklärt, warum er die Energiewende für ein Desaster hält - und warum sich sein persönlicher Frustfaktor trotz allem in Grenzen hält.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Im zweiten Teil des Lokalteil-Interviews spricht Postwachstumsökonom Niko Paech über den Bioboom, erklärt, warum er die Energiewende für ein Desaster hält &#8211; und warum sich sein persönlicher Frustfaktor trotz allem in Grenzen hält.</span></p>
<div id="attachment_41936" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/paech-fracking.jpg"><img class="size-full wp-image-41936" alt="&quot;Ökologischer Wahnsinn, der das Problem nicht lösen wird&quot;: Fracking-Anlage in Wyoming, USA. BILD: pd" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/paech-fracking.jpg" width="600" height="451" /></a><p class="wp-caption-text">&#8220;Ökologischer Wahnsinn, der das Problem nicht lösen wird&#8221;: Fracking-Anlage in Wyoming, USA. BILD: pd</p></div>
<p><em>Im </em><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=39133"><strong>ersten Teil des Interviews</strong></a><em> ging es um das neue Interesse der Medien an Wachstumskritik, um das individuelle CO2-Konto und darum, wie überbordender Konsum seine eigene Art von Verstopfung und Burn-out verursacht.</em></p>
<p><strong>Auch dieses Stichwort greife ich gerne auf: „Gewissen beruhigen“. Es gibt ja durchaus den Bio-Boom, eine gestiegene Sensibilität für Tier- und Umweltschutz, die – wenn auch noch zaghaften – Schritte Richtung Energiewende. Sind das nicht hoffnungsvolle Zeichen? Oder, wie manch böse Zunge behauptet, doch bloße Akte der Gewissensberuhigung gut situierter Lehrerfamilien?</strong></p>
<p>Die Energiewende in Deutschland ist eine der größten ökologischen Katastrophen, die wir bis jetzt erlebt haben. Das werde ich auf Wunsch auch gerne weiter ausführen … Zum Bio-Boom: Natürlich finde ich es positiv, wenn Leute Dinge kaufen, die aus einer ökologischeren Herstellung stammen als die konventionellen Produkte. Aber insgesamt haben wir, wenn wir mal die kulturwissenschaftliche Brille aufsetzen, ein Stadium der Selbstinszenierung erreicht, in dem die Artefakte, mit denen wir uns schmücken, nicht nur zur Herausbildung einer Identität oder Authentizität dienen, sondern auch einer moralischen Kompensation. Wir erleben dann die SUV-Fahrer, die Stammkunden im Bioladen sind oder Bionade trinkende Vielflieger. Das Leben ist eine Ansammlung unterschiedlicher und vom Sinngehalt her verbundener Baustellen, was auch eine Globalisierung unserer Lebensstile zur Konsequenz hat. Der Mensch lässt sich nicht mehr darstellen als Angehöriger eines bestimmten Milieus – er ist eher ein Konstrukt, vergleichbar mit einem Garderobenständer, an den sich viele soziale Praktiken hängen lassen. Derselbe Schlipsträger, der abends Golf spielt, ist nachmittags vielleicht Ökofreak und geht am Freitag in den Community Garden, um am Samstag nach New York zu fliegen. Es ist eine Art Sinfonie unterschiedlicher Selbstdarstellungsmöglichkeiten: Ich kaufe Bioprodukte, um moralisch zu kompensieren, dass ich ein viel zu großes Haus bewohne. Man kann aus der einzelnen Handlung eben keinen Rückschluss auf die ökologische Gesamtperformance einer Person ziehen. Diese symbolische Kompensation ist daher ein ganz wichtiger Schrittmacher der Biobranche.</p>
<p><strong>Jetzt wollen wir natürlich auch wissen, warum die Energiewende die größte ökologische Katastrophe ist …</strong></p>
<p>Seit wir von der Energiewende sprechen, ist Energieeinsparung kein Thema mehr. Das ist so beispielhaft, dass man in den USA schon von der „German Energiewende“ spricht, man übersetzt das gar nicht mehr. Es ist dieselbe Kompensation, nur auf politischer Ebene: Wir haben diese Energiewende deshalb ins Gespräch bringen können, weil sie unser Wohlstandsmodell gegen jede ökologisch motivierte Kritik immunisiert, aus der sich sonst die Schlussfolgerung ziehen ließe, dass wir unsere Ansprüche reduzieren müssten.<br />
Zweitens betrifft sie ja nur Elektrizität. Was ist mit dem Kerosin für Flugzeuge, dem Sprit für Lastwagen und Autos, dem Schweröl für Schiffe? Was ist mit der Heizenergie in Häusern, der Energie in der Landwirtschaft? Was ist vor allem mit der Energie, die in den Geräten steckt, die ja nicht einmal in Deutschland produziert werden? Es ist doch ein Witz, dies alles nicht mal zu thematisieren, denn Wind, Sonne und Biogasanlagen reichen da nicht hin.<br />
Und drittens muss man sich klarmachen, dass der Ausbau regenerativer Energien Bumerang-Effekte nach sich zieht. Rein physisch betrachtet ist regenerative Energie keine Lösung für irgendein ökologisches Problem, sondern nur dessen Umwandlung in einen anderen Systemzustand. Wir sind in Deutschland dabei, die Landschaft abzuschaffen. Jetzt hat sogar Kretschmann – ein grüner Ministerpräsident! – sich dahingehend geäußert, dass man, wenn man die Energiewende voranbringen wolle, auch den Schwarzwald näher betrachten müsse. In Niedersachsen haben wir inzwischen den Punkt erreicht, an dem wir nicht mehr in der Lage sind, den Getreidebedarf auf den eigenen Flächen zu befriedigen, ohne dass dieser Bedarf gestiegen wäre: Die Vermaisung ganzer Landstriche sorgt dafür, dass immer mehr Landwirte auf Energiemais umstellen. Hinzu kommen die Verspargelung und Verspiegelung durch Photovoltaik-Freiflächenanlagen.</p>
<p><strong>Sie meinen die Zunahme der Windenergie- und Solaranlagen – ist das denn kein Hoffnungsschimmer?</strong></p>
<p>Die Photovoltaik-Freiflächenanlagen schießen wie Pilze aus dem Boden, weil es für die meisten Investoren viel bequemer ist, Flächen zu kaufen oder zu pachten, als Hausdächer zu verwenden. Dazu kommt noch die Produktion der Anlagen. Und es kommen die finanziellen Rebound-Effekte hinzu: Weil mit erneuerbarer Energie neue Einkommensquellen erschlossen, neue Jobs geschaffen, neue Märkte erobert werden können, wird über dieses wirtschaftliche Wachstum neue Nachfrage entfacht. Menschen, die in grünen Branchen Geld verdienen, tun dasselbe, was jeder andere Konsument in Europa macht: Sie fahren große Autos, fliegen, wohnen im Einfamilienhaus, hängen in jedes Zimmer einen Flachbildschirm und so weiter. Ich will das gar nicht kritisieren, nur feststellen, dass das Geld, das angeblich nicht stinkt, weil es aus grünem Wachstum stammt, genauso verheerende Folgen hat wie jedes andere.</p>
<p>Ich möchte aber auch richtigstellen, dass ich großer Befürworter alternativer Energien bin, weil es ja keine Alternative gibt. Allerdings gibt es zwei Bedingungen: Erstens dürfen die Erneuerbaren nicht Instrument einer Wachstumspolitik, sondern in eine Postwachstumsökonomie eingebunden sein. Wenn das Bruttoinlandsprodukt wächst, wird über den Zuwachs von Einkommen und kaufkräftiger Nachfrage jede Umweltentlastung wieder zunichte gemacht. Zweitens: Weil auch regenerative Energie nicht zum ökologischen Nulltarif zu haben ist, braucht auch sie ökologische Rahmenbedingungen. Wir brauchen ein Boden- und Landschaftsmoratorium, es darf überhaupt keine Anlage mehr – egal ob Wind, Biogas oder Photovoltaik – einfach so in die unversiegelte Fläche hineingebaut werden, sondern es sind bereits okkupierte Flächen zu konvertieren oder Hausdächer zu verwenden.</p>
<p><strong>Welche haben Sie im Sinn?</strong></p>
<p>Ich plädiere für die Stilllegung von 50 Prozent aller deutschen Autobahnen und 75 Prozent aller Flughäfen. Das sind doch sowieso die größten Klimakiller, so könnte man doch mal zeigen, dass man es ernst meint mit Klimaschutz. Beim derzeitigen Aufkommen von Auto- und Flugverkehr kann man gar keinen Klimaschutz betreiben, das ist ja absurd.</p>
<p>Wenn wir diese Flächen zur Energiegewinnung hernähmen, dazu alle geeigneten Dächer für Photovoltaik und solarthermische Anlagen verwendeten, ergäbe sich jene Energiemenge, die ich als menschliches Maß bezeichnen würde. Das wäre die Menge, die wir uns, ohne über unsere Verhältnisse zu leben, ökologisch an Energie aneignen können.</p>
<p><strong>Eine andere Kernforderung von Ihnen lautet: 20-Stunden-Woche für alle. Das klingt auch für Laien erstmal reizvoll, und auch konservativere Ökonomen sehen darin ja durchaus Chancen – und sei es nur als arbeitsmarktpolitisches Instrument. Allerdings müsste dazu die Wirtschaft, die Arbeitgeberseite mitspielen, und so richtig darauf zu brennen scheint sie nicht unbedingt. Wie lässt sich deren Begeisterung wecken?</strong></p>
<p>Das wird nicht gelingen. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich entsprechende politische Mehrheiten bilden würden, wie wir es jeweils einmal in Dänemark und den Niederlanden erlebt haben, wo ja tatsächlich prägnante Arbeitszeitverkürzungen und -umverteilungen auf freiwilliger Basis möglich wurden.<br />
Ich glaube allerdings nicht, dass es nur an der Angebotsseite liegt. Es ist einfach so, dass die deutsche Mittelschicht ihren Reichtum dadurch hat mehren können, dass man pro Familie zwei 40-Stunden-Jobs hat. Es wird ein bestimmter Lebensstil beansprucht, der gehalten werden muss, und dazu muss man soundsoviel arbeiten – das ist das Problem. Ich meine, wir haben doch zwei Möglichkeiten, die Wirtschaft in die Zange zu nehmen: Das eine ist die sanfte Verweigerung, nämlich alle Spielräume zu nutzen, um nicht mehr für 40 Stunden zur Verfügung zu stehen. Der zweite Weg besteht darin, zukünftige Krisen zu nutzen, weil manchen Firmen die Nachfrage wegbricht. Darauf zu sozialpolitisch verantwortungsbewusst reagieren hieße, die Arbeitszeit anders zu verteilen. Leider scheinen die Gewerkschaften, abgesehen von Ausnahmen, davon nicht sonderlich begeistert zu sein.</p>
<p><strong>Weil es ihnen letztlich nicht um Lebenszeit, sondern mehr um Wohlstandswahrung geht?</strong></p>
<p>Beispielsweise hat der emeritierte Osnabrücker Politologe Mohssen Massarrat, der auch bei Attac aktiv ist, mit einigen Kollegen gerade die 30-Stunden-Woche als Kampagne in die Diskussion eingebracht – bei vollem Lohnausgleich! Nicht mal dieses Schlaraffenland wird von den Gewerkschaften unterstützt, wenngleich ich diesen Vorschlag ebenfalls kritisch sehe.<br />
Das Problem ist, dass man die von mir vorgeschlagene 20-Stunden-Konzeption – ohne Lohnausgleich – nur umsetzen kann, wenn Menschen bereit sind, mit Konsum anders umzugehen und sich darauf einzulassen, die freigestellten 20 Stunden darauf zu verwenden, Ersatz für Produktion zu leisten. Dies gelingt durch gemeinschaftliche Nutzung von Produkten und eine eigenständige Verlängerung ihrer Nutzungsdauer, etwa indem man sich mit Produkten umgibt, die man selbst pflegen, instand halten und gegebenenfalls auch reparieren kann. Dann ist man reich, auch wenn man weniger Geld hat, weil man die Zeit, die man hat, sinnstiftend verwendet. Das geht nicht von heute auf morgen – ich würde niemals dafür plädieren, auf Knopfdruck eine 20-Stunden-Woche einzuführen. Es ist eher ein Leitbild, das wir bestenfalls innerhalb einer Dekade umsetzen könnten, ansonsten würden wir die Gesellschaft überfordern. Und es geht um einen langfristigen Durchschnittswert. Nicht ausgeschlossen wäre, etwa in jungen Jahren voll zu arbeiten und später kürzer zu treten oder ein Jahr voll und das folgende Jahr gar nicht zu arbeiten. Da gibt es viele Kombinationsmöglichkeiten. Eine Gleichmacherei nach dem Rasenmäherprinzip würde ich ablehnen – es geht um eine Entwicklungsrichtung, nicht um eine Zahl.</p>
<p><strong>Wie ist es eigentlich um die Idee der Postwachstumsökonomie in anderen Ländern bestellt? Ist anderswo die Akzeptanz höher als in Deutschland?</strong></p>
<p>Es gibt eher Länder, die auf unfreiwillige Weise damit konfrontiert sind, ihre Ökonomie auf einem Konsum- und Produktionsniveau zu stabilisieren. Ob das einer Postwachstumsökonomie ähneln wird, werden wir sehen. Denken wir etwa an Kuba. Oder denken wir an Griechenland …</p>
<p><strong>Oje.</strong></p>
<p>Ich warne davor, das jetzt zu glorifizieren: Was in Griechenland passiert, ist ein Drama. Das kann man nicht schönreden. Andererseits wurde in Griechenland derart über die Verhältnisse gelebt – und das ist jetzt weißgott keine Häme –, dass man sich an fünf Fingern abzählen konnte, was irgendwann passieren würde. Was ich mir wirklich wünschen würde, wäre, dass die Griechen cool bleiben und sagen: Okay, wir haben verstanden, also machen wir uns jetzt einen Spaß draus, der Welt vorzuführen, wie es geht, auch in einer schrumpfenden Ökonomie klarzukommen, ohne in irgendeinen Rechtsradikalismus oder sonstigen Schwachsinn abzudriften. Griechenland könnte vorführen, wie es gelingt, unter Wahrung von Freiheit, Demokratie und Toleranz mit Knappheit umzugehen.<br />
Bei Kuba ist es wiederum so, dass es das erste Land auf diesem Planeten ist, das „peak oil“ schon hinter sich hat – als die Sowjetunion Anfang der 90er zusammenbrach, war es ja so, dass kein Erdöl mehr geliefert werden konnte, kein Dünger und auch bestimmte Maschinen nicht. Und was die Kubaner dann im Bereich der Landwirtschaft und des urban gardening vorgeführt haben, ist beachtlich.<br />
Ansonsten gibt es hier und da ähnliche Bewegungen: „décroissance“ in Frankreich, „transistion towns“ weltweit … das sind noch Minderheiten, aber warten wir die nächsten Krisen ab. Dann wird in mehreren europäischen Ländern die Notwendigkeit erkannt, andere Lebensstile auszuprobieren.</p>
<p><strong>Das klingt ja letztlich doch irgendwie hoffnungsvoll. Nur sieht die Gegenwart so ganz anders aus: Ich habe eben in den Radionachrichten von Überlegungen gehört, nachdem der automatisierte Börsenhandel dadurch gebändigt werden soll, dass Aktien mindestens eine halbe Sekunde gehalten werden sollen, bevor sie weiterverkauft werden dürfen. Wenn man sich einerseits mit der Zukunft eines kippenden Gesellschaftskonzepts befasst und auf der anderen Seite nun sieht, dass dies die Themen sind, mit denen sich die Tagespolitik auseinandersetzt – droht man da nicht wahnsinnig zu werden?</strong></p>
<p>Nö. Ich habe mittlerweile aufgehört zu glauben, dass wir noch die Kurve kriegen. Ich weiß, dass das zynisch klingt, vielleicht auch ein bisschen trivial, aber die Einschläge müssen noch näher kommen. Diese beiden Finanzkrisen von 2008 – Lehman Brothers und Subprimederivate – und jetzt das Griechenlanddesaster, das man auch nicht ganz davon trennen kann, verdeutlichen, dass zukünftig noch viel verheerendere Finanzkrisen wahrscheinlich sind, denn aus diesen Ereignissen haben wir ja nichts gelernt, sondern wurschteln einfach weiter.<br />
Und dasselbe gilt auch für Ressourcenknappheit. Was die Amerikaner mit dem Fracking machen, ist nur ein kleiner Aufschub – und ein ökologischer Wahnsinn, der das Problem nicht lösen wird. Es geht ja nicht nur um Öl-, sondern auch um die bereits genannte Flächenknappheit und Phosphor; es geht um Coltan, Palladium, Neodym. Wir haben uns durch die digitale Revolution so abhängig gemacht von seltenen Erden, dass die Sollbruchstellen unseres Wohlstands immer offenkundiger werden. Und deswegen frustriert mich das eigentlich nicht, Nachrichten zu hören, in denen so getan wird, als könne man mit minimalen Reparaturmaßnahmen ein zum Scheitern verurteiltes Modell doch noch retten. Das sind die letzten Zuckungen eines Körpers, der nicht sterben will; solche Sachen wie ein Jade-Weser-Port, eine Küstenautobahn oder hier in Oldenburg IKEA, ein Einkaufszentrum und so weiter – das sind Amokläufe einer angstgetriebenen Politik, die verzweifelt an einem Modell festhält, das schon nach Verwesung riecht.</p>
<p>++++</p>
<p><em>Von Niko Paech ist zuletzt das Buch &#8220;Befreiung vom Uberfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie&#8221; im Oekom-Verlag (Munchen 2012) erschienen.</em></p>
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		<title>Die Verstopfung der Welt</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Mar 2013 04:00:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
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		<description><![CDATA[Dass stetiges Wirtschaftswachstum vielleicht doch nicht der Weisheit letzter Schluss und die Lösung aller Probleme ist, ist wohl längst keine Außenseitermeinung mehr. Der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech ist derzeit ein gefragter Mann - im zweiteiligen Lokalteilinterview spricht er über Medienwirbel, die Postwachstumsökonomie und das Glücklichsein.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Dass stetiges Wirtschaftswachstum vielleicht doch nicht der Weisheit letzter Schluss und die Lösung aller Probleme ist, ist wohl längst keine Außenseitermeinung mehr. Der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech ist derzeit ein gefragter Mann &#8211; im zweiteiligen Lokalteilinterview spricht er über Medienwirbel, die Postwachstumsökonomie und das Glücklichsein.</span></p>
<div id="attachment_41968" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Elektroschrott_by_Karl-Heinz-Laube_pixelio.jpg"><img class="size-full wp-image-41968" alt="Mehr, mehr, MEHR: Elektronikschrott, Wohlstandsmüll, Sargnägel? BILD: Karl-Heinz Laube / pixelio.de" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Elektroschrott_by_Karl-Heinz-Laube_pixelio.jpg" width="600" height="450" /></a><p class="wp-caption-text">Mehr, mehr, MEHR: Elektronikschrott, Wohlstandsmüll, Sargnägel? BILD: Karl-Heinz Laube / <a href="http://www.pixelio.de/index.php" target="_blank">pixelio.de</a></p></div>
<p><strong>Herr Paech, beginnen wir unser Gespräch doch mit einem kleinen Quiz: Ich nenne Ihnen eine Bezeichnung oder eine Formulierung, mit der Sie in einem Medienbericht bedacht worden sind, und Sie sagen mir, in welchem Medium das war.</strong></p>
<p>Okay, ich versuch’s …</p>
<p><strong>Fangen wir an: „Spinnt der?“</strong></p>
<p>Das war die <em>Bild</em>.</p>
<p><strong>Okay, das war einfach. Nächste Bezeichnung: „Der größte Miesepeter der Nation“?</strong></p>
<p><em>Tagesspiegel</em>.</p>
<p><strong>Nicht schlecht. Einen habe ich noch: „Unter Ökonomen, die oft trocken daherkommen, ist Paech eine echte Rampensau.“</strong></p>
<p>Das war in der <em>Zeit</em>.</p>
<p><strong>Hundertprozentige Trefferquote, ich bin beeindruckt. Apropos Zeit. Sie waren für den Zeit-Wissen-Preis nominiert – hat’s denn geklappt?</strong></p>
<p>Nein, die Leuphana-Universität in Lüneburg hat den Preis bekommen. Ich war mir auch sicher, dass ich nicht gewinnen würde. Es waren drei Akteure nominiert: Einmal eine komplette Uni, dazu ein relativ üppiges Projekt, bei dem ein Team von Managern versucht, Open-Air-Festivals zu begrünen, also nachhaltigkeitskompatibel zu gestalten, und ich als einzelne Person … da war klar, dass nicht der Einzelne den Preis bekommt. Aber überhaupt nominiert worden zu sein, hat mich ja schon fast schockiert – in diesem Kreis etablierter Vertreter aus Wirtschaft und Mainstream-Nachhaltigkeitsforschung einer von drei Nominierten sein zu dürfen, das schlägt schon irgendwo durch die Decke.</p>
<div id="attachment_41972" class="wp-caption alignleft" style="width: 229px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Niko-Paech.jpg"><img class="size-medium wp-image-41972" alt="Ökonom, Wachstumskritiker und derzeit wohl medienpräsentester Oldenburger: Niko Paech BILD: Uni" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Niko-Paech-219x300.jpg" width="219" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Ökonom, Wachstumskritiker und derzeit wohl medienpräsentester Oldenburger: Niko Paech BILD: Uni</p></div>
<p><strong>Die Nominierung kam ja nicht von ungefähr: Sie hatten in den vergangenen Monaten eine enorme Medienpräsenz, alle möglichen Blätter kamen irgendwann mit der Paech-Story raus. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? An der klassischen Eigendynamik der Branche – ein Medium bringt die Geschichte zuerst, alle anderen springen auf? Oder ist die Zeit tatsächlich reif dafür, das Thema ins Bewusstsein der Leute zu transportieren?</strong></p>
<p>Ich glaube, es gibt drei Aspekte, die man da nennen muss. Der gerade genannte, dass also Medien nach Erreichen einer kritischen Masse von Berichterstattung plötzlich aufgrund dieser Logik ein stärkeres Quantum an Aufmerksamkeit offenbaren – das ist auf jeden Fall so.<br />
Als alleinige Erklärung reicht das allerdings nicht aus, man muss ja auch fragen: Woher kommt diese kritische Masse? Und das hat zu tun mit der Finanzkrise ab 2008, da ging’s los. Es ist ja so, dass wir seit Jahrzehnten über ökologische Eskalation und inzwischen auch über ökonomische Wachstumsgrenzen reden – „peak oil“ ist da ein Stichwort –, und als dann auch noch die Finanzkrise dazukam, ist bei vielen Menschen irgendwie ein Faden gerissen. Da ist das Vertrauen in die Stabilität unseres wachstumsabhängigen Wohlstandsmodells vollends den Bach runtergegangen. Und das führt dazu, dass plötzlich Wachstumskritik wieder ein Thema ist.<br />
Und dann gibt es noch ein drittes Element, bestehend darin, dass die bisherige wachstumsfreundliche Nachhaltigkeitsforschung grandios gescheitert ist. Die Frustration darüber führt dazu, dass sich mehr Menschen einer wachstumskritischen Auslegung des Begriffs „Nachhaltigkeit“ zuwenden.</p>
<p><strong>Für den Normalbürger ist ja der sichtbarste Ausweis dieses Wohlstandsmodells, dass man sich mit einem durchschnittlichen Gehalt vieles leisten kann: ein bis zwei Autos, eine bis zwei Urlaubsreisen pro Jahr, einen neuen Computer alle paar Jahre und so weiter. Wenn Sie da vom „Maßhalten“ sprechen, hören viele Menschen eher das Wort „Verzicht“ heraus – aber wer verzichtet schon freiwillig? Was bekommen Sie da an Reaktionen von Zuhörern?</strong></p>
<p>Nun ja, wenn ich zu Vorträgen und öffentlichen Veranstaltungen eingeladen werde, dann kommen da zumeist Leute hin, die ein gewisses Interesse am Thema haben – deren Reaktionen sind dann nicht repräsentativ, das muss ich schon einräumen. Von daher werde ich gar nicht so oft mit dem Vorwurf konfrontiert, ich würde Verzicht predigen.<br />
Die andere Sache ist: Ich weigere mich beharrlich, das von mir in die Diskussion eingebrachte Konzept der Suffizienz …</p>
<p><strong>… das die Entschleunigung und Entrümpelung eines überbordenden Konsumverhaltens beschreibt …</strong></p>
<p>… als Verzicht zu bezeichnen. Reduktionsleistungen im Hinblick auf die Ansprüche an materielle Selbstverwirklichung sind nicht notwendigerweise Verzicht. Sie können auch Befreiung vom Überfluss bedeuten. Darum geht es mir: Logiken zu entwickeln, die verständlich – oder sogar fühlbar – machen, dass Reduktionsleistungen bis zu einem bestimmten Punkt etwas mit Selbstschutz zu tun haben, mit Abwurf von Wohlstandsballast, der doch sowieso nur unser Leben verstopft. Damit ist aber auch schon gesagt, dass es um Reduktionsleistungen gradueller Art geht – ich würde nie in Abrede stellen, dass Konsum ein wichtiger Bestandteil des modernen und freien Lebens ist. Nur macht die Dosis das Gift. Die Frage ist: Wie kann man Konsum so entschleunigen oder seine Frequenz so verringern, dass auf diese Weise die einzelne Konsumhandlung letztlich mehr Genuss generiert, als wenn sie in einer Lawine vieler Konsumhandlungen untergeht? Das ist der Trick dabei: Kein Verzicht, sondern eine neue Rationalität des Konsums.</p>
<p><strong>Das heißt: Man muss sich nicht generell von Urlaubsreisen verabschieden, sollte aber nicht unbedingt zwischendrin auch noch dauernd für verlängerte Wochenenden nach Malle jetten?</strong></p>
<p>Ganz genau. Wobei: Mit den Flugreisen ist es wirklich schwierig, weil ich mich in meinen Ausführungen zur Postwachstumsökonomie immer auf die individuellen ökologischen Grenzen fokussiere, die wir einhalten sollten. Besser gesagt: Ich weise zärtlich darauf hin, dass das Zwei-Grad-Klimaschutzziel in Verbindung mit globaler Gerechtigkeit nun mal bedeutet, dass jeder Mensch auf diesem Planeten pro Jahr nur noch 2,7 Tonnen CO<sub>2</sub> verursachen darf. Da ist eine jährliche Flugreise nach New York nicht drin – was man machen kann, ist, nicht jedes Jahr ein Flugzeug zu benutzen.<br />
Das soll keine giftige Forderung sein, sondern darauf hinweisen, dass man sich mal entscheiden muss: Will man Klimaschutz oder will man ihn nicht? Will man ihn, muss man die Konsequenz ziehen oder wenigstens so ehrlich sein zu sagen: Ich halte das nicht durch, ich muss meinen Beitrag zum Klimaschutz schuldig bleiben. Blöderweise bleibt man dann auch die Antwort auf die Frage schuldig: Wie soll Klimaschutz dann jemals funktionieren? Es handelt sich hierbei um eine Wenn-dann-Aussage, nicht um den Versuch, jemandem auf die Füße zu treten.</p>
<p>Noch was zu Flugreisen. Wenn sich jeder Mensch eingestehen würde, dass diese 2,7 Tonnen CO<sub>2</sub> den Orientierungsrahmen darstellen, dann kann man das auch wie ein Konto behandeln: Wenn man selbst oder vielleicht auch Menschen im Bekanntenkreis drei, vier Jahre darunterbleiben, kann man sich auch mal wieder eine Flugreise erlauben. Es geht also nicht um ein Verbot, sondern das Management, um langfristig und durchschnittlich betrachtet innerhalb verantwortbarer Grenzen zu bleiben.</p>
<p><strong>Sie haben von einer global gerechten Aufteilung des CO<sub>2</sub>-Aufkommens gesprochen. Was ist mit Entwicklungs- und Schwellenländern? Man wird den Menschen dort ja kaum vermitteln können, dass sie, einen entsprechenden wirtschaftlichen Aufschwung vorausgesetzt, nun auf Annehmlichkeiten, die die Menschen in den Industrienationen jahrzehntelang genossen haben – Auto, Reisen etc. –, von vornherein verzichten sollen.</strong></p>
<p>Vermittlung ist ein Kommunikations-, kein politisches Problem. Das heißt: Solange wir in Europa nicht in der Lage sind, eine Daseinsform in Bezug auf Konsum, Mobilität, Telekommunikation und andere Bequemlichkeiten zu entwickeln, die innerhalb der gerade genannten Grenzen bleibt, wird es nie möglich sein, mit beispielsweise den Chinesen darüber ins Gespräch zu kommen, dass weniger mehr sein kann. Wir in Europa sind die Projektionsfläche, auf der Menschen in Asien, Lateinamerika und Afrika das Bild eines erstrebenswerten Lebens bewundern. Und solange wir auf dieser Projektionsfläche nichts anderes in Erscheinung treten lassen als das, was in den Untergang führt, können wir den Menschen in Afrika nicht vermitteln, dass ein nachhaltiges Wohlstandsmodell möglich und „cool“ sein kann.</p>
<p>Deswegen sind auch diese ganzen Klimakonferenzen schlimme Zeitverschwendung. Und Kerosinverschwendung, weil es ja immer tausende von Leuten sind, die da hinfliegen.</p>
<p><strong>Allerdings können wir ja eigentlich nicht einmal ansatzweise von einer Reduktion des Verbrauchs sprechen. Im Gegenteil ist trotz aller Öko-Mahnerei alles am Ansteigen: Die Zahl der Flugreisen, der Verbrauch an Strom, der CO<sub>2</sub>-Ausstoß, die Zahl der technischen Spielzeuge in den Haushalten … fühlt man sich als Postwachstumsökonom nicht als Mahner in der Wüste?</strong></p>
<p>Naja, wenn ich zu Klimaschutz, nachhaltiger Entwicklung oder eben Postwachstumsökonomie gefragt werde, muss ich wenigstens versuchen, mich selbst nicht zu belügen und auch dem geneigten Publikum entsprechende Antworten geben: So gesehen ist die Postwachstumsökonomie das Gebot der Stunde. Das ist mein Diskussionsbeitrag, mehr nicht. Ich kann ja nicht so vermessen sein zu glauben, dass sich die Dinge ändern, bloß weil ich den Schnabel aufmache. Es gibt ja auch die Gegenrede, es gibt Heerscharen von Wirtschaftswissenschaftlern und Feuilletonisten, die ganz andere Standpunkte vertreten; und in einer offen geführten Auseinandersetzung kann nicht ein Einzelner für sich in Anspruch nehmen, für massenhafte Akzeptanz dessen zu sorgen, was er verbreitet.<br />
Es ist auch ein Missverständnis, wenn der Eindruck entsteht, dass ich Massen erreichen will. Nichts liegt mir ferner. Mir geht es um eine Avantgarde, ich will den Nischen Rückhalt geben, in denen Pioniere jetzt schon bereit und fähig sind, Lebensstile zu praktizieren, die mit einer zukunftsfähigen Ökonomie kompatibel sind. Ich will diesen Leuten Würde geben und argumentative Munition liefern, damit sie nicht als Romantiker, Sektierer oder durchgeknallte Spinner dastehen.<br />
Diese Lebensstil-Schablonen, die in solchen Nischen bereits entstehen, werden dann wichtig sein, wenn dieses Kartenhaus, das wir „Wohlstand“ nennen, zusammenbricht. Das ist der eigentliche Schrittmacher. Es geht nicht um Überzeugung, es geht nicht mal mehr darum, den Kollaps oder die Kette von Kollaps-Szenarien, die der Club of Rome erstmals definiert hat, zu verhindern, sondern nur noch darum, sie zu gestalten. Wir sind an allen Ausfahrten in Richtung Nachhaltigkeit mit Hochgeschwindigkeit vorbeigerast. Wir erleben gerade den Vorabend – nun, ich würde sagen, einer Situation, die noch einige Herausforderungen und Überraschungen bereithält.</p>
<p><strong>Klingt niederschmetternd.</strong></p>
<p>Trotzdem würde ich nicht von „Desaster“ oder „Katastrophe“ reden. Ich rede von Zuspitzung, von Krise, von Eskalation. Und Krisen können ja auch immer eine Chance für einen Neuanfang darstellen, das wissen wir aus der Medizin. Sie können sogar mit Humor getragen werden – ich erinnere an die autofreien Sonntage 1974/75, als erst alle vor Angst und Schrecken erstarrt sind. Später dann, als wir die Bilder gesehen haben, wie Kinder mit Rollschuhen und Bonanzarädern über die Autobahnen gekurvt sind und ganze Familien ihren Grill auf der vierspurigen Strecke aufgebaut hatten, haben wir uns vor Lachen gekrümmt. Die eine Party hört auf, und die nächste – und vielleicht viel lustigere – fängt an.</p>
<p><strong>Stichwort Medizin: Sie verwenden mitunter medizinische Termini, um Ihre Thesen zu veranschaulichen. Was mit „Konsumverstopfung“ gemeint ist, haben wir vorhin schon gehört. Was aber verbirgt sich hinter der Diagnose „Konsum-Burnout“, wie äußert der sich?</strong></p>
<p>Er äußert sich in Stress; vor allem darin, dass die Bewältigung all der Konsumoptionen, die man sich angedeihen lässt, weil man sie sich inzwischen leisten kann, schlicht und ergreifend eine Kapazitätsgrenze erreicht. Der Mensch hat seit der Steinzeit doch eigentlich nichts dazugelernt. Nicht nur, dass er nach wie vor zwei Arme, zwei Beine und einen Körper hat, also auch physisch nicht zu mehr in der Lage ist – auch die Festplatte und der Prozessor im Oberstübchen sind nicht wirklich gewachsen. Es gibt lediglich so etwas wie einen pädagogischen Fortschrittseifer. Aber es ist für mich hanebüchen zu glauben, dass Menschen plötzlich in der Lage sein sollen, aus einem 24 Stunden dauernden Tag mehr an selbst aufzubringender Aufmerksamkeit herauszuholen, als das in der Steinzeit der Fall war.<br />
Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, und diese nicht vermehrbare Ressource auf immer mehr Ereignisse zu verteilen, kann nur dazu führen, dass ich jedes einzelne Ereignis entwerte. Der Nutzen oder der positive Effekt, den ich einem Ereignis oder einem Konsumgut entringen kann, ist eine Funktion der Zeit, die ich dieser spezifischen Aktivität widme. Und wenn ich mit einer immer größeren Geschwindigkeit über einen Ozean der Möglichkeiten surfe , aus Angst, mir könnte etwas entgehen, und somit die Fähigkeit zum Verweilen verlerne, dann praktiziere ich die oberflächlichste Form der Aneignung, nämlich gar keine mehr. Ich sammle dann nur noch Trophäen; ich triggere nur noch Ereignisse oder Konsumlösungen, kann sie aber nicht mehr ausschöpfen im Sinne einer positiven emotionalen Steigerung. Das ist dann in gewisser Weise ein Burnout, der uns unglücklicher werden lässt.</p>
<p><strong>Das ist die Diagnose. Wie sieht es mit den Therapiechancen aus?</strong></p>
<p>Man muss sich einmal klarmachen, dass in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt die Menge der verschriebenen Antidepressiva verdoppelt wurde. Wie kann das sein, in einem der reichsten Länder? Das sind Indizien dafür, dass die Überlastung, die im Extremfall in eine Depression einmündet und in verschiedenen Vorstufen als Burnout bezeichnet wird, immer weiter zunimmt. Wir leben heute in einer Welt, in der wir – quasi zwischen Hammer und Amboss – gleich zwei Überlastungen ausgesetzt sind: Zum einen nach wie vor der beruflichen Leistungsgesellschaft. Zum anderen ist aber inzwischen das Privatleben zu einer parallelen Leistungsgesellschaft geworden. Der nächste Urlaub bedeutet Stress, da kriegt man einen Horror und denkt: Ach du Schreck, ich muss ja bald wieder Urlaub planen – wo fliege ich hin, was soll ich da machen und so weiter. Oder das neue iPhone kommt raus. Das wirft mich in ein Problem hinein, denn ich habe ja noch das alte – ich stehe vor dem Problem, mich zu entscheiden.<br />
Wir haben inzwischen einen Punkt erreicht, an dem selbst die Dinge, für die wir uns nicht entscheiden, unsere knappe Ressource Zeit rauben. Alleine das Konfrontiertsein mit immer mehr Möglichkeiten, immer mehr Selbstverwirklichungsoptionen, immer mehr Freiheitspotentialen, verlangt mir ab, das alles zu verarbeiten. Also wird ein Teil meiner nicht vermehrbaren Aufmerksamkeit abgezapft.<br />
Das wird irgendwann auch zu einem ökonomischen und auch ein pädagogischen Problem. Ich bin konservativ genug, um zu sagen, dass das ganze Gedaddel mit den Pisa-Studien eine große Lebenslüge ist, die uns ersparen soll, die unbequeme Wahrheit anzuerkennen: Es ist die Konsumgesellschaft, die das Bildungssystem kaputtmacht, und nicht das dreigliedrige Schulsystem – das ich um Gotteswillen nicht schönreden will. Junge Menschen sind umgeben von soviel zeitraubenden und konzentrationsheischenden Objekten und Prozessen der digitalisierten Kommunikation, dass es doch kein Wunder ist, dass sie sich nicht mehr konzentrieren können. Ich habe in meinen Vorlesungen Leute sitzen, die nur auf Displays gucken. Die gehen nur noch dahin, um ihr Gewissen zu beruhigen; sie können sich auf das, was ich ihnen als Dozent präsentiere, gar nicht mehr konzentrieren, weil sie gleichzeitig Mails abrufen, SMS verschicken und sich irgendwas im Netz angucken.</p>
<p>++++</p>
<p><em>Lesen Sie im </em><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=39139"><strong>zweiten Teil des Interviews</strong></a><em>, was Niko Paech von der &#8220;German Energiewende&#8221; hält, warum weniger Arbeiten mehr sein kann und was das alles mit Griechenland zu tun hat.</em></p>
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		<title>Der raue Charme des Trostlosen</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Oct 2012 04:00:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Uni Oldenburg]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Journalist Gerhard Kromschröder setzt dem Emsland ein fotografisches Denkmal - Eindrücke einer Region, die nicht wenige eher meiden.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Der Journalist Gerhard Kromschröder setzt dem Emsland ein fotografisches Denkmal &#8211; Eindrücke einer Region, die nicht wenige eher meiden.</span></p>
<div id="attachment_42486" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-1.jpg"><img class="size-full wp-image-42486" alt="Neulich, irgendwo im Emsland. BILDER: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-1.jpg" width="600" height="389" /></a><p class="wp-caption-text">Neulich, irgendwo im Emsland. BILDER: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Eine Bushaltestelle mitten im Nirgendwo, lieblos aus Blech zusammengedengelt. Die in die Vorderwand hineingefräste Öffnung lässt sie wie eine in die Höhe gezogene Hundehütte erscheinen; die daneben platzierten Verkehrsschilder neigen sich zur Seite, als wäre ihnen sowieso schon alles egal. Wäre die Gegend, in der sie steht, nicht so offensichtlich feucht, würde man beim Betrachten des Fotos erwarten, dass ein vertrockneter Busch durchs Bild rollt. Das Mundharmonika-Lied von Ennio Morricone erklingt im &#8211; von der stetig wiederholten Bemühung dieses Stilmittels im Fernsehen abgestumpften &#8211; Innenohr. Die Bushaltestelle, um die es hier geht, steht im Emsland; das Foto von ihr, auf der man sie zu Gesicht bekommt, ohne Gefahr zu laufen, sich auf der Suche nach ihr in den nassen Weiten zu verirren, hängt in der Uni Oldenburg. Im Bibliotheksfoyer ist zurzeit die Ausstellung „Expeditionen ins Emsland“ des Journalisten Gerhard Kromschröder zu sehen.</p>
<p>Kromschröder war stellvertretender Chefredakteur des Satiremagazins <em>Pardon</em>, später investigativer Reporter und Redakteur beim <em>Stern</em> und schließlich Nahostkorrespondent, der während des ersten Irak-Kriegs aus Bagdad berichtete. Das Emsland, so möchte man meinen, klingt da als Ziel einer Fotosafari eher ein wenig – nun ja, klein. Das sieht Kromschröder allerdings anders: „Es ist doch viel spannender, im Kleinen das Große zu suchen und im Profanen das Erhabene, als sich nur mit den großen Dingen zu beschäftigen“, sagt der 71-Jährige.</p>
<p>Das Emsland – so nah und doch so fern; eine Region, die man nicht einmal durchqueren müsste, um irgendwo anders hinzukommen, da sie sich sehr gut umfahren lässt und von der man zumeist sowieso nur dann etwas hört, wenn gerade ein neues Kreuzfahrtschiff die Ems hinunterschleicht. Gerade einmal 40 Kilometer von Oldenburg entfernt und irgendwie doch ein ganz anderer Kulturkreis, ach was: eine ferne Galaxie. Als „Herz der Finsternis“ habe man den Landstrich damals, als Jugendlicher, wahrgenommen, erinnert sich der Satiriker und gebürtige Oldenburger Bernd Eilert, „fremdartig wie ein Mullahregime“. Der Schriftsteller Gerhard Henschel, der im Emsland zur Schule ging, bezeichnet es als „Schlumpfland“, und schon zu Kaisers Zeiten konstatierte ein durchreisender Geologe eine gewisse „Trostlosigkeit dieser Gegend“. Dass Kromschröder sich bei seinen Expeditionen mit seinem auswärtigen Kfz-Kennzeichen und dem Fotoapparat sogleich verdächtig machte und eine Reihe von Hinweisen auf sein undurchsichtiges Treiben bei der örtlichen Polizei eingingen, überrascht nicht wirklich.</p>
<p>Kromschröder hat nicht zufällig einen besonderen Blick für dieses merkwürdige, zwischen Ostfriesland, Osnabrücker und Münsterland sowie den Niederlanden eingeklemmte Niemandsland: Damals, in der Frühzeit seiner Karriere, arbeitete er als Lokalredakteur in Lingen und bei der <em>Ems-Zeitung</em> in Papenburg. Freunde hatte er sich mit seinen Recherchen nicht gemacht – zu sehr rüttelte er am regionsspezifischen Reaktionismus, am strengen Katholizismus, an der lange totgeschwiegenen braunen Vergangenheit, an der Erinnerung an die Emslandlager, die viele Einwohner lieber vergessen hätten. Und Freunde machte er sich auch jetzt mit der Ausstellung und dem zugrunde liegenden Bildband nicht – zumindest nicht im Landratsamt: Weder der ehemalige Landrat Hermann Bröring noch sein Nachfolger und CDU-Kollege Reinhard Winter waren im Sommer zur Eröffnung der Fotoschau im Moormuseum in Groß Hesepe anwesend. Bröring, der im Vorstand des Museumsvereins sitzt, soll seinen Unmut über Kromschröders Werk recht laut Ausdruck verliehen haben; Winter schlug gemäßigtere Töne an, aber die Aussage war die Gleiche: Den Landesherrn war der Eindruck, den die Fotos vom Emsland vermittelten, viel zu negativ.</p>
<div id="attachment_42487" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-2.jpg"><img class="size-full wp-image-42487" alt="Kalt. Nass. Herbst. Hat trotzdem was. BILD: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-2.jpg" width="600" height="268" /></a><p class="wp-caption-text">Kalt. Nass. Herbst. Hat trotzdem was. BILD: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Wie etwa die besagte Bushaltestelle. Oder das Schild, das den Weg zu einer „Stadtmitte“ weist, aber auf einer Verkehrsinsel mitten im Nirgendwo zu stehen scheint; im Hintergrund ein endlos scheinendes Getreidefeld. Oder das wie ein Hochsicherheitstrakt wirkende Einfahrtstor einer Hähnchenmastanlage. Oder die Schützen, immer wieder Schützen, die – seien wir ehrlich – sowieso schon etwas grundlegend Fremdartiges an sich haben. Es sind beeindruckende und groteske, abweisende und pittoreske, surreale und banale, trostlose und zum Schreien komische Motive. Die Schildchen darunter nennen den stets kurzen Titel und den Aufnahmeort, mehr nicht – und mehr ist auch gar nicht nötig. Die Bilder sprechen für sich.</p>
<p>Die meisten Aufnahmen hat Kromschröder zu Bild-Paaren zusammengestellt, und daraus beziehen sie eine umso tiefgreifendere Komik, die sich schwer in Worte fassen lässt. Da zeigt ein Bild ein Mantatreffen, sein Äquivalent eine Vernissage – beide dokumentieren eine ganz ähnliche Szenerie, scheinen aber von unterschiedlichen Planeten zu stammen, allerdings auch das wieder nur auf den ersten Blick. Stolze Rassehundebesitzer auf der einen, ein Hunde-Kackverbotsschild auf der anderen Seite. Hier eine Reihe erschossener Feldhasen, dort ein Kaninchenzüchter, der liebevoll seinen Rammler knuddelt. Da eine Wiese, auf der ein Boot liegt, dort ein Feld, das derart überschwemmt ist, dass das Boot eher dorthin zu gehören scheint – stattdessen stehen dort rostige Lkw-Wechselbrücken in der nassen Schlammwüste herum und warten scheinbar vergeblich darauf, jemals abgeholt zu werden.</p>
<p>Die Fotos würden die wirtschaftliche Dynamik des Landkreises unterschlagen, beschwerte sich Winter; „unfair“ und „polemisch“ nannte sie Bröring, und der Sprecher des Landkreises beschwerte sich gar schriftlich bei einer Zeit-Autorin über die „verzerrte Sichtweise“ ihrer Besprechung von Kromschröders Bildband. Die Ausstellung im Groß Heseper Moormuseum, ursprünglich auf vier Monate Dauer angelegt, wurde nach sieben Wochen vorzeitig beendet – der Verdacht, dass dies auf Druck der CDU-Granden geschah, dürfte nicht allzu weit hergeholt sein.</p>
<div id="attachment_42485" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-3.jpg"><img class="size-full wp-image-42485" alt="Auch eine Form von Dynamik. BILD: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-3.jpg" width="600" height="369" /></a><p class="wp-caption-text">Auch eine Form von Dynamik. BILD: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Den meisten Emsländern allerdings schienen deren Attacken herzlich egal zu sein. Die Ausstellung war gut besucht, die Erstauflage des Bildbands schnell vergriffen, berichtet Kromschröder. „Die Menschen sind viel klüger, als die Politik erlaubt“, sagt der Journalist: „Die Zeiten scheinen vorbei zu sein, in denen die Politiker sagen konnten, wo die Menschen ‚buh’ rufen und wo sie applaudieren sollen.“ Und überhaupt kann man das Ganze ja auch als eine Art Liebeserklärung an die Region sehen – eine erwachsene Liebe, bei der man eben auch die Macken und Kanten des anderen nicht übersieht.</p>
<p>Letztlich riet auch Eilert, trotz seiner Jugenderfahrung, nach der man „da einfach nicht hinfuhr“, jetzt zum Gegenteil: „Mir hat Gerhard Kromschröder erst recht Lust gemacht, mich bei nächster Gelegenheit dort in seinem geliebten Emsland einmal genauer umzusehen.“ Und aus der geharnischten Reaktion der beleidigten Landräte solle man ohnehin nicht den Rückschluss ziehen, dass so etwas typisch emsländisch sei, meint Kromschröder: „Wenn man etwas ähnliches mit Oldenburg macht – ich könnte mir vorstellen, dass die Reaktionen möglicherweise ganz ähnlich ausfallen würden.“</p>
<p>Wer wollte ihm da widersprechen.</p>
<p>&#8212;&#8212;<br />
<em><a href="http://www.uni-oldenburg.de/aktuelles/artikel/am/2012/09/21/von-schafen-und-schuetzen/" target="_blank">Gerhard Kromschröder: &#8220;Expeditionen ins Emsland&#8221;</a>, noch bis zum 31. Oktober im Foyer der Bibliothek der Uni Oldenburg (Campus Haarentor) zu sehen. Der gleichnamige Bildband ist bei Edition Temmen erschienen.</em></p>
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		<title>Würdigungen im Wandel</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Feb 2012 05:00:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Uni Oldenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Hedwig Heyl war Hitlerverehrerin und Rassistin. Dennoch ist eine Oldenburger Straße nach ihr benannt - aber wohl nicht mehr allzu lange.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Hedwig Heyl war Hitlerverehrerin und Rassistin. Dennoch ist eine Oldenburger Straße nach ihr benannt &#8211; aber wohl nicht mehr allzu lange.</span></p>
<div id="attachment_42526" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/02/hedwig-heyl-straße.jpg"><img class="size-full wp-image-42526" alt="Widerstandskämpferin statt Hitlerverehrerin? Die Umbenennung der Hedwig-Heyl-Straße wird mehrheitsfähig. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/02/hedwig-heyl-straße.jpg" width="600" height="416" /></a><p class="wp-caption-text">Widerstandskämpferin statt Hitlerverehrerin? Die Umbenennung der Hedwig-Heyl-Straße wird mehrheitsfähig. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Zwar kam es auch dieses Mal nicht zu einem konkreten Beschluss zum neuerlichen Antrag der Linken, die Straße umzubenennen. Vom Tisch ist das Thema aber nicht, und mit ihr rücken auch andere Straßen in den Blickpunkt, deren Benennung aus heutiger Sicht kritisch zu bewerten ist. Vielleicht werden in absehbarer Zukunft gleich mehrere einen neuen Namen erhalten: Der Vorschlag der Verwaltung, alle nach Personen benannten Straßen in einer wissenschaftlichen Studie auf ihre historischen Altlasten zu prüfen, ist von einer breiten politischen Mehrheit im Kulturausschuss begrüßt worden.</p>
<p>Vor zweieinhalb Jahren hatte die Linke-Fraktion schon einmal versucht, im Rat einen Beschluss zur Umbenennung der Straße durchzusetzen; damals ist der Vorstoß von der Verwaltung und der politischen Mehrheit aus CDU, FDP und SPD abgeschmettert worden.  Dass jetzt Bewegung in die Sache kommt, liegt nicht etwa daran, dass neue Erkenntnisse zur Vita der 1934 verstorbenen Heyl vorlägen. Dass die Bremer Frauenrechtlerin Bewunderung für Hitler hegte, sich als Vorsitzende des „Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft“ gegen „Mischehen“ aussprach, „geeignetes Mädchenmaterial“ in die Kolonien schaffen wollte und vor einer drohenden „Verkafferung“ warnte, zeigte die Historikerin Doris Kachulle bereits 1992 in einem taz-Artikel auf. 1999 zogen zwei Berufsschulen in Hannover und Frankfurt die Konsequenz daraus und legten den Namen „Hedwig Heyl“ ab. Man dürfe zwar nicht vergessen, dass Heyl „bezüglich der Professionalisierung der Hauswirtschaft, des Kampfes um die Gleichberechtigung der Frau und der Durchsetzung des Frauenwahlrechts Hervorragendes geleistet“ habe, sagte der Direktor der nunmehr „Alice-Salomon-Schule“ heißenden Frankfurter Einrichtung: „Die große Mehrheit des Kollegiums war aber nach Abwägung aller Vor- und Nachteile der Auffassung, den Schulnamen aufzugeben.“</p>
<p><strong>NS-Verstrickung wichtiger als Rassismus?</strong></p>
<p>Das focht die Oldenburger Verwaltung zehn Jahre später nicht an. Heyl könne „persönlich keine Beteiligung an den Verbrechen der Nationalsozialisten vorgeworfen werden“, <a href="http://buergerinfo.stadt-oldenburg.de/vo0050.php?__kvonr=8016&amp;search=1" target="_blank">schrieb der damalige Kulturdezernent</a> Martin Schumacher, und: „Die Ehrung für ein Lebenswerk kann nicht aufgrund einiger weniger verbaler Aussagen völlig in Frage gestellt werden. Solange keine persönliche Verstrickung in Verbrechen zu konstatieren ist, reichen die Brüche in der Person nicht aus, die Verdienste in Frage zu stellen […].“ Soll wohl heißen: Äußerungen Heyls wie „häßliche, faule, verschlagene, kokette, dumme, schwarze Weiber“ oder „Möge uns die Zeit für Hitler reif werden“ sind wohl in Ordnung, solange die Frau keine offizielle Funktion in der Terrorherrschaft der Nazis hatte.</p>
<p>Aus der von den Linken zur Untermauerung ihrer Argumentation vorgelegten überschaubaren Literaturliste maß das Kulturamt allein dem taz-Artikel Aussagekraft bei und gestand zu, dass dieser „tatsächlich viele Zitate, die für sich genommen eine gewisse Sympathie, wenn nicht Bewunderung der Hedwig Heyl für den Nationalsozialismus nahe legen“ gebracht habe, mokierte sich zugleich aber: „Für keines der Zitate ist allerdings die entsprechende Quelle angegeben.“ Dass das für Zeitungsartikel auch eher ungewöhnlich wäre, schien dabei eine eher untergeordnete Rolle zu spielen; man hätte auch selbst einen Blick in die durchaus vorhandene Fachliteratur werfen können, aber das geschah offenbar nicht.</p>
<p>Mit Ruhm bekleckert hat sich niemand in der Debatte, und in den Ausschüssen wurde das Thema noch ein paar Monate müde hin- und hergeschoben, bis es schließlich versandete. Unterstützung fanden die Linken lediglich bei den Grünen, die sich anfangs allerdings <a href="http://buergerinfo.stadt-oldenburg.de/to0040.php?__ksinr=1420&amp;toselect=36593" target="_blank">auch eher geziert hatten</a> – er sehe solche Umbenennungen kritisch, zitiert die Niederschrift Grünen-Ratsherr Sebastian Beer, man könne Straßennamen auch als Dokumentation der Geschichte auffassen. Letztlich wischten CDU, SPD und FDP den Linke-Vorstoß vom Tisch, die Verwaltung machte weitergehende Forschungen zur Voraussetzung einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema. Dazu kam es allerdings nicht.</p>
<p><strong>Jetzt mal ganz grundsätzlich</strong></p>
<p>Man solle nun „nicht darüber streiten, warum die wissenschaftliche Aufarbeitung nie beschlossen worden ist“, sagt Oberbürgermeister Gerd Schwandner heute: „Vielmehr sollten wir die Studie jetzt sofort auf den Weg bringen.“ Man wolle damit auch eine Grundlage für etwaige künftige Debatten schaffen, statt alle paar Jahre „von Fall zu Fall zu springen“, ergänzt Sprecher Andreas van Hooven – den letzten hatte es erst 2008 gegeben, als bekannt geworden war, dass der Arzt Paul Eden zur NS-Zeit an Zwangssterilisationen im Peter-Friedrich-Ludwig-Hospital beteiligt gewesen war. Die nach ihm benannte Straße heißt heute Rahel-Strauß-Straße.</p>
<p>Andere Kommunen haben ähnliche Schritte unternommen. Münster etwa verfügt über eine Straßennamenkommission, die auf einer Website über laufende Debatten und „Problemnamen“ informiert. An der Uni Köln befasst sich eine Forschungsgruppe mit Straßennamen, und die Stadt Celle wiederum beauftragte einen Historiker mit einer umfassenden Studie, die seit Ende 2010 vorliegt und eine unappetitliche Schlammschlacht nach sich zog – es ging um die Umbenennung des nach dem langjährigen Oberbürgermeister und früheren SS-Obersturmführers Helmuth Hörstmann benannten Wegs. Eine emotional geführte Debatte wie in Celle mag Oldenburg mangels direkter Nachkommen von Hedwig Heyl im aktuellen Fall erspart bleiben – gleichwohl werden auch hier hitzige Debatten zu erwarten sein.</p>
<p>Denn Beispiele für weitere fragwürdige Ehrungen gibt es genug, und viele haben das Potential, Traditionalisten auf die Barrikaden zu treiben. Da wäre etwa die Hindenburg-Straße, die den Namen des Generalfeldmarschalls, Reichspräsidenten und Totengräbers der Weimarer Republik, der Hitler 1933 zum Kanzler ernannte, trägt. Oder die August-Hinrichs-Straße, benannt nach dem beliebten niederdeutschen Dichter, der im NS-Regime allerdings auch Landesleiter der Reichsschrifttumskammer war, die nicht linientreuen Schriftstellern Publikationsverbote erteilte. Und vielleicht müssen es auch nicht immer NS-Verstrickungen sein, die den Ausschlag geben – würden im Falle Heyls deren rassistische Überzeugungen für eine Umbenennung nicht vollkommen ausreichen? Schließlich wurden in den vergangenen Jahren eine Reihe von Straßennamen aufgrund ihres kolonialen Hintergrunds geändert.</p>
<p><strong>Andere Zeiten, andere Namensgebungssitten</strong></p>
<p>Straßennamen seien im Prinzip nichts anderes als &#8220;kleiner dimensionierte Denkmäler in serieller Form&#8221;, sagt der Historiker Stephan Scholz von der Uni Oldenburg. Grundsätzlich sei es durchaus geboten, über eine Umbenennung nachzudenken, wenn der Name &#8220;dem heutigen Wertesystem nicht nur nicht entspricht, sondern ihm gegenübersteht&#8221;. Andererseits müsse man es bis zu einem gewissen Grad &#8220;auch ertragen, wenn Straßen nach Personen oder Ereignissen benannt sind, nach denen man sie heute nicht mehr benennen würde“ &#8211; denn Straßenbenennungen seien auch ein Beleg für die Erinnerungskultur einer Stadt. Auch um diese spezielle Form des Gedenkens einmal gründlich aufzuarbeiten, wäre eine solche Studie eine gute Gelegenheit.</p>
<p>Ein Beispiel wäre etwa die Tangastraße, die zumeist dafür herhalten muss, mit dem Hinweis auf die dort ansässige &#8220;Miss Germany Corporation&#8221; auswärtige Bekannte zum Lachen zu bringen. Tatsächlich ist sie nach einer Schlacht des Ersten Weltkriegs in der Kolonie Deutsch-Ostafrika benannt. Eine Würdigung, die aus heutiger Sicht schwer aufrechtzuerhalten ist &#8211; zum einen erhielt sie ihren Namen zur NS-Zeit, in der die Militarisierung der Gesellschaft auch auf die Ebene der Straßennamen ausgeweitet wurde; zum anderen waren es zum größten Teil Soldaten der von den Europäern unterdrückten Völker, die in Tanga aufeinander gehetzt wurden, um den Krieg der Großmächte auszutragen.</p>
<p>Wo verläuft nun die Grenze zwischen zu ertragenden und nicht mehr zu ertragenen Straßennamen? Eine Frage, zu der eine solche Studie vielleicht keine eindeutigen Antworten, aber immerhin eine argumentative Basis und Diskussionsstoff liefern könnte. Letztlich ist es jedes Mal eine politische Entscheidung, ob eine Straße umbenannt wird oder nicht, sagt Scholz; Historiker können dazu nur die Materialien und Hintergründe beisteuern. Gespräche mit dem Institut für Geschichte an der Uni seien bereits anberaumt, sagt van Hooven. Es ist der Stadt offenbar ernst.</p>
<p>Das erstaunliche Umdenken bei der Verwaltung und der SPD mag mit personellen Veränderungen zusammenhängen &#8211; das Kulturdezernat wurde mittlerweile von Oberbürgermeister Gerd Schwandner übernommen, und ihm scheint es ein Anliegen zu sein, die Straßennamen unter die Lupe zu nehmen. Dass es in Oldenburg eine Hindenburgstraße gebe, habe er mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, sagte der OB vor dem Kulturausschuss: &#8220;So etwas ist im Süden undenkbar.&#8221; Und für die Sozialdemokraten sei die Grundlage eine andere als 2009: Damals habe man nicht genug Informationen gehabt und niemand habe die Sache weiterverfolgt, sagt Ursula Burdiek, damals wie heute Vertreterin der SPD im Kulturausschuss: &#8220;Wir finden es gut, dass die Sache jetzt grundsätzlich angegangen wird.&#8221;</p>
<p>Letztlich aber dürfte es vor allem die Kommunalwahl gewesen sein, die zur allseitigen Neubewertung der Frage führte: Die hatte bekanntlich einen NPD-Abgeordneten in den Rat gespült; zudem kam es erst vor wenigen Wochen zum Anschlag auf den jüdischen Friedhof. &#8220;Vor diesem Hintergrund&#8221;,  sagt van Hooven, sollte man beim Diskutieren eines solchen Antrags „mit einer kräftigen, demokratischen, einheitlichen Zunge sprechen“.  Die Oldenburger SPD hat für 2012 einen antifaschistischen Aktionsplan angekündigt, zu dem auch die Umbenennung der Hedwig-Heyl-Straße gehört.</p>
<p>Die wird ihren Namen vorläufig allerdings behalten. Nachdem der Vorschlag, eine solche Studie in Auftrag zu geben, von allen Vertretern im Kulturausschuss begrüßt wurde, kam die Frage auf, ob es nicht sinnvoller sei, diese erst abzuwarten, statt wieder in einem Einzelfall vorzupreschen &#8211; woraufhin die Linke/Piraten-Fraktion ihren Antrag zurückzog. Er wird aber in der Schublade bleiben, und einen Vorschlag für eine neue Namensgeberin hat die Fraktion auch schon parat: Ruth de Jonge, antifaschistische Widerstandskämpferin. Deren Leumund dürfte nicht in Frage stehen – und sie ist, anders als Hedwig Heyl, auch noch eine Oldenburgerin.</p>
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