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	<title>Noltejournal &#124; Magazin &#187; Kunst &#124; Noltejournal | Magazin</title>
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		<title>Der raue Charme des Trostlosen</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Oct 2012 04:00:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Uni Oldenburg]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Journalist Gerhard Kromschröder setzt dem Emsland ein fotografisches Denkmal - Eindrücke einer Region, die nicht wenige eher meiden.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Der Journalist Gerhard Kromschröder setzt dem Emsland ein fotografisches Denkmal &#8211; Eindrücke einer Region, die nicht wenige eher meiden.</span></p>
<div id="attachment_42486" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-1.jpg"><img class="size-full wp-image-42486" alt="Neulich, irgendwo im Emsland. BILDER: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-1.jpg" width="600" height="389" /></a><p class="wp-caption-text">Neulich, irgendwo im Emsland. BILDER: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Eine Bushaltestelle mitten im Nirgendwo, lieblos aus Blech zusammengedengelt. Die in die Vorderwand hineingefräste Öffnung lässt sie wie eine in die Höhe gezogene Hundehütte erscheinen; die daneben platzierten Verkehrsschilder neigen sich zur Seite, als wäre ihnen sowieso schon alles egal. Wäre die Gegend, in der sie steht, nicht so offensichtlich feucht, würde man beim Betrachten des Fotos erwarten, dass ein vertrockneter Busch durchs Bild rollt. Das Mundharmonika-Lied von Ennio Morricone erklingt im &#8211; von der stetig wiederholten Bemühung dieses Stilmittels im Fernsehen abgestumpften &#8211; Innenohr. Die Bushaltestelle, um die es hier geht, steht im Emsland; das Foto von ihr, auf der man sie zu Gesicht bekommt, ohne Gefahr zu laufen, sich auf der Suche nach ihr in den nassen Weiten zu verirren, hängt in der Uni Oldenburg. Im Bibliotheksfoyer ist zurzeit die Ausstellung „Expeditionen ins Emsland“ des Journalisten Gerhard Kromschröder zu sehen.</p>
<p>Kromschröder war stellvertretender Chefredakteur des Satiremagazins <em>Pardon</em>, später investigativer Reporter und Redakteur beim <em>Stern</em> und schließlich Nahostkorrespondent, der während des ersten Irak-Kriegs aus Bagdad berichtete. Das Emsland, so möchte man meinen, klingt da als Ziel einer Fotosafari eher ein wenig – nun ja, klein. Das sieht Kromschröder allerdings anders: „Es ist doch viel spannender, im Kleinen das Große zu suchen und im Profanen das Erhabene, als sich nur mit den großen Dingen zu beschäftigen“, sagt der 71-Jährige.</p>
<p>Das Emsland – so nah und doch so fern; eine Region, die man nicht einmal durchqueren müsste, um irgendwo anders hinzukommen, da sie sich sehr gut umfahren lässt und von der man zumeist sowieso nur dann etwas hört, wenn gerade ein neues Kreuzfahrtschiff die Ems hinunterschleicht. Gerade einmal 40 Kilometer von Oldenburg entfernt und irgendwie doch ein ganz anderer Kulturkreis, ach was: eine ferne Galaxie. Als „Herz der Finsternis“ habe man den Landstrich damals, als Jugendlicher, wahrgenommen, erinnert sich der Satiriker und gebürtige Oldenburger Bernd Eilert, „fremdartig wie ein Mullahregime“. Der Schriftsteller Gerhard Henschel, der im Emsland zur Schule ging, bezeichnet es als „Schlumpfland“, und schon zu Kaisers Zeiten konstatierte ein durchreisender Geologe eine gewisse „Trostlosigkeit dieser Gegend“. Dass Kromschröder sich bei seinen Expeditionen mit seinem auswärtigen Kfz-Kennzeichen und dem Fotoapparat sogleich verdächtig machte und eine Reihe von Hinweisen auf sein undurchsichtiges Treiben bei der örtlichen Polizei eingingen, überrascht nicht wirklich.</p>
<p>Kromschröder hat nicht zufällig einen besonderen Blick für dieses merkwürdige, zwischen Ostfriesland, Osnabrücker und Münsterland sowie den Niederlanden eingeklemmte Niemandsland: Damals, in der Frühzeit seiner Karriere, arbeitete er als Lokalredakteur in Lingen und bei der <em>Ems-Zeitung</em> in Papenburg. Freunde hatte er sich mit seinen Recherchen nicht gemacht – zu sehr rüttelte er am regionsspezifischen Reaktionismus, am strengen Katholizismus, an der lange totgeschwiegenen braunen Vergangenheit, an der Erinnerung an die Emslandlager, die viele Einwohner lieber vergessen hätten. Und Freunde machte er sich auch jetzt mit der Ausstellung und dem zugrunde liegenden Bildband nicht – zumindest nicht im Landratsamt: Weder der ehemalige Landrat Hermann Bröring noch sein Nachfolger und CDU-Kollege Reinhard Winter waren im Sommer zur Eröffnung der Fotoschau im Moormuseum in Groß Hesepe anwesend. Bröring, der im Vorstand des Museumsvereins sitzt, soll seinen Unmut über Kromschröders Werk recht laut Ausdruck verliehen haben; Winter schlug gemäßigtere Töne an, aber die Aussage war die Gleiche: Den Landesherrn war der Eindruck, den die Fotos vom Emsland vermittelten, viel zu negativ.</p>
<div id="attachment_42487" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-2.jpg"><img class="size-full wp-image-42487" alt="Kalt. Nass. Herbst. Hat trotzdem was. BILD: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-2.jpg" width="600" height="268" /></a><p class="wp-caption-text">Kalt. Nass. Herbst. Hat trotzdem was. BILD: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Wie etwa die besagte Bushaltestelle. Oder das Schild, das den Weg zu einer „Stadtmitte“ weist, aber auf einer Verkehrsinsel mitten im Nirgendwo zu stehen scheint; im Hintergrund ein endlos scheinendes Getreidefeld. Oder das wie ein Hochsicherheitstrakt wirkende Einfahrtstor einer Hähnchenmastanlage. Oder die Schützen, immer wieder Schützen, die – seien wir ehrlich – sowieso schon etwas grundlegend Fremdartiges an sich haben. Es sind beeindruckende und groteske, abweisende und pittoreske, surreale und banale, trostlose und zum Schreien komische Motive. Die Schildchen darunter nennen den stets kurzen Titel und den Aufnahmeort, mehr nicht – und mehr ist auch gar nicht nötig. Die Bilder sprechen für sich.</p>
<p>Die meisten Aufnahmen hat Kromschröder zu Bild-Paaren zusammengestellt, und daraus beziehen sie eine umso tiefgreifendere Komik, die sich schwer in Worte fassen lässt. Da zeigt ein Bild ein Mantatreffen, sein Äquivalent eine Vernissage – beide dokumentieren eine ganz ähnliche Szenerie, scheinen aber von unterschiedlichen Planeten zu stammen, allerdings auch das wieder nur auf den ersten Blick. Stolze Rassehundebesitzer auf der einen, ein Hunde-Kackverbotsschild auf der anderen Seite. Hier eine Reihe erschossener Feldhasen, dort ein Kaninchenzüchter, der liebevoll seinen Rammler knuddelt. Da eine Wiese, auf der ein Boot liegt, dort ein Feld, das derart überschwemmt ist, dass das Boot eher dorthin zu gehören scheint – stattdessen stehen dort rostige Lkw-Wechselbrücken in der nassen Schlammwüste herum und warten scheinbar vergeblich darauf, jemals abgeholt zu werden.</p>
<p>Die Fotos würden die wirtschaftliche Dynamik des Landkreises unterschlagen, beschwerte sich Winter; „unfair“ und „polemisch“ nannte sie Bröring, und der Sprecher des Landkreises beschwerte sich gar schriftlich bei einer Zeit-Autorin über die „verzerrte Sichtweise“ ihrer Besprechung von Kromschröders Bildband. Die Ausstellung im Groß Heseper Moormuseum, ursprünglich auf vier Monate Dauer angelegt, wurde nach sieben Wochen vorzeitig beendet – der Verdacht, dass dies auf Druck der CDU-Granden geschah, dürfte nicht allzu weit hergeholt sein.</p>
<div id="attachment_42485" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-3.jpg"><img class="size-full wp-image-42485" alt="Auch eine Form von Dynamik. BILD: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-3.jpg" width="600" height="369" /></a><p class="wp-caption-text">Auch eine Form von Dynamik. BILD: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Den meisten Emsländern allerdings schienen deren Attacken herzlich egal zu sein. Die Ausstellung war gut besucht, die Erstauflage des Bildbands schnell vergriffen, berichtet Kromschröder. „Die Menschen sind viel klüger, als die Politik erlaubt“, sagt der Journalist: „Die Zeiten scheinen vorbei zu sein, in denen die Politiker sagen konnten, wo die Menschen ‚buh’ rufen und wo sie applaudieren sollen.“ Und überhaupt kann man das Ganze ja auch als eine Art Liebeserklärung an die Region sehen – eine erwachsene Liebe, bei der man eben auch die Macken und Kanten des anderen nicht übersieht.</p>
<p>Letztlich riet auch Eilert, trotz seiner Jugenderfahrung, nach der man „da einfach nicht hinfuhr“, jetzt zum Gegenteil: „Mir hat Gerhard Kromschröder erst recht Lust gemacht, mich bei nächster Gelegenheit dort in seinem geliebten Emsland einmal genauer umzusehen.“ Und aus der geharnischten Reaktion der beleidigten Landräte solle man ohnehin nicht den Rückschluss ziehen, dass so etwas typisch emsländisch sei, meint Kromschröder: „Wenn man etwas ähnliches mit Oldenburg macht – ich könnte mir vorstellen, dass die Reaktionen möglicherweise ganz ähnlich ausfallen würden.“</p>
<p>Wer wollte ihm da widersprechen.</p>
<p>&#8212;&#8212;<br />
<em><a href="http://www.uni-oldenburg.de/aktuelles/artikel/am/2012/09/21/von-schafen-und-schuetzen/" target="_blank">Gerhard Kromschröder: &#8220;Expeditionen ins Emsland&#8221;</a>, noch bis zum 31. Oktober im Foyer der Bibliothek der Uni Oldenburg (Campus Haarentor) zu sehen. Der gleichnamige Bildband ist bei Edition Temmen erschienen.</em></p>
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		<title>Kunst, die wehtun muss</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Aug 2012 13:55:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie bekommt man junge Besucher ins Museum? Die Kunsthalle Emden meint: Mit Tattoos. Und zwar nicht irgendwelchen, sondern mit Motiven aus der Sammlung.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wie bekommt man junge Besucher ins Museum? Die Kunsthalle Emden meint: Mit Tattoos. Und zwar nicht irgendwelchen, sondern mit Motiven aus der Sammlung.</p>
<div id="attachment_42666" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/tattoos4www.jpg"><img class="size-full wp-image-42666" alt="Gute Miene: Wilfried hält still. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/tattoos4www.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Gute Miene: Wilfried hält still. FOTO: mno</p></div>
<p>„Tut fast gar nicht weh“, sagt Birgit und lächelt auch nur leicht gequält. Es klingt ein wenig, als würde der Stuhl, auf dem sie sitzt, in einer Zahnarztpraxis stehen und nicht – nun, in einer Kunstgalerie; und was der 44-Jährigen da wehtun könnte, ist die Nadel, mit der die Tätowiererin Zoe Thorne Birgits Oberarm bearbeitet. Die Kunsthalle Emden lud am Wochenende zum öffentlichen Tattoo-Event unter dem Motto „Kunst, die unter die Haut geht“.</p>
<p>Eine mit viel Plastik ausgekleidete Ecke mit Liege und Rollwägelchen dient Thorne als eine Art mobiles Studio. Zwischendurch schauen immer mal Interessenten herein, einige wollen offenbar nur mal gucken, andere kommen unangemeldet vorbei und hoffen, vielleicht noch dranzukommen. Eine Frau habe gefragt, ob sie die Initialen ihrer Kinder tätowiert haben könnte, erzählt Thorne. Konnte sie nicht: Es sollte ja um Kunst gehen, um die Sammlung des Emder Museums. Die Auswahl der Motive war festgelegt, und so etwas wie Initialen sticht die Berlinerin ohnehin nicht.</p>
<p>Dass Kunden Motive aus der Kunstwelt gestochen haben möchten, komme gar nicht so selten vor, erzählt Thorne; sie schätzt den Anteil in ihrem Studio in Berlin auf zehn bis zwanzig Prozent. Tuschezeichnungen von Schiele seien etwa dabei, die berühmte Hokusai-Welle, sogar Dürers „Betende Hände“. In Emden stehen, in einem eigenen kleinen Ausstellungsraum präsentiert, Kohlezeichnungen der Schweizer Künstlerin Miriam Cahn zur Wahl, ein paar Werke von Alfred Kremer, Franz Marcs „Blaue Fohlen“ und sogar eine Skulptur, das „Trojanische Pferd“ von Lothar Fischer. „Da kommt jemand eigens angereist, um sich das stechen zu lassen“, sagt die Initiatorin der Aktion, Claudia Ohmert: „Bin gespannt, wie das umgesetzt wird.“</p>
<p>Einige Interessenten sind unverrichteter Dinge wieder weggefahren, für sie war kein Motiv dabei. Eine größere Auswahl wäre wohl schön gewesen, räumt die Museumspädagogin ein, aber kaum zu leisten – schließlich musste sich die Tätowiererin entsprechend vorbereiten, Entwürfe erstellen, Skizzen anfertigen. Die hängen jetzt neben den Originalen.</p>
<div id="attachment_42667" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/tattoos1www.jpg"><img class="size-full wp-image-42667" alt="Was darf's denn sein? Ein Pferdchen? Oder doch lieber ein Vogel? FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/tattoos1www.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Was darf&#8217;s denn sein? Ein Pferdchen? Oder doch lieber ein Vogel? FOTO: mno</p></div>
<p>Auf Birgits Oberarm, der gerade mit Folie und Pflaster versehen wird, prangt nun ein Baum aus einem Werk von Cahn – im Gegensatz zum Original ein farbiger, damit er zur bereits dort gestochenen Rose passt. Ihr Bekannter Wilfried hat sich ebenfalls für das Baum-Motiv entschieden, die Ausführung haben sie schon im Vorfeld mit Thorne besprochen. Eine wichtige Basis, findet der 43-Jährige – es gehe nicht zuletzt auch um Sympathie und Vertrauen: „Man trägt das für immer, da will man sich ja nicht von irgendjemandem stechen lassen.“</p>
<p>Dafür, dass sich die Aktion vornehmlich an eine junge Klientel richtet, liegt der Altersschnitt derjenigen, die sich an diesem Wochenende tatsächlich tätowieren lassen, erstaunlich hoch. In der Eingangshalle warten nur zwei Vertreter der ursprünglichen Zielgruppe darauf, eventuell noch an die Reihe zu kommen: Die 21-Jährige Ann-Marie möchte einen Vogel auf den Unterarm; der fünf Jahre ältere Björn würde sich auch überreden lassen, „wenn sie es macht“. Er klingt ein wenig nervös – es wäre sein erstes Tattoo.</p>
<p>Sie warten allerdings vergeblich: Der Terminplan von Zoe Thorne ist voll, die zehn Sitzungen, die sie bis Sonntagnachmittag schafft, sind fast alle nach Voranmeldung terminiert worden. Sie hat gut zu tun, ein Marcsches Fohlen hier, ein Cahn-Vogel dort. Die Kunsthalle darf die Aktion wohl als Erfolg verbuchen – auch wenn es vielleicht nicht unbedingt die jüngeren und tendenziell museumsfernen Leute waren, die gekommen sind. Ann-Marie hat ohnehin ihre Zweifel, ob man ihre Generation damit ins Museum locken kann: „Entweder man interessiert sich für so etwas“, sagt sie, „oder eben nicht“.</p>
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		<title>Künstlerlandverschickung</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jun 2012 04:00:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[FDP]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn sich die Bundestagsabgeordnete Christiane Ratjen-Damerau demnächst wieder auf den Weg nach Berlin macht, hat sie einen Sack voll Erde im Gepäck: Nachschub für ein umstrittenes Kunstwerk.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Wenn sich die Bundestagsabgeordnete Christiane Ratjen-Damerau demnächst wieder auf den Weg nach Berlin macht, hat sie einen Sack voll Erde im Gepäck: Nachschub für ein umstrittenes Kunstwerk.</span></p>
<div id="attachment_42503" class="wp-caption aligncenter" style="width: 620px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/06/erde-berlin.jpg"><img class="size-full wp-image-42503" alt="Bundestagsverwaltunggenormtes Erdetransportbehältnis. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/06/erde-berlin.jpg" width="610" height="407" /></a><p class="wp-caption-text">Bundestagsverwaltunggenormtes Erdetransportbehältnis. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Über <a href="http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/kunst/kuenstler/haacke/index.html" target="_blank">Hans Haackes Werk „Der Bevölkerung“</a> in einem der Lichthöfe des Berliner Reichstags ist im wahrsten Wortsinn Gras gewachsen. Der knapp 150 Quadratmeter große Trog, der mit Erde aus allen Wahlkreisen der Bundesrepublik gefüllt werden soll, ist mittlerweile, zwölf Jahre nach seiner Installation, ein Biotop, in dem mehr als 100 Pflanzen- und ein paar Tierarten leben – eingeschleppt von jenen Bundestagsabgeordneten, die sich bislang an dem Kunstprojekt beteiligt haben. Die Kontroverse um das Werk ist zwar nie so recht zu Ende gegangen – ob es nun die völkisch angehauchte Inschrift „Dem deutschen Volke“ am Portal des Berliner Reichstags konterkariert, wie es die einen sagen, oder ob es selbst eine Reminiszenz an Blut-und-Boden-Ideologie darstellt, wie es andere interpretieren, darüber kann man sich wohl auch heute noch trefflich streiten. Eine „skurrile Bundesgartenschau“ nannte der heutige Bundestagspräsident Norbert Lammert das Projekt seinerzeit; die F.A.Z. bezeichnete es gar als verfassungswidrig. Installiert wurde es erst nach einer Kampfabstimmung im Parlament, mit zwei Stimmen Mehrheit. Fest steht indes: Der Erdhügel wächst immer noch. Demnächst werden ihm wieder ein paar Schippen Oldenburger Boden hinzugefügt.</p>
<p>Rolf Künzel, Lehrer an der Fachoberschule für Gestaltung, hat das halbwegs eingeschlafene Kunstprojekt seinen Schülern schmackhaft gemacht. Als die liberale Abgeordnete Christiane Ratjen-Damerau 2010 für den Osnabrücker Carl-Ludwig Thiele in den Bundestag nachgerückt war, ergab sich die Gelegenheit, zum zweiten Mal Erde nach Berlin zu tragen – 2004 hatte die damalige SPD-Abgeordnete Gesine Multhaupt das schon einmal gemacht. Nach wie vor ist jeder neue Abgeordnete  aufgerufen, Erde aus dem Wahlkreis mitzubringen &#8211; ein Ende der Aktion ist nicht festgelegt und der Hügel im Reichstag noch ausbaufähig -; und nach wie vor hat das Kunstwerk das Zeug zum Polarisieren: Thomas Kossendey (CDU) etwa hat sich nicht daran beteiligt, und Ratjen-Damerau berichtet, dass sie für ihr Vorhaben unlängst heftig von Oberbürgermeister Gerd Schwandner angefeindet worden sei.</p>
<p>Dabei ist der Hintergedanke ein hehrer: Angesichts dessen, wie in den vergangenen zwölf Jahren seit dem Aufbau des Kunstwerks „mit den Migranten und Flüchtlingen in diesem Land umgegangen“ worden sei und vor allem im Hinblick auf den Neonaziterror war die Idee aufgekommen, die Erde gezielt an Stellen zu entnehmen, die für das interkulturelle gesellschaftliche Miteinander stehen; an „Orten, an denen wichtige Arbeit für die Integration geleistet wird“, sagt Künzel mit Bezug auf das Haackesche Kunstwerk: „Die Politik soll eben ‚die Bevölkerung’ im Sinn haben, nicht nur die Deutschen.“ Unterstützt wird er von Ulrich Hartig vom Förderverein Internationales Fluchtmuseum; in der vergangenen Woche trafen sie sich zum dritten Mal mit Ratjen-Damerau, diesmal beim interkulturellen Gartenprojekt der Gemeinwesenarbeit Kreyenbrück – wo die Politikerin schön häufiger zu Gast war, wie Jutta Hinrichs vom Stadtteiltreff betont; es sei nicht bloß als PR-Termin zu verstehen.</p>
<p>Das meint auch Künzel: Neben dem Zeichen gegen Rechts gehe es auch darum, Distanzen und Vorbehalte zwischen Politikern und Bürgern abzubauen und Politik zugänglicher zu machen. Ein gutes Dutzend Gäste ist dabei, als die studierte Landwirtin Ratjen-Damerau zum Spaten greift und drei, vier Ladungen Oldenburger Scholle zu der bereits im Sack befindlichen schaufelt, die bei den zwei vorangegangenen Terminen gesammelt wurde. Auf dem Jutesack steht in schwarzer Schrift der Schriftzug „Der Bevölkerung“, der Name der Abgeordneten und des Wahlkreises. Neue Parlamentarier bekommen diese Säcke von der Bundestagsverwaltung zugeschickt, fix und fertig bedruckt, das hat alles seine bürokratische Ordnung.</p>
<p>In den nächsten Tagen und nach einer weiteren Entnahme wird Ratjen-Damerau den Sack mit in die Hauptstadt nehmen und in den Haackeschen Trog füllen, eine Gruppe von Künzels Schülern wird sie dabei begleiten. Die Politikerin möchte bei dieser Gelegenheit nicht nur Erde, sondern auch „Wünsche und Anregungen der Bürger“ mitnehmen, sagt sie im Kreyenbrücker Stadtteiltreff: In Berlin werde ansonsten ja bloß immer „auf die Interessen von Wirtschaft und Industrie geschaut“ und kaum auf die Sorgen der kleinen Leute. Ratjen-Damerau ist, das sei an dieser Stelle nochmal erwähnt, Mitglied der FDP.</p>
<p>Sorgen und Wünsche haben die anwesenden Zuwanderinnen – es sind fast ausschließlich Frauen vor Ort – durchaus. Die Sprachkurse reichten nicht aus, sagen die einen; die Nichtanerkennung ihrer Ausbildung treffe sie hart, die anderen. Und Jutta Hinrichsen vom Stadtteiltreff hat eine ganz konkrete Anregung: Die massive Kürzung der Mittel für das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ sollte noch mal überdacht werden. Am Programm, das die „Verbesserung der Lebensbedingungen in benachteiligten Stadtteilen“ zum Ziel hat, sind <a href="www.oldenburg.de/stadtol/index.php?id=5219" target="_blank">in Oldenburg das Kennedy-Viertel und eben Kreyenbrück-Nord beteiligt</a>. Die Finanzierung sei allerdings von 95 Millionen Euro im Jahr 2010 dafür auf 28,5 Millionen heruntergefahren worden, beklagt Hinrichs – das reiche vielleicht für die eine oder andere Baumaßnahme, aber „für soziale Projekte bleibt da nichts übrig“.</p>
<p>Ratjen-Damerau nickt hier ernst, hat dort ein Lächeln parat, plaudert mit den Gärtnerinnen, lobt sie für ihre Deutschkenntnisse und betont den Stellenwert einer guten Ausbildung. An Anregungen, die sie mitnehmen kann, mangelt es nicht unbedingt. Ob sich die Landverschickung als politische Teilhabe der Bevölkerung herausstellt oder letztlich doch über den PR-Effekt nicht hinausgehen wird, werde sich zeigen, sagt Künzel. Immerhin werde Ratjen-Damerau jedes Mal, wenn sie den Haackeschen Erdtrog sehe, daran erinnert, was die Menschen ihr an diesem Tag gesagt haben. Und das wird oft geschehen, denn an „Der Bevölkerung“ vorbeizuschauen, ist in dem hohen Hause kaum möglich. Und vielleicht wächst dort ja demnächst auch Grünkohl.</p>
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		<title>Der Nahe Osten im Nordwesten</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Mar 2011 19:49:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Leute]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Museum]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Direktor des Landesmuseums Natur und Mensch, Mamoun Fansa, geht in diesem Jahr in den Ruhestand. Mit seiner Tätigkeit im Museum endet auch die Ausstellungsreihe der Orient-Okzident-Dialoge, die das Haus bundesweit bekannt gemacht hat]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Der in Syrien geborene Archäologe Mamoun Fansa hat das von ihm geleitete Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch vor allem durch seine Ausstellungsreihe der „Orient-Okzident-Dialoge“ überregional bekannt gemacht. Und mitten in diesem Dialog: Er selbst</span></p>
<div id="attachment_42402" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/03/mamoun-fansa-landesmuseum.jpg"><img class="size-full wp-image-42402" alt="Mehr Licht: Unter der Leitung Mamoun Fansas erfuhr das Naturkundemuseum eine grundlegende Neukonzeption. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/03/mamoun-fansa-landesmuseum.jpg" width="600" height="309" /></a><p class="wp-caption-text">Mehr Licht: Unter der Leitung Mamoun Fansas erfuhr das Naturkundemuseum eine grundlegende Neukonzeption. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p><span style="font-size: small;">Eine Ausstellung über Lawrence von Arabien &#8211; ja, so etwas würde er wirklich gerne einmal machen, antwortete Mamoun Fansa 2006 am Rande seiner ersten großen Orientausstellung auf die Frage, ob er denn weitere Projekte zu ähnlichen Themen plane. Viereinhalb Jahre später verwirklicht der Direktor des Landesmuseums Natur und Mensch diese Idee mit einer Sonderschau über den legendären Abenteurer, Aufrührer und Agenten – und verabschiedet sich damit vorab von dem Haus, das wie kaum ein anderes die Handschrift seines Leiters trägt und das er weit über den Nordwesten hinaus bekannt gemacht hat. Im Herbst, nach einer weiteren und eher naturwissenschaftlich geprägten Ausstellung, geht der gebürtige Syrer in den Ruhestand – und hinterlässt nicht nur in der regionalen Museumslandschaft eine nicht geringe Lücke.</span></p>
<p><span id="more-1498"></span>Denn „Lawrence von Arabien – Genese eines Mythos“ (noch bis 27. März) ist mehr als nur eine Sonderausstellung. Sie bildet den Höhe- und Schlusspunkt der deutschlandweit auf große Aufmerksamkeit gestoßenen Ausstellungsreihe der „Orient-Okzident-Dialoge“, die im Frühjahr 2006 mit einer spektakulären, in Kooperation mit dem Landesmuseum für Vorgeschichte Halle und den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim entstandenen Mittelalterschau über Sultan Saladin begann. Es folgten Ausstellungen über den orientaffinen Stauferkaiser Friedrich II., über das kulturenübergreifende literarische Genre der Fabel, frühchristliche Kunst in Syrien oder auch die wissenschaftsgeschichtliche Schau „Ex Oriente Lux“.</p>
<p><strong>Kulturelle Einbahnstraße</strong></p>
<p>Die Figur des T.E. Lawrence als Abgesandten westlicher Großmächte bilde nicht nur chronologisch, sondern auch thematisch einen geeigneten Abschluss, sagt Fansa und stellt klar: „Ich rede immer vom Dialog, dabei war es eher ein Kontradialog.“ In den vorangegangenen Ausstellungen war es um den Kultur- und Wissenstransfer von Ost nach West gegangen: „Über 600 Jahre ein ziemlich einseitiger Dialog“, resümiert Fansa. Und was habe der Orient im Gegenzug zurückbekommen? „Kolonialismus, Wirtschaftsimperialismus, Unterdrückung“. Er sagt es ohne Bitterkeit oder Vorwürfe, sondern als simple Feststellung.</p>
<p>Lange vor den Integrationsdebatten sarrazinscher Prägung, die ihm heute schon mal anfeindende E-mails zu seinen Ausstellungsvorhaben einbringen, habe er einen „erheblichen Nachholbedarf“ im Bewusstsein über die Kulturbeziehungen zwischen islamischem Morgen- und christlichem Abendland ausgemacht. Trotz des erwähnten frühzeitigen Liebäugelns mit der Lawrence-Schau gab es für die Reihe aber keinen Masterplan; manche Ausstellungsthemen hätten sich erst durch andere ergeben – Friedrich II. etwa bot sich als Exponent auf europäischer Seite für die Fortsetzung zu Saladin an, und die Fabel-Ausstellung hatte ihren Ursprung in einem Handschriftenfund in der Bayerischen Staatsbibliothek, wo Fansa zur Friedrich-Ausstellung recherchierte. Mit jeder Sonderschau empfahl sich das Haus stärker als Top-Adresse für kulturhistorische Ausstellungen aus dem vorderasiatischen Raum – dass ausgerechnet in Oldenburg als erster und bislang einziger deutscher Stadt 2009 die vom Genfer Musée d’Art et d’Histoire erstellte und von der Unesco unterstützte Ausstellung archäologischer Schätze aus Gaza präsentiert werden konnte, war kein Zufall.</p>
<p><strong>Versehentlich Archäologie</strong></p>
<p>Im Gegensatz zum Werdegang des Museumsleiters, bei dem der Zufall keine unbedeutende Rolle gespielt habe, wie Fansa freimütig anmerkt. Archäologie sei jedenfalls kein Jugendtraum gewesen: Nach seinem Kunststudium in Hannover wollte der Sohn einer Aleppiner Händlerfamilie doch lieber, wie er sich ausdrückt, „etwas machen, womit man Geld verdienen kann“, aber mit Kunstgeschichte sollte es schon zu tun haben. Dann müsse er Architektur studieren, wurde ihm nahegelegt. „Wollte ich aber nicht. Und da habe ich mir gedacht, Archäologie ist ja so was wie ein Mittelding“, erzählt Fansa lächelnd: „Das war vielleicht etwas naiv.“ 1972 begann er sein Zweitstudium.</p>
<p>Die Kreuzfahrerburgen der Johanniter, die es schon Lawrence angetan hatten, die Ruinen von Palmyra oder das Weltkulturerbe seiner Geburtsstadt blieben dem angehenden Archäologen damals indes verwehrt: Nachdem er Syrien 1967, kurz nach dem Sechstagekrieg, mit gefälschten Papieren in Richtung Deutschland verlassen hatte – „Ich wollte nicht Soldat werden“ –, unterlag er einem Heimatverbot. Statt in den Wüstensand führte ihn eine Studienexkursion im zweiten Semester in die Moorlandschaft Nordwestniedersachsens, wo er seine spätere Oldenburger Wirkungsstätte, die damals noch „Staatliches Museum für Naturkunde und Vorgechichte“ hieß, kennenlernte und wo er sich in die örtlichen Großsteingräber verliebte.</p>
<p>Aber auch dann brachte erst ein weiterer Zufall Jahre später den promovierten Archäologen zurück nach Oldenburg, als ihm 1987, während seiner Tätigkeit im Institut für Denkmalpflege in Hannover, die Leitung der vorgeschichtlichen Abteilung in eben diesem Museum angeboten wurde. „Nach 10 Jahren praktischer Archäologie wollte ich sehen, wie es mit der musealen Vermittlung aussieht“, sagt Fansa in dem ihm eigenen lapidaren Tonfall. Weitere sieben Jahre später übernahm er die Leitung des Museums – und begann es gründlich umzukrempeln.</p>
<p><strong>Altes Haus, neuer Besen</strong></p>
<div id="attachment_42401" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/03/mamoun-fansa-landesmuseum2.jpg"><img class="size-medium wp-image-42401" alt="Der Staub von hundert Jahren: Museum alter Schule FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/03/mamoun-fansa-landesmuseum2-300x209.jpg" width="300" height="209" /></a><p class="wp-caption-text">Der Staub von hundert Jahren: Museum alter Schule FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Das allgemein als „Naturkundemuseum“ bezeichnete und in einem klassizistischen Bau untergebrachte Museum war eine Bildungseinrichtung alter Schule, das mit wuchtigen Vitrinen, schwergewichtigen Schaukästen und Unmengen ausgestopfter Tiere bestückt war und im Wesentlichen die üblichen Bildungsbürger anzog, die regelmäßig „prüfen wollten, ob sie auch alles wissen“, sagt Fansa: „Ich wollte dem Haus einen anderen Sinn geben und neue Besuchergruppen ansprechen.“ Die Idee war, die Genese der Natur und die Einwirkung des Menschen auf sie als Symbiose darzustellen – „und zwar interdisziplinär zwischen Naturwissenschaft, Kulturgeschichte und Archäologie“.</p>
<p>Insgesamt neun Jahre dauerte die Neuausrichtung samt Umbaumaßnahmen. Seither präsentiert sich das Museum von Grund auf verändert: Der Besucher durchschreitet helle, offen gestaltete Räume und sieht – neben dem „weltweit vermutlich einzigen Schrank, der auf allen vier Seiten Schubladen hat“ – eine Dauerausstellung, die die Exponate in einem übergeordneten Kontext präsentiert. Die wohl bekanntesten Exponate etwa, die Moorleichen, liegen nicht mehr nur in Glassarkophagen – auf die früher, wie der Direktor erzählt, nicht selten sonntagvormittags Väter mit ihren Söhnen zielstrebig zugesteuert seien, um nach dreiminütiger Betrachtung wieder in Richtung häuslichen Mittagessens zu verschwinden – sondern eingebettet in einem Landschaftsschnitt. Nur ein Raum wurde mitsamt dem massiven Schaumobiliar inklusive abgedämpften Tageslicht im ursprünglichen Zustand belassen, um den Vorher-Nachher-Effekt zu verdeutlichen. „Ein Museum im Museum“, sagt Fansa. Er hofft, dass die auch künstlerisch von ihm mitentwickelte Neupräsentation der Dauerausstellung auch nach seinem Abschied noch ein paar Jährchen beibehalten wird: „Man ist ja doch ein bisschen eitel.“</p>
<p><strong>Ende und Anfang</strong></p>
<p>Sein noch nicht benannter Nachfolger wird in dieser Hinsicht kein leichtes Erbe antreten. Denn neben der aufwendigen Modernisierung haben nicht zuletzt die Orient-Okzident-Ausstellungen dazu beigetragen, die Besucherzahlen des in „Landesmuseum Natur und Mensch“ umbenannten Hauses in den vergangenen Jahren in die Höhe schnellen zu lassen – allein „Friedrich II.“ zog 42.000 Menschen an. Fansa ist es immer wieder gelungen, für diese Ausstellungen Exponate zu bekommen, die noch nie in Deutschland zu sehen waren. Wobei ihm seine syrische Herkunft anfangs allerdings nicht unbedingt geholfen habe, erinnert er sich – schließlich galt er ja als fahnenflüchtig. Mittlerweile stösst sein Einsatz jedoch auch im Nahen Osten auf Anerkennung: Fansa beriet ägyptische Ausstellungsmacher bei einer eigenen Saladin-Schau, hielt Seminare im Goethe-Institut in Damaskus und wurde in die Vereinigten Arabischen Emirate zum arabisch-deutschen Kulturdialog eingeladen – gewissermaßen die Fortsetzung des Themas der Ausstellungsreihe auf diplomatischem Parkett.</p>
<p>Immerhin wird die neue Leitung nicht befürchten müssen, dass der scheidende Direktor sich von „seinem“ Haus nur schwer wird lösen können. Seinen Ruhestand wird Fansa nicht in Oldenburg, sondern in Berlin verbringen. „Ich war gerne hier, aber muss hier nicht alt werden“, sagt der 64-Jährige – er sei eben ein Großstadtkind geblieben. Die Frage, ob eine Rückkehr nach Syrien je in Frage gekommen sei, beantwortet er mit einem entschiedenen „Nein“: Mit dem Land verbinde ihn nach mehr als vier Jahrzehnten nichts mehr, seine Geschwister lebten auch nicht mehr dort und außerdem, das habe er bei seinen diversen Reisen in den Orient gemerkt, sei sein Arabisch nicht so besonders.</p>
<p><strong>Nach der Orientreihe: Das europäische Mittelalter</strong></p>
<p>In der Hauptstadt hingegen erwarten ihn nicht nur seine dort lebenden Kinder, sondern auch seine neue – ehrenamtliche – Aufgabe: Fansa ist Mitbegründer der „Europäischen Vereinigung zur Förderung Experimenteller Archäologie“ (exar), die auf die erste europaweite Ausstellung zu dieser Teildisziplin zurückgeht, welche – kaum verwunderlich – im Landesmuseum Oldenburg konzipiert wurde und seitdem in mehr als 30 Städten zu sehen war. Er sehe sich selbst zwar nicht als Experimentalarchäologe – „Ich habe nur Leute zusammengebracht und Aufträge erteilt“ – und warnt vor den Auswüchsen medial aufbereiteter „Living History“ à la „Schwarzwaldhaus“. Zugleich lässt er aber keinen Zweifel an ihrem grundsätzlichen Wert als Interpretationsinstrument der klassischen Archäologie. In Berlin wird er sich intensiver mit diesem Thema beschäftigen können: Im Museumsdorf Düppel, wo seit 1975 das dort nachgewiesene hochmittelalterliche Dorf rekonstruiert wird, ist Fansa jüngst zum Vorsitzenden des Trägervereins geworden. Auch eher zufällig, wie er sagt.</p>
<p>Aber niemals geht man so ganz, wusste schon Trude Herr – und ein bisschen Fansa wird wohl auch in Oldenburg bleiben: Im Museum wird seit Jahren Aleppo-Seife verkauft, Marke „Fansa“. Tatsächlich entstammt der Mann einer traditionellen Seifendynastie, was bei einem Aleppiner schon ein wenig klischeehaft wirkt. Gleichwohl sei auch diese Seifengeschichte zufällig entstanden – ein Zufall, bei dem die Unesco, der deutsche Botschafter in Syrien, ein Oldenburger Stadtplaner, ein Großhändler aus Marseille und ein entfernter Cousin in Aleppo eine Rolle spielten und dessen Erläuterung wohl den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.</p>
<p>Man darf gespannt sein, was der Zufall noch für ihn bereithält.</p>
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