<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Noltejournal &#124; Magazin &#187; Kulturpolitik &#124; Noltejournal | Magazin</title>
	<atom:link href="http://www.noltejournal.de/Magazin/?feed=rss2&#038;tag=kulturpolitik" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.noltejournal.de/Magazin</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Thu, 03 Oct 2013 00:08:37 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.5.1</generator>
		<item>
		<title>&#8220;Das ist unterstes Niveau&#8221;</title>
		<link>http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=25013</link>
		<comments>http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=25013#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 23 Mar 2012 05:45:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Filmfest]]></category>
		<category><![CDATA[Grüne]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.oldenburger-lokalteil.de/?p=25013</guid>
		<description><![CDATA[Die Ratsmehrheit hat gesprochen: Filmfestleiter Torsten Neumann muss in diesem Jahr mit einem um gut ein Drittel reduzierten städtischen Zuschuss auskommen. Im Lokalteil-Interview sagt er, was er davon hält - und von den Vorwürfen, die er sich anhören muss.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Die Ratsmehrheit hat gesprochen: Filmfestleiter Torsten Neumann muss in diesem Jahr mit einem um gut ein Drittel reduzierten städtischen Zuschuss auskommen. Im Lokalteil-Interview sagt er, was er davon hält &#8211; und von den Vorwürfen, die er sich anhören muss.</span></p>
<div id="attachment_42451" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/03/Filmfest-Neumann.jpg"><img class="size-full wp-image-42451" alt="Die Zukunft des Filmfests im Dunkeln? Leiter Torsten Neumann. FOTO: FF" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/03/Filmfest-Neumann.jpg" width="600" height="359" /></a><p class="wp-caption-text">Die Zukunft des Filmfests im Dunkeln? Leiter Torsten Neumann. FOTO: FF</p></div>
<p><strong>Herr Neumann, es ist zwei Tage nach dem Ratsbeschluss vielleicht ein bisschen früh für diese Frage, aber ich stelle sie mal trotzdem: Was nun?</strong></p>
<p>Das weiß ich noch nicht. Zu dem, was ich bereits gesagt hatte und was viele, auch diverse Ratsmitglieder, als „Drohung“ bezeichnet haben…</p>
<p><strong>… nämlich mit dem Filmfest in eine andere Stadt zu ziehen…</strong></p>
<p>… kann ich nur sagen: Das ist keine Drohung, sondern eine Einschätzung der Realität, die ich versucht habe, diesen Herrschaften etwas näher zu bringen. Es ist natürlich etwas komplexer, aber wenn man es ganzheitlich sieht, dann ist so ein finanzieller Einschnitt etwas, was sich nach unten potenziert. Es ist also weniger als eine Drohung als vielmehr etwas, wo ich keine Perspektive sehe. Wir haben in letzter Zeit viel positives Feedback von der Oldenburger Bevölkerung bekommen, auch von Leuten, die gesagt haben: „Wir finden noch Wege, das zu finanzieren“ und so weiter – aber das, was ich gesagt habe, steht jetzt erstmal im Raum. Wir müssen das Fest 2012 irgendwie auf die Beine stellen, das muss dann wahrscheinlich mit irgendwelchen Einbußen zurechtkommen – aber es wird ermüdend, wenn man das weiterhin so betreiben muss. Auch die Statements der Politik, die ich jetzt so lese, klingen nicht nach „Ja, wir wollen das Filmfest“ – das geht im Moment ja nur noch auf der persönlichen Ebene und auf unterstem Niveau ab.</p>
<p><strong>Gibt es denn Vergleichsansätze mit anderen Städten, anderen Filmfesten – kurz, alternativen Orten, an denen eine stabilere Finanzierung zu erwarten ist?</strong></p>
<p>Ich würde gar nicht nach solchen Vergleichen suchen – die besten Festivals finden in klitzekleinen Städten statt. Cannes hat 70.000 Einwohner, aber das ist kein Vergleich; genauso wenig sollten wir uns deutsche Provinzstädte suchen und deren Festivals vergleichen. Saarbrücken hat ein Festival, das 40 Jahre alt und strukturell gewachsen ist und das auch mal umkämpft und hinterfragt wurde – ich weiß nicht, was für Budgets die im Einzelnen haben und es steht mir auch gar nicht an zu sagen, mit wem ich uns vergleichen will, das müssen andere machen.<br />
Ich will es aber auch nicht immer wieder gebetsmühlenartig erklären müssen – wir geben schließlich nicht nur jedes Jahr einen Verwendungsnachweis ab, es gibt ja auch einen Pressespiegel, in dem andere sagen, wie sie das Filmfest einschätzen. Wenn das nicht gesehen oder nicht wertgeschätzt wird, muss ich mich nicht noch hinstellen und das lange erklären. Wir haben ein gutes Standing und ich glaube – das kann ich wohl sagen, ohne rot werden zu müssen –, dass es in Oldenburg nicht so viel gibt, das über die Stadt hinaus strahlt. Ich kann mir auch nicht mehr anhören, wie jemand sagt: „Ich empfehle dem Herrn Neumann, einfach mal weniger Gäste weniger einzuladen“ – muss ich demjenigen erklären, was ein Filmfest ist? Ein solches Festival bedeutet, dass die Macher der Filme anwesend sind, darum geht es doch. Dann brauche ich auch keine Filme mehr zu besorgen, dann brauchen wir auch kein Filmfest mehr.</p>
<p><strong>Es gibt aber nun auch Leute, die bezweifeln, dass das Filmfest außerhalb von Oldenburg tatsächlich diese Ausstrahlung und dieses Renommee hat, das immer kolportiert wird.</strong></p>
<p>Ja, das lese ich auch hier und da. Da gibt es ein paar, die vollkommen irrationale Vergleiche anstellen und das Filmfest einfach nur miesmachen wollen. Wenn man sich aber anschaut, was für Reaktionen wir bei den Leuten hervorrufen, die sich damit auskennen, dann ist das, ehrlich gesagt, Schwachsinn.</p>
<p><strong>Grünen-Fraktionssprecher Sebastian Beer hat unverblümt <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/03/19/cancel-it-again-sam/">seiner Vermutung Ausdruck</a> verliehen, die Besucherzahlen des Filmfests seien schöngerechnet worden. Was sagen Sie dazu?</strong></p>
<p>Ganz wenig. Ich finde es verwegen, so etwas laut zu äußern. Man kann nicht einfach die Besucherzahlen mal sieben rechnen und dann zu dem Schluss kommen, dass das ja Einnahmen von 100.000 Euro ergeben müsste. Da gibt es Akkreditierungen, da gibt es Einladungen, da gibt es Freikarten, Dauerkarten, die JVA-Screenings, wo alle Insassen die Filme sehen… alles zusammen ergibt diese Zahl. Ich halte es für eine Unverfrorenheit, so was zu sagen – zumal ich gar nicht weiß, warum er das sagt. Was hat er davon? Er vertritt eine städtische Kulturpolitik, die das Festival ja immer noch mit 50.000 Euro fördert – und dann will er das schlechtmachen?</p>
<p><strong>Die Zahl 50.000 ist ja nicht neu – sie entspricht im Wesentlichen der Förderung von 2010, die ja dann nur für 2011 wieder aufgestockt wurde. Und das man in der Haushaltsfrage an Rot/Grün nicht vorbeikommt, ist auch schon länger klar – hat das Filmfestmanagement versäumt, rechtzeitig Kontakt aufzunehmen und seine Interessen zu vertreten?</strong></p>
<p>Ich hatte mich nach dem Filmfest 2010 mit Leuten von den Grünen getroffen, wir haben lange und meiner Meinung nach durchaus erhellende Gespräche geführt. Nach dem letzten Filmfest habe ich mich mit Herrn Krogmann von der SPD getroffen, und auch das war ein Gespräch, aus dem wir mit dem Gefühl rausgegangen sind, uns ein bisschen besser zu verstehen. Und wir reichen jedes Jahr einen Antrag ein – da ist eine Kalkulation drin, da wird die Vernetzung in Oldenburg dargelegt, da sind Pressestimmen beigelegt; da wird also genau begründet, warum wir soundsoviel beantragen. Wie kann man da jetzt sagen: „Herr Neumann muss sich mal vorher mit uns in Verbindung setzen“? Das verstehe ich gar nicht. Ich habe doch mit den Leuten gesprochen, wenn auch nicht mit jedem Ratsmitglied; es kann doch nicht sein, dass mir das jetzt als Versäumnis ausgelegt wird. Und das Beste daran war die Nummer, mir vorzuwerfen, ich hätte denen erklären müssen, wie der Haushalt hätte aufgestellt werden müssen – also, tut mir leid, aber was ist denn hier los?</p>
<p><strong>Wie geht’s jetzt weiter – versuchen Sie, mit den 50.000 Euro auszukommen, sollen noch Sponsoren gesucht werden, um sich der Vorjahressumme zumindest zu nähern, oder wird sich eventuell tatsächlich etwas an den Eintrittsgeldern ändern?</strong></p>
<p>Bei den Eintrittsgeldern finde ich es eine Frechheit, das vorzuschlagen. Auch eine politische Dummheit – wie kann man denn ernsthaft versuchen, eine fehlende Kulturförderung auf die Bürger abzuwälzen? Wir haben normale Kinopreise, die nicht höher und nicht niedriger sind als normales Kino – also, das kommt überhaupt nicht in Frage. Und Sponsoren einwerben… so groß ist Oldenburg auch nicht, und wir haben ja bereits einen ziemlich hohen Anteil an Sponsoren, auch weil wir für diese interessant sind – durch die Mischung aus Independent und Kommerziellem und damit durch Gäste, die ein größeres Medieninteresse erregen. Diese Relation „Weniger Gäste einladen und mehr Sponsoren werben“ funktioniert da nicht, das beißt sich doch selbst in den Schwanz.</p>
<p><strong>Nun scheinen in rhetorischer Hinsicht die Schützengräben ausgehoben zu sein – die Vorwürfe auf der Pressekonferenz von SPD und Grünen auf der einen, <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/03/15/filmfest-will-gerettet-werden/">Ihre Facebook-Kampagne</a> auf der anderen Seite; das darf man wohl als kommunikative Eiszeit bezeichnen. Ist es derzeit überhaupt denkbar, in absehbarer Zeit aufeinander zuzugehen?</strong></p>
<p>Ich finde, mit Persönlichem sollte das nichts zu tun haben. Wie man als Politiker eine Kulturveranstaltung, die eigentlich für sich selbst bewertet werden könnte, auf so eine Ebene ziehen kann, verstehe ich nicht.</p>
<p><strong>Wie dürfen wir uns denn das Filmfest 2012 vorstellen? Wird sich an der Dauer etwas ändern? Oder doch an der Gästezahl? Wie werden Sie der finanziellen Einbuße begegnen?</strong></p>
<p>Die Sache ist ja die, dass hierbei relativ viel miteinander zusammenhängt und das Budget sich ja in viele kleine Segmente aufteilt. An den Tagen sparen werden wir wohl eher nicht. Es gibt Festivals, die ihr Programm auf 16 Tage aufblasen – die haben dann mehr Zuschauer, aber auch weniger Festivalcharakter; für uns bedeutet ein Festival, dass zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort Menschen zusammenkommen. Das funktioniert hier klasse – das Publikum kommt an die Filmemacher heran.<br />
An irgendeinem Punkt – das habe ich vor zwei Jahren auch schon gesagt – ist eine Schwelle unterschritten. Eine, unter der Gäste, die eine bestimmte Bedeutung in der Filmbranche haben und die nicht so ohne weiteres nach Oldenburg fahren würden, sondern sich auf anderen Festivals zeigen, das Oldenburger Filmfest dann als zu klein wahrnehmen würden. Wir hätten dann gar nicht mehr die Möglichkeit, auf diesem Level zu agieren. Wir laden Filme ein, die zu anderen Festivals auch eingeladen werden. Im Herbst findet das Festival in Rom statt, das vieles wegblockt, weil die viel Geld haben; in San Sebastian ist das große Festival, Deauville hat ein Festival… in diesem Gefüge sind wir aktiv, und Filmemacher müssen sich überlegen – bei amerikanischen Indies ist das so –, wo sie für ihre Europapremiere hingehen. Das sind wichtige Entscheidungen für sie, sie müssen sich vermarkten und sehen, dass sie wahrgenommen werden und Geld wieder einspielen können.<br />
Und wenn wir auf diesem Level agieren wollen, dann muss ich auch eine gewisse Moral aufrechterhalten, was diese Leute hier zu erwarten haben. Sonst kann ich bestimmte Filme nicht einladen, sondern müsste sagen: „Ist wohl besser für euch, wenn ihr in Rom lauft“. Aber wenn alles gut ist, können wir hier etwas machen, was diese Größenordnung erhalten kann. Aber das ist etwas, was Leute dann mittragen, verstehen und unterstützen müssen.</p>
<p><strong>Und was ist mit der Kritik, dass man keine Promis für viel Geld einfliegen lassen muss?</strong></p>
<p>Wir kriegen es ja von allen Seiten: Da gibt es Leute, die sagen: „Das sind ja nur B- und C-Promis“, und andere sagen: „Diese Stars, die braucht ihr doch nicht“ – ich denke immer: Leute, das ist Independentfilm; wir haben Gäste wie, im letzten Jahr, Matthew Modine – das ist für meine Definition ein Level von Bekanntheit und Starruhm, den ich gar nicht höher haben will. Oder Ted Kotcheff &#8211; da haben viele Kritiker mir gesagt: „Das war ja eine Superentdeckung!“ Das sind Leute, die uns interessieren; wir haben gar keine Lust, eine Wim-Wenders- oder Mike-Leigh-Retrospektive zu machen; nicht weil ich die doof finde, sondern weil die auf anderen europäischen Kunstfestivals unterwegs sind und ich lieber Gäste hole, die nicht allgegenwärtig und präsent sind. Da finde ich es unqualifiziert, zu sagen: „Sind doch alles C-Promis“.</p>
<p><strong>Lehnt man sich also zu weit aus dem Fenster, wenn man sagt, dass es auf diese Alternativen hinausläuft: Entweder eine Förderung auf einem höheren Niveau oder das 19. wird das letzte Filmfest in Oldenburg gewesen sein?</strong></p>
<p>Klar lehnt man sich damit weit raus, vor allem, weil das überhaupt nicht mit dem zusammengeht, was die Oldenburger dazu meinen und wie viel guten Rückenwind man von der Seite kriegt. Man muss wissen, wie man agieren will und eine Basis dafür schaffen – und da gehört auch eine bestimmte Kulturpolitik dazu. Ich muss mich jetzt erstmal mit den Sponsoren auseinandersetzen und sagen: „Okay, ich hoffe, ihr bleibt erstmal dabei“ – wir müssen ja eine Balance herstellen, die viele Komponenten mit einbezieht. Also, wenn wir uns entscheiden, nur klein und Indie zu machen und nicht mehr interessant sind für die regionale Presse, dann sind wir auch nicht mehr interessant für die Sponsoren – das potenziert sich alles. Ich finde, die Mischung, die wir machen, hat ein höheres Ansehen verdient als das, das wir von den Mehrheitsfraktionen im Rat erhalten.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.noltejournal.de/Magazin/?feed=rss2&#038;p=25013</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Würdigungen im Wandel</title>
		<link>http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=23101</link>
		<comments>http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=23101#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 27 Feb 2012 05:00:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Uni Oldenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.oldenburger-lokalteil.de/?p=23101</guid>
		<description><![CDATA[Hedwig Heyl war Hitlerverehrerin und Rassistin. Dennoch ist eine Oldenburger Straße nach ihr benannt - aber wohl nicht mehr allzu lange.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Hedwig Heyl war Hitlerverehrerin und Rassistin. Dennoch ist eine Oldenburger Straße nach ihr benannt &#8211; aber wohl nicht mehr allzu lange.</span></p>
<div id="attachment_42526" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/02/hedwig-heyl-straße.jpg"><img class="size-full wp-image-42526" alt="Widerstandskämpferin statt Hitlerverehrerin? Die Umbenennung der Hedwig-Heyl-Straße wird mehrheitsfähig. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/02/hedwig-heyl-straße.jpg" width="600" height="416" /></a><p class="wp-caption-text">Widerstandskämpferin statt Hitlerverehrerin? Die Umbenennung der Hedwig-Heyl-Straße wird mehrheitsfähig. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Zwar kam es auch dieses Mal nicht zu einem konkreten Beschluss zum neuerlichen Antrag der Linken, die Straße umzubenennen. Vom Tisch ist das Thema aber nicht, und mit ihr rücken auch andere Straßen in den Blickpunkt, deren Benennung aus heutiger Sicht kritisch zu bewerten ist. Vielleicht werden in absehbarer Zukunft gleich mehrere einen neuen Namen erhalten: Der Vorschlag der Verwaltung, alle nach Personen benannten Straßen in einer wissenschaftlichen Studie auf ihre historischen Altlasten zu prüfen, ist von einer breiten politischen Mehrheit im Kulturausschuss begrüßt worden.</p>
<p>Vor zweieinhalb Jahren hatte die Linke-Fraktion schon einmal versucht, im Rat einen Beschluss zur Umbenennung der Straße durchzusetzen; damals ist der Vorstoß von der Verwaltung und der politischen Mehrheit aus CDU, FDP und SPD abgeschmettert worden.  Dass jetzt Bewegung in die Sache kommt, liegt nicht etwa daran, dass neue Erkenntnisse zur Vita der 1934 verstorbenen Heyl vorlägen. Dass die Bremer Frauenrechtlerin Bewunderung für Hitler hegte, sich als Vorsitzende des „Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft“ gegen „Mischehen“ aussprach, „geeignetes Mädchenmaterial“ in die Kolonien schaffen wollte und vor einer drohenden „Verkafferung“ warnte, zeigte die Historikerin Doris Kachulle bereits 1992 in einem taz-Artikel auf. 1999 zogen zwei Berufsschulen in Hannover und Frankfurt die Konsequenz daraus und legten den Namen „Hedwig Heyl“ ab. Man dürfe zwar nicht vergessen, dass Heyl „bezüglich der Professionalisierung der Hauswirtschaft, des Kampfes um die Gleichberechtigung der Frau und der Durchsetzung des Frauenwahlrechts Hervorragendes geleistet“ habe, sagte der Direktor der nunmehr „Alice-Salomon-Schule“ heißenden Frankfurter Einrichtung: „Die große Mehrheit des Kollegiums war aber nach Abwägung aller Vor- und Nachteile der Auffassung, den Schulnamen aufzugeben.“</p>
<p><strong>NS-Verstrickung wichtiger als Rassismus?</strong></p>
<p>Das focht die Oldenburger Verwaltung zehn Jahre später nicht an. Heyl könne „persönlich keine Beteiligung an den Verbrechen der Nationalsozialisten vorgeworfen werden“, <a href="http://buergerinfo.stadt-oldenburg.de/vo0050.php?__kvonr=8016&amp;search=1" target="_blank">schrieb der damalige Kulturdezernent</a> Martin Schumacher, und: „Die Ehrung für ein Lebenswerk kann nicht aufgrund einiger weniger verbaler Aussagen völlig in Frage gestellt werden. Solange keine persönliche Verstrickung in Verbrechen zu konstatieren ist, reichen die Brüche in der Person nicht aus, die Verdienste in Frage zu stellen […].“ Soll wohl heißen: Äußerungen Heyls wie „häßliche, faule, verschlagene, kokette, dumme, schwarze Weiber“ oder „Möge uns die Zeit für Hitler reif werden“ sind wohl in Ordnung, solange die Frau keine offizielle Funktion in der Terrorherrschaft der Nazis hatte.</p>
<p>Aus der von den Linken zur Untermauerung ihrer Argumentation vorgelegten überschaubaren Literaturliste maß das Kulturamt allein dem taz-Artikel Aussagekraft bei und gestand zu, dass dieser „tatsächlich viele Zitate, die für sich genommen eine gewisse Sympathie, wenn nicht Bewunderung der Hedwig Heyl für den Nationalsozialismus nahe legen“ gebracht habe, mokierte sich zugleich aber: „Für keines der Zitate ist allerdings die entsprechende Quelle angegeben.“ Dass das für Zeitungsartikel auch eher ungewöhnlich wäre, schien dabei eine eher untergeordnete Rolle zu spielen; man hätte auch selbst einen Blick in die durchaus vorhandene Fachliteratur werfen können, aber das geschah offenbar nicht.</p>
<p>Mit Ruhm bekleckert hat sich niemand in der Debatte, und in den Ausschüssen wurde das Thema noch ein paar Monate müde hin- und hergeschoben, bis es schließlich versandete. Unterstützung fanden die Linken lediglich bei den Grünen, die sich anfangs allerdings <a href="http://buergerinfo.stadt-oldenburg.de/to0040.php?__ksinr=1420&amp;toselect=36593" target="_blank">auch eher geziert hatten</a> – er sehe solche Umbenennungen kritisch, zitiert die Niederschrift Grünen-Ratsherr Sebastian Beer, man könne Straßennamen auch als Dokumentation der Geschichte auffassen. Letztlich wischten CDU, SPD und FDP den Linke-Vorstoß vom Tisch, die Verwaltung machte weitergehende Forschungen zur Voraussetzung einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema. Dazu kam es allerdings nicht.</p>
<p><strong>Jetzt mal ganz grundsätzlich</strong></p>
<p>Man solle nun „nicht darüber streiten, warum die wissenschaftliche Aufarbeitung nie beschlossen worden ist“, sagt Oberbürgermeister Gerd Schwandner heute: „Vielmehr sollten wir die Studie jetzt sofort auf den Weg bringen.“ Man wolle damit auch eine Grundlage für etwaige künftige Debatten schaffen, statt alle paar Jahre „von Fall zu Fall zu springen“, ergänzt Sprecher Andreas van Hooven – den letzten hatte es erst 2008 gegeben, als bekannt geworden war, dass der Arzt Paul Eden zur NS-Zeit an Zwangssterilisationen im Peter-Friedrich-Ludwig-Hospital beteiligt gewesen war. Die nach ihm benannte Straße heißt heute Rahel-Strauß-Straße.</p>
<p>Andere Kommunen haben ähnliche Schritte unternommen. Münster etwa verfügt über eine Straßennamenkommission, die auf einer Website über laufende Debatten und „Problemnamen“ informiert. An der Uni Köln befasst sich eine Forschungsgruppe mit Straßennamen, und die Stadt Celle wiederum beauftragte einen Historiker mit einer umfassenden Studie, die seit Ende 2010 vorliegt und eine unappetitliche Schlammschlacht nach sich zog – es ging um die Umbenennung des nach dem langjährigen Oberbürgermeister und früheren SS-Obersturmführers Helmuth Hörstmann benannten Wegs. Eine emotional geführte Debatte wie in Celle mag Oldenburg mangels direkter Nachkommen von Hedwig Heyl im aktuellen Fall erspart bleiben – gleichwohl werden auch hier hitzige Debatten zu erwarten sein.</p>
<p>Denn Beispiele für weitere fragwürdige Ehrungen gibt es genug, und viele haben das Potential, Traditionalisten auf die Barrikaden zu treiben. Da wäre etwa die Hindenburg-Straße, die den Namen des Generalfeldmarschalls, Reichspräsidenten und Totengräbers der Weimarer Republik, der Hitler 1933 zum Kanzler ernannte, trägt. Oder die August-Hinrichs-Straße, benannt nach dem beliebten niederdeutschen Dichter, der im NS-Regime allerdings auch Landesleiter der Reichsschrifttumskammer war, die nicht linientreuen Schriftstellern Publikationsverbote erteilte. Und vielleicht müssen es auch nicht immer NS-Verstrickungen sein, die den Ausschlag geben – würden im Falle Heyls deren rassistische Überzeugungen für eine Umbenennung nicht vollkommen ausreichen? Schließlich wurden in den vergangenen Jahren eine Reihe von Straßennamen aufgrund ihres kolonialen Hintergrunds geändert.</p>
<p><strong>Andere Zeiten, andere Namensgebungssitten</strong></p>
<p>Straßennamen seien im Prinzip nichts anderes als &#8220;kleiner dimensionierte Denkmäler in serieller Form&#8221;, sagt der Historiker Stephan Scholz von der Uni Oldenburg. Grundsätzlich sei es durchaus geboten, über eine Umbenennung nachzudenken, wenn der Name &#8220;dem heutigen Wertesystem nicht nur nicht entspricht, sondern ihm gegenübersteht&#8221;. Andererseits müsse man es bis zu einem gewissen Grad &#8220;auch ertragen, wenn Straßen nach Personen oder Ereignissen benannt sind, nach denen man sie heute nicht mehr benennen würde“ &#8211; denn Straßenbenennungen seien auch ein Beleg für die Erinnerungskultur einer Stadt. Auch um diese spezielle Form des Gedenkens einmal gründlich aufzuarbeiten, wäre eine solche Studie eine gute Gelegenheit.</p>
<p>Ein Beispiel wäre etwa die Tangastraße, die zumeist dafür herhalten muss, mit dem Hinweis auf die dort ansässige &#8220;Miss Germany Corporation&#8221; auswärtige Bekannte zum Lachen zu bringen. Tatsächlich ist sie nach einer Schlacht des Ersten Weltkriegs in der Kolonie Deutsch-Ostafrika benannt. Eine Würdigung, die aus heutiger Sicht schwer aufrechtzuerhalten ist &#8211; zum einen erhielt sie ihren Namen zur NS-Zeit, in der die Militarisierung der Gesellschaft auch auf die Ebene der Straßennamen ausgeweitet wurde; zum anderen waren es zum größten Teil Soldaten der von den Europäern unterdrückten Völker, die in Tanga aufeinander gehetzt wurden, um den Krieg der Großmächte auszutragen.</p>
<p>Wo verläuft nun die Grenze zwischen zu ertragenden und nicht mehr zu ertragenen Straßennamen? Eine Frage, zu der eine solche Studie vielleicht keine eindeutigen Antworten, aber immerhin eine argumentative Basis und Diskussionsstoff liefern könnte. Letztlich ist es jedes Mal eine politische Entscheidung, ob eine Straße umbenannt wird oder nicht, sagt Scholz; Historiker können dazu nur die Materialien und Hintergründe beisteuern. Gespräche mit dem Institut für Geschichte an der Uni seien bereits anberaumt, sagt van Hooven. Es ist der Stadt offenbar ernst.</p>
<p>Das erstaunliche Umdenken bei der Verwaltung und der SPD mag mit personellen Veränderungen zusammenhängen &#8211; das Kulturdezernat wurde mittlerweile von Oberbürgermeister Gerd Schwandner übernommen, und ihm scheint es ein Anliegen zu sein, die Straßennamen unter die Lupe zu nehmen. Dass es in Oldenburg eine Hindenburgstraße gebe, habe er mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, sagte der OB vor dem Kulturausschuss: &#8220;So etwas ist im Süden undenkbar.&#8221; Und für die Sozialdemokraten sei die Grundlage eine andere als 2009: Damals habe man nicht genug Informationen gehabt und niemand habe die Sache weiterverfolgt, sagt Ursula Burdiek, damals wie heute Vertreterin der SPD im Kulturausschuss: &#8220;Wir finden es gut, dass die Sache jetzt grundsätzlich angegangen wird.&#8221;</p>
<p>Letztlich aber dürfte es vor allem die Kommunalwahl gewesen sein, die zur allseitigen Neubewertung der Frage führte: Die hatte bekanntlich einen NPD-Abgeordneten in den Rat gespült; zudem kam es erst vor wenigen Wochen zum Anschlag auf den jüdischen Friedhof. &#8220;Vor diesem Hintergrund&#8221;,  sagt van Hooven, sollte man beim Diskutieren eines solchen Antrags „mit einer kräftigen, demokratischen, einheitlichen Zunge sprechen“.  Die Oldenburger SPD hat für 2012 einen antifaschistischen Aktionsplan angekündigt, zu dem auch die Umbenennung der Hedwig-Heyl-Straße gehört.</p>
<p>Die wird ihren Namen vorläufig allerdings behalten. Nachdem der Vorschlag, eine solche Studie in Auftrag zu geben, von allen Vertretern im Kulturausschuss begrüßt wurde, kam die Frage auf, ob es nicht sinnvoller sei, diese erst abzuwarten, statt wieder in einem Einzelfall vorzupreschen &#8211; woraufhin die Linke/Piraten-Fraktion ihren Antrag zurückzog. Er wird aber in der Schublade bleiben, und einen Vorschlag für eine neue Namensgeberin hat die Fraktion auch schon parat: Ruth de Jonge, antifaschistische Widerstandskämpferin. Deren Leumund dürfte nicht in Frage stehen – und sie ist, anders als Hedwig Heyl, auch noch eine Oldenburgerin.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.noltejournal.de/Magazin/?feed=rss2&#038;p=23101</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wer ist das Volk?</title>
		<link>http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=21796</link>
		<comments>http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=21796#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 05:00:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturpolitik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.oldenburger-lokalteil.de/?p=21796</guid>
		<description><![CDATA[Die gute Nachricht für alle, die das Wort „Denkmalstreit“ nicht mehr hören können: Es geht in der Debatte wohl gar nicht mehr so sehr um den Grafen selbst – nicht um seine historische Beurteilung, nicht um die künstlerische Ausführung der Statue. Die schlechte Nachricht: Es geht um etwas viel, viel Ermüdenderes.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Die gute Nachricht für alle, die das Wort „Denkmalstreit“ nicht mehr hören können: Es geht in der Debatte wohl gar nicht mehr so sehr um den Grafen selbst – nicht um seine historische Beurteilung, nicht um die künstlerische Ausführung der Statue. Die schlechte Nachricht: Es geht um etwas viel, viel Ermüdenderes.</span></p>
<div id="attachment_42542" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/02/grafendenkmal-mini.jpg"><img class="size-full wp-image-42542" alt="Charmanter Lösungsvorschlag des Antiquariats &quot;Buchstabei&quot;: Warum nicht aus dem Bronzedenkmal so viele Grafenfigürchen machen, dass jeder eines bekommt? FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/02/grafendenkmal-mini.jpg" width="600" height="304" /></a><p class="wp-caption-text">Charmanter Lösungsvorschlag des Antiquariats &#8220;Buchstabei&#8221;: Warum nicht aus dem Bronzedenkmal so viele Grafenfigürchen machen, dass jeder eines bekommt? FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Die seit Monaten andauernde Diskussion um das von Privatpersonen gestiftete Reiterstandbild kulminiert neuerdings in einer Zahl. Nein, es ist nicht die Zahl 100.000 – der Betrag in Euro, den das Denkmal gekostet haben soll und die von den Initiatoren immer mal wieder in die Debatte eingebracht wird, vermutlich, um zu unterstreichen, dass so viel Geld nicht einfach sinnlos ausgegeben worden sein darf. Es ist auch nicht die Zahl 1918, das Jahr, in dem – nicht zufällig zeitgleich mit dem Sturz der Monarchie in Deutschland – zuletzt ein solches Reiterstandbild aufgestellt worden ist, aber das scheint die Befürworter ohnehin kaum zu interessieren. Und es ist auch nicht die Zahl 345 – die Anzahl an Jahren, die der Graf nun schon tot ist – oder 30, die Zahl der Jahre, die jener Krieg gedauert hat, aus dem er die Stadt so geschickt heraushalten konnte.</p>
<p>Nein, gemeint ist die 80. 80 Prozent der Bürger, so wurde in der Diskussionsveranstaltung des Nordwestradios am Mittwoch gebetsmühlenartig behauptet, seien für die Aufstellung des Bronzegrafen vor dem Schloss. Vier von fünf Bürgern – das kam von der Zusammensetzung des Publikums im Café Curtiz her sogar hin: Der Großteil der anwesenden Damen und Herren vornehmlich älterer Jahrgänge beklatschte ausschließlich Äußerungen der beiden Denkmalapologeten – eingeladen waren Horst Milde als Mitinitiator und Harald Götting, Vorsitzender der AG Stadtoldenburger Bürgervereine, die nicht nur hinter den Denkmalplänen stehen, sondern offensichtlich auch einen guten Teil ihrer Klientel zu dieser Veranstaltung mobilisieren konnten. Für ihre Antipoden – Museumsdirektor Rainer Stamm, für den die Veranstaltung im eigenen Haus wie ein Auswärtsspiel gewirkt haben muss, sowie Grüne-Ratsherr Sebastian Beer – blieb eher Gejohle, Gezeter oder eisiges Schweigen übrig. Denkmalskritiker waren auch anwesend, aber nicht viele, die meisten dürften zu dieser Uhrzeit an ihren Arbeitsstellen gewesen sein – und die, die sich ins Schloss aufgemacht hatten, hielten sich vornehm zurück. Vielleicht befürchteten sie, geteert und gefedert zu werden. Unrealistisch schien das zeitweise nicht.</p>
<p><strong>We are 80</strong></p>
<p>80 Prozent aller Oldenburger sollen also, den Worten Mildes, Göttings und einiger dunkelrot angelaufener Gäste zufolge, für die Aufstellung des Denkmals am Schloss sein. Das wäre in der Tat eine starke Mehrheit, eine, an der man nun wahrlich nicht mehr zu rütteln bräuchte, und genauso wird sie auch propagiert: Wer eine solche Mehrheit nicht anerkennt, handelt undemokratisch. Das Problem ist nur: Diese Zahl beruht auf – rein gar nichts. Es gibt keine repräsentative Umfrage, aus der ein solcher Prozentsatz hervorgeht; es wurde bislang ja noch nicht einmal eine nichtrepräsentative in Angriff genommen, die dieser Bezeichnung auch nur annähernd gerecht würde. Nicht mal ein Milchmädchen, das sie berechnet haben könnte, ist in Sicht. Dabei wäre eine solche Umfrage wohl zu einem deutlich realistischeren Ergebnis gekommen.</p>
<p>Dennoch wird diese Zahl von den Befürwortern des Denkmals wie ein Feldzeichen vorangetragen in den „Krieg“, wie Mitinitiator Bernd Eylers die absehbare Diskussion schon vor Monaten plakativ genannt hatte. Und der Gegner steht auch schon fest: Es ist nicht einmal Stamm, der das Ding definitiv nicht vor seiner Tür haben will und dies auch geduldig begründet. Es sind auch nicht die Historiker, die dem Ansinnen eher reserviert, manche auch fassungslos, gegenüberstehen. Es sind „Die Da Oben“, stets in Großbuchstaben, die man auch heraushört. Die Ministerin. Der OB. Die im Kulturausschuss. Überhaupt alle Politiker. „Was wir wollen, interessiert Die Da Oben doch eh nicht“, ruft eine Frau wütend dazwischen und erntet ebenso Applaus wie jeder andere, der an diesem Nachmittag das Wort „Bürgerwillen“ in den Mund nimmt – was macht es da, dass die Dame vor einem Dreivierteljahr aller Wahrscheinlichkeit nach selbst noch nicht wusste, dass sie demnächst ein Reiterstandbild Anton Günthers haben wollen würde, und zwar so dringend, dass sie sich nunmehr von der Obrigkeit unterjocht fühlt.</p>
<p><strong>Revoluzzerrhetorik, Oldenburg-style</strong></p>
<p>Ach ja, die Obrigkeit. Gegen die hat der Ex-Landtagspräsident und Ex-OB Milde auch noch etwas im Köcher. „Da kommt eine Obrigkeit und will den Bürgern das vorenthalten“, schimpft er. Er spricht vom Dienstweg, den er gegangen sei: erst über Stamm, dann über die Abteilungsleiterin im Ministerium – wobei Milde nicht vergisst zu erwähnen, dass es sich bei ihr um die Ehefrau von Schwandner handelt, was von einigen Besuchern mit unwilligem Knurren quittiert wird – bis hin zur Ministerin, „die mir ein Gespräch verweigerte“, und von der er sich gewünscht habe, „sie wäre heute hier“. Empörend: Die Ministerin kommt nicht einmal nach Oldenburg, um sich zu wiederholen oder vor den Bürgervereinen zu rechtfertigen. Die Da Oben mal wieder.</p>
<p>Die Ministerin <a href="http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Oldenburg/Artikel/2792432/Ministerin-bleibt-bei-%26%23x201E%3BNein%26%23x201C%3B-zum-Grafen.html" target="_blank">hatte in dieser Woche mitgeteilt</a>, dass sie keine Veränderung der Situation seit ihrem letzten ablehnenden Bescheid vom November sehe. „Frau Wanka“, klagt Milde, begreife einfach nicht, dass „der Bürgerwille größer geworden“ sei. Also größer als bei ihrem letzten Schreiben im November. Diese Behauptung bleibt ebenfalls unbelegt, aber das ist auch gar nicht nötig, um das anwesende Publikum zu Anfeuerungsrufen zu bewegen: „Genau!“ „Jawoll!“ „So isses!“ Die Überzeugung, Teil einer wachsenden Mehrheit zu sein, ist in dieser Gruppe offenbar groß und wird umso größer, je öfter man sich gegenseitig darin bestärkt. Wenn es so weitergeht, dauert es wohl nicht mehr lange, bis die Zustimmung für das Denkmal über die 100-Prozent-Marke schnellt.</p>
<p>Aber woher kommt diese Zahl „80“ denn nun? Wahrscheinlich liegt der Ursprung ganz banal in einer <a href="http://www.nwzonline.de/index_aktuelles_voting.php?pid=558" target="_blank">Onlineumfrage, die die NWZ unter ihren Lesern im vergangenen Jahr durchgeführt</a> hatte. Da waren 85 Prozent der Teilnehmer – nein, es müsste genauer heißen: 85 Prozent der getätigten Klicks – für die Aufstellung der Figur am Schloss. Allein: Der Wert, den Wissenschaftler und Umfrageexperten der Aussagekraft von Onlinevotings beimessen, ist gleich Null. Sie erreichen überhaupt nur eine bestimmte Klientel, die Stichprobe ist willkürlich, sie sind leicht zu beeinflussen, gar zu fälschen und in keiner Weise repräsentativ für die Allgemeinheit. Wären sie es, würde jeder vierte Oldenburger <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2011/09/06/kein-sockel-fur-gerd/" target="_blank">ein Ulrike-Meinhof-Standbild fordern</a>.</p>
<p>Das ist manchen Leuten indes herzlich egal. Milde wirft die „80 Prozent“ immer wieder in die Runde, zuvor hatte er sie öffentlichkeitswirksam <a href="http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Oldenburg/Artikel/2787489/Scharfe-Kritik-an-Schwandners-Worten.html" target="_blank">dem Oberbürgermeister um die Ohren geschlagen</a>. „In einem am Dienstag veröffentlichten offenen Brief wirft Milde Schwandner vor, es ‚kümmert Sie nicht’, dass ‚weit über 80 Prozent der Bürger der Stadt’ sich über die Statue freuen würden“, schreibt die NWZ am 25. Januar. Die Zahl hat sich längst verselbstständig, sie wird unreflektiert immer wieder hervorgekehrt, in der Diskussionsveranstaltung, in Leserbriefen und Foren. Vor zwei Wochen <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2011/12/19/horst-milde-die-spd-und-das-anton-gunther-denkmal/comment-page-1/#comment-2809" target="_blank">kommentierte ein Leser im Oldenburger Lokalteil</a>, dass sich, wir zitieren 1:1, „deutlich über 80 % !!! der O Bürger FÜR den Grafen am Schloss“ aussprächen. Ein von Götting am Mittwoch geäußerter Satz sagt viel zur Argumentationsweise der Denkmalunterstützer aus: „Die Stimmung ist ganz eindeutig und wir schätzen, 80 Prozent der Oldenburger und auch aus dem Umland sind dafür.“ Das muss man zweimal lesen: Sie „schätzen“, dass etwas „ganz eindeutig“ ist.</p>
<p><strong>Für den Grafen, gegen Fäkalien!</strong></p>
<p>Ob er denn keine repräsentativen Zahlen habe, fragte der souveräne und sichtlich um Ausgewogenheit bemühte Moderator Martin Busch den Vertreter der Bürgervereine. „Repräsentativ im statistischen Sinne sicherlich nicht“, gab Götting zu – aber er hätte gehört, dass es kein Problem war, „zahlreiche Unterschriften zu sammeln“. Die Aussagekraft einer Unterschriftensammlung wird dabei ebenso wenig in Frage gestellt wie Onlineumfragen – dabei fiele das leicht: Hape Kerkeling etwa hatte, lange vor seiner Horst-Schlämmer-Kampagne, in einer Rolle als unsympathischer Vorsitzender einer obskuren Splitterpartei, die sich gegen „Eurofäkalien in deutschen Flüssen“ aussprach, keine Probleme, in einer Fußgängerzone <a href="http://planet-interview.de/hape-kerkeling-01122003.html" target="_blank">binnen weniger Stunden mehr als 400 Unterschriften zusammenzubekommen</a>.</p>
<p>Nichtssagende Quellenlage hin, haarsträubende Methodik her: Die Zahl scheint längst in Stein gemeißelt zu sein. „80 Prozent der Oldenburger“, schmettert Milde, nun schon etwas ermüdend, in den Raum, „wollen das Denkmal“, und die zaghaften Versuche Beers, diese Zahl zu relativieren – „Es gibt auch Bürger, die es kritisch sehen“ – werden vom Publikum stante pede niedergebrüllt: „Ja, 20 Prozent!“ Ein anderer Besucher: „Da stehen die Grünen gerade!“ Was wohl heißen soll: Alle, die etwas an dem schönen Standbild auszusetzen haben, sind wohl ohnehin Grüne. Es seien doch bloß Schätzungen, entgegnet Beer; er erntet im Gegensatz zu Götting für die fast wortgleiche Aussage allerdings keinen Applaus. Und als er sagt: „Es gibt keine Umfrage dazu“, belfert es aus dem Publikum zurück: „Ach? Ja, WARUM denn nicht?“ Als hätte Beer persönlich eine solche verhindert.</p>
<p>Es ist jedoch viel simpler: Eine solche Umfrage kann nur von der Politik bzw. der Verwaltung der Stadt ausgehen. An die aber, das betont Milde immer wieder, habe er sich ja bewusst nicht gewandt, da die „alles zerredet hätten“, sondern gleich an das Land. Im Prinzip sind es somit lustigerweise ausgerechnet die Initiatoren, die einer Bürgerbefragung bislang im Weg standen. Egal – die Arschkarte in diesem Punkt hat Beer, er hatte sie sowieso schon ab dem Moment, als er Anton Günther zu Beginn als „eher durchschnittliche“ historische Figur bezeichnete. Das sagen zwar auch manche Historiker, aber denen hört in dieser ganzen Debatte ohnehin niemand mehr zu, ebenso wenig den Argumenten Stamms; und Beer erntete für seine Äußerung prompt Buhrufe. Majestätsbeleidigung! Der Jungspundpolitiker gehört ja irgendwie auch zu Denen Da Oben. Kein Vergleich zu unserem Grafen.</p>
<p>Einerlei. Eine Befragung wäre wohl ohnehin überflüssig, denn die Initiatoren und ihre Unterstützer sehen sich längst als Vollstrecker eines angenommenen „Bürgerwillens“. „Der öffentliche Raum gehört ja wohl allen Bürgern“, sagt Milde: „Und wenn man Rücksicht nimmt auf die Meinung der Bürger, dann ist die Entscheidung gefallen. Die Bürger wollen dieses Denkmal vor dem Schloss sehen.“ Applaus. Als Moderator Busch relativiert, es handele sich doch eher um „die Mehrheit derjenigen, die von der Tageszeitung befragt wurden“, schwenkt Milde schnell und geschmeidig um: „Wenn Sie erleben würden, wie oft bei mir zu Hause das Telefon klingelt und Leute Listen haben wollen“, Unterschriftenlisten also. Mehrere Tausend will er zusammengetragen haben. Mehr als Kerkeling.</p>
<p><strong>BürgerBürgerBürgerBürger</strong></p>
<p>Man merkt schon an diesem zusammenfassenden Artikel: „Die Bürger“, das ist ein in dieser Runde oft, sehr oft bemühter Begriff; auch Götting artikuliert sich ähnlich: Das Denkmal solle „dem Bürger gegeben werden“; „das muss man dem Bürger, dem etwas geschenkt wird, doch auch mal annehmen, als Stadt“ oder, etwas schwammiger, „man muss auch mal tolerant sein. Tolerant gegenüber dem Wunsch der Bürger, etwas zu haben“. Auch dafür gibt es Applaus. Beer findet es eher intolerant, wenn sich eine Gruppe hinstelle und sage: „Das sind die Bürgerinnen und Bürger.“ Da klatscht niemand.</p>
<p>„Die Bürger“ – wer ist das nun wieder? Die 80 Prozent, die das Denkmal angeblich wollen, klar – aber wer genau gehört dazu, wer ist das Volk, um dessen Willen es geht?<br />
Die Leute, die sich auf dem Onlineauftritt der Tageszeitung tummeln und auf ein kleines Umfragekästchen klicken?<br />
Die, die sich hinsetzen und einen Leserbrief schreiben?<br />
Die bei Milde zuhause anrufen?<br />
Die mittwochnachmittags Zeit und Lust haben, eine Diskussionsveranstaltung zu besuchen?</p>
<p>Zumindest sind diese Leute sich sicher, zur angenommenen überwältigenden Mehrheit zu zählen. Und sie sind sich sicher, dass die Denkmalinitiatoren ihren Willen, den „Bürgerwillen“ umsetzen wollen. Allerdings, und das störte offensichtlich niemanden: Milde kehrt nicht gerade hervor, dass er selbst sich auch erst dann an „die Bürger“ wandte, nachdem er bei den offiziellen Stellen – bei Denen Da Oben – abgeblitzt war. Und er verbirgt das in seinen Ausführungen so geschickt, dass den Anwesenden nicht auffällt, dass sie – „die Bürger“ – somit auch bei ihm, dem Volkstribun, ja erst an letzter Stelle derjenigen stehen, die nach ihrer Meinung gefragt werden. Kein Zweifel: Der Mann ist routinierter Berufspolitiker. Aber wenigstens, so glauben sie, keiner von Denen Da Oben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>_______________________</p>
<p><em>Die <a href="http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_unterwegs/audio79778-popup.html" target="_blank">komplette Diskussionsveranstaltung</a> lässt sich auf der <a href="http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_unterwegs/antonguenther100.html" target="_blank">Website des Nordwestradios</a> nachhören. Die Zwischenrufe des Publikums sind allerdings mangels Mikrofonen nur sporadisch zu hören.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.noltejournal.de/Magazin/?feed=rss2&#038;p=21796</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
