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	<title>Noltejournal &#124; Magazin &#187; Ausstellung &#124; Noltejournal | Magazin</title>
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		<title>Unbesungene Helden</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Apr 2013 04:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Seit drei Jahrzehnten wartet in der Unibibliothek eine bemerkenswerte Literatursammlung auf ihre wissenschaftliche Entdeckung: Britische Comics aus der Frühzeit des Genres, hinterlassen vom wohl dienstältesten Dozenten der Uni.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Seit drei Jahrzehnten wartet in der Unibibliothek eine bemerkenswerte Literatursammlung auf ihre wissenschaftliche Entdeckung: Britische Comics aus der Frühzeit des Genres, hinterlassen vom wohl dienstältesten Dozenten der Uni.</span></p>
<div id="attachment_41942" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Kevin-Carpenter-www.jpg"><img class="size-full wp-image-41942" alt="Ein Sammelsurium aus Landstreichern, Rabauken und Underdogs: Kevin Carpenter und die Helden einer vergangenen Comic-Ära. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Kevin-Carpenter-www.jpg" width="600" height="387" /></a><p class="wp-caption-text">Ein Sammelsurium aus Landstreichern, Rabauken und Underdogs: Kevin Carpenter und die Helden einer vergangenen Comic-Ära. FOTO: mno</p></div>
<p>Kevin Carpenter bittet um Nachsicht, dass sein Sprechzimmer so schmucklos ist: Nur wenige Ordner stehen im Regal, ein paar Kinderzeichnungen hängen noch an der Wand, in zwei Stunden kommt ein Techniker und holt den Computer ab. Es ist Carpenters letzter Tag an der Uni; nach fast 41 Jahren Lehrtätigkeit – er unterrichtete hier schon Englisch, als die Institution noch „Pädagogische Hochschule“ hieß – geht der Anglist in den Ruhestand. Ein Stück von ihm bleibt, in gewisser Hinsicht: In den 80er-Jahren hatte Carpenter eine Sammlung britischer Comics aus der Zeit von 1873 bis 1939 angeschafft, ein seltener literaturgeschichtlicher Schatz, der zurzeit in einer kleinen, auch im Internet zu sehenden Ausstellung in der Unibibliothek zu sehen ist. Ansonsten allerdings schlummert er im Verborgenen und wartet auf einen Forscher, der ihn ausgräbt.</p>
<p>„Mein Vermächtnis an die Uni“, sagt Carpenter. Kein unbedeutendes – rund 5.000 Ausgaben von Heftreihen mit Namen wie Illustrated Chips, The Jolly Jester oder Bubbles Annual umfasst die Sammlung aus der Frühzeit des Comicschaffens. Viel Stoff also für ambitionierte Nachwuchsanglisten, Material für Doktorarbeiten. Bislang hielt sich das Interesse indes in Grenzen: Hier und da habe es in den vergangenen drei Jahrzehnten mal eine Anfrage gegeben, berichtet Carpenter; einmal sei ein irischer Forscher dagewesen und habe sich durch den Bestand gelesen, aber etwas Zählbares ist dabei bislang nicht herausgekommen.</p>
<p>Dabei hätten diese Comics über die humoristischen, anarchischen, manchmal auch schlicht albernen Storys hinaus, in denen oft Landstreicher, Rabauken und Underdogs die Hauptrollen spielten, einiges zu erzählen. Sie könnten Aufschluss geben über die Leser, die Zeichner und Autoren, die Verlage und ihren Stellenwert im soziokulturellen Kontext des hoch- und spätimperialistischen Königreichs – all das sei noch nie richtig aufgearbeitet worden, sagt Carpenter: „Wir wissen eigentlich immer noch nicht genau, wer diese Hefte eigentlich gelesen hat, welche Altersgruppen, welche Schichten, welche Geschlechter.“ Es mag auch daran liegen, dass Comics überhaupt erst seit relativ kurzer Zeit als literarische Gattung ernstgenommen werden, in Deutschland seit vielleicht zwei Jahrzehnten. Früher wurden sie, wie überhaupt das Genre der Unterhaltungsliteratur, von rechts wie von links als „Schund“ angefeindet – aus Sorge um die störungsfreie Entwicklung der Heranwachsenden zu schöngeistigen Bildungsbürgern respektive klassenbewussten Proletariern.</p>
<div id="attachment_41943" class="wp-caption alignright" style="width: 233px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/britische-comics-www.jpg"><img class="size-medium wp-image-41943" alt="Statue klauen, Bobbies verwemsen: Anarchischer Humor mit Willie &amp; Tim. BILD: BIS Uni Oldenburg" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/britische-comics-www-223x300.jpg" width="223" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Statue klauen, Bobbies verwemsen: Anarchischer Humor mit Willie &amp; Tim. BILD: BIS Uni Oldenburg</p></div>
<p>Dabei ist der kulturelle Einfluss dieser frühen Comics auch für den Laien zu erahnen. Da wären etwa Weary Willie und Tired Tim, zwei Tramps, der eine dünn und schlaksig, der andere dick und gedrungen, die das Plakat der Ausstellung zieren. Sie erinnern in verdächtigem Maße an das spätere Komikerduo Stan Laurel und Oliver Hardy, und tatsächlich lassen sich Verbindungslinien ausmachen. Weary Willie und Tired Tim erreichten das, was man heute als Kultstatus bezeichnen würde und blieben bis zur Einstellung Titelhelden des Magazins, in dem sie erschienen, immerhin 57 Jahre lang. „Das hier ist eine wunderbare Geschichte“, sagt Carpenter und zeigt auf einen Strip von 1898, in dem die beiden Tramps eine Statue klauen und sich selbst an ihre Stelle setzen, um am nächsten Tag feierlich vom Bürgermeister enthüllt zu werden. Und sich anschließend den Fluchtweg durch herbeieilende Polizisten freikämpfen zu müssen. Landstreicher, die Bobbies vertrimmen, und das im spätviktorianischen England – vermutlich waren diese Geschichten auch wegen ihres aufsässigen Subtextes so populär.</p>
<p>Das Motiv des pfiffigen Landstreichers entwickelte ein anderer Zeitgenosse zu einer weltberühmten Ikone weiter: Charles Chaplin, dessen berühmtes Outfit direkt aus den Comics entnommen zu sein schien. Von Chaplin stammt auch der Titel der Ausstellung: Die Comics seien „wonderfully vulgar“, sagte er 1957 in einem Interview. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte ein Kritiker sie noch als „unspeakably vulgar“ bezeichnet. Es scheint nur konsequent, dass Chaplin selbst – kaum, dass er einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hatte – zu seiner eigenen Comicfigur in einer Heftreihe wurde.</p>
<p>Für heutige Geschmäcker sind die Bildergeschichten und die Heftserien eher ungewohnt, etwa in ihrer Textlastigkeit: Sprechblasen sind eher Beiwerk, die Handlung wird unter den Bildern ausgearbeitet und die Hefte umfassten nicht nur Comicstrips, sondern auch Short Storys. Das macht die ganze Palette allerdings auch enorm vielseitig und die Zahl der Facetten geradezu unüberschaubar. „Alles, was nur vorstellbar war und gezeichnet werden konnte, wurde verarbeitet“, sagt Carpenter, und so wurde auch nicht davor zurückgeschreckt, ein literarisches Nationalheiligtum wie Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes als „Chubblock Homes“ in Frauenkleider zu stecken.</p>
<p>Obwohl Comics heute längst als etablierte Kunstform gelten dürften, die meisten Printmedien regelmäßig Strips veröffentlichen und trotz des Erfolges von Mangas und Graphic Novels werden diese Anfänge des modernen Comics immer noch ignoriert, sagt Carpenter, der dem Thema erstmals 1981, anlässlich der Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse, eine kleine Ausstellung gewidmet hat. Damals habe die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einer Besprechung geschrieben, dass es „höchste Zeit“ sei, „sich mit diesen Lesestoffen zu beschäftigen“. Das ist es nach drei Jahrzehnten immer noch. Carpenter hofft, dass sich irgendwann doch noch jemand findet, der etwas daraus macht; vielleicht einer der Studenten aus seinen letzten Lehrveranstaltungen. Zumindest habe der eine oder andere interessiert gewirkt, sagt er und lächelt. Dann muss er los, sein Büro leerräumen.</p>
<p>++++</p>
<p><em><a href="http://www.wonderfullyvulgar.de/" target="_blank">„Wonderfully Vulgar“</a> – Britische Comics von 1873 bis 1939, bis 10. Mai 2013, Foyer der Universitätsbibliothek</em></p>
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		<title>Krempel aus der Zwischenwelt</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Apr 2013 04:00:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<description><![CDATA[Studierende der Uni haben ihre erste eigene Ausstellung konzipiert, und eine ungewöhnliche dazu: &#8220;Was übrig bleibt&#8221; widmet sich Dingen, die ansonsten eher nicht im Mittelpunkt stehen. Wohl jeder hat zuhause so ein Ding, das irgendwo herumsteht oder –liegt; ein Ding, das irgendwann einmal bei irgendetwas übrig geblieben ist und das &#8230;]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Studierende der Uni haben ihre erste eigene Ausstellung konzipiert, und eine ungewöhnliche dazu: &#8220;Was übrig bleibt&#8221; widmet sich Dingen, die ansonsten eher nicht im Mittelpunkt stehen.</span></p>
<div id="attachment_41948" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Telefone.jpg"><img class="size-full wp-image-41948" alt="Übriges-Telefone" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Telefone.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Überholt: Telefone. Mit Kabeln und so. FOTO: mno</p></div>
<p style="text-align: center;">Wohl jeder hat zuhause so ein Ding, das irgendwo herumsteht oder –liegt; ein Ding, das irgendwann einmal bei irgendetwas übrig geblieben ist und das man deshalb in Ehren hält oder einfach nur noch nicht weggeworfen hat, manchmal ohne zu wissen, warum. Ein Kleidungsstück aus ferner Jugendzeit vielleicht, das nie, nie wieder passen wird, man weiß es ja und macht sich nichts vor, aber trennt sich trotzdem nicht davon. Die Muschel, die man an irgendeinem mediterranen Strand aufgelesen und sie – im Gegensatz zu anderen Muscheln von anderen Stränden – behalten hat, weil jener Urlaub eben schöner war als andere. Oder ein hässliches Geschenk, das von der Hochzeitsfeier übriggeblieben ist und das man behält, um es dem Schenker auf Nachfrage jederzeit vorweisen zu können – solchen Gegenständen widmeten Studierende der Uni Oldenburg nun eine eigene Ausstellung: „Was übrig bleibt“ ist gewissermaßen das Gesellenstück der zehnköpfigen Gruppe, die sich für den Masterstudiengang „Museum und Ausstellung“ eingeschrieben hatte. Die erste Ausstellung, die die Studierenden selbstständig auf die Beine stellten, und angesichts ihres bevorstehenden Berufseinstiegs vielleicht für einen längeren Zeitraum die letzte, bei der sie so viele Freiheiten hatten.</p>
<p>„Alles, was übrig ist, kann Ausstellungsstück sein“, sagt Franziska Scholl, eine der Ausstellungsmacherinnen. Und übrig ist, was in eine der fünf von der Gruppe festgelegten Kategorien passt: Emotionsgeladen, Entbehrlich, Überholt, Überstanden, Verfehlt. Es gäbe sicher auch andere, meint Scholl, diese Einteilung sei nicht in Stein gemeißelt, und das sei „ja auch das Spannende daran: Vielleicht sehen Besucher das ja ganz anders.“ Zunächst aber sind es diese fünf Kategorien, von denen sich die eine oder andere selbst erklären dürfte. „Emotionsgeladen“ ist etwa ein Top, von seiner Besitzerin nur einmal getragen – auf dem Geburtstag ihrer Großmutter, die vier Tage später starb, weshalb die Enkelin es nicht mehr anziehen mochte. „Überholt“ ist beispielsweise ein altes, aber noch funktionierendes Telefon, nur hat sein Besitzer jetzt eben ein neueres, moderneres, cooleres.</p>
<p>Ein Objekt habe eine Funktion, erklärt Nora Spielvogel, die Sprecherin der Studentengruppe, den Status des Übrigseins: „Irgendwann verliert es diese Funktion.“ Und bis es einer neuen zugeführt werden kann oder schlicht weggeworfen wird, existiere es in einer Art Zwischenwelt. In die gerate es bewusst oder unbewusst, manchmal auch rein zufällig: die Vase etwa, die die Bombardierung und Zerstörung eines Hauses unversehrt überstanden hat. Übriges aus der Rubrik „Überstanden“.</p>
<p>Man ahnt es bereits: Es gibt viele, sehr viele Gegenstände, die in eine dieser Kategorien und mithin auch in diese Ausstellung passen würden. All die Dinge, von denen man immer hört oder selbst sagt, dass sie „zu schade zum Wegwerfen“ seien, dass man sie „noch mal brauchen“ könne, dass man sie „irgendwann wieder benutzen“ würde. Wie diesen komisch aussehenden Bauchmuskeltrainer, den man eines Tages verwenden wird, ganz ehrlich bestimmt, wenn man halt Zeit und Muße hat.</p>
<div id="attachment_41946" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Bauchmuskeltrainer.jpg"><img class="size-full wp-image-41946" alt="&quot;NATÜRLICH werde ich den nochmal benutzen!&quot; FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Bauchmuskeltrainer.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">&#8220;NATÜRLICH werde ich den nochmal benutzen!&#8221; FOTO: mno</p></div>
<p>In Anlehnung an ein zuletzt in ermüdendem Maße strapaziertes Bonmot könnte man fragen: Ist das übrig – oder kann das weg? Viele der gezeigten Dinge hätten irgendwann wegkommen können, auf die eine oder andere Weise. Sind sie aber nicht. Sie sind vielmehr gefangen in ihrem prekären Zwischenwelt-Dasein, das sich über das Festhaltenwollen, eine längst vergangene Sammelwut oder die bloße Ratlosigkeit ihrer Besitzer definiert. Eine Lavalampe etwa ist dabei, die nur deshalb noch existiert, weil die Besitzerin nicht weiß, wie man sie korrekt entsorgen müsste. Dort verläuft die Trennlinie zwischen „Übrigem“ und, nun ja, „Müll“ &#8211; einem Begriff, der nicht wenigen Besuchern durch den Kopf schießt, beim Betrachten des einen oder anderen Exponats.</p>
<p>Aber genau dort, im Müll, landeten sie eben nicht, obwohl sie keinen Zweck mehr erfüllen, manchmal nicht einmal mehr als bewusst aufbewahrtes Erinnerungsstück dienen. Und das macht sie zu für die Oldenburger Studentengruppe zu Ausstellungsstücken, zu Exponaten einer Schau, bei der jeder Betrachter sofort eine Idee hat, was er dazu beisteuern könnte.</p>
<p>Auch die Macher müssen nicht lange überlegen, welche Dinge aus ihrem irdischen Besitz übrig sind. Für Franziska ist es ein T-Shirt, von Freunden vor einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt bemalt, nie getragen und auch nicht gewaschen, da sie befürchtet, dass es die Farbe verlieren würde. Nora nennt eine Jacke, die ein verflossener Exfreund zurückgelassen hat und die sich in der Kruschtelkiste unterm Bett befindet. Emotionsgeladen. Dozentin Karen Ellwanger fällt ihre Sammlung altertümlicher Biografien ein, die ihr immer als Mahnung dienten, dass sie „so etwas nie machen soll“. Die, oder die roten Pumps einer alten Freundin.</p>
<p>Und nach der Ausstellung? Dann findet sich jedes einzelne Exponat in genau derselben Situation wieder wie zuvor; wird konfrontiert mit der Frage: Was tun mit dem Ding? Wieder zurück in die Schublade, auf den Dachboden, in die Umzugskiste im Keller? Oder erlebt es eine Renaissance, bekommt einen Platz im Regal, auf dem Kaminsims, dem Beistelltisch? Oder kann es sein letztes bisschen Daseinsberechtigung vor dem durch die Ausstellung geschärften kritisch-prüfenden Blick des Besitzers nicht mehr verteidigen und geht den Weg allen Irdischen – Flohmarkt, Ebay oder letztlich doch die Mülltonne?</p>
<p>Diese Unsicherheit, aber auch die reine Vielfalt der Objekte verleiht der Ausstellung ihre Spannung. Sie bedient sowohl den Nostalgie- als auch den Fremdschämfaktor; die ganze Palette von „Weißt du noch“ bis „Mein Gott, hat sich das wirklich wer in die Wohnung gestellt?“ Ein bisschen Zeitgeschichte hier, ein wenig Soziologie dort, garniert mit einer Prise Psychologie – aber eben einem solchen Schubladendenken verwehren sich die Exponate. Die 50er-Jahre-Zimmeruhr mag der Eine oder Andere grässlich finden, für ihren Besitzer und Leihgeber Carsten Schipke ist sie eine liebgewonnene Erinnerung an „Opa Martin“ – nicht einmal sein leiblicher Großvater, sondern ein freundlicher alter Mann aus der Nachbarschaft, der „mit über 90 Jahren noch in die Bäume geklettert ist, um Zweige abzusägen“, wie sich Schipke erinnert. Als Opa Martin mit 96 starb, half Schipke dessen Verwandschaft bei der Auflösung des Haushalts; mit ihnen ist er seitdem befreundet. Und von Opa Martin sind Fotoalben übriggeblieben, Bücher, eine Urkunde von den Reichsjugendwettkämpfen 1930 – und eben die Uhr, die nun Schipkes Wohnung ziert.</p>
<p>Es ist müßig zu betonen, dass jedes Objekt eine solche ganz eigene Geschichte hat, denn das trifft auf so ziemlich jedes Exponat in jeder Ausstellung dieser Welt zu. Die „übrigen“ Objekte aber erzählen ihre Geschichte über die reine Provenienz hinaus; man erfährt in wenigen Sätzen sowohl rührende als auch schräge Hintergründe. Der Schachcomputer etwa, Modell „Mephisto“, die Älteren werden sich erinnern. Eine betagte Dame hatte ihn von Verwandten geschenkt bekommen, da sie gerne Schachspielen lernen wollte, aber dem rein männlich geprägten örtlichen Schachclub nicht beitreten durfte. Der Computer sollte ein gutgemeintes Präsent sein, mit dem die Frau aber nichts anfangen konnte – es ging ihr weniger um das Spiel selbst als durch die sozialen Kontakte, die sie eigentlich darüber zu knüpfen gehofft hatte. Das Ding landete auf dem Flohmarkt; dort fanden es die Ausstellungsmacher. Nun baumelt „Mephisto“ von der Decke, neben geschmacklosen Snoopy-Figuren, die ebenfalls in die Kategorie „Verfehlt“ eingeordnet wurden. Und ihre eigene Geschichte erzählen.</p>
<div id="attachment_41947" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Snoopy.jpg"><img class="size-full wp-image-41947" alt="Äh, hübsch. Leider zu groß für den Setzkasten. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Snoopy.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Äh, hübsch. Leider zu groß für den Setzkasten. FOTO: mno</p></div>
<p>Es war eine Idee, die ihnen spontan gekommen sei, sagen die Studierenden. Eine, die sofort funktionierte, weil „jeder sofort etwas damit anfangen kann“, sagt Nora. Und auch eine, die nicht starr festgelegt bleiben soll, denn die Macher wollen auch Rückmeldungen von den Besuchern haben, schließlich ist es ja ihre erste Ausstellung. Eine hängt bereits an der Pinnwand im Ausstellungsraum: „Denn das, was übrig bleibt, ist meistens Gekotztes“, hat jemand geschrieben.</p>
<p>++++</p>
<p><em><a href="http://www.uebriges.de" target="_blank">„Was übrig bleibt. Eine Ausstellung vom Aufheben, Verstauen und Zurücklassen“</a>, bis 6. April im Ullmann-Haus, Lange Str. 91, 1. Etage.</em></p>
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		<title>Sie weiß, was du letzten Sommer getan hast</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jan 2013 04:00:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Totale Vernetzung, jederzeit und überall abrufbare Daten, gläserne Bürger - eine Horrorvorstellung für die meisten Menschen. In Estland ist man diesen Weg schon recht weit gegangen, und der Künstler Timo Toots zeigt zurzeit im Edith-Ruß-Haus, wo er hinführen könnte.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Totale Vernetzung, jederzeit und überall abrufbare Daten, gläserne Bürger &#8211; eine Horrorvorstellung für die meisten Menschen. In Estland ist man diesen Weg schon recht weit gegangen, und der Künstler Timo Toots zeigt zurzeit im Edith-Ruß-Haus, wo er hinführen könnte.</span></p>
<div id="attachment_42352" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/01/EDR-Memopolis.jpg"><img class="size-full wp-image-42352" alt="Wann, was, wieviel, wen? Memopol kennt seine Benutzer besser als die meisten anderen. FOTO: EDR" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/01/EDR-Memopolis.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Wann, was, wieviel, wen? Memopol kennt seine Benutzer besser als die meisten anderen. FOTO: EDR</p></div>
<p>„Memopol II“ ist eine Maschine, die ihren Betreiber gewissermaßen virtuell die Hosen herunterzieht – sobald sie den Personalausweis gescannt hat, gibt sie Auskunft darüber, wo er wohnt, wen er kennt, wieviel er verdient, welche Pillen er schluckt und wie es in seinem Oberstübchen aussieht. Das wirkt, zumindest in der Installation im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst, zunächst wie eine kurzweilige Spielerei, eine Mischung aus Zufallsgenerator und automatisiertem Googlen. Aber der Spaß ist nur vordergründig. Die Maschine kennt keinen Humor, nur Zahlen; und nach erfolgter Analyse aller Daten reduziert sie ihre Benutzer auf eben diese.</p>
<p>Für den Durchschnittsbesucher wirkt das Ganze ziemlich science-fiction-mäßig, für den Künstler Timo Toots ist es das nur bedingt. Toots lebt in Estland, einem Land, das die Idee der elektronisch vernetzten Gesellschaft weiter vorangetrieben hat als jedes andere: Nahezu jeder Este besitzt ein Handy, der Zugang zum Internet ist gesetzlich verankert und über zahllose öffentliche Hotspots und Terminals gewährleistet, sogar die Teilnahme an Wahlen ist längst online möglich. Die Digitalisierung geht aber noch viel weiter: Der estnische Personalausweis ist eine Chipkarte, mit der sich rechtsverbindliche Verträge digital abschließen lassen; man kann mit ihm bezahlen, Behördenkram erledigen und er funktioniert auch als Krankenversicherungskarte.</p>
<p>Der Ausweis weiß, kurz gesagt, eine ganze Menge über seinen Inhaber – und da alle denkbaren Interaktionen online ablaufen, drängt sich die Frage auf, wer das noch alles weiß. Oder zumindest in Erfahrung bringen kann. Die Antwort liegt nahe: Der estnische Staat hat auch in punkto Datensammlung alle anderen EU-Staaten hinter sich gelassen. „Memopol II“ tut im Prinzip nichts anderes, als dieses staatliche Portal zu simulieren; dass Besucher des Museums zunächst einen gefaketen Registrierungsvorgang absolvieren müssen, um die Installation zu betreten, ist da nur folgerichtig.</p>
<p>Die digitale Revolution werde in Estland eher gefeiert als gefürchtet, sagt Jan Blum, Mitarbeiter am Edith-Ruß-Haus: Viele Esten nähmen sie vor allem als Erleichterung im Umgang mit alltäglichen Dinge wahr. Das persönliche Profil eines Menschen definiere sich nicht mehr nur über dessen physikalische Existenz, so Toots – es gebe noch das andere, das digitale, über das er manchmal nur wenig Kontrolle habe und das stetig wächst, jedes Mal, wenn man elektronisch bezahlt oder sich in einem Sozialen Netzwerk bewegt.</p>
<p>Dass „Memopol II“ eher schräge Ergebnisse ausspuckt, liegt daran, dass der eingescannte deutsche Perso nicht allzu viele Daten hergibt – noch nicht. Aber die Installation umfasst weitere, in Oldenburg erstmals zu sehende Räume; und dort wird es langsam ernster, viel ernster. Im Untergeschoss werden die Marktwerte der Benutzer von „Memopol II“ im Stil der bekannten Laufbänder aus Nachrichtensendungen an die Wand geworfen, inklusive Kursschwankungen. Ihre Leistungsfähigkeit und Krankheitsanfälligkeit wird analysiert und zu einem durchschnittlichen Prozentsatz zusammengefasst, der letztlich den Grad der Funktionalität des Betreffenden beschreibt. Arbeitgeber würde das wohl sehr interessieren, und spätestens hier fadet die Zukunftsmusik langsam aus – letztlich ist die elektronische Gesundheitskarte der erste Schritt in diese Richtung.</p>
<p>Ihren Höhepunkt findet die Installation im letzten Raum, einem vollautomatisierten Gerichtssaal. Die Entwicklung wurde von Toots hier konsequent weitergedacht: Die Maschine geht eine Reihe von fiktiven Strafrechtsparagraphen durch und gleicht diese mit den Eingaben der bisherigen Ausstellungsbesucher ab. Die Ergebnisse lesen sich lustig: „§177a: It is forbidden to complain about Markus“, steht da, gefolgt vom Namen des Benutzers und dem Schuld- oder Freispruch, immer wieder, Punkt für Punkt. „Ein elektronisches Jüngstes Gericht“, sagt Blum, „ohne Möglichkeit, sich zu verteidigen“. Wozu auch – schließlich ist eine Maschine nüchtern, unbestechlich und richtet sich nach den Fakten; sie ist die effizienteste Methode zur Industrialisierung der Rechtsprechung.</p>
<p>Bis es soweit kommt, werden noch viele Datenmengen durch die Glasfaserkabel fließen. Toots’ Installation wirft aber schon jetzt die Frage auf, wie weit dieser Weg wohl sein wird – an der Technik würde es ja schon heute nicht mehr scheitern.</p>
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		<title>Der raue Charme des Trostlosen</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Oct 2012 04:00:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Uni Oldenburg]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Journalist Gerhard Kromschröder setzt dem Emsland ein fotografisches Denkmal - Eindrücke einer Region, die nicht wenige eher meiden.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Der Journalist Gerhard Kromschröder setzt dem Emsland ein fotografisches Denkmal &#8211; Eindrücke einer Region, die nicht wenige eher meiden.</span></p>
<div id="attachment_42486" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-1.jpg"><img class="size-full wp-image-42486" alt="Neulich, irgendwo im Emsland. BILDER: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-1.jpg" width="600" height="389" /></a><p class="wp-caption-text">Neulich, irgendwo im Emsland. BILDER: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Eine Bushaltestelle mitten im Nirgendwo, lieblos aus Blech zusammengedengelt. Die in die Vorderwand hineingefräste Öffnung lässt sie wie eine in die Höhe gezogene Hundehütte erscheinen; die daneben platzierten Verkehrsschilder neigen sich zur Seite, als wäre ihnen sowieso schon alles egal. Wäre die Gegend, in der sie steht, nicht so offensichtlich feucht, würde man beim Betrachten des Fotos erwarten, dass ein vertrockneter Busch durchs Bild rollt. Das Mundharmonika-Lied von Ennio Morricone erklingt im &#8211; von der stetig wiederholten Bemühung dieses Stilmittels im Fernsehen abgestumpften &#8211; Innenohr. Die Bushaltestelle, um die es hier geht, steht im Emsland; das Foto von ihr, auf der man sie zu Gesicht bekommt, ohne Gefahr zu laufen, sich auf der Suche nach ihr in den nassen Weiten zu verirren, hängt in der Uni Oldenburg. Im Bibliotheksfoyer ist zurzeit die Ausstellung „Expeditionen ins Emsland“ des Journalisten Gerhard Kromschröder zu sehen.</p>
<p>Kromschröder war stellvertretender Chefredakteur des Satiremagazins <em>Pardon</em>, später investigativer Reporter und Redakteur beim <em>Stern</em> und schließlich Nahostkorrespondent, der während des ersten Irak-Kriegs aus Bagdad berichtete. Das Emsland, so möchte man meinen, klingt da als Ziel einer Fotosafari eher ein wenig – nun ja, klein. Das sieht Kromschröder allerdings anders: „Es ist doch viel spannender, im Kleinen das Große zu suchen und im Profanen das Erhabene, als sich nur mit den großen Dingen zu beschäftigen“, sagt der 71-Jährige.</p>
<p>Das Emsland – so nah und doch so fern; eine Region, die man nicht einmal durchqueren müsste, um irgendwo anders hinzukommen, da sie sich sehr gut umfahren lässt und von der man zumeist sowieso nur dann etwas hört, wenn gerade ein neues Kreuzfahrtschiff die Ems hinunterschleicht. Gerade einmal 40 Kilometer von Oldenburg entfernt und irgendwie doch ein ganz anderer Kulturkreis, ach was: eine ferne Galaxie. Als „Herz der Finsternis“ habe man den Landstrich damals, als Jugendlicher, wahrgenommen, erinnert sich der Satiriker und gebürtige Oldenburger Bernd Eilert, „fremdartig wie ein Mullahregime“. Der Schriftsteller Gerhard Henschel, der im Emsland zur Schule ging, bezeichnet es als „Schlumpfland“, und schon zu Kaisers Zeiten konstatierte ein durchreisender Geologe eine gewisse „Trostlosigkeit dieser Gegend“. Dass Kromschröder sich bei seinen Expeditionen mit seinem auswärtigen Kfz-Kennzeichen und dem Fotoapparat sogleich verdächtig machte und eine Reihe von Hinweisen auf sein undurchsichtiges Treiben bei der örtlichen Polizei eingingen, überrascht nicht wirklich.</p>
<p>Kromschröder hat nicht zufällig einen besonderen Blick für dieses merkwürdige, zwischen Ostfriesland, Osnabrücker und Münsterland sowie den Niederlanden eingeklemmte Niemandsland: Damals, in der Frühzeit seiner Karriere, arbeitete er als Lokalredakteur in Lingen und bei der <em>Ems-Zeitung</em> in Papenburg. Freunde hatte er sich mit seinen Recherchen nicht gemacht – zu sehr rüttelte er am regionsspezifischen Reaktionismus, am strengen Katholizismus, an der lange totgeschwiegenen braunen Vergangenheit, an der Erinnerung an die Emslandlager, die viele Einwohner lieber vergessen hätten. Und Freunde machte er sich auch jetzt mit der Ausstellung und dem zugrunde liegenden Bildband nicht – zumindest nicht im Landratsamt: Weder der ehemalige Landrat Hermann Bröring noch sein Nachfolger und CDU-Kollege Reinhard Winter waren im Sommer zur Eröffnung der Fotoschau im Moormuseum in Groß Hesepe anwesend. Bröring, der im Vorstand des Museumsvereins sitzt, soll seinen Unmut über Kromschröders Werk recht laut Ausdruck verliehen haben; Winter schlug gemäßigtere Töne an, aber die Aussage war die Gleiche: Den Landesherrn war der Eindruck, den die Fotos vom Emsland vermittelten, viel zu negativ.</p>
<div id="attachment_42487" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-2.jpg"><img class="size-full wp-image-42487" alt="Kalt. Nass. Herbst. Hat trotzdem was. BILD: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-2.jpg" width="600" height="268" /></a><p class="wp-caption-text">Kalt. Nass. Herbst. Hat trotzdem was. BILD: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Wie etwa die besagte Bushaltestelle. Oder das Schild, das den Weg zu einer „Stadtmitte“ weist, aber auf einer Verkehrsinsel mitten im Nirgendwo zu stehen scheint; im Hintergrund ein endlos scheinendes Getreidefeld. Oder das wie ein Hochsicherheitstrakt wirkende Einfahrtstor einer Hähnchenmastanlage. Oder die Schützen, immer wieder Schützen, die – seien wir ehrlich – sowieso schon etwas grundlegend Fremdartiges an sich haben. Es sind beeindruckende und groteske, abweisende und pittoreske, surreale und banale, trostlose und zum Schreien komische Motive. Die Schildchen darunter nennen den stets kurzen Titel und den Aufnahmeort, mehr nicht – und mehr ist auch gar nicht nötig. Die Bilder sprechen für sich.</p>
<p>Die meisten Aufnahmen hat Kromschröder zu Bild-Paaren zusammengestellt, und daraus beziehen sie eine umso tiefgreifendere Komik, die sich schwer in Worte fassen lässt. Da zeigt ein Bild ein Mantatreffen, sein Äquivalent eine Vernissage – beide dokumentieren eine ganz ähnliche Szenerie, scheinen aber von unterschiedlichen Planeten zu stammen, allerdings auch das wieder nur auf den ersten Blick. Stolze Rassehundebesitzer auf der einen, ein Hunde-Kackverbotsschild auf der anderen Seite. Hier eine Reihe erschossener Feldhasen, dort ein Kaninchenzüchter, der liebevoll seinen Rammler knuddelt. Da eine Wiese, auf der ein Boot liegt, dort ein Feld, das derart überschwemmt ist, dass das Boot eher dorthin zu gehören scheint – stattdessen stehen dort rostige Lkw-Wechselbrücken in der nassen Schlammwüste herum und warten scheinbar vergeblich darauf, jemals abgeholt zu werden.</p>
<p>Die Fotos würden die wirtschaftliche Dynamik des Landkreises unterschlagen, beschwerte sich Winter; „unfair“ und „polemisch“ nannte sie Bröring, und der Sprecher des Landkreises beschwerte sich gar schriftlich bei einer Zeit-Autorin über die „verzerrte Sichtweise“ ihrer Besprechung von Kromschröders Bildband. Die Ausstellung im Groß Heseper Moormuseum, ursprünglich auf vier Monate Dauer angelegt, wurde nach sieben Wochen vorzeitig beendet – der Verdacht, dass dies auf Druck der CDU-Granden geschah, dürfte nicht allzu weit hergeholt sein.</p>
<div id="attachment_42485" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-3.jpg"><img class="size-full wp-image-42485" alt="Auch eine Form von Dynamik. BILD: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-3.jpg" width="600" height="369" /></a><p class="wp-caption-text">Auch eine Form von Dynamik. BILD: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Den meisten Emsländern allerdings schienen deren Attacken herzlich egal zu sein. Die Ausstellung war gut besucht, die Erstauflage des Bildbands schnell vergriffen, berichtet Kromschröder. „Die Menschen sind viel klüger, als die Politik erlaubt“, sagt der Journalist: „Die Zeiten scheinen vorbei zu sein, in denen die Politiker sagen konnten, wo die Menschen ‚buh’ rufen und wo sie applaudieren sollen.“ Und überhaupt kann man das Ganze ja auch als eine Art Liebeserklärung an die Region sehen – eine erwachsene Liebe, bei der man eben auch die Macken und Kanten des anderen nicht übersieht.</p>
<p>Letztlich riet auch Eilert, trotz seiner Jugenderfahrung, nach der man „da einfach nicht hinfuhr“, jetzt zum Gegenteil: „Mir hat Gerhard Kromschröder erst recht Lust gemacht, mich bei nächster Gelegenheit dort in seinem geliebten Emsland einmal genauer umzusehen.“ Und aus der geharnischten Reaktion der beleidigten Landräte solle man ohnehin nicht den Rückschluss ziehen, dass so etwas typisch emsländisch sei, meint Kromschröder: „Wenn man etwas ähnliches mit Oldenburg macht – ich könnte mir vorstellen, dass die Reaktionen möglicherweise ganz ähnlich ausfallen würden.“</p>
<p>Wer wollte ihm da widersprechen.</p>
<p>&#8212;&#8212;<br />
<em><a href="http://www.uni-oldenburg.de/aktuelles/artikel/am/2012/09/21/von-schafen-und-schuetzen/" target="_blank">Gerhard Kromschröder: &#8220;Expeditionen ins Emsland&#8221;</a>, noch bis zum 31. Oktober im Foyer der Bibliothek der Uni Oldenburg (Campus Haarentor) zu sehen. Der gleichnamige Bildband ist bei Edition Temmen erschienen.</em></p>
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		<title>Die ganz alltägliche Integration</title>
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		<pubDate>Thu, 31 May 2012 04:00:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leute]]></category>
		<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>

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		<description><![CDATA[In der VHS ist zurzeit eine Wanderausstellung zu sehen, in der Zuwanderer aus den verschiedensten Weltregionen portraitiert werden - und die wächst: Bei jeder weiteren Station kommen neue hinzu.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">In der VHS ist zurzeit eine Wanderausstellung zu sehen, in der Zuwanderer aus den verschiedensten Weltregionen portraitiert werden &#8211; und die Schau wächst: Bei jeder weiteren Station kommen neue hinzu. Lola Kisljanowa ist eine von ihnen.</span></p>
<div id="attachment_42507" class="wp-caption aligncenter" style="width: 620px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/05/integration-Lola-Kisljanowa.jpg"><img class="size-full wp-image-42507" alt="Zufällig ausgewandert: Lola Kisljanowa. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/05/integration-Lola-Kisljanowa.jpg" width="610" height="421" /></a><p class="wp-caption-text">Zufällig ausgewandert: Lola Kisljanowa. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Der Titel der Ausstellung – „Ich integriere mich von frühmorgens bis spätabends“ – klingt beinahe, als sei Integration ein Vollzeitjob; einer, für den man sich abschuftet, vielleicht auch noch für einen geringen Ertrag. Lola Kisljanowa sieht es anders, für sie ist Integration keine Arbeit und keine Anstrengung, sondern „ein Vollzeitvergnügen“, ein persönliches Weiterentwickeln, manchmal auch ein Rätsel. Integration ist Alltag, manifestiert etwa im nachmittäglichen Kaffee und Kuchen. So eine Mahlzeit gebe es in ihrem Herkunftsland nicht, sagt die gebürtige Weißrussin, die in Russland aufgewachsen ist. Aber sie konnte bereits russische Bekannte davon begeistern.</p>
<p>Sie ist eine von rund 60 Personen, die in der Wanderausstellung in Wort und Bild portraitiert werden, und bei jeder Station kommen neue hinzu. Alle haben ihren eigenen, ganz persönlichen Migrationshintergrund, und zu ihnen zählen nicht nur Angehörige jener Zuwanderergruppen, die üblicherweise im Mittelpunkt der periodisch aufkommenden Integrationsdebatten stehen – eine gebürtige US-Amerikanerin ist darunter, eine auf Mallorca aufgewachsene Finnin, eine brasilianische Studentin. Und Kisljanowa, die Bibliothekarin aus St. Petersburg, seit 1997 in Deutschland.</p>
<p>Wenn sie über ihr Leben und ihre Beweggründe für die Auswanderung spricht – oder man das in der Ausstellung ausliegende Interview mit ihr liest – sucht man vergeblich nach großen Brüchen oder Schlüsselerlebnissen. Sie sei eher zufällig ausgewandert, habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, erzählt sie. Eine alte Bekannte, die sie zufällig in Moskau getroffen hatte, wollte nach Deutschland, und da sie schon mal dabei war, sich um die entsprechenden Papiere zu kümmern, hat sie das für Kisljanowa einfach gleich miterledigt. Sie habe es wie ein Spiel gesehen, sagt die heute 59-Jährige, aber „irgendwann kam ein Punkt, an dem ich mich entscheiden sollte“. Sie entschied sich für die Emigration, wegen der Enttäuschung über die Perestrojka und der ausufernden Kriminalität. „Lenin hat mal gesagt: &#8216;Wer nichts war, soll alles sein&#8217;“, sagt sie mit einem etwas bitteren Lächeln – im Russland der 90er habe sich das bewahrheitet.</p>
<p>Aber ausgerechnet Deutschland, als jüdische Russin oder russische Jüdin, deren Familie beim Vormarsch der Wehrmacht alles verloren hatte? Kisljanowa zuckt mit den Schultern, sie hätte ja gewusst, dass die Deutschen nicht mehr so seien wie in den 30er-Jahren. Ihr Jüdischsein habe im Umgang mit den Deutschen auch keine besondere Rolle gespielt, eher für skurrile Reaktionen gesorgt: „Oh, die erste Jüdin in meinem Leben“, bekam sie mal zu hören, oder: „Echt, Jüdin?“ Kisljanowa lacht, wenn sie davon erzählt; an wirkliche Probleme erinnert sie sich nicht. Genervt haben sie eher die ständigen Anspielungen auf den Wodkakonsum der Russen.</p>
<p>Anderen fiel das Ankommen in Deutschland schwerer, manchen auch leichter, und das ist wohl der Kern der Ausstellung – zu hinterfragen, ob es überhaupt einen Sinn ergibt, von „der“ Integration zu sprechen. Entstanden ist sie 2006 in einem Ort, der für den Beginn eines solchen Projekts nicht passender sein könnte: Das heute 25.000 Einwohner zählende ostwestfälische Städtchen Espelkamp war überhaupt erst durch Migration entstanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im dortigen ehemaligen Munitionslager Vertriebene untergebracht, später kamen Gastarbeiter hinzu, noch später wurde der Ort zu einem bevorzugten Ziel von Spätaussiedlern aus Osteuropa. Es gibt viele Nationalitäten in Espelkamp, viele Religionen, viele Kulturen – und noch viel mehr Varianten, Abstufungen und Auslegungen des Begriffs „Integration“, und mit jeder Station kommen weitere zur Ausstellung hinzu.</p>
<div id="attachment_42508" class="wp-caption aligncenter" style="width: 620px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/05/integration.jpg"><img class="size-full wp-image-42508" alt="Menschen und ihre Geschichten. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/05/integration.jpg" width="610" height="258" /></a><p class="wp-caption-text">Menschen und ihre Geschichten. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Bei allen Unterschieden in den Biografien der Zuwanderer ist die Ausstellungsmacherin Gertraud Strohm-Katzer auch auf die einen oder anderen wiederkehrenden Muster gestoßen. Zum Beispiel den Neid der Einheimischen auf die Zugezogenen, den Vorwurf, die Neuankömmlinge würden vom Staat begünstigt – der belaste die Integration von Spätaussiedlern heute genauso wie damals die der Vertriebenen. „Deren Integration wird heute gerne verklärt“, sagt Strohm-Katzer, „aber auch sie hatten durchaus große Probleme.“ Daher habe sie ein großes Interesse daran gehabt, auch diese Generation in das Projekt einzubinden, was nicht ohne Widerstände ging: Was sie denn mit Migration zu tun hätten, wurde Strohm-Katzer von Vertriebenen gefragt; Migranten, das seien doch die Anderen, „die Asylanten, die Wirtschaftsflüchtlinge“. In ihrer Ausstellung hängen die Portraits von Vertriebenen zwischen denen von Bürgerkriegsflüchtlingen und Aussiedlern.</p>
<p>Jugendliche wiederum „können es zumeist nicht haben, auf ihren Migrationshintergrund reduziert zu werden“, sagt die Kulturmanagerin, „auch nicht, wenn es fürsorglich gemeint ist – sie wollen so anders und so gleich sein wie alle anderen“. Und dann gebe es das Problem mit der beruflichen Qualifikation, die viele Migranten mitbringen, die aber in Deutschland nicht anerkannt wird. „Das führt bei vielen zu Frust und Enttäuschung“, sagt Strohm-Katzer – zwar habe sich das Problem in den Jahren seit Beginn der Ausstellung durch geänderte Gesetze ein wenig entspannt, aber es sei „immer noch weit davon entfernt, gerecht zu sein“.</p>
<p>Auch Kisljanowa hat ein Diplom als Patentingenieurin, das hier nichts zählt, aber sie nimmt es locker – dafür sei eben eine perfekte Beherrschung der Sprache nötig, und Deutsch sei ihr schon auf der Hochschule schwergefallen. Für die hohen Hürden, die der deutsche Staat bei der Anerkennung von Berufsnachweisen aufbaut, hat sie sogar Verständnis: „In Russland können Sie alles kaufen. Führerscheine, Zeugnisse oder einen Nachweis, dass Sie jüdisch sind – einfach alles.“ Ihr erster Abschluss, eine Ausbildung zur wissenschaftlichen Bibliothekarin, wurde immerhin anerkannt, sie ist heute in diesem Beruf tätig, auch wenn sie eher auf dem Niveau einer Aushilfe bezahlt wird.</p>
<p>Überhaupt, Sprache: Deren Beherrschung ist, da sind sich alle einig, von zentraler Bedeutung für „erfolgreiche“ Integration. Eine Binsenweisheit. Andererseits sind unter den in Oldenburg hinzugekommenen Migranten zwei Personen aus der jesidischen Gemeinde, die im Interview mit Strohm-Katzer eingeräumt haben, Analphabeten zu sein. Dennoch, sagt Brigitte Gläser von der Evangelischen Akademie, die die Ausstellung nach Oldenburg geholt hat, hätten sie sich eine erfolgreiche Existenz aufgebaut und einen gewissen Wohlstand erarbeitet. Sind sie nun gut integriert? Oder schlecht? Und: Wer will das eigentlich beurteilen?</p>
<p>Integration, das zeigt die Ausstellung, entzieht sich Schablonen und Schubladen. Wer die ausliegenden Transkriptionen der Interviews liest, merkt, wie viele Definitionen des Begriffs es gibt, wie unterschiedlich die individuellen Ansätze sind, was der Begriff „Heimat“ alles bedeuten kann – etwas, das man verloren hat oder auch gefunden; oder auch etwas, mit dem man nichts anfangen kann. Kisljanowa sagt: „Meine Heimat ist der Planet Erde. Ich bin überall zuhause.“ Integration, das ist ihr alltägliches Vergnügen. Außer vielleicht, wenn es alle paar Jahre zu einer der periodisch wiederkehrenden Ingrationsdebatten kommt. Wie sie das als Betroffene wahrnehme, Stoibers Leitkultur, Sarrazins Hobbyeugenik? Kisljanowa winkt müde ab: Das sei oft nur noch lächerlich. Die würden vor allem „von Leuten geführt, die sich nur theoretisch damit befassen“, die Integration innerlich gar nicht begreifen. Die Leute, mit denen sie damals nach ihrer Ankunft in Deutschland ein Wohnheim teilte, die Zuwanderer, die könnten was darüber sagen, wie Integration funktioniert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>„Ich integriere mich von frühmorgens bis spätabends“ – Vom Wegmüssen und Ankommen. Bis 9. Juni 2012. VHS Oldenburg, Karlstr. 25</em></p>
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		<title>Zwischen Mythos und Markenkult</title>
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		<pubDate>Thu, 19 May 2011 04:00:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stadtleben]]></category>
		<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Museum]]></category>

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		<description><![CDATA[35 Jahre - in der noch jungen Geschichte der Computertechnik ist das eine Zeitspanne, die ansonsten in etwa dem Abstand zwischen der frühen Bronzezeit und der Raumfahrtära entsprechen dürfte. Und da klassische Jubiläen im gerade erst durchstartenden Informationszeitalter noch eher selten sind, muss es eben auch mal eine krumme Zahl tun: In diesem Jahr feiert Apple seinen 35. Geburtstag, und das Oldenburger Computer Museum (OCM) widmet der hippen Computerschmiede aus Kalifornien eine eigene Ausstellung.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">35 Jahre &#8211; in der noch jungen Geschichte der Computertechnik ist das eine Zeitspanne, die ansonsten in etwa dem Abstand zwischen der frühen Bronzezeit und der Raumfahrtära entsprechen dürfte. Und da klassische Jubiläen im gerade erst durchstartenden Informationszeitalter noch eher selten sind, muss es eben auch mal eine krumme Zahl tun: In diesem Jahr feiert Apple seinen 35. Geburtstag, und das Oldenburger Computer Museum (OCM) widmet der hippen Computerschmiede aus Kalifornien eine eigene Ausstellung.</span></p>
<div id="attachment_42620" class="wp-caption aligncenter" style="width: 604px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/05/ocm-apple.jpg"><img class="size-full wp-image-42620" alt="Apple II, in Szene gesetzt vom technischen Ururenkel. BILD: S. Winter" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/05/ocm-apple.jpg" width="594" height="357" /></a><p class="wp-caption-text">Apple II, in Szene gesetzt vom technischen Ururenkel. BILD: S. Winter</p></div>
<p>Zu Gast bei der Eröffnung: Charlotte Erdmann, Chefredakteurin des M-Magazins, das sich mit allen möglichen Themen rund um Apple-Produkte befasst und mit seiner Selbstbezeichnung &#8220;Lifestyle und Technik Magazin&#8221; schon andeutet, woran der Erfolg des Konzerns im Wesentlichen festzumachen ist &#8211; Apple verkauft nicht nur Computer, Telefone und anderes Gerät; Apple verkauft ein Lebensgefühl und macht damit vermutlich auch sein Hauptgeschäft. Wer sich in bestimmten Kreisen ohne Mac blicken lässt, steht mitunter auf einer Stufe mit einem Aussätzigen: &#8220;Ich komme ja aus dem Designerbereich, da wird es schon regelrecht erwartet, dass man einen angebissenen Apfel auf dem Notebook hat&#8221;, sagt Thiemo Eddiks, Gründer des OCM und selbst in beiden Welten &#8211; Apple <em>und </em>Microsoft &#8211; groß geworden.</p>
<p>Auch wenn die Entscheidung zwischen Apple und Windows-PCs eine Glaubenssache bleibt: Die Bedeutung der Firma für die Entwicklung der gesamten Branche ist nicht kleinzureden. Mit dem Namen Apple ist nicht zuletzt die Etablierung der grafischen Benutzeroberfläche als Standard-Bedienungselement heutiger Computer verbunden. Der Apple II wurde nicht nur 16 Jahre lang gebaut, sondern aufgrund seiner Eigenschaft weltweit auch gerne kopiert; der 1984 erschienene Macintosh war seiner Zeit in mehrerer Hinsicht voraus. Und nicht nur in der IT-Welt hat der Konzern einen Stellenwert, der in bemerkenswerter Weise über seinen nach wie vor eigentlich eher geringen Marktanteil hinausgeht: Vor kurzem hat <a href="http://www.ftd.de/it-medien/computer-technik/:markenranking-apple-kickt-google-vom-thron/60049392.html" target="_blank">Apple Google als wertvollste Marke der Welt</a> abgelöst.</p>
<p><strong>Ein kleiner Schritt für den Besucher, ein großer Sprung für das Museum</strong></p>
<p>Für das Computermuseum bedeutet die Ausstellung den Schritt auf eine neue Stufe: Es handelt sich um die erste Sonderausstellung des nicht gerade großen Hauses. Um sie zeigen zu können, musste die Dauerausstellung &#8211; betriebsbereite Rechner aus vier Jahrzehnten &#8211; komplett abgebaut und verstaut werden. Zwar waren die Oldenburger nicht die Ersten, die zum Konzernjubiläum eine Ausstellung auf die Beine gestellt haben &#8211; das Museum für angewandte Kunst in Frankfurt zeigt seit März eine Apple-Schau. Dort nähert man sich dem Thema aber eher vom Standpunkt der Markenwahrnehmung, des künstlerischen Aspekts und der Psychologie. Im OCM dagegen darf der User &#8211; wie auch in der Dauerausstellung &#8211; in die Tastatur greifen: Alle ausgestellten Geräte sind funktionstüchtig.</p>
<div id="attachment_42619" class="wp-caption alignright" style="width: 178px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/05/ocm-onyx.jpg"><img class="size-full wp-image-42619" title="Mannshohe Neuerwerbung: Ein Onyx2 FOTO: M. Nolte" alt="Mannshohe Neuerwerbung: Ein Onyx2 FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/05/ocm-onyx.jpg" width="168" height="375" /></a><p class="wp-caption-text">Mannshohe Neuerwerbung: Ein Onyx2 FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Überhaupt hat das OCM zweieinhalb Jahre nach seiner Gründung Einiges erreicht. Ein Verein hat sich gegründet, ehrenamtliche Mitarbeiter halten den Betrieb aufrecht &#8211; und auch der Bekanntheitsgrad ist offenbar auch über die Stadtgrenzen hinaus deutlich gestiegen. So ist das Museum jüngst an einen Onyx-2-Rechner gekommen: Das kühlschrankgroße Grafikmonstrum ist bei einer Hamburger Werbeagentur ausgemustert worden, die Besitzer selbst haben beim OCM angefragt, ob Interesse daran bestünde. Es bestand durchaus: &#8220;Das Ding war in den 90er-Jahren das Maß aller Dinge, was Grafik betrifft&#8221;, sagt der zweite Vereinsvorsitzende Jörg Walter: &#8220;Auf so einem Gerät sind die Spezialeffekte von &#8216;Matrix&#8217; entstanden.&#8221; Der sperrige Klotz stellte das Museumsteam allerdings vor neue Herausforderungen: Auf dem halben Quadratmeter Grundfläche lasten fast 400 Kilo Gewicht. Das trägt nicht jeder Boden, und so muss der Onyx sein Dasein zunächst im Ausstellungsbereich fristen und damit leben, dass der eine oder andere Besucher versuchen wird, an ihm einen Kaffee zu ziehen.</p>
<p><strong>Warnung: Nicht genügend Abstellfläche auf c:</strong></p>
<p>Ein Grund mehr, nach neuen Räumlichkeiten Ausschau zu halten. Auch wenn die heutige Form des Museums schon eine dramatische Verbesserung zu den Anfängen der Sammlung darstellt &#8211; vor drei Jahren hatte Eddiks seine Geräte in einem Lagerraum gestapelt und konnte sie höchstens zu bestimmten Anlässen aufbauen -, so stösst das OCM bereits wieder an seine Grenzen. Daher wird ein neuer Standort gesucht, &#8220;vielleicht sogar groß genug, dass wir dauerhaft einen Extraraum für Sonderschauen zur Verfügung haben&#8221;, sagt Eddiks. Am Interesse des Publikums soll es nicht scheitern, das Museum spricht viele Menschen an &#8211; vom Kind, das sich dem Gameboy widmet über den Mittdreißiger, der verklärt auf den C64-Brotkasten blickt, bis hin zum Rentner, der erzählt, wie er seinerzeit mit Lochkarten hantieren musste. Und vielleicht wird ja auch mal ein solches Gerät an das Museum herangetragen.</p>
<p>Die kommenden Wochen aber werden ausschließlich im Zeichen des Apfels stehen, vom Holzkasten der 70er bis zum iPad. Und nicht nur in der Frankfurter Ausstellung, sondern auch hier ist spürbar, was am allerbesten bei Apple funktioniert: der Mythos. Zur Feier des Tages erzählt M-Chefin Erdmann im OCM die geradezu klischeehaft klingende Gründungsgeschichte des Weltkonzerns: Steve Jobs und Steve Wozniak als junge, unterernährte Studenten, die in der Garage ihre ersten Computer zusammenschraubten und dafür ihren geliebten VW-Bulli (Jobs) beziehungsweise ihren vergötterten Taschenrechner (Wozniak) verkaufen mussten. Das ist der Stoff, aus dem die IT-Legenden sind; man erwartet jeden Moment zu hören, dass Jobs in einer einsamen Blockhütte das Licht der Welt erblickte, und zwar in einer Krippe.</p>
<p>All das gehört untrennbar zur Marke Apple dazu. Apple-Rechner laufen stabiler, können mehr und heilen Krankheiten, sind eingeschworene Fans überzeugt &#8211; und sobald der Konzern ein neues Spielzeug auf den Markt wirft, ist nicht nur die Nerdfraktion, sondern auch die Medienwelt stets aus dem Häuschen und erzeugt regelmäßig flächendeckend das Gefühl, man brauche das neue iDings unbedingt; auch wenn man gar nicht unbedingt weiß, wofür eigentlich. Es spricht für die Ausstellung im OCM, dass es gelungen ist, diesen Zauber spürbar zu machen, ohne dem Hype zu verfallen.</p>
<p><em>Die Sonderausstellung &#8220;35 Jahre Apple-Computer&#8221;  läuft bis zum 30. Juni 2011 im <a href="http://www.computermuseum-oldenburg.de/" target="_blank">Oldenburger Computer-Museum</a>, Neue Straße 2. Geöffnet Di. und Do. von 17 bis 21 Uhr und jeden 2. und 4. Samstag im Monat von 12 bis 16 Uhr.</em></p>
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		<title>Der totale Hund</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Apr 2011 04:00:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stadtleben]]></category>
		<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Tierschutz]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Hund ist des Deutschen liebstes Kind - oder vielleicht in vielen Fällen das zweitliebste, gleich nach dem Auto. Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn nicht irgendwo genau geregelt wäre, wie ein Hund auszusehen hat. "Rassestandard" lautet der wenig sympathische Begriff für die Schablone, die von Züchtern auf ihre Tiere angewendet wird. Manche Tierfreunde sehen das mit mehr als nur gemischten Gefühlen.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Der Hund ist des Deutschen liebstes Kind &#8211; oder vielleicht in vielen Fällen das zweitliebste, gleich nach dem Auto. Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn nicht irgendwo genau geregelt wäre, wie ein Hund auszusehen hat. &#8220;Rassestandard&#8221; lautet der wenig sympathische Begriff für die Schablone, die von Züchtern auf ihre Tiere angewendet wird. Manche Tierfreunde sehen das mit mehr als nur gemischten Gefühlen.</span></p>
<div id="attachment_42628" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/04/hundeschau1.jpg"><img class="size-full wp-image-42628" alt="Die Geschmäcker sind verschieden. Glücklicherweise. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/04/hundeschau1.jpg" width="600" height="219" /></a><p class="wp-caption-text">Die Geschmäcker sind verschieden. Glücklicherweise. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Die Weser-Ems-Halle am vergangenen Wochenende: Hunde in allen Größen, Farben und Formen, eine ganze Batterie Pokale, Verkaufsstände mit allerlei Zubehör bis hin zum Kitsch und Schoßtiere mit derselben Frisur wie ihr Frauchen – der &#8220;Verein der Hundefreunde von Oldenburg und Umgebung e.V.&#8221; hatte zur nationalen Rassehundeschau geladen. Im Zentrum, gewissermaßen als Laufsteg, ein umzäunter Bereich, in dem unter den kritischen Augen der Richter die vierbeinigen Freunde zum Schaulaufen antreten.</p>
<p>Man kann das Gebaren der Rassetierzüchter mit all den Preisen, Kategorien, Pokalen und Schönheitswettbewerben belächeln, und nicht wenige Menschen tun es auch. Anderen vergeht das Lachen, wenn sie sehen, wie Tiere auf Ausstellungen nur noch wie eine Art von Luxusaccessoire präsentiert werden; und vollends unappetitlich wird es beim Thema Überzüchtungen: Katzen mit ultrakurzen Nasen oder ohne Schwanz, Tauben mit Miniaturschnäbeln, Wellensittiche mit extremem Federwachstum. Und eben Hunde mit Augen- und Hautreizungen, Knochenschäden oder Kurzatmigkeit.</p>
<p><strong>Nazihunde? Hundenazis?</strong></p>
<div id="attachment_42627" class="wp-caption alignright" style="width: 274px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/04/hundeschau-peta.jpg"><img class="size-full wp-image-42627" alt="Führers Hund? BILD: Peta" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/04/hundeschau-peta.jpg" width="264" height="375" /></a><p class="wp-caption-text">Führers Hund? BILD: Peta</p></div>
<p>Die Tierrechtsorganisation Peta, nie um eine plakative oder auch provokante Kampagne verlegen, griff zu diesem Anlass gleich wieder in die Vollen: Ein Plakat mit einem Hund, dem ein schwarzer Kamm so vor die Schnauze gehalten wird, dass er wie ein Hitlerbärtchen aussieht. Darunter das Wort &#8220;Rassenwahn&#8221; – in Frakturschrift. Man wolle die NS-Zeit damit keineswegs bagatellisieren oder trivialisieren, sagt Peta-Kampagnenleiterin Nadja Kutscher; gemeint sei der Wahn, &#8220;Hunde wegen eines bestimmten Merkmals zu züchten und zu erwerben&#8221;. Und das Plakatmotiv sei bei anderen Schauen gut angekommen, freilich nicht bei den Züchtern.</p>
<p>Der Erstkontakt mit dieser unbekannten Zunft verlief nicht gerade gut. Im Gespräch mit einer Züchterin fällt mir diese beim Stichwort &#8220;Hüftschaden bei Schäferhunden&#8221; sogleich ins Wort: &#8220;Woher haben sie <em>das</em> denn? Können Sie das belegen? Haben Sie wissenschaftliche Studien gelesen?&#8221; Es scheint, als hätten manche Züchter bereits Erfahrungen mit kritischen Fragen gemacht und nicht nur mit Organisationen wie Peta. Und überhaupt, fährt die Dame fort: Was sei überhaupt eine &#8220;Überzüchtung&#8221;? Schließlich sei in den Rassestandards des &#8220;Verbands für das Deutsche Hundewesen&#8221; (VdH) genau festgelegt, was erlaubt ist und was nicht.</p>
<p>Ja, die Rassestandards. Mehr als 300 gibt es; über den teutonischen Vorzeigehund schlechthin, den Deutschen Schäferhund, heißt es etwa im sogenannten FCI-Standard Nr. 166: &#8220;Stechende Augen sind nicht erwünscht, da sie den Ausdruck des Hundes beeinträchtigen.&#8221; Oder auch: &#8220;Kippohren und Hängeohren sind fehlerhaft.&#8221; Oder: &#8220;Die Kruppe soll lang und leicht abfallend (ca. 23° zur Horizontalen) sein.&#8221; Und schließlich: &#8220;Jede Abweichung von den vorgenannten Punkten sollte als Fehler angesehen werden.&#8221;</p>
<p><strong>Hunde, die Rücken haben</strong></p>
<p>Das klingt nicht nur ein wenig eklig, sondern geht nicht selten auch mit Leid für das Tier einher. Der herangezüchtete abfallende Rücken etwa führt bei jedem fünften Schäferhund zu einem Hüftschaden, der sogenannten Hüftdyslapsie. Das sei immerhin schon eine Verbesserung zu früheren Zeiten, sagt Ulrich Tobias, 2. Vorsitzender der Oldenburger Hundefreunde: &#8220;In den 60er-Jahren hatten 80 Prozent der Tiere kaputte Hüften&#8221;, heute seien immerhin 80 Prozent frei davon – der Schäferhund werde, wie andere Rassen auch, langsam wieder zurückgezüchtet. Das verbleibende Fünftel der Tiere dürfte das kaum trösten: Ihre Hüftdyslapsie könnte sich zu einer ausgewachsenen Coxarthrose verschlimmern, &#8220;und die führt zu schmerzhaften Zuständen&#8221;, erklärt der Oldenburger Tierarzt Dr. Andreas Biermann.</p>
<p>Die Hüftdyslapsie ist eine der bekannteren, aber bei weitem nicht die einzige rassetypische Krankheit. Biermann zieht ein Buch aus dem Regal, einen dicken Wälzer über Hundeerkrankungen, und schlägt eine mehrere Seiten lange Auflistung erblich bedingter Erkrankungen auf. Das &#8220;Dancing-Dobermann-Syndrom&#8221; etwa: Durch einen Schaden an der Wirbelsäule entwickeln betroffene Tiere ein unkoordiniertes Laufverhalten, sie taumeln. Heilbar ist diese Krankheit nicht.</p>
<p>Zwar ist nicht jede Erbkrankheit unmittelbar auf rücksichtsloses Zuchtverhalten zurückzuführen, aber letztlich seien alle heute vorhandenen Rassen, da alle Hunde vom Wolf abstammen, durch den Eingriff des Menschen entstanden. Und wer schon mal einen Mops aus nächster Nähe erlebt hat, glaubt das nicht nur aufs Wort, sondern weiß auch um dessen röchelnde Atmung. Dass es sich dabei um eine körperliche Beeinträchtigung handele, sei ein Gerücht, sagen manche Züchter. Das lautstarke Atmen des Tieres, über das der berühmte Zoologe Alfred Brehm dereinst schrieb, die Welt werde &#8220;nichts verlieren, wenn dies abscheuliche Tier den Weg alles Fleisches geht&#8221;, rühre lediglich von einem flatternden Gaumensegel her, wie beim schnarchenden Menschen. Dessen ungeachtet verweist Biermann darauf, dass Hunde mit kurzgezüchteten Nasen nicht selten Atemprobleme hätten; von geknickten Luftröhren bis hin zum Trachealkollaps. &#8220;Die Rassevielfalt ist ja grundsätzlich etwas Schönes&#8221;, sagt der Tierarzt: &#8220;Leider sind manche empfindlicher als die anderen.&#8221;</p>
<p><strong>Was war zuerst da &#8211; der Züchter oder der Käufer?</strong></p>
<p>Das wäre schon problematisch genug – aber warum darüber hinaus die Auswüchse dieser Vielfalt, der von Peta so bezeichnete &#8220;Wahn&#8221;? Warum immer kleinere Nasen und größere Ohren, immer kürzere Beine und längeres Fell – oder auch gar keins, wie bei Nackthunden? &#8220;Es gibt Leute, die einen ziemlich abartigen Geschmack haben&#8221;, sagt Tobias. &#8220;Und manche Menschen wollen solche Hunde&#8221;, und die Züchter – manche Züchter jedenfalls – kämen dem nach. Das sei das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Auf die Frage, ob die Züchter tatsächlich immer erst auf eine angenommene Nachfrage reagieren oder selbige durch Überzüchtungen überhaupt erst erzeugen, weiß auch er keine rechte Antwort.</p>
<p>Hat wirklich jemand einen Hund verlangt, der über so stark ausgeprägte Hautfalten verfügt, dass Sie ihm ins Auge hängen, wie es beim Shar-Pei manchmal der Fall ist? Aber nein, auch hier schafft der Rassestandard Klarheit: &#8220;Die gesunde Funktion der Augäpfel oder der Augenlider darf keinesfalls durch die sie umgebende Haut, die Falten oder die Haare beeinträchtigt sein. Jegliches Anzeichen von Reizung am Augapfel, an der Bindehaut oder an den Augenlidern ist höchst unerwünscht.&#8221; Ein Hund, der dennoch davon betroffen ist, hat wohl Pech gehabt. Für die Zucht ist er dann jedenfalls nicht mehr zu gebrauchen. Oder, wie eine Züchterin erklärte: &#8220;Tiere mit Erbkrankheiten sollten sich dann nicht vermehren. Wäre ja auch beim Menschen vielleicht wünschenswert.&#8221; Und vielleicht, denkt man sich in solchen Momenten, vielleicht hat Peta doch nicht so unrecht mit dem Plakat.</p>
<div id="attachment_42629" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/04/hundeschau2.jpg"><img class="size-full wp-image-42629" alt="Schlange stehen für den Sieg: Warten auf den Pokal. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/04/hundeschau2.jpg" width="600" height="95" /></a><p class="wp-caption-text">Schlange stehen für den Sieg: Warten auf den Pokal. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Immerhin: Das Kupieren der Rute bei Hunden – &#8220;Habe ohnehin nie verstanden, was das sollte&#8221;, meint Tobias – ist vor 13 Jahren verboten worden; außer bei Jagdhunden. Eine mitunter recht eigenwillige Unterscheidung, sagt Biermann: &#8220;Münsterländer und Deutsch Kurzhaar sind sehr, sehr eng verwandt – aber bei dem einem wird kupiert, weil er zur Jagd eingesetzt wird und bei dem anderen nicht.&#8221; Auch sind sogenannte Qualzuchten nach Paragraf 11b des Tierschutzgesetzes verboten. Das Problem, meint Benjamin Heyer vom Tierschutzverein Oldenburg, sei die recht vage Formulierung des Gesetzes, die viel Raum für Interpretation lasse: &#8220;Da muss man sich nur im nächsten Zoogeschäft die Goldfische mit ihren Riesenflossen anschauen, da interessiert das schon niemanden mehr.&#8221; Dennoch: Der VdH sei mit seinen Rückzüchtungen zumindest auf einem guten Weg, und Rassetierhaltung und Tierliebe schlössen sich natürlich keineswegs aus: &#8220;Wenn das Tier noch Tier sein darf und nicht von Ausstellung zu Ausstellung geschleppt wird, ist das ja auch kein Problem.&#8221; Der Stand des Tierschutzvereins in der Weser-Ems-Halle sei allerdings auch nicht gerade von Interessenten überrannt worden, räumt Heyen ein.</p>
<p>Tierarzt Biermann holt zu diesem Thema zwei Zeitschriften aus dem Wartezimmer hervor: Zum einen &#8220;Hundesport&#8221;, ein Blatt, in dem es in weiten Teilen um Frisbeespielen, Hundeausbildung und Agilityprüfungen geht und nur am Rande darum, zu welcher Rasse die Tiere gehören; zum anderen das Verbandsorgan des &#8220;Verbands Deutscher Kleinhundezüchter&#8221;, in dem es um kaum etwas anderes geht, mit Rubriken wie &#8220;Zuchtbuchamt&#8221; und &#8220;Deckmeldungen&#8221; und einer Auflistung von Zuchtwarten. Deutlicher kann man sich kaum vor Augen führen, welch unterschiedliche Motive Hundehalter so umtreiben. &#8220;Viele Menschen wollen sich nun mal mit etwas schmücken – bei dem einen ist es das Auto, bei dem anderen der Hund&#8221;, sagt Tobias.</p>
<p>Und manche sollten es vielleicht bei einem Porzellanhund belassen: Die gibt es nämlich auch in allen Größen, Formen und Farben.</p>
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