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	<title>Noltejournal &#124; Magazin &#187; Leute &#124; Noltejournal | Magazin</title>
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		<title>Hinter Gittern</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Jun 2013 10:37:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leute]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Jugendabteilung der JVA für Frauen in Vechta ist die einzige ihrer Art im Norden. Es gibt dort eine halboffene Wohngruppe - klingt nach WG, bleibt aber dennoch Strafvollzug.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Jugendabteilung der JVA für Frauen in Vechta ist die einzige ihrer Art im Norden. Es gibt dort eine halboffene Wohngruppe &#8211; klingt nach WG, bleibt aber dennoch Strafvollzug.</p>
<div id="attachment_42779" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/JVA-Vechta-außen.jpg"><img class="size-full wp-image-42779" alt="Die ihr hier eintretet ... FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/JVA-Vechta-außen.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Die ihr hier eintretet &#8230; FOTO: mno</p></div>
<p>„Trautes Heim“, sagt Nicole (<em>Name geändert</em>), während sie auf die leuchtend blaue Tür zugeht. Ein wenig Bitterkeit hat sich in ihre Stimme geschlichen, allerdings nur eine Spur, keine zur Schau getragene Wehmut. Denn ein trautes Heim sieht normalerweise anders aus: Die Pforte befindet sich in einer stacheldrahtgekrönten Mauer, dahinter ragt ein trister Backsteinbau mit vergitterten Fenstern auf, eine Kamera beäugt den Eingangsbereich. Hinter der blauen Tür wartet kein Wohnzimmer, kein Balkon, auf den man sich an diesem lauen Tag setzen könnte. Sondern ihre Zelle. Die 20-jährige Nicole sitzt im Knast. Und für heute ist ihre Zeit in der Außenwelt, in der sie und eine Mitgefangene eine Schule im Nachbarort besuchen, abgelaufen.</p>
<p>Es geht durch die schwere Stahltür und einen tristen, von fensterlosen Mauern umfassten Innenhof in die Wachstube, über deren Türsturz jemand ein paar kleinformatige Handschellen genagelt hat. Es wirkt wie eine latente Drohgebärde, vielleicht ist es auch nur eine Art Gag, der sich Außenstehenden nicht erschließt. Mit einem lockeren „Na, ihr Studenten“ begrüßen die Vollzugsbeamten, von denen keiner uniformiert ist, die beiden jungen Frauen und händigen ihnen ihre Zellenschlüssel aus. Ganz recht, Schlüssel: In dieser Abteilung der Justizvollzugsanstalt schließen die Inhaftierten ihre Zellen selbst auf. Manchmal geben Mitgefangene gar ihre Schlüssel vorübergehend in Nicoles Obhut, sie häufen sich dann auf dem kleinen Tisch in ihrer Zelle.</p>
<p>Ein ungewöhnlicher Anblick, aber es ist auch kein gewöhnlicher Gefängnistrakt, in dem die junge Frau ihre Strafe absitzt. Er ist Teil der Jugendabteilung der JVA für Frauen im niedersächsischen Vechta, der einzigen im Norden; und hier werden die Akzente anders gesetzt als im Erwachsenenvollzug, angefangen bei den Beamten in Zivilkleidung. „Das macht schon einen großen Unterschied“, sagt Nicole, „die Distanz ist nicht so groß“. Auf dem Weg zu Nicoles Zelle begegnen uns ein paar der anderen Insassinnen, die über den Flur schlendern. Begrüßungen werden ausgetauscht, mal mehr, mal weniger herzlich; je nachdem, wie man miteinander so klarkommt. Vor einer Zellentür liegt eine Fußmatte mit der Aufschrift „Willkommen“. Trautes Heim.</p>
<p>„Halboffene Wohngruppe“ ist die offizielle Bezeichnung für diese Form des Strafvollzugs, und was entfernt nach einer Art WG klingt, wirkt in manchen Details auch beinahe wie eine solche. Auf der Hälfte des Flurs, von dem zu beiden Seiten die Einzelzellen abgehen, liegt die Küche, möbliert mit einer handelsüblichen Einbauzeile, einem Tassenregal, einer Sitzgruppe. Die Küche steht den Häftlingen zur Verfügung; aber bis auf den Umstand, dass jemand einen leeren Joghurtbecher auf dem Tisch stehengelassen hat, wirkt es nicht gerade, als würde sie besonders häufig genutzt werden. Tatsächlich bekommen die Häftlinge ihre üblichen Mahlzeiten per Essenswagen angeliefert. Und im Kühlschrank stelle ohnehin niemand etwas ab, sagt Nicole: „Das verschwindet sowieso.“ Wie in einer WG eben.</p>
<div id="attachment_42778" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/JVA-Vechta-Innenhof.jpg"><img class="size-full wp-image-42778" alt="Blick von der Küche in den ... nun, Garten. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/JVA-Vechta-Innenhof.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Blick von der Küche in den &#8230; nun, Garten. FOTO: mno</p></div>
<p>Wenn sie ab und zu mit anderen dort kocht, zählt das zu den wenigen Abwechslungen des Knastalltags, und auch die ist durchreglementiert: Zweimal im Monat können die Frauen eine Besorgungsliste ausfüllen, ein paar Tage später bekommen sie die Sachen ausgehändigt, das Geld wird ihnen abgezogen. Selber einkaufen ist nicht drin: Der tägliche Weg zur Schule ist, abgesehen von Urlaubstagen, die einzige Möglichkeit für Nicole, das Gefängnis zu verlassen.</p>
<p>Die zehn Kilometer in den Nachbarort legt sie mit dem Zug zurück, den letzten Kilometer vom Bahnhof zur Volkshochschule, in der sie ihren Realschulabschluss nachholt, geht sie zu Fuß. Immerhin ein kleines Stückchen Freiheit, wenn auch natürlich ein begrenztes. Das Wachpersonal kennt ihren Stundenplan und weiß, wann sie zurückkommen müsste – nach der Schule ein Eis essen zu gehen ist nicht drin. In ihrer Klasse kennt jeder Nicoles Hintergrund, sie macht auch kein Geheimnis daraus. Probleme mit Lehrern oder Mitschülern gebe es keine, sagt sie; das habe sie zuerst gewundert. Es sei nur „schon ein bisschen doof, wenn man montags hört, was die anderen am Wochenende gemacht haben, ins Kino oder auf Partys gegangen sind“, sagt Nicole. Wenigstens werde sie nicht gefragt, ob sie mitkommen wolle – die Mitschüler wüssten ja, was los ist.</p>
<p>Seit eineinhalb Jahren sitzt Nicole in Haft. Sie büßt für jenen Abend, an dem ihr bis dahin ohnehin schon nicht eben geradlinig verlaufenes Leben plötzlich vollends aus der Kurve geflogen ist. Ein Abend, an dem sie mit ihrem Ex-Verlobten und anderen zusammengesessen hat, mit reichlich Alkohol, auch Drogen. An dem es erst zu Streit, dann zu Handgreiflichkeiten, dann zu roher Gewalt kam und an dessen Ende einer der Bekannten des Paares schwer verletzt am Boden lag. Sie könne sich nicht daran erinnern, ob sie auch zugeschlagen hat, aber sie zieht sich auch nicht auf Unschuldsbeteuerungen zurück. „Ich weiß, dass ich falsch gehandelt habe“, sagt sie. „Ich hätte die Polizei rufen können.“ Hat sie aber nicht. Ihre damalige Beziehung sei ohnehin schon „ziemlich schwierig“ gewesen.</p>
<p>An diesem Abend begann für sie ein anderes Leben, eines, an das sie trotz früherer Delikte – hier eine Schwarzfahrt, da ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz – kaum einen Gedanken verschwendet hatte. Nicole erzählt, wie ihre Mutter sie früher ermahnt hatte, dass sie ihr vielleicht mal ein Gefängnis zeigen solle, damit sie sich benehme. „Ich komme nie in den Knast“, habe sie dann immer geantwortet:„Und hier sitze ich nun.“ Drei Jahre wegen gefährlicher Körperverletzung.</p>
<div id="attachment_42781" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/JVA-Vechta-Gefangene.jpg"><img class="size-full wp-image-42781" title="Ein winziges Stückchen Zuhause. FOTO: mno" alt="JVA Vechta Gefangene" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/JVA-Vechta-Gefangene.jpg" width="600" height="419" /></a><p class="wp-caption-text">Ein winziges Stückchen Zuhause. FOTO: mno</p></div>
<p>Nicole bittet in ihre winzige Zelle, die mit dem Bett, zwei kleinen Regalen an Kopf- und Fußende sowie dem Tisch, an dem man sich vermutlich ständig das Bein zu stoßen droht, zugestellt ist. Obwohl die Sonne scheint, hat sie die Vorhänge zugezogen – vielleicht möchte sie die Gitterstäbe nicht öfter sehen als unbedingt nötig. Ansonsten sind die paar Quadratmeter so wohnlich wie eben möglich gestaltet – an die Wände hat sie Fotos ihrer Familie, ihres Hundes und, vor allem, ihres Ehemanns gehängt. Der sitzt eine Haftstrafe in einer anderen JVA ab, dort haben sie auch geheiratet. Nicole hatte dafür Sonderurlaub bekommen. „Hatte ich mir auch mal anders vorgestellt, meine Hochzeit.“</p>
<p>Und ihren Knastalltag, hatte sie sich den so vorgestellt? Nicole überlegt. Nein, sagt sie schließlich. Eigentlich eher wie den Polizeigewahrsam nach der Verhaftung, eine Zelle mit einer Matratze, sonst nichts. „Als ich hier reinkam und den Fernseher gesehen habe, habe ich mir erstmal dessen Rückseite angeschaut, ob da überhaupt Kabel rauskommen“, erzählt sie. „Mein erster Gedanke war: Das ist doch eine Attrappe.“ Und nachdem sie in die Wohngruppe verlegt worden war, sei sie mitten in der Nacht aufgestanden und auf den Flur gegangen. Weil sie es nicht richtig fassen konnte, dass das möglich war. Zuvor hatte sie einige Zeit im geschlossenen Vollzug verbracht, in der Etage darüber, wo es feste Schließzeiten gibt. Nur wer nach der Einschätzung der Beamten gemeinschaftsfähig ist, bekommt die Chance, in den halboffenen Vollzug zu wechseln.</p>
<div id="attachment_42780" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/JVA-Vechta-Flur.jpg"><img class="size-full wp-image-42780" alt="Den Flur betreten, einfach, weil es geht. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/JVA-Vechta-Flur.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Den Flur betreten, einfach, weil es geht. FOTO: mno</p></div>
<p>Allzu harmonisch fällt diese Zwangsgemeinschaft allerdings auch nicht immer aus. Ein Dutzend Frauen sind zurzeit in der Abteilung inhaftiert, zwölf Menschen, die sich ihr Zusammenleben nicht ausgesucht haben. Es komme „schon mal zu Zickereien“, sagt Nicole, manchmal auch zu Handgreiflichkeiten, aber selten. „Jede von uns hat mal einen Scheißtag“, sagt sie, „und wir sitzen ja auch alle nicht ohne Grund da“. Manchmal reichen Kleinigkeiten, dann geht’s los – aber „zwei Tage später sitzen dieselben auch wieder bei einem Kaffee zusammen“. Natürlich werde zwischendurch auch mal gelacht, und mit zwei Mitgefangenen hat Nicole engeren Kontakt – obwohl es „immer heißt, dass im Knast keine Freundschaften entstehen könnten.“</p>
<p>Und ein Knast ist es nun mal, Wohngruppe hin, Einbauküche her. Die eher spröde Gemütlichkeit der Küche endet beim Blick aus dem Fenster, aus dem man nur schauen kann, wenn man sich auf einen Stuhl stellt: Hinter den Gitterstäben öffnet sich das triste Panorama einer lieblosen Außenanlage, deren Teich leergepumpt ist und sein nacktes Betonbett zeigt. Einmal pro Tag dürfen die Inhaftierten für eine Stunde da hinaus. Es gibt kein Internet, Handys sind verboten, Telefonate dürfen nur mit Personen geführt werden, die die Vollzugsbeamten als unbedenklich einstufen.</p>
<p>Die Hälfte ihrer Haftstrafe hat Nicole hinter sich, und jeden Tag denkt sie über ihr Leben nach, über den Abend, an dem alles schiefgelaufen ist, über das Opfer, falsche Freunde, über sich selbst. Die Vergangenheit will sie hinter sich lassen und die Zukunft anpacken. Sobald sie demnächst ihren Abschluss in der Tasche hat, will sie sich um eine Lehrstelle bemühen – erste Bewerbungen hat sie schon geschrieben. Wenn’s klappt, darf sie sich Hoffnungen auf vorzeitige Entlassung machen.</p>
<p>Zwar hätte sie sich schönere Umstände als eine Haftstrafe gewünscht, um ihr Leben umzukrempeln, sagt sie heute &#8211; aber „vielleicht war das einfach mal nötig.“</p>
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		<title>Mäzene von Nebenan</title>
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		<pubDate>Mon, 27 May 2013 04:35:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leute]]></category>
		<category><![CDATA[Landesmuseum]]></category>

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		<description><![CDATA[Darf's ein ausgestopfter Vogel sein - oder doch eher ein archäologisches Fundstück? Das Landesmuseum vergibt Patenschaften für seine Exponate - mit den Geldern wird die Portokasse aufgestockt.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Darf&#8217;s ein ausgestopfter Vogel sein &#8211; oder doch eher ein archäologisches Fundstück? Das Landesmuseum vergibt Patenschaften für seine Exponate &#8211; mit den Geldern wird die Portokasse aufgestockt.</span></p>
<div id="attachment_41886" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/05/NuM-Paten-www.jpg"><img class="size-full wp-image-41886" alt="Gruppenbild mit Vogel: Das Ehepaar Spiecker und &quot;ihr&quot; Pirol. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/05/NuM-Paten-www.jpg" width="600" height="342" /></a><p class="wp-caption-text">Gruppenbild mit Vogel: Das Ehepaar Spiecker und &#8220;ihr&#8221; Pirol. FOTO: mno</p></div>
<p>Für welches der Zigtausende Exponate sie sich entscheiden würden, wussten die Spieckers noch nicht, als sie sich nach Oldenburg ins dortige Landesmuseum Natur und Mensch aufmachten. Seit einigen Monaten bietet das Haus Patenschaften für seine Sammlungsstücke an, vom präparierten Nachtfalter bis zu einzigartigen archäologischen Fundstücken. Margitta und Michael Spiecker entschieden sich am Ende für den ausgestopften Pirol, den sich das Delmenhorster Ehepaar – schließlich muss man als Pate ja Geld locker machen – 200 Euro kosten ließ. „Ich bin richtig glücklich“, sagt die 63-Jährige.</p>
<p>Je nach Exponat werden für eine solche Partnerschaft zwischen hundert und mehreren tausend Euro fällig – am oberen Ende der Skala rangieren Objekte wie der Meteorit „Benthullen“ oder ein Präparat des seit 160 Jahren ausgestorbenen Riesenalks. Das Konzept hat Museumsdirektor Peter-René Becker von seiner früheren Wirkungsstätte, dem Überseemuseum Bremen, mitgebracht. Es gehe bei dieser Klingelbeutelaktion allerdings nicht etwa darum, dass es dem altehrwürdigen Oldenburger Haus finanziell besonders schlecht ginge – das vom Land getragene Museum steht auf einer soliden Basis, auch wenn es, wie andere Kultureinrichtungen auch, nicht unbedingt in Geld schwimmt. Er wolle damit vielmehr die „ohnehin schon starke emotionale Bindung“ der Besucher zum Museum vertiefen, sagt Becker. Und ein bisschen Geld für außerplanmäßige Ausgaben zur Verfügung haben.</p>
<p>Diese emotionale Bindung war bei den Spieckers zuvor vielleicht nicht so besonders eng, zumindest nicht so stark wie ihre sonstige Naturverbundenheit. Vor 25 Jahren haben sie die Delmenhorster Ortsgruppe des Nabu mitgegründet, davor waren sie im Vogelschutzbund aktiv. Die 63 und 67 Jahre alten Eheleute gehen gerne wandern, gerade erst haben sie beim Urlaub an der Ostsee einen Seeadler beobachten können, berichten sie. Daneben versuche er auch schon mal, Vögel mit Pfeifen anzulocken, um sie aus der Nähe zu sehen, sagt Michael Spiecker. Nachtigallen etwa – oder eben Pirole, die nicht eben zu den häufig vorkommenden Arten zählen. Der scheue gelb-schwarze Vogel steht auf der Vorwarnliste der Naturschützer, eine Stufe vor der Roten Liste. Nicht akut bedroht, aber auch nicht gerade ungefährdet.</p>
<p>Als sie beim Rundgang durch das Museum den Pirol entdeckten, war die Entscheidung dann auch schnell getroffen. Dieser Vogel sei in den vergangenen Jahren immer seltener zu hören gewesen, zuletzt hätten sie nur noch von einem einzigen Brutpaar in Delmenhorst gewusst, erzählen die beiden Vogelfreunde. Sichtungs- und Rufhäufigkeit seien letztlich Indikatoren für den zunehmenden Verlust des Lebensraums für ganze Arten: „Denken Sie nur an den Kiebitz!“ Der war einmal ein Allerweltsvogel, heute bekomme man ihn kaum mehr zu Gesicht.</p>
<p>Also der Pirol, der im Museum in einem, nun ja, eigenwilligen Ensemble zur Schau gestellt wird: Der Vogel ist an einem Ast befestigt, gemeinsam mit ein paar Paradiesvögeln. Ein Kapitän hatte um 1900 diese ausgestopften Tiere, die von ihrer Art und ihrem Vorkommen her überhaupt nichts miteinander zu tun haben, in einem Glaskasten arrangiert und an die damalige Großherzogliche Naturaliensammlung veräußert. Heute ist der Kasten unveränderter Teil der „Wunderkammer“, wie Becker sie nennt: Ein Raum im Museum, der so belassen wurde wie vor hundert Jahren.</p>
<p>Die Spieckers stört die altertümliche und ornithologisch wenig sinnvolle Präsentation nicht. Sie sei froh, dass es mit dem Pirol überhaupt geklappt habe, sagt Margitta Spiecker. Es mache auch nichts, dass die mit der Patenschaft einhergehende Geldspende gar nicht direkt für das betreffende Objekt verwendet wird &#8211; das Museum finanziert damit andere Dinge, Neuanschaffungen etwa, Materialkosten, unter Umständen auch die Verbesserung der Sicherheitseinrichtungen. Im Gegenzug gibt es eine Urkunde und eine namentliche Nennung der Paten auf einem Monitor an der Kasse, bei höherpreisigen Objekten mitunter auch eine Plakette. Wichtiger sei ihnen, dass das alles mit dazu beitrage, die Sammlung – und damit auch „ihren“ Pirol – zu erhalten und für Schulkinder erfahrbar zu machen, sagen die Eheleute.</p>
<p>Ihren Patenvogel werden sie jetzt wohl öfter mal besuchen, und vielleicht bekommt der Pirol beizeiten auch ein Patengeschwisterchen. Die frischgebackenen Paten werden jedenfalls hellhörig, als Becker erzählt, dass er unlängst einen Wiedehopf gesehen habe. „Möglich, dass der Pirol nur der Einstieg war“, sagt Margitta Spiecker. Für Becker wäre das nichts Neues: Während seiner Zeit in Bremen sei eine Familie so sehr in Schildkröten vernarrt gewesen, dass sie am Ende Patenschaften für alle vorhandenen Exemplare übernommen hatten, sogar jene, die im Magazin lagerten. Soweit werden die Spieckers kaum gehen: Insgesamt besitzt das Landesmuseum rund 6.000 Vögel.</p>
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		<title>&#8220;Letzte Zuckungen eines Körpers, der nicht sterben will&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Mar 2013 04:00:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Leute]]></category>
		<category><![CDATA[Forschung]]></category>
		<category><![CDATA[Uni Oldenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Im zweiten Teil des Lokalteil-Interviews spricht Postwachstumsökonom Niko Paech über den Bioboom, erklärt, warum er die Energiewende für ein Desaster hält - und warum sich sein persönlicher Frustfaktor trotz allem in Grenzen hält.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Im zweiten Teil des Lokalteil-Interviews spricht Postwachstumsökonom Niko Paech über den Bioboom, erklärt, warum er die Energiewende für ein Desaster hält &#8211; und warum sich sein persönlicher Frustfaktor trotz allem in Grenzen hält.</span></p>
<div id="attachment_41936" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/paech-fracking.jpg"><img class="size-full wp-image-41936" alt="&quot;Ökologischer Wahnsinn, der das Problem nicht lösen wird&quot;: Fracking-Anlage in Wyoming, USA. BILD: pd" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/paech-fracking.jpg" width="600" height="451" /></a><p class="wp-caption-text">&#8220;Ökologischer Wahnsinn, der das Problem nicht lösen wird&#8221;: Fracking-Anlage in Wyoming, USA. BILD: pd</p></div>
<p><em>Im </em><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=39133"><strong>ersten Teil des Interviews</strong></a><em> ging es um das neue Interesse der Medien an Wachstumskritik, um das individuelle CO2-Konto und darum, wie überbordender Konsum seine eigene Art von Verstopfung und Burn-out verursacht.</em></p>
<p><strong>Auch dieses Stichwort greife ich gerne auf: „Gewissen beruhigen“. Es gibt ja durchaus den Bio-Boom, eine gestiegene Sensibilität für Tier- und Umweltschutz, die – wenn auch noch zaghaften – Schritte Richtung Energiewende. Sind das nicht hoffnungsvolle Zeichen? Oder, wie manch böse Zunge behauptet, doch bloße Akte der Gewissensberuhigung gut situierter Lehrerfamilien?</strong></p>
<p>Die Energiewende in Deutschland ist eine der größten ökologischen Katastrophen, die wir bis jetzt erlebt haben. Das werde ich auf Wunsch auch gerne weiter ausführen … Zum Bio-Boom: Natürlich finde ich es positiv, wenn Leute Dinge kaufen, die aus einer ökologischeren Herstellung stammen als die konventionellen Produkte. Aber insgesamt haben wir, wenn wir mal die kulturwissenschaftliche Brille aufsetzen, ein Stadium der Selbstinszenierung erreicht, in dem die Artefakte, mit denen wir uns schmücken, nicht nur zur Herausbildung einer Identität oder Authentizität dienen, sondern auch einer moralischen Kompensation. Wir erleben dann die SUV-Fahrer, die Stammkunden im Bioladen sind oder Bionade trinkende Vielflieger. Das Leben ist eine Ansammlung unterschiedlicher und vom Sinngehalt her verbundener Baustellen, was auch eine Globalisierung unserer Lebensstile zur Konsequenz hat. Der Mensch lässt sich nicht mehr darstellen als Angehöriger eines bestimmten Milieus – er ist eher ein Konstrukt, vergleichbar mit einem Garderobenständer, an den sich viele soziale Praktiken hängen lassen. Derselbe Schlipsträger, der abends Golf spielt, ist nachmittags vielleicht Ökofreak und geht am Freitag in den Community Garden, um am Samstag nach New York zu fliegen. Es ist eine Art Sinfonie unterschiedlicher Selbstdarstellungsmöglichkeiten: Ich kaufe Bioprodukte, um moralisch zu kompensieren, dass ich ein viel zu großes Haus bewohne. Man kann aus der einzelnen Handlung eben keinen Rückschluss auf die ökologische Gesamtperformance einer Person ziehen. Diese symbolische Kompensation ist daher ein ganz wichtiger Schrittmacher der Biobranche.</p>
<p><strong>Jetzt wollen wir natürlich auch wissen, warum die Energiewende die größte ökologische Katastrophe ist …</strong></p>
<p>Seit wir von der Energiewende sprechen, ist Energieeinsparung kein Thema mehr. Das ist so beispielhaft, dass man in den USA schon von der „German Energiewende“ spricht, man übersetzt das gar nicht mehr. Es ist dieselbe Kompensation, nur auf politischer Ebene: Wir haben diese Energiewende deshalb ins Gespräch bringen können, weil sie unser Wohlstandsmodell gegen jede ökologisch motivierte Kritik immunisiert, aus der sich sonst die Schlussfolgerung ziehen ließe, dass wir unsere Ansprüche reduzieren müssten.<br />
Zweitens betrifft sie ja nur Elektrizität. Was ist mit dem Kerosin für Flugzeuge, dem Sprit für Lastwagen und Autos, dem Schweröl für Schiffe? Was ist mit der Heizenergie in Häusern, der Energie in der Landwirtschaft? Was ist vor allem mit der Energie, die in den Geräten steckt, die ja nicht einmal in Deutschland produziert werden? Es ist doch ein Witz, dies alles nicht mal zu thematisieren, denn Wind, Sonne und Biogasanlagen reichen da nicht hin.<br />
Und drittens muss man sich klarmachen, dass der Ausbau regenerativer Energien Bumerang-Effekte nach sich zieht. Rein physisch betrachtet ist regenerative Energie keine Lösung für irgendein ökologisches Problem, sondern nur dessen Umwandlung in einen anderen Systemzustand. Wir sind in Deutschland dabei, die Landschaft abzuschaffen. Jetzt hat sogar Kretschmann – ein grüner Ministerpräsident! – sich dahingehend geäußert, dass man, wenn man die Energiewende voranbringen wolle, auch den Schwarzwald näher betrachten müsse. In Niedersachsen haben wir inzwischen den Punkt erreicht, an dem wir nicht mehr in der Lage sind, den Getreidebedarf auf den eigenen Flächen zu befriedigen, ohne dass dieser Bedarf gestiegen wäre: Die Vermaisung ganzer Landstriche sorgt dafür, dass immer mehr Landwirte auf Energiemais umstellen. Hinzu kommen die Verspargelung und Verspiegelung durch Photovoltaik-Freiflächenanlagen.</p>
<p><strong>Sie meinen die Zunahme der Windenergie- und Solaranlagen – ist das denn kein Hoffnungsschimmer?</strong></p>
<p>Die Photovoltaik-Freiflächenanlagen schießen wie Pilze aus dem Boden, weil es für die meisten Investoren viel bequemer ist, Flächen zu kaufen oder zu pachten, als Hausdächer zu verwenden. Dazu kommt noch die Produktion der Anlagen. Und es kommen die finanziellen Rebound-Effekte hinzu: Weil mit erneuerbarer Energie neue Einkommensquellen erschlossen, neue Jobs geschaffen, neue Märkte erobert werden können, wird über dieses wirtschaftliche Wachstum neue Nachfrage entfacht. Menschen, die in grünen Branchen Geld verdienen, tun dasselbe, was jeder andere Konsument in Europa macht: Sie fahren große Autos, fliegen, wohnen im Einfamilienhaus, hängen in jedes Zimmer einen Flachbildschirm und so weiter. Ich will das gar nicht kritisieren, nur feststellen, dass das Geld, das angeblich nicht stinkt, weil es aus grünem Wachstum stammt, genauso verheerende Folgen hat wie jedes andere.</p>
<p>Ich möchte aber auch richtigstellen, dass ich großer Befürworter alternativer Energien bin, weil es ja keine Alternative gibt. Allerdings gibt es zwei Bedingungen: Erstens dürfen die Erneuerbaren nicht Instrument einer Wachstumspolitik, sondern in eine Postwachstumsökonomie eingebunden sein. Wenn das Bruttoinlandsprodukt wächst, wird über den Zuwachs von Einkommen und kaufkräftiger Nachfrage jede Umweltentlastung wieder zunichte gemacht. Zweitens: Weil auch regenerative Energie nicht zum ökologischen Nulltarif zu haben ist, braucht auch sie ökologische Rahmenbedingungen. Wir brauchen ein Boden- und Landschaftsmoratorium, es darf überhaupt keine Anlage mehr – egal ob Wind, Biogas oder Photovoltaik – einfach so in die unversiegelte Fläche hineingebaut werden, sondern es sind bereits okkupierte Flächen zu konvertieren oder Hausdächer zu verwenden.</p>
<p><strong>Welche haben Sie im Sinn?</strong></p>
<p>Ich plädiere für die Stilllegung von 50 Prozent aller deutschen Autobahnen und 75 Prozent aller Flughäfen. Das sind doch sowieso die größten Klimakiller, so könnte man doch mal zeigen, dass man es ernst meint mit Klimaschutz. Beim derzeitigen Aufkommen von Auto- und Flugverkehr kann man gar keinen Klimaschutz betreiben, das ist ja absurd.</p>
<p>Wenn wir diese Flächen zur Energiegewinnung hernähmen, dazu alle geeigneten Dächer für Photovoltaik und solarthermische Anlagen verwendeten, ergäbe sich jene Energiemenge, die ich als menschliches Maß bezeichnen würde. Das wäre die Menge, die wir uns, ohne über unsere Verhältnisse zu leben, ökologisch an Energie aneignen können.</p>
<p><strong>Eine andere Kernforderung von Ihnen lautet: 20-Stunden-Woche für alle. Das klingt auch für Laien erstmal reizvoll, und auch konservativere Ökonomen sehen darin ja durchaus Chancen – und sei es nur als arbeitsmarktpolitisches Instrument. Allerdings müsste dazu die Wirtschaft, die Arbeitgeberseite mitspielen, und so richtig darauf zu brennen scheint sie nicht unbedingt. Wie lässt sich deren Begeisterung wecken?</strong></p>
<p>Das wird nicht gelingen. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich entsprechende politische Mehrheiten bilden würden, wie wir es jeweils einmal in Dänemark und den Niederlanden erlebt haben, wo ja tatsächlich prägnante Arbeitszeitverkürzungen und -umverteilungen auf freiwilliger Basis möglich wurden.<br />
Ich glaube allerdings nicht, dass es nur an der Angebotsseite liegt. Es ist einfach so, dass die deutsche Mittelschicht ihren Reichtum dadurch hat mehren können, dass man pro Familie zwei 40-Stunden-Jobs hat. Es wird ein bestimmter Lebensstil beansprucht, der gehalten werden muss, und dazu muss man soundsoviel arbeiten – das ist das Problem. Ich meine, wir haben doch zwei Möglichkeiten, die Wirtschaft in die Zange zu nehmen: Das eine ist die sanfte Verweigerung, nämlich alle Spielräume zu nutzen, um nicht mehr für 40 Stunden zur Verfügung zu stehen. Der zweite Weg besteht darin, zukünftige Krisen zu nutzen, weil manchen Firmen die Nachfrage wegbricht. Darauf zu sozialpolitisch verantwortungsbewusst reagieren hieße, die Arbeitszeit anders zu verteilen. Leider scheinen die Gewerkschaften, abgesehen von Ausnahmen, davon nicht sonderlich begeistert zu sein.</p>
<p><strong>Weil es ihnen letztlich nicht um Lebenszeit, sondern mehr um Wohlstandswahrung geht?</strong></p>
<p>Beispielsweise hat der emeritierte Osnabrücker Politologe Mohssen Massarrat, der auch bei Attac aktiv ist, mit einigen Kollegen gerade die 30-Stunden-Woche als Kampagne in die Diskussion eingebracht – bei vollem Lohnausgleich! Nicht mal dieses Schlaraffenland wird von den Gewerkschaften unterstützt, wenngleich ich diesen Vorschlag ebenfalls kritisch sehe.<br />
Das Problem ist, dass man die von mir vorgeschlagene 20-Stunden-Konzeption – ohne Lohnausgleich – nur umsetzen kann, wenn Menschen bereit sind, mit Konsum anders umzugehen und sich darauf einzulassen, die freigestellten 20 Stunden darauf zu verwenden, Ersatz für Produktion zu leisten. Dies gelingt durch gemeinschaftliche Nutzung von Produkten und eine eigenständige Verlängerung ihrer Nutzungsdauer, etwa indem man sich mit Produkten umgibt, die man selbst pflegen, instand halten und gegebenenfalls auch reparieren kann. Dann ist man reich, auch wenn man weniger Geld hat, weil man die Zeit, die man hat, sinnstiftend verwendet. Das geht nicht von heute auf morgen – ich würde niemals dafür plädieren, auf Knopfdruck eine 20-Stunden-Woche einzuführen. Es ist eher ein Leitbild, das wir bestenfalls innerhalb einer Dekade umsetzen könnten, ansonsten würden wir die Gesellschaft überfordern. Und es geht um einen langfristigen Durchschnittswert. Nicht ausgeschlossen wäre, etwa in jungen Jahren voll zu arbeiten und später kürzer zu treten oder ein Jahr voll und das folgende Jahr gar nicht zu arbeiten. Da gibt es viele Kombinationsmöglichkeiten. Eine Gleichmacherei nach dem Rasenmäherprinzip würde ich ablehnen – es geht um eine Entwicklungsrichtung, nicht um eine Zahl.</p>
<p><strong>Wie ist es eigentlich um die Idee der Postwachstumsökonomie in anderen Ländern bestellt? Ist anderswo die Akzeptanz höher als in Deutschland?</strong></p>
<p>Es gibt eher Länder, die auf unfreiwillige Weise damit konfrontiert sind, ihre Ökonomie auf einem Konsum- und Produktionsniveau zu stabilisieren. Ob das einer Postwachstumsökonomie ähneln wird, werden wir sehen. Denken wir etwa an Kuba. Oder denken wir an Griechenland …</p>
<p><strong>Oje.</strong></p>
<p>Ich warne davor, das jetzt zu glorifizieren: Was in Griechenland passiert, ist ein Drama. Das kann man nicht schönreden. Andererseits wurde in Griechenland derart über die Verhältnisse gelebt – und das ist jetzt weißgott keine Häme –, dass man sich an fünf Fingern abzählen konnte, was irgendwann passieren würde. Was ich mir wirklich wünschen würde, wäre, dass die Griechen cool bleiben und sagen: Okay, wir haben verstanden, also machen wir uns jetzt einen Spaß draus, der Welt vorzuführen, wie es geht, auch in einer schrumpfenden Ökonomie klarzukommen, ohne in irgendeinen Rechtsradikalismus oder sonstigen Schwachsinn abzudriften. Griechenland könnte vorführen, wie es gelingt, unter Wahrung von Freiheit, Demokratie und Toleranz mit Knappheit umzugehen.<br />
Bei Kuba ist es wiederum so, dass es das erste Land auf diesem Planeten ist, das „peak oil“ schon hinter sich hat – als die Sowjetunion Anfang der 90er zusammenbrach, war es ja so, dass kein Erdöl mehr geliefert werden konnte, kein Dünger und auch bestimmte Maschinen nicht. Und was die Kubaner dann im Bereich der Landwirtschaft und des urban gardening vorgeführt haben, ist beachtlich.<br />
Ansonsten gibt es hier und da ähnliche Bewegungen: „décroissance“ in Frankreich, „transistion towns“ weltweit … das sind noch Minderheiten, aber warten wir die nächsten Krisen ab. Dann wird in mehreren europäischen Ländern die Notwendigkeit erkannt, andere Lebensstile auszuprobieren.</p>
<p><strong>Das klingt ja letztlich doch irgendwie hoffnungsvoll. Nur sieht die Gegenwart so ganz anders aus: Ich habe eben in den Radionachrichten von Überlegungen gehört, nachdem der automatisierte Börsenhandel dadurch gebändigt werden soll, dass Aktien mindestens eine halbe Sekunde gehalten werden sollen, bevor sie weiterverkauft werden dürfen. Wenn man sich einerseits mit der Zukunft eines kippenden Gesellschaftskonzepts befasst und auf der anderen Seite nun sieht, dass dies die Themen sind, mit denen sich die Tagespolitik auseinandersetzt – droht man da nicht wahnsinnig zu werden?</strong></p>
<p>Nö. Ich habe mittlerweile aufgehört zu glauben, dass wir noch die Kurve kriegen. Ich weiß, dass das zynisch klingt, vielleicht auch ein bisschen trivial, aber die Einschläge müssen noch näher kommen. Diese beiden Finanzkrisen von 2008 – Lehman Brothers und Subprimederivate – und jetzt das Griechenlanddesaster, das man auch nicht ganz davon trennen kann, verdeutlichen, dass zukünftig noch viel verheerendere Finanzkrisen wahrscheinlich sind, denn aus diesen Ereignissen haben wir ja nichts gelernt, sondern wurschteln einfach weiter.<br />
Und dasselbe gilt auch für Ressourcenknappheit. Was die Amerikaner mit dem Fracking machen, ist nur ein kleiner Aufschub – und ein ökologischer Wahnsinn, der das Problem nicht lösen wird. Es geht ja nicht nur um Öl-, sondern auch um die bereits genannte Flächenknappheit und Phosphor; es geht um Coltan, Palladium, Neodym. Wir haben uns durch die digitale Revolution so abhängig gemacht von seltenen Erden, dass die Sollbruchstellen unseres Wohlstands immer offenkundiger werden. Und deswegen frustriert mich das eigentlich nicht, Nachrichten zu hören, in denen so getan wird, als könne man mit minimalen Reparaturmaßnahmen ein zum Scheitern verurteiltes Modell doch noch retten. Das sind die letzten Zuckungen eines Körpers, der nicht sterben will; solche Sachen wie ein Jade-Weser-Port, eine Küstenautobahn oder hier in Oldenburg IKEA, ein Einkaufszentrum und so weiter – das sind Amokläufe einer angstgetriebenen Politik, die verzweifelt an einem Modell festhält, das schon nach Verwesung riecht.</p>
<p>++++</p>
<p><em>Von Niko Paech ist zuletzt das Buch &#8220;Befreiung vom Uberfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie&#8221; im Oekom-Verlag (Munchen 2012) erschienen.</em></p>
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		<title>Die Verstopfung der Welt</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Mar 2013 04:00:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Leute]]></category>
		<category><![CDATA[Forschung]]></category>
		<category><![CDATA[Uni Oldenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Dass stetiges Wirtschaftswachstum vielleicht doch nicht der Weisheit letzter Schluss und die Lösung aller Probleme ist, ist wohl längst keine Außenseitermeinung mehr. Der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech ist derzeit ein gefragter Mann - im zweiteiligen Lokalteilinterview spricht er über Medienwirbel, die Postwachstumsökonomie und das Glücklichsein.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Dass stetiges Wirtschaftswachstum vielleicht doch nicht der Weisheit letzter Schluss und die Lösung aller Probleme ist, ist wohl längst keine Außenseitermeinung mehr. Der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech ist derzeit ein gefragter Mann &#8211; im zweiteiligen Lokalteilinterview spricht er über Medienwirbel, die Postwachstumsökonomie und das Glücklichsein.</span></p>
<div id="attachment_41968" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Elektroschrott_by_Karl-Heinz-Laube_pixelio.jpg"><img class="size-full wp-image-41968" alt="Mehr, mehr, MEHR: Elektronikschrott, Wohlstandsmüll, Sargnägel? BILD: Karl-Heinz Laube / pixelio.de" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Elektroschrott_by_Karl-Heinz-Laube_pixelio.jpg" width="600" height="450" /></a><p class="wp-caption-text">Mehr, mehr, MEHR: Elektronikschrott, Wohlstandsmüll, Sargnägel? BILD: Karl-Heinz Laube / <a href="http://www.pixelio.de/index.php" target="_blank">pixelio.de</a></p></div>
<p><strong>Herr Paech, beginnen wir unser Gespräch doch mit einem kleinen Quiz: Ich nenne Ihnen eine Bezeichnung oder eine Formulierung, mit der Sie in einem Medienbericht bedacht worden sind, und Sie sagen mir, in welchem Medium das war.</strong></p>
<p>Okay, ich versuch’s …</p>
<p><strong>Fangen wir an: „Spinnt der?“</strong></p>
<p>Das war die <em>Bild</em>.</p>
<p><strong>Okay, das war einfach. Nächste Bezeichnung: „Der größte Miesepeter der Nation“?</strong></p>
<p><em>Tagesspiegel</em>.</p>
<p><strong>Nicht schlecht. Einen habe ich noch: „Unter Ökonomen, die oft trocken daherkommen, ist Paech eine echte Rampensau.“</strong></p>
<p>Das war in der <em>Zeit</em>.</p>
<p><strong>Hundertprozentige Trefferquote, ich bin beeindruckt. Apropos Zeit. Sie waren für den Zeit-Wissen-Preis nominiert – hat’s denn geklappt?</strong></p>
<p>Nein, die Leuphana-Universität in Lüneburg hat den Preis bekommen. Ich war mir auch sicher, dass ich nicht gewinnen würde. Es waren drei Akteure nominiert: Einmal eine komplette Uni, dazu ein relativ üppiges Projekt, bei dem ein Team von Managern versucht, Open-Air-Festivals zu begrünen, also nachhaltigkeitskompatibel zu gestalten, und ich als einzelne Person … da war klar, dass nicht der Einzelne den Preis bekommt. Aber überhaupt nominiert worden zu sein, hat mich ja schon fast schockiert – in diesem Kreis etablierter Vertreter aus Wirtschaft und Mainstream-Nachhaltigkeitsforschung einer von drei Nominierten sein zu dürfen, das schlägt schon irgendwo durch die Decke.</p>
<div id="attachment_41972" class="wp-caption alignleft" style="width: 229px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Niko-Paech.jpg"><img class="size-medium wp-image-41972" alt="Ökonom, Wachstumskritiker und derzeit wohl medienpräsentester Oldenburger: Niko Paech BILD: Uni" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Niko-Paech-219x300.jpg" width="219" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Ökonom, Wachstumskritiker und derzeit wohl medienpräsentester Oldenburger: Niko Paech BILD: Uni</p></div>
<p><strong>Die Nominierung kam ja nicht von ungefähr: Sie hatten in den vergangenen Monaten eine enorme Medienpräsenz, alle möglichen Blätter kamen irgendwann mit der Paech-Story raus. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? An der klassischen Eigendynamik der Branche – ein Medium bringt die Geschichte zuerst, alle anderen springen auf? Oder ist die Zeit tatsächlich reif dafür, das Thema ins Bewusstsein der Leute zu transportieren?</strong></p>
<p>Ich glaube, es gibt drei Aspekte, die man da nennen muss. Der gerade genannte, dass also Medien nach Erreichen einer kritischen Masse von Berichterstattung plötzlich aufgrund dieser Logik ein stärkeres Quantum an Aufmerksamkeit offenbaren – das ist auf jeden Fall so.<br />
Als alleinige Erklärung reicht das allerdings nicht aus, man muss ja auch fragen: Woher kommt diese kritische Masse? Und das hat zu tun mit der Finanzkrise ab 2008, da ging’s los. Es ist ja so, dass wir seit Jahrzehnten über ökologische Eskalation und inzwischen auch über ökonomische Wachstumsgrenzen reden – „peak oil“ ist da ein Stichwort –, und als dann auch noch die Finanzkrise dazukam, ist bei vielen Menschen irgendwie ein Faden gerissen. Da ist das Vertrauen in die Stabilität unseres wachstumsabhängigen Wohlstandsmodells vollends den Bach runtergegangen. Und das führt dazu, dass plötzlich Wachstumskritik wieder ein Thema ist.<br />
Und dann gibt es noch ein drittes Element, bestehend darin, dass die bisherige wachstumsfreundliche Nachhaltigkeitsforschung grandios gescheitert ist. Die Frustration darüber führt dazu, dass sich mehr Menschen einer wachstumskritischen Auslegung des Begriffs „Nachhaltigkeit“ zuwenden.</p>
<p><strong>Für den Normalbürger ist ja der sichtbarste Ausweis dieses Wohlstandsmodells, dass man sich mit einem durchschnittlichen Gehalt vieles leisten kann: ein bis zwei Autos, eine bis zwei Urlaubsreisen pro Jahr, einen neuen Computer alle paar Jahre und so weiter. Wenn Sie da vom „Maßhalten“ sprechen, hören viele Menschen eher das Wort „Verzicht“ heraus – aber wer verzichtet schon freiwillig? Was bekommen Sie da an Reaktionen von Zuhörern?</strong></p>
<p>Nun ja, wenn ich zu Vorträgen und öffentlichen Veranstaltungen eingeladen werde, dann kommen da zumeist Leute hin, die ein gewisses Interesse am Thema haben – deren Reaktionen sind dann nicht repräsentativ, das muss ich schon einräumen. Von daher werde ich gar nicht so oft mit dem Vorwurf konfrontiert, ich würde Verzicht predigen.<br />
Die andere Sache ist: Ich weigere mich beharrlich, das von mir in die Diskussion eingebrachte Konzept der Suffizienz …</p>
<p><strong>… das die Entschleunigung und Entrümpelung eines überbordenden Konsumverhaltens beschreibt …</strong></p>
<p>… als Verzicht zu bezeichnen. Reduktionsleistungen im Hinblick auf die Ansprüche an materielle Selbstverwirklichung sind nicht notwendigerweise Verzicht. Sie können auch Befreiung vom Überfluss bedeuten. Darum geht es mir: Logiken zu entwickeln, die verständlich – oder sogar fühlbar – machen, dass Reduktionsleistungen bis zu einem bestimmten Punkt etwas mit Selbstschutz zu tun haben, mit Abwurf von Wohlstandsballast, der doch sowieso nur unser Leben verstopft. Damit ist aber auch schon gesagt, dass es um Reduktionsleistungen gradueller Art geht – ich würde nie in Abrede stellen, dass Konsum ein wichtiger Bestandteil des modernen und freien Lebens ist. Nur macht die Dosis das Gift. Die Frage ist: Wie kann man Konsum so entschleunigen oder seine Frequenz so verringern, dass auf diese Weise die einzelne Konsumhandlung letztlich mehr Genuss generiert, als wenn sie in einer Lawine vieler Konsumhandlungen untergeht? Das ist der Trick dabei: Kein Verzicht, sondern eine neue Rationalität des Konsums.</p>
<p><strong>Das heißt: Man muss sich nicht generell von Urlaubsreisen verabschieden, sollte aber nicht unbedingt zwischendrin auch noch dauernd für verlängerte Wochenenden nach Malle jetten?</strong></p>
<p>Ganz genau. Wobei: Mit den Flugreisen ist es wirklich schwierig, weil ich mich in meinen Ausführungen zur Postwachstumsökonomie immer auf die individuellen ökologischen Grenzen fokussiere, die wir einhalten sollten. Besser gesagt: Ich weise zärtlich darauf hin, dass das Zwei-Grad-Klimaschutzziel in Verbindung mit globaler Gerechtigkeit nun mal bedeutet, dass jeder Mensch auf diesem Planeten pro Jahr nur noch 2,7 Tonnen CO<sub>2</sub> verursachen darf. Da ist eine jährliche Flugreise nach New York nicht drin – was man machen kann, ist, nicht jedes Jahr ein Flugzeug zu benutzen.<br />
Das soll keine giftige Forderung sein, sondern darauf hinweisen, dass man sich mal entscheiden muss: Will man Klimaschutz oder will man ihn nicht? Will man ihn, muss man die Konsequenz ziehen oder wenigstens so ehrlich sein zu sagen: Ich halte das nicht durch, ich muss meinen Beitrag zum Klimaschutz schuldig bleiben. Blöderweise bleibt man dann auch die Antwort auf die Frage schuldig: Wie soll Klimaschutz dann jemals funktionieren? Es handelt sich hierbei um eine Wenn-dann-Aussage, nicht um den Versuch, jemandem auf die Füße zu treten.</p>
<p>Noch was zu Flugreisen. Wenn sich jeder Mensch eingestehen würde, dass diese 2,7 Tonnen CO<sub>2</sub> den Orientierungsrahmen darstellen, dann kann man das auch wie ein Konto behandeln: Wenn man selbst oder vielleicht auch Menschen im Bekanntenkreis drei, vier Jahre darunterbleiben, kann man sich auch mal wieder eine Flugreise erlauben. Es geht also nicht um ein Verbot, sondern das Management, um langfristig und durchschnittlich betrachtet innerhalb verantwortbarer Grenzen zu bleiben.</p>
<p><strong>Sie haben von einer global gerechten Aufteilung des CO<sub>2</sub>-Aufkommens gesprochen. Was ist mit Entwicklungs- und Schwellenländern? Man wird den Menschen dort ja kaum vermitteln können, dass sie, einen entsprechenden wirtschaftlichen Aufschwung vorausgesetzt, nun auf Annehmlichkeiten, die die Menschen in den Industrienationen jahrzehntelang genossen haben – Auto, Reisen etc. –, von vornherein verzichten sollen.</strong></p>
<p>Vermittlung ist ein Kommunikations-, kein politisches Problem. Das heißt: Solange wir in Europa nicht in der Lage sind, eine Daseinsform in Bezug auf Konsum, Mobilität, Telekommunikation und andere Bequemlichkeiten zu entwickeln, die innerhalb der gerade genannten Grenzen bleibt, wird es nie möglich sein, mit beispielsweise den Chinesen darüber ins Gespräch zu kommen, dass weniger mehr sein kann. Wir in Europa sind die Projektionsfläche, auf der Menschen in Asien, Lateinamerika und Afrika das Bild eines erstrebenswerten Lebens bewundern. Und solange wir auf dieser Projektionsfläche nichts anderes in Erscheinung treten lassen als das, was in den Untergang führt, können wir den Menschen in Afrika nicht vermitteln, dass ein nachhaltiges Wohlstandsmodell möglich und „cool“ sein kann.</p>
<p>Deswegen sind auch diese ganzen Klimakonferenzen schlimme Zeitverschwendung. Und Kerosinverschwendung, weil es ja immer tausende von Leuten sind, die da hinfliegen.</p>
<p><strong>Allerdings können wir ja eigentlich nicht einmal ansatzweise von einer Reduktion des Verbrauchs sprechen. Im Gegenteil ist trotz aller Öko-Mahnerei alles am Ansteigen: Die Zahl der Flugreisen, der Verbrauch an Strom, der CO<sub>2</sub>-Ausstoß, die Zahl der technischen Spielzeuge in den Haushalten … fühlt man sich als Postwachstumsökonom nicht als Mahner in der Wüste?</strong></p>
<p>Naja, wenn ich zu Klimaschutz, nachhaltiger Entwicklung oder eben Postwachstumsökonomie gefragt werde, muss ich wenigstens versuchen, mich selbst nicht zu belügen und auch dem geneigten Publikum entsprechende Antworten geben: So gesehen ist die Postwachstumsökonomie das Gebot der Stunde. Das ist mein Diskussionsbeitrag, mehr nicht. Ich kann ja nicht so vermessen sein zu glauben, dass sich die Dinge ändern, bloß weil ich den Schnabel aufmache. Es gibt ja auch die Gegenrede, es gibt Heerscharen von Wirtschaftswissenschaftlern und Feuilletonisten, die ganz andere Standpunkte vertreten; und in einer offen geführten Auseinandersetzung kann nicht ein Einzelner für sich in Anspruch nehmen, für massenhafte Akzeptanz dessen zu sorgen, was er verbreitet.<br />
Es ist auch ein Missverständnis, wenn der Eindruck entsteht, dass ich Massen erreichen will. Nichts liegt mir ferner. Mir geht es um eine Avantgarde, ich will den Nischen Rückhalt geben, in denen Pioniere jetzt schon bereit und fähig sind, Lebensstile zu praktizieren, die mit einer zukunftsfähigen Ökonomie kompatibel sind. Ich will diesen Leuten Würde geben und argumentative Munition liefern, damit sie nicht als Romantiker, Sektierer oder durchgeknallte Spinner dastehen.<br />
Diese Lebensstil-Schablonen, die in solchen Nischen bereits entstehen, werden dann wichtig sein, wenn dieses Kartenhaus, das wir „Wohlstand“ nennen, zusammenbricht. Das ist der eigentliche Schrittmacher. Es geht nicht um Überzeugung, es geht nicht mal mehr darum, den Kollaps oder die Kette von Kollaps-Szenarien, die der Club of Rome erstmals definiert hat, zu verhindern, sondern nur noch darum, sie zu gestalten. Wir sind an allen Ausfahrten in Richtung Nachhaltigkeit mit Hochgeschwindigkeit vorbeigerast. Wir erleben gerade den Vorabend – nun, ich würde sagen, einer Situation, die noch einige Herausforderungen und Überraschungen bereithält.</p>
<p><strong>Klingt niederschmetternd.</strong></p>
<p>Trotzdem würde ich nicht von „Desaster“ oder „Katastrophe“ reden. Ich rede von Zuspitzung, von Krise, von Eskalation. Und Krisen können ja auch immer eine Chance für einen Neuanfang darstellen, das wissen wir aus der Medizin. Sie können sogar mit Humor getragen werden – ich erinnere an die autofreien Sonntage 1974/75, als erst alle vor Angst und Schrecken erstarrt sind. Später dann, als wir die Bilder gesehen haben, wie Kinder mit Rollschuhen und Bonanzarädern über die Autobahnen gekurvt sind und ganze Familien ihren Grill auf der vierspurigen Strecke aufgebaut hatten, haben wir uns vor Lachen gekrümmt. Die eine Party hört auf, und die nächste – und vielleicht viel lustigere – fängt an.</p>
<p><strong>Stichwort Medizin: Sie verwenden mitunter medizinische Termini, um Ihre Thesen zu veranschaulichen. Was mit „Konsumverstopfung“ gemeint ist, haben wir vorhin schon gehört. Was aber verbirgt sich hinter der Diagnose „Konsum-Burnout“, wie äußert der sich?</strong></p>
<p>Er äußert sich in Stress; vor allem darin, dass die Bewältigung all der Konsumoptionen, die man sich angedeihen lässt, weil man sie sich inzwischen leisten kann, schlicht und ergreifend eine Kapazitätsgrenze erreicht. Der Mensch hat seit der Steinzeit doch eigentlich nichts dazugelernt. Nicht nur, dass er nach wie vor zwei Arme, zwei Beine und einen Körper hat, also auch physisch nicht zu mehr in der Lage ist – auch die Festplatte und der Prozessor im Oberstübchen sind nicht wirklich gewachsen. Es gibt lediglich so etwas wie einen pädagogischen Fortschrittseifer. Aber es ist für mich hanebüchen zu glauben, dass Menschen plötzlich in der Lage sein sollen, aus einem 24 Stunden dauernden Tag mehr an selbst aufzubringender Aufmerksamkeit herauszuholen, als das in der Steinzeit der Fall war.<br />
Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, und diese nicht vermehrbare Ressource auf immer mehr Ereignisse zu verteilen, kann nur dazu führen, dass ich jedes einzelne Ereignis entwerte. Der Nutzen oder der positive Effekt, den ich einem Ereignis oder einem Konsumgut entringen kann, ist eine Funktion der Zeit, die ich dieser spezifischen Aktivität widme. Und wenn ich mit einer immer größeren Geschwindigkeit über einen Ozean der Möglichkeiten surfe , aus Angst, mir könnte etwas entgehen, und somit die Fähigkeit zum Verweilen verlerne, dann praktiziere ich die oberflächlichste Form der Aneignung, nämlich gar keine mehr. Ich sammle dann nur noch Trophäen; ich triggere nur noch Ereignisse oder Konsumlösungen, kann sie aber nicht mehr ausschöpfen im Sinne einer positiven emotionalen Steigerung. Das ist dann in gewisser Weise ein Burnout, der uns unglücklicher werden lässt.</p>
<p><strong>Das ist die Diagnose. Wie sieht es mit den Therapiechancen aus?</strong></p>
<p>Man muss sich einmal klarmachen, dass in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt die Menge der verschriebenen Antidepressiva verdoppelt wurde. Wie kann das sein, in einem der reichsten Länder? Das sind Indizien dafür, dass die Überlastung, die im Extremfall in eine Depression einmündet und in verschiedenen Vorstufen als Burnout bezeichnet wird, immer weiter zunimmt. Wir leben heute in einer Welt, in der wir – quasi zwischen Hammer und Amboss – gleich zwei Überlastungen ausgesetzt sind: Zum einen nach wie vor der beruflichen Leistungsgesellschaft. Zum anderen ist aber inzwischen das Privatleben zu einer parallelen Leistungsgesellschaft geworden. Der nächste Urlaub bedeutet Stress, da kriegt man einen Horror und denkt: Ach du Schreck, ich muss ja bald wieder Urlaub planen – wo fliege ich hin, was soll ich da machen und so weiter. Oder das neue iPhone kommt raus. Das wirft mich in ein Problem hinein, denn ich habe ja noch das alte – ich stehe vor dem Problem, mich zu entscheiden.<br />
Wir haben inzwischen einen Punkt erreicht, an dem selbst die Dinge, für die wir uns nicht entscheiden, unsere knappe Ressource Zeit rauben. Alleine das Konfrontiertsein mit immer mehr Möglichkeiten, immer mehr Selbstverwirklichungsoptionen, immer mehr Freiheitspotentialen, verlangt mir ab, das alles zu verarbeiten. Also wird ein Teil meiner nicht vermehrbaren Aufmerksamkeit abgezapft.<br />
Das wird irgendwann auch zu einem ökonomischen und auch ein pädagogischen Problem. Ich bin konservativ genug, um zu sagen, dass das ganze Gedaddel mit den Pisa-Studien eine große Lebenslüge ist, die uns ersparen soll, die unbequeme Wahrheit anzuerkennen: Es ist die Konsumgesellschaft, die das Bildungssystem kaputtmacht, und nicht das dreigliedrige Schulsystem – das ich um Gotteswillen nicht schönreden will. Junge Menschen sind umgeben von soviel zeitraubenden und konzentrationsheischenden Objekten und Prozessen der digitalisierten Kommunikation, dass es doch kein Wunder ist, dass sie sich nicht mehr konzentrieren können. Ich habe in meinen Vorlesungen Leute sitzen, die nur auf Displays gucken. Die gehen nur noch dahin, um ihr Gewissen zu beruhigen; sie können sich auf das, was ich ihnen als Dozent präsentiere, gar nicht mehr konzentrieren, weil sie gleichzeitig Mails abrufen, SMS verschicken und sich irgendwas im Netz angucken.</p>
<p>++++</p>
<p><em>Lesen Sie im </em><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=39139"><strong>zweiten Teil des Interviews</strong></a><em>, was Niko Paech von der &#8220;German Energiewende&#8221; hält, warum weniger Arbeiten mehr sein kann und was das alles mit Griechenland zu tun hat.</em></p>
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		<item>
		<title>&#8220;Schönes Schwein&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Mar 2013 11:39:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leute]]></category>

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		<description><![CDATA[Peter Altmaier ist neuer Grünkohlkönig. Über die dazugehörige Veranstaltung zu berichten wird von Jahr zu Jahr schwieriger - wäre da nicht der Fluch.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Peter Altmaier ist neuer Grünkohlkönig. Über die dazugehörige Veranstaltung zu berichten wird von Jahr zu Jahr schwieriger &#8211; wäre da nicht der Fluch.</span></p>
<div id="attachment_42281" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/altmaier-kohlkönig.jpg"><img class="size-full wp-image-42281" alt="Auf dem Höhepunkt der Karriere. Von hier aus geht es zumeist nur noch abwärts. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/altmaier-kohlkönig.jpg" width="600" height="393" /></a><p class="wp-caption-text">Auf dem Höhepunkt der Karriere. Von hier aus geht es zumeist nur noch abwärts. FOTO: mno</p></div>
<p>Die Veranstaltung scheint ganz nach Peter Altmaiers Geschmack zu sein. Für die launige Rede, mit der er die Gäste in der Niedersächsischen Landesvertretung in Berlin bedenkt, gibt’s stürmischen Beifall, für Scherze über seine Leibesfülle Gelächter, für seine Niederländisch-Einlage anerkennenden Applaus. Es geht um Politik an diesem Abend, auch und irgendwie jedenfalls; auf eine Art, die Politikern vielleicht auch angenehmer ist als das offiziöse Gehabe in Parlamenten und Pressekonferenzen. Hier wird Politik zwischen dem dritten und dem vierten Bier gemacht – und falls Journalisten in Hörweite sind, ist das halb so wild, denn die haben dann auch schon einen in der Krone.</p>
<p>Zum 56. Mal kürt die Stadt Oldenburg ihren Grünkohlkönig, dieses Mal darf sich der CDU-Umweltminister über die Ehre freuen. „Schönes Schwein“, sagt er zum messingenen Borstenvieh, das an der Kette prangt, die er von seinem Vorgänger Günther Oettinger übernimmt. Mehr noch freut er sich vielleicht über die damit einhergehende Pressepräsenz, denn das „Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten“ schafft es Jahr für Jahr in Blätter und Sendeformate in der ganzen Republik – zum einen, weil diese Veranstaltung für Nichtoldenburger so schön schräg wirkt; zum anderen, weil Redakteure landauf, landab neuerdings von einem Umstand profitieren, über den sich Oldenburger schon seit langem beömmeln: Den „Fluch des Kohlkönigs“, der ein baldiges Ende der politischen Karriere androht. Schavan, Guttenberg, Wulff – alle waren sie vor gar nicht langer Zeit mal Kohlkönig; und die Ex-Majestäten Westerwelle, Rösler oder Steinmeier sind zwar noch nicht erledigt, haben aber schon bessere Zeiten gesehen.</p>
<p>Altmaier ficht das nicht an, er sieht sich lieber in der Tradition von Königen wie Helmut Kohl oder Sigmar Gabriel: „So gewichtige Personen wie uns trägt es nicht so schnell aus der Kurve“, sagt er in seiner Antrittsrede, die direkt auf das gemeinsame Absingen der Hymne „Heil dir o Oldenburg“ folgt. Das Lied enthält auch die Zeile „Gott schütz dein edles Roß“, und wer noch eine Steilvorlage für Witze brauchte, hat sie angesichts der Pinkelwurst auf den Tellern spätestens dann bekommen.</p>
<p>Während Altmaier bereits der fünfte Kohlkönig in Folge ist, der dem schwarz-gelben Lager entstammt, sorgen dieses Mal die geladenen Mitglieder der neuen rot-grünen niedersächsischen Landesregierung für so etwas wie frischen Wind. Aber an diesem Abend haben sie sich alle lieb, eine Stichelei hier, ein Scherz dort; es dürfte die lockerste Form sein, Wahlkampf zu betreiben. Man könne doch Grünkohl auf dem Großflughafen BER anbauen, sagte Altmaier zum nicht anwesenden Klaus Wowereit, da könne er jahrzehntelang ungestört wachsen. Und wenn der neue niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil der Strompreisbremse zustimme, werde er, Altmaier, dafür sorgen, dass „Grünkohl in die Liste erneuerbarer Energien aufgenommen“ werde. Gejohle im Publikum, das Grünkohlessen ist so etwas wie die Oldenburger Variante des Ordens wider den tierischen Ernst. Nur dass der Orden eben die Form eines Schweins hat.</p>
<p>Und dass die dahinterstehende Intention – die Kontaktpflege zwischen den Honoratioren und Wirtschaftsvertretern der Stadt und den Entscheidungsträgern in Hannover und Berlin – ganz offen zur Schau gestellt wird. Bevor es an die Vernichtung der Bier- und Weinbestände geht – „geselliges Beisammensein“, wie es im Programm heißt –, stellen sich Altmaier und sein neuer niedersächsischer Amtskollege Stephan Wenzel (Grüne) an einen abseits gelegenen Tisch, Bier in der Hand. Schließlich geht es ja nicht nur um Grünkohl und Pinkel, sondern auch um Politik an diesem Abend, um die erwähnte Strompreisbremse etwa und die geänderten Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat, die den Niedersachsen eine Schlüsselrolle zukommen lässt.</p>
<p>Aber vielleicht haben sie sich auch nur über Altmaiers Vorvorgänger Philipp Rösler amüsiert.</p>
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		<item>
		<title>&#8220;Unregierbar, das ist mir sympathisch&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Jan 2013 05:00:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Leute]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Comiczeichner Gerhard Seyfried hat einst der Spontiszene ein Gesicht gegeben - eines mit Zottelbart und breitem Grinsen. Heute schreibt er historische Romane - im Lokalteil-Interview berichtet er über den Cartoonisten Seyfried, den Schriftsteller Seyfried - und wie sich die beiden so vertragen.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Der Comiczeichner Gerhard Seyfried hat einst der Spontiszene ein Gesicht gegeben &#8211; eines mit Zottelbart, breitem Grinsen und auf einem Körper sitzend, der gerne auch mal eine Bombe in den Händen hielt. Heute schreibt er historische Romane &#8211; im Lokalteil-Interview berichtet er über den Cartoonisten Seyfried, den Schriftsteller Seyfried &#8211; und wie sich die beiden so vertragen.</span></p>
<p><object width="610" height="458" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube.com/v/vOQVc5Z4iZE?version=3&amp;hl=de_DE" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed width="610" height="458" type="application/x-shockwave-flash" src="http://www.youtube.com/v/vOQVc5Z4iZE?version=3&amp;hl=de_DE" allowFullScreen="true" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" /></object></p>
<p>Es ist bereits der vierte Roman, den Seyfried im Rahmen der LiteraTour Nord im Wilhelm 13 vorstellte; und der dritte, der zu Kaisers Zeiten spielt: In &#8220;Verdammte Deutsche!&#8221; geht es um die mitunter skurill anmutenden Anfänge des modernen Geheimdienstwesens am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Die Vorliebe für die Pickelhaubenzeit, in die sich Seyfried schon mit seinen Kolonialromanen &#8220;Herero&#8221; und &#8220;Gelber Wind&#8221; begeben hatte, mutet nicht eben als naheliegendstes Steckenpferd für den Künstler an, der mit Comicbänden wie &#8220;Invasion aus dem Alltag&#8221; oder &#8220;Flucht aus Berlin&#8221; zuvor vor allem die späte Bundesrepublik wie kein zweiter in Szene gesetzt hatte. Mindestens ein Seyfried-Cartoon war und ist auch heute noch in jeder WG-Küche &#8211; sofern deren Bewohner etwas auf sich halten &#8211; zu sehen; seine Helden waren sesselpupsige Anarchos, seine Lieblingsfeinde Nazis und Polizisten, seine Geschichten herrlich abgedreht. 1990 brachte ihm das auf dem Erlanger Comicsalon die Auszeichnung als &#8220;bester deutschsprachiger Comickünstler&#8221; ein.</p>
<p>Zuletzt erschien 2010 nach zehnjähriger Pause mit &#8220;Kraft durch Freunde&#8221; wieder ein Comicalbum in Zusammenarbeit mit Ziska Riemann.</p>
<p>++++</p>
<p style="text-align: left;"><em>Kamera und Schnitt: Amon Thein</em></p>
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		<title>Königlicher Klops</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2012 05:09:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leute]]></category>
		<category><![CDATA[Grünkohlkönig]]></category>

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		<description><![CDATA[Neuer Kohlkönig wird Umweltminister Peter Altmaier. Stellen wir ihn einmal kurz vor - allerdings wirklich kurz, denn über mangelnde Präsenz kann sich der Mann zurzeit nicht beklagen.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Anfang Dezember &#8211; höchste Zeit, den neuen Kohlkönig vorzustellen, ansonsten erliegen wir noch der Versuchung, darüber nachdenken, wo denn das ganze Jahr seit der Verkündigung des letzten schon wieder abgeblieben ist, und wer will schon über sowas grübeln. Nachfolger des EU-Energiekommissars Günther Oettinger mit der laufenden Nummer 56 auf dem Gemüsethron wird &#8230; der CDU-Umweltminister Peter Altmaier, der erste seines Vornamens. Hail to the Chief, Applaus, Applaus, Applaus! Stellen wir den Saarländer an dieser Stelle einmal kurz vor, wir haben gerade nichts anderes zu tun. Und es ist letztlich ja bloß der Kohlkönig, machen wir uns also locker und schreiben frei von der Leber weg.</p>
<p>Die Personalie Altmaier bedeutet zunächst einmal eines: nämlich, dass es schon wieder ein Vertreter des bürgerlichen politischen Lagers sein wird, an den sich die Stadt Oldenburg öffentlichkeitswirksam anbiedert. Also &#8220;bürgerlich&#8221; in der klassischen politiktheoretischen Definition &#8211; dass SPD und Grüne mittlerweile längst dazugezählt werden dürfen, lassen wir für den Moment einmal außer Acht. Also: Altmaier ist ein weiterer Kohlkönig aus dem schwarz-gelben Lager, der fünfte in Folge. Den Betrachter beschleicht das Gefühl, dass sich an dieser parteipolitischen Schieflage unter der Ägide Gerd Schwandners auch nichts mehr ändern wird; und manch einer mag die Frage anfügen, ob das nicht bloß die Fortsetzung der Intimfeindschaft zwischen OB und Grünen/SPD mit anderen Mitteln ist. Aber nur kurz, denn eigentlich ist es ja, so im kosmischen Sinne betrachtet, auch wieder ziemlich Pinkelwurst, wer das fleischige Zepter beim nächsten Berliner Gelage schwingt.</p>
<p>An der dürften die Oldenburger Grünen dieses Mal wohl relativ ruhigen Gewissens wieder teilnehmen, nachdem sie das diesjährige &#8220;Gröönkohl-Äten&#8221; wegen atomfreundlicher Aussagen Oettingers boykottiert hatten. Zwar hatte sich auch der Unionist Altmaier vor nicht allzu langer Zeit &#8211; allerdings noch vor Fukushima &#8211; mit dem Rest seiner Fraktion für Laufzeitverlängerungen der AKWs ausgesprochen; nach Fukushima allerdings vertrat er dann, ebenfalls mit dem Rest seiner über Nacht plötzlich komplett anders denkenden Fraktion, die neue Linie des vorzeitigen Ausstiegs. Als parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer zählte Altmaier schon zu den zentralen CDU-Granden, als er noch nicht in jeder zweiten Nachrichtensendung zu sehen war; heute ist er als Nachfolger des mit großem Kladderadatsch gescheiterten Norbert Röttgen Organisator der Energiewende mit entsprechender Medienpräsenz. Altmaier schien zuletzt die Ärmel hochzukrempeln, will immerhin das Atomklo Asse ausputzen und hat nun gar die Erkundung des Salzstocks in Gorleben vorerst gestoppt. Gut, zunächst nur bis zur Bundestagswahl im September 2013; im Rennen um die Endlagersuche bleibt Gorleben letztlich trotzdem &#8211; aber vor der Landtagswahl in Niedersachsen machen sich solche Ankündigungen vermutlich dennoch gut. Dass er zwischendurch bei der Windenergie <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/umweltminister-altmaier-eroeffnet-leit-messe-fuer-windenergie-in-husum-a-856480.html" target="_blank">ein wenig auf die Bremse tritt</a>, vielleicht weniger.</p>
<div id="attachment_42455" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/12/peter-altmaier.jpg"><img class="size-medium wp-image-42455" alt="“Wo bleiben die denn mit dem Stromkabel?” Peter Altmaier, 150 Kilometer nordwestlich von Oldenburg, der Metropole des Nordwestens. BILD: BMU/Thomas Imo/photothek.net" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/12/peter-altmaier-300x214.jpg" width="300" height="214" /></a><p class="wp-caption-text">“Wo bleiben die denn mit dem Stromkabel?” Peter Altmaier, 150 Kilometer nordwestlich von Oldenburg, der Metropole des Nordwestens. BILD: BMU/Thomas Imo/photothek.net</p></div>
<p>Ohnehin hat Altmaier die beliebtheitstechnisch problematischen Steigerungen der Stromkosten am Hals, auch wenn das auf den ersten Blick nicht zwingend eine Sache des Umweltministeriums ist, durch die derzeit aber beinahe omnipräsente Kritik an der Energiewende aber gerne zu einer gemacht wird. Auch dass die Kosten für den verschlafenen und nun angesichts kommender Entschädigungszahlungen immer teurer werdenden Ausbau des Stromnetzes letztlich zum überwiegenden Teil am Verbraucher hängenbleiben werden, ist eine Entscheidung, die im Wirtschafts- und nicht im Umweltressort getroffen worden sein dürfte. Immerhin hält sich Altmaier mit seinem Unmut nicht zurück und führt &#8211; das macht ihn auch dem Nicht-Unionisten sympathisch &#8211; eine Art Dauerfehde mit Wirtschaftsminister (und, wem muss man das noch sagen, Ex-Grünkohlkönig und Vorgänger Oettingers) Philipp &#8220;Fipsi&#8221; Rösler, der das Erneuerbare-Energien-Gesetz mit der Kettensäge reformieren will und seinen Kabinettskollegen vor dem Klimagipfel in Doha bezüglich einer denkbaren <a href="http://www.sueddeutsche.de/wissen/streit-vor-gipfel-zur-erderwaermung-altmaier-und-roesler-belasten-das-klima-1.1531806" target="_blank">Anhebung der CO2-Reduktionsziele deutlich hörbar zurückpfiff</a>. Dass der Umweltminister bei Dingen, die die Energiebranche betreffen, wenig zu melden hat und in den wirklich wichtigen Fragen gegenüber dem Wirschaftsministerium stets den Kürzeren zieht, hat ja irgendwo Tradition in diesem Land; dafür darf Altmaier den Stromkonzernen zwischendurch auch mal <a href="http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-11/altmaier-strompreis-erhoehung-kritik" target="_blank">Preistreiberei</a> hinter dem Deckmäntelchen der EEG-Umlage vorwerfen. Ändern wird das wenig.</p>
<p>Für seine Pläne zur Rettung des Dosenpfands bekam Altmaier unlängst vom <em>Spiegel</em> eins übergebraten &#8211; was eher dazu anregt, dem Saarländer die Schulter zu klopfen als ihn zu verdammen. An anderer Stelle zitiert das Nachrichtenmagazin den 54-Jährigen in einem <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-89343526.html" target="_blank">durchaus lesenswerten Portrait</a> mit den Worten &#8220;Schon als Jugendlicher bestand mein Leben nur aus Junger Union und Politik&#8221;, und in diesem Moment klopft man seine Schulter vielleicht noch ein-, zweimal mehr, aus Mitleid, weil er dafür vermutlich ziemlich oft auf dem Schulhof vermöbelt worden ist. Heute traut sich das angesichts seines Kampfgewichts von 140 Kilo niemand mehr, außer vielleicht Sigmar Gabriel. Altmaier spricht niederländisch, was ihm einen größeren Oldenburg-Bezug sichert als seinen zehn Vorgängern zusammen, beantwortet &#8211; auch das unterscheidet ihn von vielen Parteikollegen &#8211; <a href="http://www.abgeordnetenwatch.de/peter_altmaier-575-37449.html#questions" target="_blank">mitunter Fragen</a> auf <em>abgeordnetenwatch.de</em>, hat sich noch keine Hipsterbrille zugelegt, twittert gerne und weiß sogar, wie man einen Twitter- mit einem Facebook-Account verknüpft. Oder hat zumindest einen Praktikanten, der das weiß.</p>
<p>Am 25. Februar ist das 56. &#8220;Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten&#8221;, wie es so schön heißt, in der niedersächsichen Landesvertretung in Berlin angesetzt. Von der neuen Kohlmajestät wird &#8211; das ist neben dem obligatorischen Oldenburg-Besuch die einzige Amtspflicht &#8211; eine möglichst kurzweilige Rede erwartet. Mal sehen, ob er&#8217;s hinbekommt. Vielleicht kriegt Altmaier ja eine Steilvorlage, und zu jenem Zeitpunkt, fünf Wochen nach der Niedersachsenwahl, hat es sich bereits ausgefipsit. Der <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/01/19/der-fluch-des-grunen-gemuses/">Fluch des Amts</a> kennt schließlich keine Gnade. Und der Humorgehalt in Altmaiers Rede ergäbe sich da von selbst.</p>
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		<title>Die Firma dankt</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Oct 2012 05:00:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leute]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtleben]]></category>
		<category><![CDATA[Justiz]]></category>

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		<description><![CDATA[Sechs Monate Bewährungsstrafe wegen Untreue: Die Karriere des umtriebigen Vollblutpolitikers Karl-Heinz Funke ist an einem Tiefpunkt angelangt. Die wesentlichere Frage aber müsste lauten: Was ist eigentlich beim OOWV los?]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Sechs Monate Bewährungsstrafe wegen Untreue: Die Karriere des umtriebigen Vollblutpolitikers Karl-Heinz Funke ist an einem Tiefpunkt angelangt. Die wesentlichere Frage aber müsste lauten: Was ist eigentlich beim OOWV los?</span></p>
<div id="attachment_42476" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/funke-prozess.jpg"><img class="size-full wp-image-42476" alt="Seltenes Bild: Ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht von Karl-Heinz Funke (li.). Viele Anlässe zur Freude hatte er im Prozess nicht. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/funke-prozess.jpg" width="600" height="423" /></a><p class="wp-caption-text">Seltenes Bild: Ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht von Karl-Heinz Funke (li.). Viele Anlässe zur Freude hatte er im Prozess nicht. FOTO: mno</p></div>
<p>Ein bisschen erleichtert wirkte Karl-Heinz Funke schon, trotz der soeben erfolgten Verurteilung und trotz des nicht geringen Strafmaßes: Sechs Monate Freiheitsstrafe wegen Untreue, ausgesetzt zur Bewährung, dazu eine Geldbuße von 10.000 Euro. Aber in dem Anklagepunkt, der ihm am wichtigsten war – die Bezuschussung seiner Silberhochzeit durch den Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband – wurde der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister freigesprochen. Es war diese Silberhochzeit, die das größere öffentliche Aufsehen erregte und die Person Funke in ein denkbar schlechtes Licht gerückt hatte; viel mehr als der Vorwurf, er habe als Verbandsvorsteher dem mitangeklagten ehemaligen OOWV-Geschäftsführer Hans-Peter Blohm eine unrechtmäßige Gehaltserhöhung zukommen lassen. Es war die Silberhochzeit, die die Frage aufwarf, wie genau es der einstmals hochrangige Politiker aus Varel, der schon mit Vorwürfen wegen fehlenden Baugenehmigungen, Schwarzarbeit und falschen Spesenrechnungen zu kämpfen hatte, mit Recht und Ordnung nehme. „Ich habe einen Fehler begangen“, sagte der frisch verurteilte Ex-Minister in die Kameras, „aber kein Unrecht“. Das lässt tief blicken.</p>
<p>14 Verhandlungstage hatte der sonst so wortgewaltige Friese eisern zu den Vorwürfen geschwiegen, ein ganz und gar ungewohntes Bild: Still, in sich gekehrt, nur gelegentlich den Blick durch den Raum schweifen lassend, während Staatsanwälte und Verteidiger Zeugen befragten, Satzungen durchforsteten und detaillierte Rechnungen verlesen ließen. Am vorletzten Prozesstag aber, als nach den Plädoyers der Anklage und der Verteidigung den Angeklagten das letzte Wort gebührte, schlug die Stunde des Karl-Heinz Funke. Sein „letztes Wort“ dauerte eine halbe Stunde, und er widmete sie fast ausschließlich diesem ersten Anklagepunkt. Der redegewandte Politiker spann dabei den Bogen von der zivilisatorischen Bedeutung der Wasserversorgung über die Brüsseler EU-Politik bis hin zu den Vareler Landfrauen, deklamierte seinen enormen Einsatz für den Verband und berichtete in bewegtem Tonfall von den Belastungen, die die Ermittlungen für seine Familie mit sich brachten. So kennt man Funke: Als charismatischen Redner, als bodenständigen Volkstribun, als einen, der Macht und Einfluss hat und mit dem man trotzdem mal einen Kurzen trinken kann. Er ließ beinahe vergessen, dass er Angeklagter war und nicht Opfer.</p>
<p>Von der Bezahlung des Silberhochzeitsbuffets durch den OOWV habe er erst später erfahren; nie sei ihm in den Sinn gekommen, die Kosten dem Verband aufzubürden, sagte Funke, und es klang auch durchaus glaubhaft. Die Idee dazu kam nach Ansicht des Gerichts allein von Blohm, der wohl auch dafür verantwortlich war, dass die Zahlung in der Buchhaltung verschleiert wurde. Zwar hatte Funke gegenüber dem Verband zunächst ebenfalls die Unwahrheit gesagt, was die ominösen Zahlungen betraf – dass er aber bereits eine Woche später den Vorgang einräumte und das Geld zurückzahlte, hielt ihm das Gericht zugute. Blohm hingegen nicht – er habe genau gewusst, dass sein Handeln rechtswidrig sei, sagte der Vorsitzende Richter Horst Kießler in der Urteilsbegründung: „Was da für ein Zirkus gemacht wurde mit den Rechnungen.“ Blohm hatte die 8.000 Euro für das Buffet gestückelt und als „Dankeschön-Veranstaltungen“ für von Bauarbeiten genervte Anwohner ausgewiesen; der Gastronom, der das Buffet geliefert hatte, stellte entsprechend vier Einzelrechnungen aus – wodurch sich, nebenbei bemerkt, der Gesamtbetrag auf wundersame Weise noch einmal um gut 100 Euro erhöhte.</p>
<p>In der vorangegangenen Beweisaufnahme hatten sich die Verteidiger bemüht zu beweisen, dass die Silberhochzeit weniger als Privatfeier zu sehen sei als vielmehr wie eine PR-Veranstaltung des OOWV, die letztlich der Imagepflege des Verbands diene – schließlich habe Funke öffentlich per Zeitungsannonce zur Sause eingeladen. Es habe einen Vorstandsbeschluss gegeben, der solche Ausgaben für verdiente Mitarbeiter billige. Dass dieser Beschluss allerdings nirgendwo schriftlich festgehalten wurde, war der Argumentation eher nicht zuträglich: Das Gericht zweifelte offen die Existenz einer solchen Absprache an, und überhaupt bleibe eine Familienfeier ein privates Fest, ganz egal, wen man in welcher Form einlade.</p>
<p>„Egal“ war auch das Stichwort bei der Behandlung des zweiten Anklagepunkts. Funke hatte als Vorsteher mit seiner Unterschrift am Vorstand vorbei eine Gehaltserhöhung für Blohm genehmigt – von 117.000 Euro netto, die der Verband ihm zugestanden hatte, auf 270.000 Euro brutto; ein Betrag, den Blohm und seine Personalchefin als „branchenübliches Gehaltsniveau“ einer Führungskräftezeitschrift entnommen hatten. Letztlich blieb Blohm netto mehr übrig als der mit dem Vorstand vereinbarte Betrag – der Schaden für den OOWV, der als Nebenkläger auftrat, wurde auf 103.000 Euro beziffert. Dennoch sprach die Verteidigung stets von einer „Gehaltsumstellung“, nicht von einer Erhöhung, zumal sich Blohms Gehalt durch Zulagen auch in den Jahren zuvor schon in ähnlichen Sphären bewegt hatte. „Egal“, befand das Gericht. Egal sei, was die Angeklagten als „angemessen“ erachteten; egal, was Blohm vorher kassierte – das von Funke zugestandene Gehalt war schlussendlich höher als das vom Vorstand zugebilligte, und das hätten beide auch ganz genau gewusst und bezweckt, hieß es.</p>
<p>Sechs Monate für Funke, elf für Blohm – keine außergewöhnlich sanften Urteile, die das Gericht mit der Eigenschaft des Wasserverbandes als Körperschaft des öffentlichen Rechts begründete. Das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat stehe auf dem Spiel, der Verbraucher müsse sich darauf verlassen können, „dass mit seinen Geldern ordentlich umgegangen wird“, sagte Kießler. Das Image des OOWV dürfte in dieser Hinsicht bereits jetzt angekratzt sein – zu oft war während des Prozesses die Rede von rein mündlichen Absprachen, von ungewöhnlichen Gehaltsstrukturen und fragwürdigen Geldzahlungen. Ob der Wasserverband, der im Prozess als Nebenkläger auftrat, den auf 90.000 Euro heruntergerechneten Schaden auf dem Wege einer Zivilklage einfordern wird, werde geprüft, sagte ein Sprecher. Ob der Verband sein eigenes Geschäftsgebaren ebenfalls auf den Prüfstand stellt, wird sich zeigen.</p>
<p>Ein Nachspiel wird der Prozess wohl so oder so haben: Die Verteidigung kündigte an, mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ in Revision gehen zu wollen.</p>
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		<title>Die ganz alltägliche Integration</title>
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		<pubDate>Thu, 31 May 2012 04:00:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leute]]></category>
		<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>

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		<description><![CDATA[In der VHS ist zurzeit eine Wanderausstellung zu sehen, in der Zuwanderer aus den verschiedensten Weltregionen portraitiert werden - und die wächst: Bei jeder weiteren Station kommen neue hinzu.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">In der VHS ist zurzeit eine Wanderausstellung zu sehen, in der Zuwanderer aus den verschiedensten Weltregionen portraitiert werden &#8211; und die Schau wächst: Bei jeder weiteren Station kommen neue hinzu. Lola Kisljanowa ist eine von ihnen.</span></p>
<div id="attachment_42507" class="wp-caption aligncenter" style="width: 620px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/05/integration-Lola-Kisljanowa.jpg"><img class="size-full wp-image-42507" alt="Zufällig ausgewandert: Lola Kisljanowa. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/05/integration-Lola-Kisljanowa.jpg" width="610" height="421" /></a><p class="wp-caption-text">Zufällig ausgewandert: Lola Kisljanowa. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Der Titel der Ausstellung – „Ich integriere mich von frühmorgens bis spätabends“ – klingt beinahe, als sei Integration ein Vollzeitjob; einer, für den man sich abschuftet, vielleicht auch noch für einen geringen Ertrag. Lola Kisljanowa sieht es anders, für sie ist Integration keine Arbeit und keine Anstrengung, sondern „ein Vollzeitvergnügen“, ein persönliches Weiterentwickeln, manchmal auch ein Rätsel. Integration ist Alltag, manifestiert etwa im nachmittäglichen Kaffee und Kuchen. So eine Mahlzeit gebe es in ihrem Herkunftsland nicht, sagt die gebürtige Weißrussin, die in Russland aufgewachsen ist. Aber sie konnte bereits russische Bekannte davon begeistern.</p>
<p>Sie ist eine von rund 60 Personen, die in der Wanderausstellung in Wort und Bild portraitiert werden, und bei jeder Station kommen neue hinzu. Alle haben ihren eigenen, ganz persönlichen Migrationshintergrund, und zu ihnen zählen nicht nur Angehörige jener Zuwanderergruppen, die üblicherweise im Mittelpunkt der periodisch aufkommenden Integrationsdebatten stehen – eine gebürtige US-Amerikanerin ist darunter, eine auf Mallorca aufgewachsene Finnin, eine brasilianische Studentin. Und Kisljanowa, die Bibliothekarin aus St. Petersburg, seit 1997 in Deutschland.</p>
<p>Wenn sie über ihr Leben und ihre Beweggründe für die Auswanderung spricht – oder man das in der Ausstellung ausliegende Interview mit ihr liest – sucht man vergeblich nach großen Brüchen oder Schlüsselerlebnissen. Sie sei eher zufällig ausgewandert, habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, erzählt sie. Eine alte Bekannte, die sie zufällig in Moskau getroffen hatte, wollte nach Deutschland, und da sie schon mal dabei war, sich um die entsprechenden Papiere zu kümmern, hat sie das für Kisljanowa einfach gleich miterledigt. Sie habe es wie ein Spiel gesehen, sagt die heute 59-Jährige, aber „irgendwann kam ein Punkt, an dem ich mich entscheiden sollte“. Sie entschied sich für die Emigration, wegen der Enttäuschung über die Perestrojka und der ausufernden Kriminalität. „Lenin hat mal gesagt: &#8216;Wer nichts war, soll alles sein&#8217;“, sagt sie mit einem etwas bitteren Lächeln – im Russland der 90er habe sich das bewahrheitet.</p>
<p>Aber ausgerechnet Deutschland, als jüdische Russin oder russische Jüdin, deren Familie beim Vormarsch der Wehrmacht alles verloren hatte? Kisljanowa zuckt mit den Schultern, sie hätte ja gewusst, dass die Deutschen nicht mehr so seien wie in den 30er-Jahren. Ihr Jüdischsein habe im Umgang mit den Deutschen auch keine besondere Rolle gespielt, eher für skurrile Reaktionen gesorgt: „Oh, die erste Jüdin in meinem Leben“, bekam sie mal zu hören, oder: „Echt, Jüdin?“ Kisljanowa lacht, wenn sie davon erzählt; an wirkliche Probleme erinnert sie sich nicht. Genervt haben sie eher die ständigen Anspielungen auf den Wodkakonsum der Russen.</p>
<p>Anderen fiel das Ankommen in Deutschland schwerer, manchen auch leichter, und das ist wohl der Kern der Ausstellung – zu hinterfragen, ob es überhaupt einen Sinn ergibt, von „der“ Integration zu sprechen. Entstanden ist sie 2006 in einem Ort, der für den Beginn eines solchen Projekts nicht passender sein könnte: Das heute 25.000 Einwohner zählende ostwestfälische Städtchen Espelkamp war überhaupt erst durch Migration entstanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im dortigen ehemaligen Munitionslager Vertriebene untergebracht, später kamen Gastarbeiter hinzu, noch später wurde der Ort zu einem bevorzugten Ziel von Spätaussiedlern aus Osteuropa. Es gibt viele Nationalitäten in Espelkamp, viele Religionen, viele Kulturen – und noch viel mehr Varianten, Abstufungen und Auslegungen des Begriffs „Integration“, und mit jeder Station kommen weitere zur Ausstellung hinzu.</p>
<div id="attachment_42508" class="wp-caption aligncenter" style="width: 620px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/05/integration.jpg"><img class="size-full wp-image-42508" alt="Menschen und ihre Geschichten. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/05/integration.jpg" width="610" height="258" /></a><p class="wp-caption-text">Menschen und ihre Geschichten. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Bei allen Unterschieden in den Biografien der Zuwanderer ist die Ausstellungsmacherin Gertraud Strohm-Katzer auch auf die einen oder anderen wiederkehrenden Muster gestoßen. Zum Beispiel den Neid der Einheimischen auf die Zugezogenen, den Vorwurf, die Neuankömmlinge würden vom Staat begünstigt – der belaste die Integration von Spätaussiedlern heute genauso wie damals die der Vertriebenen. „Deren Integration wird heute gerne verklärt“, sagt Strohm-Katzer, „aber auch sie hatten durchaus große Probleme.“ Daher habe sie ein großes Interesse daran gehabt, auch diese Generation in das Projekt einzubinden, was nicht ohne Widerstände ging: Was sie denn mit Migration zu tun hätten, wurde Strohm-Katzer von Vertriebenen gefragt; Migranten, das seien doch die Anderen, „die Asylanten, die Wirtschaftsflüchtlinge“. In ihrer Ausstellung hängen die Portraits von Vertriebenen zwischen denen von Bürgerkriegsflüchtlingen und Aussiedlern.</p>
<p>Jugendliche wiederum „können es zumeist nicht haben, auf ihren Migrationshintergrund reduziert zu werden“, sagt die Kulturmanagerin, „auch nicht, wenn es fürsorglich gemeint ist – sie wollen so anders und so gleich sein wie alle anderen“. Und dann gebe es das Problem mit der beruflichen Qualifikation, die viele Migranten mitbringen, die aber in Deutschland nicht anerkannt wird. „Das führt bei vielen zu Frust und Enttäuschung“, sagt Strohm-Katzer – zwar habe sich das Problem in den Jahren seit Beginn der Ausstellung durch geänderte Gesetze ein wenig entspannt, aber es sei „immer noch weit davon entfernt, gerecht zu sein“.</p>
<p>Auch Kisljanowa hat ein Diplom als Patentingenieurin, das hier nichts zählt, aber sie nimmt es locker – dafür sei eben eine perfekte Beherrschung der Sprache nötig, und Deutsch sei ihr schon auf der Hochschule schwergefallen. Für die hohen Hürden, die der deutsche Staat bei der Anerkennung von Berufsnachweisen aufbaut, hat sie sogar Verständnis: „In Russland können Sie alles kaufen. Führerscheine, Zeugnisse oder einen Nachweis, dass Sie jüdisch sind – einfach alles.“ Ihr erster Abschluss, eine Ausbildung zur wissenschaftlichen Bibliothekarin, wurde immerhin anerkannt, sie ist heute in diesem Beruf tätig, auch wenn sie eher auf dem Niveau einer Aushilfe bezahlt wird.</p>
<p>Überhaupt, Sprache: Deren Beherrschung ist, da sind sich alle einig, von zentraler Bedeutung für „erfolgreiche“ Integration. Eine Binsenweisheit. Andererseits sind unter den in Oldenburg hinzugekommenen Migranten zwei Personen aus der jesidischen Gemeinde, die im Interview mit Strohm-Katzer eingeräumt haben, Analphabeten zu sein. Dennoch, sagt Brigitte Gläser von der Evangelischen Akademie, die die Ausstellung nach Oldenburg geholt hat, hätten sie sich eine erfolgreiche Existenz aufgebaut und einen gewissen Wohlstand erarbeitet. Sind sie nun gut integriert? Oder schlecht? Und: Wer will das eigentlich beurteilen?</p>
<p>Integration, das zeigt die Ausstellung, entzieht sich Schablonen und Schubladen. Wer die ausliegenden Transkriptionen der Interviews liest, merkt, wie viele Definitionen des Begriffs es gibt, wie unterschiedlich die individuellen Ansätze sind, was der Begriff „Heimat“ alles bedeuten kann – etwas, das man verloren hat oder auch gefunden; oder auch etwas, mit dem man nichts anfangen kann. Kisljanowa sagt: „Meine Heimat ist der Planet Erde. Ich bin überall zuhause.“ Integration, das ist ihr alltägliches Vergnügen. Außer vielleicht, wenn es alle paar Jahre zu einer der periodisch wiederkehrenden Ingrationsdebatten kommt. Wie sie das als Betroffene wahrnehme, Stoibers Leitkultur, Sarrazins Hobbyeugenik? Kisljanowa winkt müde ab: Das sei oft nur noch lächerlich. Die würden vor allem „von Leuten geführt, die sich nur theoretisch damit befassen“, die Integration innerlich gar nicht begreifen. Die Leute, mit denen sie damals nach ihrer Ankunft in Deutschland ein Wohnheim teilte, die Zuwanderer, die könnten was darüber sagen, wie Integration funktioniert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>„Ich integriere mich von frühmorgens bis spätabends“ – Vom Wegmüssen und Ankommen. Bis 9. Juni 2012. VHS Oldenburg, Karlstr. 25</em></p>
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		<title>Von Übersee nach Weser-Ems</title>
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		<pubDate>Thu, 20 Oct 2011 05:00:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leute]]></category>
		<category><![CDATA[Museum]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Landesmuseum Natur und Mensch hat einen neuen Leiter: Peter-René Becker ist in der Zoologie genauso zuhause wie in der Ethnologie. Im Lokalteil-Interview äußert er sich zu seinen Ideen und Plänen und zur Zukunft des Hauses.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Das Landesmuseum Natur und Mensch hat einen neuen Leiter: Peter-René Becker ist in der Zoologie genauso zuhause wie in der Ethnologie. Im Lokalteil-Interview äußert er sich zu seinen Ideen und Plänen und zur Zukunft des Hauses.</span></p>
<div id="attachment_42599" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/10/becker.jpg"><img class="size-full wp-image-42599" alt="Ist noch am Auspacken: Peter-René Becker, neuer Leiter im Natur und Mensch. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/10/becker.jpg" width="600" height="381" /></a><p class="wp-caption-text">Ist noch am Auspacken: Peter-René Becker, neuer Leiter im Natur und Mensch. FOTO: mno</p></div>
<p><strong>Herr Becker, Sie haben sich Oldenburg schrittweise genähert: Erst Göttingen, dann Osnabrück, zwischendurch Bielefeld, zuletzt Bremen. Wann waren Sie eigentlich zum ersten Mal hier im Landesmuseum Natur und Mensch?</strong></p>
<p>Dieses Museum habe ich recht früh kennen gelernt, weil wir schon in Bielefeld eine Zusammenarbeit mit den Kollegen in Oldenburg hatten. Von Bremen aus war das natürlich noch dichter. Wenn Sie mich jetzt so fragen… das erste Mal hier im Museum war ich 1989.</p>
<p><strong>Dann haben Sie den Vorher-Nachher-Effekt ja selbst mitbekommen – 1989 sah das Museum ja noch ganz anders aus. Wie ist diese Neuorientierung, wie ist das Haus selbst außerhalb von Oldenburg eigentlich wahrgenommen worden?</strong></p>
<p>Sehr rege; gerade die Errichtung der drei neuen Dauerausstellungsbereiche wurde sehr offensiv wahrgenommen – ich denke, auch über Niedersachsen hinaus – und ihre Fertigstellung sehr begrüßt. Das Museum war zuvor ja tatsächlich so, dass man eine neue Dauerausstellung brauchte; die Entscheidung für die drei Themen, plus Aquarium und Mineralienkeller, die man auch nicht vergessen darf, war eine glückliche Entscheidung. Ich denke, so, wie es geworden ist, wird man es auf längere Sicht ruhig lassen können.</p>
<p><strong>Sie promovierten in Zoologie, Anthropologie und Ethnologie. Sind sie eines davon mehr als die anderen?</strong></p>
<p>Sicherlich bin ich mehr Biologe als Völkerkundler, aber ich habe Völkerkunde komplett studiert und in der Promotion als Nebenfach übernommen. Ich fand die Verbindung sehr spannend. Wenn man ein naturwissenschaftliches Fach studiert hat und mit dessen Methoden vertraut ist, also mit Experimenten und Laborarbeit, und dann bei einem philosophischen Fach wie Völkerkunde auf ganz andere Bedingungen stößt – dort gibt es ja eine ganz andere Form der Beweisführung, da ersetzt die Empirie das Experiment, und beide Methoden sind hochvalide und nicht gegeneinander ausspielbar – das fand ich für mich sehr bereichernd und es hat mir auch in meinem ganzen Berufsleben sehr geholfen, dass ich nie mit scheelem Blick auf die andere Fakultät geguckt habe. Ich habe beides erfahren, beides schätzen gelernt und im Beruf sehr gerne verbunden.</p>
<p><strong>Da kommt es Ihnen sicher entgegen, dass der Ansatz dieses Museums ebenfalls ein interdisziplinärer ist. Hat das für Ihre Bewerbung eine große Rolle gespielt?</strong></p>
<p>In den Gesprächen wurde das immerhin positiv aufgenommen. Es ist ja so, dass ich von den drei Departements hier immerhin zwei abdecke – Archäologie ist nicht mein Schwerpunkt, man muss ja auch mal ehrlich sagen, was man nicht leisten kann. Ich kenne das aus dem Übersee-Museum Bremen, wo ich vorher tätig war, dass die Verbindung zwischen den naturkundlichen und den völkerkundlichen Prozessen ja auch auf eine Wirklichkeit stößt. Wenn ich als Tourist irgendwo anders bin, gucke ich mir ja auch nicht am Montag die Bäume an, am Dienstag die Tiere und Mittwoch die Häuser oder die Menschen, sondern ich erlebe das in toto. Daraus entstehen Fragen, die ich dann für mich lösen will und dafür zum Beispiel ins Museum gehe. Wir müssen das nicht künstlich aufspalten.</p>
<p><strong>Sie waren jahrelang im Übersee-Museum beschäftigt – konnten Sie das dort auch umsetzen?</strong></p>
<p>Ja. Das war auch einer der Punkte, die damals dazu geführt hatten, dass ich diese Stelle bekam. Wir haben ja im Übersee-Museum diese Kontinentalausstellungen – Ozeanien, Asien, jetzt geht gerade Afrika los – immer interdisziplinär bearbeitet und die Fragen aus den jeweiligen Arbeitsgruppen zusammengefasst. Meine war immer: Welche Fragen haben die jeweiligen Ethnien an die Natur gestellt und wie bewerten sie die Antworten, die sie aus der Natur bekommen? Das geht dann auch oft in die Richtung von Mythen oder Traditionen. Also, das ging dort sehr gut, und ich werde in den Sonderausstellungen, die ja hauptsächlich mein Geschäft sein werden, hier auch so umfassende Themen bringen, dass diese Fragestellungen der außereuropäischen Kulturen, die wir ja auch als Sammlungsgebiet haben, beantwortet werden können.</p>
<p><strong>Ein neuer Direktor bringt auch neue Ideen mit. Haben Sie da schon konkrete Vorstellungen, etwa in Bezug auf erste Sonderausstellungen?</strong></p>
<p>Ja, sicherlich. Zunächst sind vor allem Ausstellungen gerechtfertigt, die die eigene Sammlung berücksichtigen, denn hier sind auch Schätze, die in den letzten Jahren wenig oder gar nicht gezeigt wurden. Einer dieser Schätze ist ein Meteorit, der größte Steinmeteorit, der je in Deutschland heruntergekommen ist und über den man zum Glück sehr viel weiß – zwar nicht das genaue Jahr, wann er in Benthullen eingeschlagen ist, es ist maximal 120 Jahre her –, aber man weiß, wo er entstanden und wie er zusammengesetzt ist. Es wäre eine Idee, das zum Anlass zu nehmen, eine Ausstellung über Meteoriten zu machen. Das können wir nicht allein stemmen, wir sind da angewiesen auf die Kollegen in Hamburg und Wien – dort ist die größte Meteoritensammlung der Welt, da wird es sicher möglich sein, Leihgaben zu erhalten.<br />
Dann würde ich auch gerne Themen spielen, die nicht nur auf der Sammlung beruhen, sondern Relevanz in der Region haben – ich denke da an das Thema „Fisch“, wir sind ja immerhin in Norddeutschland. Oldenburg ist nun keine Fischanlandestelle, aber hier wird Fisch gegessen, hier werden die Thematiken wahrgenommen. Das ist ein sehr breites Spektrum. Man kann den Fisch als Organismus vorstellen, dann gibt es Fangquoten, die Rolle von Aqua- und Marikulturen bis zu dem Umstand, dass wir längst vor Küsten fischen, wo Indigene leben, denen wir die Fische wegfangen. Die Sammlung des Hauses spielt da eine untergeordnete Rolle, aber es ist ein Thema, das gesellschaftlich relevant ist.</p>
<p><strong>Ihr Vorgänger hat viel Aufmerksamkeit mit großen kulturhistorischen Ausstellungen bekommen, die thematisch weit über die Region hinausgingen. Wird es, wenn man den Orient-Aspekt mal außen vor lässt, solche Sonderschauen auch künftig geben oder wird der Schwerpunkt doch eher in der Region liegen?</strong></p>
<p>Weder noch. Ich werde diese großen kulturhistorischen Ausstellungen nicht fortführen können, weil ich dazu zuviel Know-how einkaufen müsste. Ich werde aber auch nicht nur in der Region bleiben. Wenn wir zum Beispiel die erwähnte Meteoritenausstellung machen, dann ist es auch ein ganz wichtiger Bestandteil, welche Bedeutung der Meteoritenfall für indigene Völker hat. Es kommen weltweit ja jeden Tag Meteoriten herunter, die meisten sehr klein, aber eben auch immer wieder mal größere. Dort haben sie sicherlich Mythen beeinflusst, auch Erklärungen zur Entstehung der Welt. Denn das muss man sich klarmachen: Jede Ethnie, und sei sie auch noch so klein, hat ein geschlossenes Weltbild, und darauf haben Meteoriten Einfluss genommen.</p>
<p><strong>Sie hatten es bereits erwähnt – Archäologie haben Sie nicht auch noch studiert, das wird wohl auch niemand verlangen. Bislang hatte der Direktor das Feld mit abgedeckt – Mamoun Fansa ist Archäologe –, aktuell steht dieser Bereich, der zu den Grundpfeilern des Museums gehört, personell also nicht besonders gut da. Wie wird es da weitergehen?</strong></p>
<p>Da hoffe ich, dass wir auf eine gute Zusammenarbeit mit der Landesarchäologie zurückgreifen können. Das wird auch einer meiner ersten Besuchstermine sein. Natürlich werden wir dieses Gebiet im Hause weiter pflegen, wir haben ja auch die Museumspädagogik im Bereich Archäologie und die Restauratorinnen. Wir wollen und können diesen Bereich also gar nicht aufgeben, aber wir werden ihn inhaltlich und wissenschaftlich stärker an die Landesarchäologie anbinden und ich denke und hoffe, dass ich da auf offene Türen stoße.</p>
<p><strong>Sie haben eine Sonderausstellung geerbt: „O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehen…“ ist gezielt als Open-end-Schau gestartet worden, weil man seinerzeit noch gar nicht wusste, wie es weitergeht. Wie lange wird die noch zu sehen sein, und was kommt dann? Schon die Meteoriten?</strong></p>
<p>Im Moment bin ich dabei, einen Zeitplan zu stricken. Wir werden auch, das ist Konsens im Haus, von einem Halbjahres- auf ein Quartalsprogramm umsteigen, weil man dann flexibler ist und schneller Änderungen vornehmen kann. Für das erste Quartal 2012 sehen wir vor, dass die Moor-Ausstellung enden wird, ein Datum kann ich noch nicht nennen. Wir planen dann, noch vor Ostern die neue Sonderausstellung zu präsentieren – und das kann dann die zum Thema Meteoriten sein, wenn die Zusammenarbeit mit den erwähnten Häusern wie erhofft klappt.</p>
<p><strong>Sie werden noch in diesem Jahr 62 Jahre alt, ein Alter, in dem man sonst eher nicht noch neue Herausforderungen sucht. Was war für Sie der Reiz an dieser Aufgabe?</strong></p>
<p>Das bin ich auch von Kollegen und im privaten Kreis gefragt worden: Warum denn jetzt noch? Nur für drei Jahre hätte ich es sicher nicht gemacht – die hätte ich auch glücklich in Bremen zubringen können. Aber in meinem Beruf muss man nicht unbedingt das normale Rentenalter beachten, finde ich – und der Vertrag läuft schließlich bis 2017. In sechs Jahren aber kann man noch eine Menge bewegen und Akzente setzen, das hat mich gereizt. Und danach – wer weiß, vielleicht kommt dann ja wieder ein Archäologe.</p>
<p><strong>Noch eine Frage, die nichts mit Ihrer Profession zu tun hat: Wie sind Sie denn in Oldenburg angekommen?</strong></p>
<p>(Lacht) Nett, dass Sie fragen. Also, angekommen bin ich ja in eine mir schon vertraute Stadt. Ich hatte mit meinem Kollegen Ulf Beichle, der ja hier die Naturkunde betreut, immer schon ein sehr gutes Verhältnis; wir hatten nie geahnt, dass wir mal in demselben Haus arbeiten würden. Was mich sehr freut, ist, dass ich auch von den Oldenburgern sehr höflich und nett aufgenommen worden bin. Natürlich ist man gespannt: Was macht der Neue? Das ist auch völlig in Ordnung, es ist ja eine fruchtbare Spannung, die einen beflügelt. Aber vom Tenor her sehr positiv, das freut mich.</p>
<p><strong>Da möchte ich noch einmal nachhaken: Eine fruchtbare Spannung – oder vielleicht sogar eine gewisse Erwartungshaltung, was spektakuläre, überregional antizipierte Ausstellungen angeht?</strong></p>
<p>Es wird sicher erwartet, dass Ausstellungen laufen, die überregional wahrgenommen werden. Das ist natürlich auch mein eigener Anspruch. Ich möchte zwar vor allem die Leute in der Region erreichen und Themen bringen, die sie originär interessieren, aber eben auch Menschen, die zum Beispiel in München oder Stuttgart wohnen – diese Relevanz sollten die Ausstellungen schon haben. Ich mache mir da gar keinen Druck, wir werden Ausstellungen von Anfang an so konzipieren, dass sie eine gewisse Strahlkraft haben. Welche Besucher wir dann letztlich erreichen, werden wir dann sehen. Aber ich schaue auch ganz gezielt auf die Besucher aus der Region, die darf man bei allem Nach-Außen-Gucken nicht vernachlässigen – das ist nun mal das Museum der Weser-Ems-Region, und ich fände es fantastisch, wenn die Leute aus der Region auch wirklich kommen.</p>
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<p><em>Peter-René Becker, Jahrgang 1949, studierte Biologie und Ethnologie in Göttingen und promovierte in den Fächern Zoologie, Anthropologie und Ethnologie. Zuletzt leitete er den Bereich Naturkunde im Überseemuseum Bremen. Am 1. Oktober übernahm er die Leitung des Landesmuseums Natur und Mensch in Oldenburg.</em></p>
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