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	<title>Noltejournal &#124; Magazin &#187; Kultur &#124; Noltejournal | Magazin</title>
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		<title>Hamburger Denkmäler, linke Spießer</title>
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		<pubDate>Mon, 06 May 2013 04:00:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor 33 Jahren legte die Punkformation Slime ihren ersten Tonträger vor - Zeit für eine Biografie. Die stellte der Autor Daniel Ryser in der Kulturetage vor - mit Band, dafür ohne Polizei. ]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Vor 33 Jahren legte die Punkformation Slime ihren ersten Tonträger vor &#8211; Zeit für eine Biografie. Die stellte der Autor Daniel Ryser in der Kulturetage vor &#8211; mit Band, dafür ohne Polizei. </span></p>
<div id="attachment_41901" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/05/Slime-Ryser-liest-www.jpg"><img class="size-full wp-image-41901" alt="The next Generation: Bandbiograf Daniel Ryser. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/05/Slime-Ryser-liest-www.jpg" width="600" height="368" /></a><p class="wp-caption-text">The next Generation: Bandbiograf Daniel Ryser. FOTO: mno</p></div>
<p>„Ihr seid nichts als linke Spießer“, bellte Dirk Jora vor drei Jahrzehnten ins Mikrofon, „und werden wir mal aggressiv, seid ihr auf einmal konservativ“. Der Frontmann der Punkband Slime richtete seinen Zorn an Lehrer, Sozialarbeiter, Studenten; und vermutlich fielen nicht wenige der Menschen, die an diesem Aprilabend im Jahr 2013 die Konzertlesung zur unlängst erschienenen Bandbiografie in der Kulturetage besuchten, in diese Kategorie. Slime, die gehärtete Speerspitze des Deutschpunk, die Krawallband, deren Konzerte mehr als einmal in Schlägereien endeten, trat mit Akustikgitarren in einer bestuhlten Halle auf; in einer Stadt, die einem nicht unbedingt als erste in den Sinn kommt, wenn man an Punk denkt: Oldenburg. Am nächsten Tag stand Göttingen auf dem Programm. Auch nicht viel besser.</p>
<p>Christian Mevs nimmt’s gelassen. „Wir gehören ja mittlerweile auch zu den linken Spießern“, sagt der 50-jährige Gitarrist, der heute als Komponist und Produzent mit eigenem Studio selbstständig ist: „Es wäre ja lächerlich zu sagen, dass wir noch genau dieselben sind wie damals.“</p>
<p>Aber auf eine gewisse Art sind sie’s doch. Mevs, Jora und Bandgründer Michael „Elf“ Mayer begleiten Autor Daniel Ryser bei der Lesetour, auf Barhockern mit Klampfe und dunklen Klamotten – die Erzpunks kommen daher wie altlinke Liedermacher. Den Song über die linken Spießer spiele er heute „mit einem Lächeln“, sagt Mevs: „Die Dinge sind natürlich nicht immer nur schwarz oder nur weiß – aber die Band war es, und das war gut so.“ Gerade heute sei eine solche Klarheit ungemein wichtig, gerade im Hinblick auf Rechtsextremismus.</p>
<p>Zu den Botschaften, die Slime während ihrer wechselvollen Bandgeschichte immer wieder von der Bühne röhrte, stehen sie bis heute. Etwa zu jener, die untrennbar mit der Hamburger Punkformation verbunden ist und die prädestiniert war, den Titel zu Rysers 288 Seiten starker Bandbiografie zu liefern: „Deutschland muss sterben“. Im gleichnamigen Lied geht die Zeile mit „&#8230; damit wir leben können“ weiter, und was zunächst bloß wie stumpf-wütende Untergangsromantik wirkt, ist der musikalische Kommentar der Band zum Kriegerdenkmal am Hamburger Dammtor: ein Relief von in Reih und Glied marschierenden Soldaten, errichtet 1936 und überschrieben mit einem Satz des NS-Dichters Heinrich Lersch: „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“.</p>
<p>Das Deutschland, das sich den halbwüchsigen Musikern Ende der 70er-Jahre präsentierte, war keines, für das man hätte sterben wollen. Ein Land, in dem die Hamburger Stadtoberen die Zusage an die Alliierten, den Spruch aus dem Denkmal wegzumeißeln, schlicht nicht eingehalten hatten. Ein Land der alten und der neuen Faschisten; ein Land, in dem, so Jora, nicht die Neonazis von der Polizei verprügelt werden, sondern die Linken, die AKW-Gegner, die Antifa-Aktivisten. Nicht zufällig war „Wir wollen keine Bullenschweine“ das erste Lied, das Slime schrieb. Ein Lied, das heute noch jeder Punk mitgrölen kann; auch wenn er erst viel später geboren wurde.</p>
<p>Elf, Jora und Mevs, drei Fünftel der aktuellen Besetzung und als verbliebene Mitglieder aus der Gründungszeit gewissermaßen der Ur-Slime des Deutschpunks, sitzen mit Biograf Ryser nach dessen Leseauftritt auf der Bühne um einen Tisch, auf dem Bierpullen aufgefahren wurden; ein bisschen Koketterie mit liebgewonnenen Klischees mag da mitgeschwungen haben. Karlsquell, dem Komapils aus dem Discounter, widmeten Slime einst das einzige Liebeslied, das sie geschrieben haben. An diesem Abend ist es Beck’s.</p>
<div id="attachment_41902" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/05/Slime-Tisch-vl-Mevs-Jora-Ryser-Mayer-www.jpg"><img class="size-full wp-image-41902" alt="Flaschenbier statt Komapils: Christian Mevs, Dirk Jora, Daniel Ryser und Michael Mayer im Gespräch. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/05/Slime-Tisch-vl-Mevs-Jora-Ryser-Mayer-www.jpg" width="600" height="302" /></a><p class="wp-caption-text">Flaschenbier statt Komapils: Christian Mevs, Dirk Jora, Daniel Ryser und Michael Mayer im Gespräch. FOTO: mno</p></div>
<p>Ob sich sein Verhältnis zu Polizisten, über die er damals „Haut die Bullen platt wie Stullen“ sang, gebessert habe, fragt Ryser Frontmann Jora. „Nein“, sagt der und erzählt von Startbahn-West-Demos, von Straßenschlachten bis hin zu Razzien der Hamburger Polizei in seiner Stammkneipe in den vergangenen Jahren, von Geknüppel, Tritten. „Die Cops ändern sich nicht, also ändert sich auch mein Verhältnis zu ihnen nicht.“ Nur das Lied „Bullenschweine“ dürfen sie nicht mehr singen – es landete 2011, 31 Jahre nach seiner Veröffentlichung, auf dem Index.</p>
<p>Ohne diese „Cops“, ohne die Hafenstraße und die Hausbesetzerszene, ohne die spezifisch Hamburger Atmosphäre der späten 70er- und frühen 80er-Jahre hätte es Slime – britische Punk-Welle hin oder her – in dieser Form unter Umständen gar nicht gegeben; die Hansestadt stand für den harten, politischen, kompromisslosen Deutschpunk. Eine Zeit, die noch gar nicht so furchtbar lange her und dennoch ziemlich weit weg ist – weshalb Ryser diesem Abschnitt viel Platz in seinem Buch einräumt.</p>
<p>Obwohl der musikalische und kulturelle Einfluss der Band nicht zu unterschätzen ist, haben die Feuilletons Slime – im Gegensatz zu heutigen Gangstarappern – weitgehend ignoriert. Er habe sich gewundert, dass es über Slime nichts Geschriebenes gebe, sagt Ryser. Auf die Band ist der Schweizer Journalist dann auch über einen Umweg gestoßen: Er recherchierte im Umfeld des FC St. Pauli über Fußball-Hooliganismus – und es ist kaum möglich, sich in der Fanszene des Vereins zu bewegen, ohne auf Jora zu treffen, den Hardcore-Fußballfan, der sich als „linker Hooligan“ bezeichnet.</p>
<p>Die Bindung zwischen der Band und dem Kiezclub ist eng, auf Partys im Umfeld des Vereins spielten Slime trotz mehrfacher Auflösung immer wieder einmal Gigs, und als Tarek Ehlails St.-Pauli-Film „Gegengerade“, zu dessen Soundtrack die Band drei Stücke beisteuerte, auf der Berlinale 2011 uraufgeführt wurde, trat Slime gar auf der Filmparty im noblen Berliner Grand Hotel Esplanade auf – überraschend, dafür mit den erwartbaren Folgen: Krawall, Polizei, Haue.</p>
<p>Slime, das wurde Ryser schnell klar, war „nicht nur eine Band – da kam eine ganze Menge zusammen; Politik, Protest, Punk, Musik.“ Und dazu ein wirres Mit- und, viel häufiger, beinhartes Gegeneinander der Sub- und Subsubkulturen, das er in seinem Buch aus der Vergangenheit zerrt.</p>
<p>Der Autor liest mit schnarrender Stimme, in die sich eine Prise Aggressivität einschleicht, es ist eben eine Punklesung. Statt eines „Guten Abend“ – das folgt erst später, viel später – eröffnet Ryser den Abend mit einem O-Ton Joras: „Passt mal auf, ihr Scheißer, ja?“, zitiert er dessen Ansage aus einem Konzert in den Berliner Pankehallen 1984, die er an einen Haufen Rechtsradikale, die sich seinerzeit immer wieder mal auf Punkveranstaltungen trauten, adressierte: „Uns ist es scheißegal, ob jemand aus Berlin kommt, aus Hamburg oder sonst woher“; brüllte er, „scheißegal, ob jemand Türke ist oder Deutscher, scheißegal – versteht ihr mich, ihr Wichser?“</p>
<p>Einige verstanden es nicht. Die ohnehin heterogene Szene divergierte damals auseinander; ein Teil von ihr entwickelte einen offenen Hang zur Gewaltkultur. Slime trat noch im selben Jahr ab, auf dem Gipfel ihres Ruhms. Nicht nur wegen der Schlägertypen, denen die großen Dead Kennedys den Song „Nazi Punks fuck off“ um die Ohren hauten, und nicht nur, weil das Pogotanzen immer öfter in brutale Kloppereien ausartete – die Bandmitglieder kamen auch nicht damit zurecht, zu Ikonen einer Szene geworden zu sein, die eigentlich ohne Ikonen auskommen wollte. Noch wenige Jahre zuvor hatte Elf dem Sänger von The Clash während eines Konzerts in Hamburg ans Leder wollen – der harte Kern der Szene nahm der britischen Legende den finanziellen Erfolg übel, bezeichnete die Band als „Verräter“. Nun wurde Slime mit genau demselben Vorwurf angefeindet: Kommerzialisierung des Punks. „Was waren wir zu jener Zeit manchmal bloß für ignorante Idioten“, sagt Elf heute, in Rysers Buch.</p>
<p>Jene Zeit – das ist eine, die Ryser selbst nicht kennengelernt hat: Er wurde 1979 geboren, im selben Jahr wie die Band, auf die er trotz aller offenkundigen Sympathie kein reines Loblied singt. Eine Band, in der Frontmann Jora den Gitarristen Mevs über Jahre nicht ausstehen konnte. In der Elf zwar das Herz der Band, aber auf eine bestimmte Art auch immer außen vor war, wie ein Weggefährte sagt. In der trotz Leidenschaft und politischem Sendungsbewusstsein der Entschluss zur ersten Auflösung mit Erleichterung aufgenommen wurde. Ryser hat eine Vielzahl an Anekdoten aus dem Umfeld der Band zusammengetragen – von Jan Delay etwa, Campino, Rocko Schamoni.</p>
<p>Anfang der 90er-Jahre hatten sich Slime wieder zusammengefunden und zwei neue Alben vorgelegt – es gab angesichts der Pogrome in Hoyerswerda, Lichtenhagen, Mölln und Solingen wieder etwas zu kommentieren. „Schweineherbst“ kam heraus, das nach Ansicht der Band vielleicht beste Album. Aber bereits 1994 war wieder Schluss. „Was wir sagen konnten und wollten, haben wir gesagt“, meinte der damalige Drummer Stephan Mahler: „Du kannst dich nicht permanent wiederholen.“ Mevs meint, er habe damals erwartet, dass „jemand anderes übernimmt“. Aber es kam niemand.</p>
<p>Die Bandmitglieder verteilten sich auf andere Projekte. Ryser liest, was aus Jora, der Rampensau, der einst von der Bühne herab Straßenschlachten initiierte, wurde – Geld verbraten, Steuerschulden, später als Taxifahrer durchgeschlagen, der irgendwann nicht mehr damit klarkam, dauernd Bela B. von den Ärzten zum Flughafen bringen zu müssen, damit der first class zu seinen Riesenkonzerten fliegen konnte.</p>
<p>Und dann, 2008, kam der Anruf von Elf. Und plötzlich war Slime wieder da. Schon wieder. Krachender, schneller und keinen Deut ruhiger.</p>
<div id="attachment_41904" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/05/slime-pogo-www.jpg"><img class="size-full wp-image-41904" alt="&quot;Deutschland muss sterben&quot;: Pogo, unplugged. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/05/slime-pogo-www.jpg" width="600" height="339" /></a><p class="wp-caption-text">&#8220;Deutschland muss sterben&#8221;: Pogo, unplugged. FOTO: mno</p></div>
<p>Sie rockten Festivals, sprengten die Filmparty im Esplanade – und legten 2012 ein neues und vor allem neu klingendes Album vor; das erste seit 18 Jahren. Da fällt es schwer, nicht zur Floskel des Erwachsengewordenseins zu greifen, aber erwachsen waren Slime, die politischsten und provokantesten unter den frühen Deutschpunkbands, eigentlich schon immer. Ihre Mucke war nur vielleicht nicht eben sonderlich intellektuell.</p>
<p>Mit dem Album „Sich fügen heißt lügen“ überraschten sie die Fans mit Texten des 1934 von den Nazis ermordeten Anarcho-Dichters Erich Mühsam. Statt „Haut die Polizei zu Brei“ gibt es nun Zeilen wie „Wo hat der Bürger alles her / den Geldsack und das Schießgewehr? Er stiehlt es grad wie wir / Bloß macht man uns das Stehlen schwer.“ Mühsams Aussagen sind nach wie vor aktuell, sagt Mevs, und: „Würde er heute leben, wäre er wohl ein guter Kumpan von uns.“</p>
<p>Was sie ihrem Publikum auch im Jahr 2013 schuldig sind, wissen die drei in die Jahre gekommenen Punkrocker indes, und so erklingt in der Oldenburger Kulturetage nach der Lesung, dem Bühnengespräch und einigen neueren Stücken zum Abschluss schließlich doch noch die Hymne, auf die alle gewartet haben. „Deutschland muss sterben“, unplugged, was könnte besser zum Thema des Abends passen. Der Song, dessen Verbot vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert ist – die Richter haben dem wütenden Punkstück geradezu bildungsbürgerliche Weihen zugesprochen, als sie ihn mit Heinrich Heines „Die schlesischen Weber“ verglichen, denen der Dichter 1845 den Satz „Deutschland, wir weben dein Leichentuch“ in den Mund legte.</p>
<p>„Schwarz ist der Himmel, rot ist die Erde“, schmettert Jora, „und gold sind die Hände der Bonzenschweine“. Zwei, drei Fäuste recken sich in den Rängen nach oben, ein einsamer kurzgeschorener Besucher springt auf und tanzt alleine Pogo vor den Stuhlreihen; es wirkt – so ganz ohne den üblichen Schub der E-Gitarren und Verstärker – beinahe nostalgisch-rituell. Die Hafenstraße? Bloß eine Erinnerung. Karlsquell? Längst vergessen. Der FC St. Pauli? Wird von linken Spießern angefeuert. Und Deutschland? Ist nicht gestorben.</p>
<p>Slime allerdings ebensowenig. Warum sollten sie auch: Das Hamburger Denkmal mit Lerschs Nazispruch steht ja ebenfalls noch.</p>
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		<title>Ein Tweet geht um die Welt</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Apr 2013 11:26:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Netzwelt]]></category>

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		<description><![CDATA[Tausende Social-Media-Nutzer regen sich über die mediale Nichtbeachtung einer Nachricht auf – ohne zu merken, dass die elf Jahre alt ist.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Tausende Social-Media-Nutzer regen sich über die mediale Nichtbeachtung einer Nachricht auf – ohne zu merken, dass die elf Jahre alt ist.</span></p>
<p>Der Rauch schien nach den Bombenanschlägen von Boston kaum verweht zu sein, als sich über diverse Social-Media-Kanäle eine Nachricht binnen Stunden verselbstständigte: Dass eine US-Bombe am selben Tag 30 Menschen auf einer afghanischen Hochzeitsfeier getötet habe, werde von den Medien „wieder einmal verschwiegen“, wüteten Tausende via Facebook, Twitter, Google+ und Co.; offenbar seien amerikanische Opfer wichtiger als afghanische, kritisierten viele; andere echauffierten sich darüber, dass dieser Vorfall – im Gegensatz zum Anschlag von Boston &#8211; natürlich nicht als „Terrorismus“ bezeichnet werde. „Wo bleibt der Aufstand?“, fragte ein Twitterer empört. Schon bald machte auch eine der unvermeidlichen Obama-Friedensnobelpreis-Bildmontagen die Runde.</p>
<p>Wer die Afghanistanberichterstattung halbwegs verfolgt, dem wird die Meldung vom Angriff auf die Hochzeitsfeier bekannt vorkommen – man muss allerdings tief im Gedächtnis wühlen: Den besagten Bombenangriff mit einer entsprechenden Zahl an Opfern hat es tatsächlich gegeben, allerdings bereits vor elf Jahren. Ursprung der sich nun rasant verbreitenden „Nachricht“ schien ein Online-Artikel der britischen Daily Mail zu sein, auf den sich die meisten Posts und Tweets bezogen, dessen Erstellungsdatum auf der Website allerdings korrekt mit dem 1. Juli 2002 angegeben wird.</p>
<div id="attachment_42277" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/154892_web_R_K_by_LWThiele_pixelio.de_.jpg"><img class="size-medium wp-image-42277" alt="Viel Gezwitscher um nichts. BILD: LWThiele  / pixelio.de" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/154892_web_R_K_by_LWThiele_pixelio.de_-300x199.jpg" width="300" height="199" /></a><p class="wp-caption-text">Viel Gezwitscher um nichts. BILD: LWThiele / <a href="www.pixelio.de" target="_blank">pixelio.de</a></p></div>
<p>Der Link wurde fleißig geliket, geteilt, empfohlen und retweetet; das Thema durchwanderte auch Foren und eine Anzahl privater Blogs, die die Uralt-Meldung als „Breaking News“ übernahmen. Zwischenzeitlich sollte sich die Zahl der Opfer gar vervierfachen, nachdem jemand eine entsprechend hoch gegriffene Meldung über denselben Bombenangriff auf einer anderen, eher obskuren Website ausgegraben hatte. Zwar wurde auch dort das korrekte Datum, 2002, angegeben – aber offensichtlich hatten nur die wenigsten tatsächlich gelesen, was sie da weiterverbreiteten; die Beschäftigung mit der Nachricht erschöpfte sich zumeist auf den Klick auf „Retweet“ oder „Teilen“.</p>
<p>Am Dienstag wurde die Nichtmeldung im Minutentakt getwittert; bis Sonntag ging es in zwar niedrigerer Frequenz, aber dennoch munter weiter. An die Stelle der meistverlinkten Quelle rückte zum Wochenende hin ein Artikel im World Observer Online, einem impressumsfreien Blog, der sich äußerlich nachrichtlich-seriös gibt, inhaltlich allerdings nur die Daily-Mail-Nachricht wortgleich übernommen, ein Bild hinzugefügt und das Ganze mit dem Datum des 17. April 2013 versehen hat. Auf Twitter sorgte das für einen neuen Schwung an entsprechenden Meldungen.</p>
<p>Erst spät waren am Dienstagabend zwischen den Falschmeldungen auch vereinzelt Hinweise auf das Alter der Afghanistan-Nachricht aufgetaucht, die in der Masse allerdings eher untergingen. Eine Nutzerin, deren Tweet über die Bombardierung mehr als 400 Mal retweeted worden ist, hatte ihren Fehler noch am selben Tag mehrfach eingeräumt und um Entschuldigung gebeten – nur bekamen das mangels Weiterverteilung lediglich noch ihre Follower mit. Ihre Falschmeldung verbreitet sich weiter unkontrolliert.</p>
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		<title>Unbesungene Helden</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Apr 2013 04:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Universität Oldenburg]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit drei Jahrzehnten wartet in der Unibibliothek eine bemerkenswerte Literatursammlung auf ihre wissenschaftliche Entdeckung: Britische Comics aus der Frühzeit des Genres, hinterlassen vom wohl dienstältesten Dozenten der Uni.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Seit drei Jahrzehnten wartet in der Unibibliothek eine bemerkenswerte Literatursammlung auf ihre wissenschaftliche Entdeckung: Britische Comics aus der Frühzeit des Genres, hinterlassen vom wohl dienstältesten Dozenten der Uni.</span></p>
<div id="attachment_41942" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Kevin-Carpenter-www.jpg"><img class="size-full wp-image-41942" alt="Ein Sammelsurium aus Landstreichern, Rabauken und Underdogs: Kevin Carpenter und die Helden einer vergangenen Comic-Ära. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Kevin-Carpenter-www.jpg" width="600" height="387" /></a><p class="wp-caption-text">Ein Sammelsurium aus Landstreichern, Rabauken und Underdogs: Kevin Carpenter und die Helden einer vergangenen Comic-Ära. FOTO: mno</p></div>
<p>Kevin Carpenter bittet um Nachsicht, dass sein Sprechzimmer so schmucklos ist: Nur wenige Ordner stehen im Regal, ein paar Kinderzeichnungen hängen noch an der Wand, in zwei Stunden kommt ein Techniker und holt den Computer ab. Es ist Carpenters letzter Tag an der Uni; nach fast 41 Jahren Lehrtätigkeit – er unterrichtete hier schon Englisch, als die Institution noch „Pädagogische Hochschule“ hieß – geht der Anglist in den Ruhestand. Ein Stück von ihm bleibt, in gewisser Hinsicht: In den 80er-Jahren hatte Carpenter eine Sammlung britischer Comics aus der Zeit von 1873 bis 1939 angeschafft, ein seltener literaturgeschichtlicher Schatz, der zurzeit in einer kleinen, auch im Internet zu sehenden Ausstellung in der Unibibliothek zu sehen ist. Ansonsten allerdings schlummert er im Verborgenen und wartet auf einen Forscher, der ihn ausgräbt.</p>
<p>„Mein Vermächtnis an die Uni“, sagt Carpenter. Kein unbedeutendes – rund 5.000 Ausgaben von Heftreihen mit Namen wie Illustrated Chips, The Jolly Jester oder Bubbles Annual umfasst die Sammlung aus der Frühzeit des Comicschaffens. Viel Stoff also für ambitionierte Nachwuchsanglisten, Material für Doktorarbeiten. Bislang hielt sich das Interesse indes in Grenzen: Hier und da habe es in den vergangenen drei Jahrzehnten mal eine Anfrage gegeben, berichtet Carpenter; einmal sei ein irischer Forscher dagewesen und habe sich durch den Bestand gelesen, aber etwas Zählbares ist dabei bislang nicht herausgekommen.</p>
<p>Dabei hätten diese Comics über die humoristischen, anarchischen, manchmal auch schlicht albernen Storys hinaus, in denen oft Landstreicher, Rabauken und Underdogs die Hauptrollen spielten, einiges zu erzählen. Sie könnten Aufschluss geben über die Leser, die Zeichner und Autoren, die Verlage und ihren Stellenwert im soziokulturellen Kontext des hoch- und spätimperialistischen Königreichs – all das sei noch nie richtig aufgearbeitet worden, sagt Carpenter: „Wir wissen eigentlich immer noch nicht genau, wer diese Hefte eigentlich gelesen hat, welche Altersgruppen, welche Schichten, welche Geschlechter.“ Es mag auch daran liegen, dass Comics überhaupt erst seit relativ kurzer Zeit als literarische Gattung ernstgenommen werden, in Deutschland seit vielleicht zwei Jahrzehnten. Früher wurden sie, wie überhaupt das Genre der Unterhaltungsliteratur, von rechts wie von links als „Schund“ angefeindet – aus Sorge um die störungsfreie Entwicklung der Heranwachsenden zu schöngeistigen Bildungsbürgern respektive klassenbewussten Proletariern.</p>
<div id="attachment_41943" class="wp-caption alignright" style="width: 233px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/britische-comics-www.jpg"><img class="size-medium wp-image-41943" alt="Statue klauen, Bobbies verwemsen: Anarchischer Humor mit Willie &amp; Tim. BILD: BIS Uni Oldenburg" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/britische-comics-www-223x300.jpg" width="223" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Statue klauen, Bobbies verwemsen: Anarchischer Humor mit Willie &amp; Tim. BILD: BIS Uni Oldenburg</p></div>
<p>Dabei ist der kulturelle Einfluss dieser frühen Comics auch für den Laien zu erahnen. Da wären etwa Weary Willie und Tired Tim, zwei Tramps, der eine dünn und schlaksig, der andere dick und gedrungen, die das Plakat der Ausstellung zieren. Sie erinnern in verdächtigem Maße an das spätere Komikerduo Stan Laurel und Oliver Hardy, und tatsächlich lassen sich Verbindungslinien ausmachen. Weary Willie und Tired Tim erreichten das, was man heute als Kultstatus bezeichnen würde und blieben bis zur Einstellung Titelhelden des Magazins, in dem sie erschienen, immerhin 57 Jahre lang. „Das hier ist eine wunderbare Geschichte“, sagt Carpenter und zeigt auf einen Strip von 1898, in dem die beiden Tramps eine Statue klauen und sich selbst an ihre Stelle setzen, um am nächsten Tag feierlich vom Bürgermeister enthüllt zu werden. Und sich anschließend den Fluchtweg durch herbeieilende Polizisten freikämpfen zu müssen. Landstreicher, die Bobbies vertrimmen, und das im spätviktorianischen England – vermutlich waren diese Geschichten auch wegen ihres aufsässigen Subtextes so populär.</p>
<p>Das Motiv des pfiffigen Landstreichers entwickelte ein anderer Zeitgenosse zu einer weltberühmten Ikone weiter: Charles Chaplin, dessen berühmtes Outfit direkt aus den Comics entnommen zu sein schien. Von Chaplin stammt auch der Titel der Ausstellung: Die Comics seien „wonderfully vulgar“, sagte er 1957 in einem Interview. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte ein Kritiker sie noch als „unspeakably vulgar“ bezeichnet. Es scheint nur konsequent, dass Chaplin selbst – kaum, dass er einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hatte – zu seiner eigenen Comicfigur in einer Heftreihe wurde.</p>
<p>Für heutige Geschmäcker sind die Bildergeschichten und die Heftserien eher ungewohnt, etwa in ihrer Textlastigkeit: Sprechblasen sind eher Beiwerk, die Handlung wird unter den Bildern ausgearbeitet und die Hefte umfassten nicht nur Comicstrips, sondern auch Short Storys. Das macht die ganze Palette allerdings auch enorm vielseitig und die Zahl der Facetten geradezu unüberschaubar. „Alles, was nur vorstellbar war und gezeichnet werden konnte, wurde verarbeitet“, sagt Carpenter, und so wurde auch nicht davor zurückgeschreckt, ein literarisches Nationalheiligtum wie Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes als „Chubblock Homes“ in Frauenkleider zu stecken.</p>
<p>Obwohl Comics heute längst als etablierte Kunstform gelten dürften, die meisten Printmedien regelmäßig Strips veröffentlichen und trotz des Erfolges von Mangas und Graphic Novels werden diese Anfänge des modernen Comics immer noch ignoriert, sagt Carpenter, der dem Thema erstmals 1981, anlässlich der Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse, eine kleine Ausstellung gewidmet hat. Damals habe die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einer Besprechung geschrieben, dass es „höchste Zeit“ sei, „sich mit diesen Lesestoffen zu beschäftigen“. Das ist es nach drei Jahrzehnten immer noch. Carpenter hofft, dass sich irgendwann doch noch jemand findet, der etwas daraus macht; vielleicht einer der Studenten aus seinen letzten Lehrveranstaltungen. Zumindest habe der eine oder andere interessiert gewirkt, sagt er und lächelt. Dann muss er los, sein Büro leerräumen.</p>
<p>++++</p>
<p><em><a href="http://www.wonderfullyvulgar.de/" target="_blank">„Wonderfully Vulgar“</a> – Britische Comics von 1873 bis 1939, bis 10. Mai 2013, Foyer der Universitätsbibliothek</em></p>
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		<title>Krempel aus der Zwischenwelt</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Apr 2013 04:00:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Universität Oldenburg]]></category>

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		<description><![CDATA[Studierende der Uni haben ihre erste eigene Ausstellung konzipiert, und eine ungewöhnliche dazu: &#8220;Was übrig bleibt&#8221; widmet sich Dingen, die ansonsten eher nicht im Mittelpunkt stehen. Wohl jeder hat zuhause so ein Ding, das irgendwo herumsteht oder –liegt; ein Ding, das irgendwann einmal bei irgendetwas übrig geblieben ist und das &#8230;]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Studierende der Uni haben ihre erste eigene Ausstellung konzipiert, und eine ungewöhnliche dazu: &#8220;Was übrig bleibt&#8221; widmet sich Dingen, die ansonsten eher nicht im Mittelpunkt stehen.</span></p>
<div id="attachment_41948" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Telefone.jpg"><img class="size-full wp-image-41948" alt="Übriges-Telefone" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Telefone.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Überholt: Telefone. Mit Kabeln und so. FOTO: mno</p></div>
<p style="text-align: center;">Wohl jeder hat zuhause so ein Ding, das irgendwo herumsteht oder –liegt; ein Ding, das irgendwann einmal bei irgendetwas übrig geblieben ist und das man deshalb in Ehren hält oder einfach nur noch nicht weggeworfen hat, manchmal ohne zu wissen, warum. Ein Kleidungsstück aus ferner Jugendzeit vielleicht, das nie, nie wieder passen wird, man weiß es ja und macht sich nichts vor, aber trennt sich trotzdem nicht davon. Die Muschel, die man an irgendeinem mediterranen Strand aufgelesen und sie – im Gegensatz zu anderen Muscheln von anderen Stränden – behalten hat, weil jener Urlaub eben schöner war als andere. Oder ein hässliches Geschenk, das von der Hochzeitsfeier übriggeblieben ist und das man behält, um es dem Schenker auf Nachfrage jederzeit vorweisen zu können – solchen Gegenständen widmeten Studierende der Uni Oldenburg nun eine eigene Ausstellung: „Was übrig bleibt“ ist gewissermaßen das Gesellenstück der zehnköpfigen Gruppe, die sich für den Masterstudiengang „Museum und Ausstellung“ eingeschrieben hatte. Die erste Ausstellung, die die Studierenden selbstständig auf die Beine stellten, und angesichts ihres bevorstehenden Berufseinstiegs vielleicht für einen längeren Zeitraum die letzte, bei der sie so viele Freiheiten hatten.</p>
<p>„Alles, was übrig ist, kann Ausstellungsstück sein“, sagt Franziska Scholl, eine der Ausstellungsmacherinnen. Und übrig ist, was in eine der fünf von der Gruppe festgelegten Kategorien passt: Emotionsgeladen, Entbehrlich, Überholt, Überstanden, Verfehlt. Es gäbe sicher auch andere, meint Scholl, diese Einteilung sei nicht in Stein gemeißelt, und das sei „ja auch das Spannende daran: Vielleicht sehen Besucher das ja ganz anders.“ Zunächst aber sind es diese fünf Kategorien, von denen sich die eine oder andere selbst erklären dürfte. „Emotionsgeladen“ ist etwa ein Top, von seiner Besitzerin nur einmal getragen – auf dem Geburtstag ihrer Großmutter, die vier Tage später starb, weshalb die Enkelin es nicht mehr anziehen mochte. „Überholt“ ist beispielsweise ein altes, aber noch funktionierendes Telefon, nur hat sein Besitzer jetzt eben ein neueres, moderneres, cooleres.</p>
<p>Ein Objekt habe eine Funktion, erklärt Nora Spielvogel, die Sprecherin der Studentengruppe, den Status des Übrigseins: „Irgendwann verliert es diese Funktion.“ Und bis es einer neuen zugeführt werden kann oder schlicht weggeworfen wird, existiere es in einer Art Zwischenwelt. In die gerate es bewusst oder unbewusst, manchmal auch rein zufällig: die Vase etwa, die die Bombardierung und Zerstörung eines Hauses unversehrt überstanden hat. Übriges aus der Rubrik „Überstanden“.</p>
<p>Man ahnt es bereits: Es gibt viele, sehr viele Gegenstände, die in eine dieser Kategorien und mithin auch in diese Ausstellung passen würden. All die Dinge, von denen man immer hört oder selbst sagt, dass sie „zu schade zum Wegwerfen“ seien, dass man sie „noch mal brauchen“ könne, dass man sie „irgendwann wieder benutzen“ würde. Wie diesen komisch aussehenden Bauchmuskeltrainer, den man eines Tages verwenden wird, ganz ehrlich bestimmt, wenn man halt Zeit und Muße hat.</p>
<div id="attachment_41946" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Bauchmuskeltrainer.jpg"><img class="size-full wp-image-41946" alt="&quot;NATÜRLICH werde ich den nochmal benutzen!&quot; FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Bauchmuskeltrainer.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">&#8220;NATÜRLICH werde ich den nochmal benutzen!&#8221; FOTO: mno</p></div>
<p>In Anlehnung an ein zuletzt in ermüdendem Maße strapaziertes Bonmot könnte man fragen: Ist das übrig – oder kann das weg? Viele der gezeigten Dinge hätten irgendwann wegkommen können, auf die eine oder andere Weise. Sind sie aber nicht. Sie sind vielmehr gefangen in ihrem prekären Zwischenwelt-Dasein, das sich über das Festhaltenwollen, eine längst vergangene Sammelwut oder die bloße Ratlosigkeit ihrer Besitzer definiert. Eine Lavalampe etwa ist dabei, die nur deshalb noch existiert, weil die Besitzerin nicht weiß, wie man sie korrekt entsorgen müsste. Dort verläuft die Trennlinie zwischen „Übrigem“ und, nun ja, „Müll“ &#8211; einem Begriff, der nicht wenigen Besuchern durch den Kopf schießt, beim Betrachten des einen oder anderen Exponats.</p>
<p>Aber genau dort, im Müll, landeten sie eben nicht, obwohl sie keinen Zweck mehr erfüllen, manchmal nicht einmal mehr als bewusst aufbewahrtes Erinnerungsstück dienen. Und das macht sie zu für die Oldenburger Studentengruppe zu Ausstellungsstücken, zu Exponaten einer Schau, bei der jeder Betrachter sofort eine Idee hat, was er dazu beisteuern könnte.</p>
<p>Auch die Macher müssen nicht lange überlegen, welche Dinge aus ihrem irdischen Besitz übrig sind. Für Franziska ist es ein T-Shirt, von Freunden vor einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt bemalt, nie getragen und auch nicht gewaschen, da sie befürchtet, dass es die Farbe verlieren würde. Nora nennt eine Jacke, die ein verflossener Exfreund zurückgelassen hat und die sich in der Kruschtelkiste unterm Bett befindet. Emotionsgeladen. Dozentin Karen Ellwanger fällt ihre Sammlung altertümlicher Biografien ein, die ihr immer als Mahnung dienten, dass sie „so etwas nie machen soll“. Die, oder die roten Pumps einer alten Freundin.</p>
<p>Und nach der Ausstellung? Dann findet sich jedes einzelne Exponat in genau derselben Situation wieder wie zuvor; wird konfrontiert mit der Frage: Was tun mit dem Ding? Wieder zurück in die Schublade, auf den Dachboden, in die Umzugskiste im Keller? Oder erlebt es eine Renaissance, bekommt einen Platz im Regal, auf dem Kaminsims, dem Beistelltisch? Oder kann es sein letztes bisschen Daseinsberechtigung vor dem durch die Ausstellung geschärften kritisch-prüfenden Blick des Besitzers nicht mehr verteidigen und geht den Weg allen Irdischen – Flohmarkt, Ebay oder letztlich doch die Mülltonne?</p>
<p>Diese Unsicherheit, aber auch die reine Vielfalt der Objekte verleiht der Ausstellung ihre Spannung. Sie bedient sowohl den Nostalgie- als auch den Fremdschämfaktor; die ganze Palette von „Weißt du noch“ bis „Mein Gott, hat sich das wirklich wer in die Wohnung gestellt?“ Ein bisschen Zeitgeschichte hier, ein wenig Soziologie dort, garniert mit einer Prise Psychologie – aber eben einem solchen Schubladendenken verwehren sich die Exponate. Die 50er-Jahre-Zimmeruhr mag der Eine oder Andere grässlich finden, für ihren Besitzer und Leihgeber Carsten Schipke ist sie eine liebgewonnene Erinnerung an „Opa Martin“ – nicht einmal sein leiblicher Großvater, sondern ein freundlicher alter Mann aus der Nachbarschaft, der „mit über 90 Jahren noch in die Bäume geklettert ist, um Zweige abzusägen“, wie sich Schipke erinnert. Als Opa Martin mit 96 starb, half Schipke dessen Verwandschaft bei der Auflösung des Haushalts; mit ihnen ist er seitdem befreundet. Und von Opa Martin sind Fotoalben übriggeblieben, Bücher, eine Urkunde von den Reichsjugendwettkämpfen 1930 – und eben die Uhr, die nun Schipkes Wohnung ziert.</p>
<p>Es ist müßig zu betonen, dass jedes Objekt eine solche ganz eigene Geschichte hat, denn das trifft auf so ziemlich jedes Exponat in jeder Ausstellung dieser Welt zu. Die „übrigen“ Objekte aber erzählen ihre Geschichte über die reine Provenienz hinaus; man erfährt in wenigen Sätzen sowohl rührende als auch schräge Hintergründe. Der Schachcomputer etwa, Modell „Mephisto“, die Älteren werden sich erinnern. Eine betagte Dame hatte ihn von Verwandten geschenkt bekommen, da sie gerne Schachspielen lernen wollte, aber dem rein männlich geprägten örtlichen Schachclub nicht beitreten durfte. Der Computer sollte ein gutgemeintes Präsent sein, mit dem die Frau aber nichts anfangen konnte – es ging ihr weniger um das Spiel selbst als durch die sozialen Kontakte, die sie eigentlich darüber zu knüpfen gehofft hatte. Das Ding landete auf dem Flohmarkt; dort fanden es die Ausstellungsmacher. Nun baumelt „Mephisto“ von der Decke, neben geschmacklosen Snoopy-Figuren, die ebenfalls in die Kategorie „Verfehlt“ eingeordnet wurden. Und ihre eigene Geschichte erzählen.</p>
<div id="attachment_41947" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Snoopy.jpg"><img class="size-full wp-image-41947" alt="Äh, hübsch. Leider zu groß für den Setzkasten. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Snoopy.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Äh, hübsch. Leider zu groß für den Setzkasten. FOTO: mno</p></div>
<p>Es war eine Idee, die ihnen spontan gekommen sei, sagen die Studierenden. Eine, die sofort funktionierte, weil „jeder sofort etwas damit anfangen kann“, sagt Nora. Und auch eine, die nicht starr festgelegt bleiben soll, denn die Macher wollen auch Rückmeldungen von den Besuchern haben, schließlich ist es ja ihre erste Ausstellung. Eine hängt bereits an der Pinnwand im Ausstellungsraum: „Denn das, was übrig bleibt, ist meistens Gekotztes“, hat jemand geschrieben.</p>
<p>++++</p>
<p><em><a href="http://www.uebriges.de" target="_blank">„Was übrig bleibt. Eine Ausstellung vom Aufheben, Verstauen und Zurücklassen“</a>, bis 6. April im Ullmann-Haus, Lange Str. 91, 1. Etage.</em></p>
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		<title>Sie weiß, was du letzten Sommer getan hast</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jan 2013 04:00:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Medienkunst]]></category>
		<category><![CDATA[Museum]]></category>

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		<description><![CDATA[Totale Vernetzung, jederzeit und überall abrufbare Daten, gläserne Bürger - eine Horrorvorstellung für die meisten Menschen. In Estland ist man diesen Weg schon recht weit gegangen, und der Künstler Timo Toots zeigt zurzeit im Edith-Ruß-Haus, wo er hinführen könnte.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Totale Vernetzung, jederzeit und überall abrufbare Daten, gläserne Bürger &#8211; eine Horrorvorstellung für die meisten Menschen. In Estland ist man diesen Weg schon recht weit gegangen, und der Künstler Timo Toots zeigt zurzeit im Edith-Ruß-Haus, wo er hinführen könnte.</span></p>
<div id="attachment_42352" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/01/EDR-Memopolis.jpg"><img class="size-full wp-image-42352" alt="Wann, was, wieviel, wen? Memopol kennt seine Benutzer besser als die meisten anderen. FOTO: EDR" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/01/EDR-Memopolis.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Wann, was, wieviel, wen? Memopol kennt seine Benutzer besser als die meisten anderen. FOTO: EDR</p></div>
<p>„Memopol II“ ist eine Maschine, die ihren Betreiber gewissermaßen virtuell die Hosen herunterzieht – sobald sie den Personalausweis gescannt hat, gibt sie Auskunft darüber, wo er wohnt, wen er kennt, wieviel er verdient, welche Pillen er schluckt und wie es in seinem Oberstübchen aussieht. Das wirkt, zumindest in der Installation im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst, zunächst wie eine kurzweilige Spielerei, eine Mischung aus Zufallsgenerator und automatisiertem Googlen. Aber der Spaß ist nur vordergründig. Die Maschine kennt keinen Humor, nur Zahlen; und nach erfolgter Analyse aller Daten reduziert sie ihre Benutzer auf eben diese.</p>
<p>Für den Durchschnittsbesucher wirkt das Ganze ziemlich science-fiction-mäßig, für den Künstler Timo Toots ist es das nur bedingt. Toots lebt in Estland, einem Land, das die Idee der elektronisch vernetzten Gesellschaft weiter vorangetrieben hat als jedes andere: Nahezu jeder Este besitzt ein Handy, der Zugang zum Internet ist gesetzlich verankert und über zahllose öffentliche Hotspots und Terminals gewährleistet, sogar die Teilnahme an Wahlen ist längst online möglich. Die Digitalisierung geht aber noch viel weiter: Der estnische Personalausweis ist eine Chipkarte, mit der sich rechtsverbindliche Verträge digital abschließen lassen; man kann mit ihm bezahlen, Behördenkram erledigen und er funktioniert auch als Krankenversicherungskarte.</p>
<p>Der Ausweis weiß, kurz gesagt, eine ganze Menge über seinen Inhaber – und da alle denkbaren Interaktionen online ablaufen, drängt sich die Frage auf, wer das noch alles weiß. Oder zumindest in Erfahrung bringen kann. Die Antwort liegt nahe: Der estnische Staat hat auch in punkto Datensammlung alle anderen EU-Staaten hinter sich gelassen. „Memopol II“ tut im Prinzip nichts anderes, als dieses staatliche Portal zu simulieren; dass Besucher des Museums zunächst einen gefaketen Registrierungsvorgang absolvieren müssen, um die Installation zu betreten, ist da nur folgerichtig.</p>
<p>Die digitale Revolution werde in Estland eher gefeiert als gefürchtet, sagt Jan Blum, Mitarbeiter am Edith-Ruß-Haus: Viele Esten nähmen sie vor allem als Erleichterung im Umgang mit alltäglichen Dinge wahr. Das persönliche Profil eines Menschen definiere sich nicht mehr nur über dessen physikalische Existenz, so Toots – es gebe noch das andere, das digitale, über das er manchmal nur wenig Kontrolle habe und das stetig wächst, jedes Mal, wenn man elektronisch bezahlt oder sich in einem Sozialen Netzwerk bewegt.</p>
<p>Dass „Memopol II“ eher schräge Ergebnisse ausspuckt, liegt daran, dass der eingescannte deutsche Perso nicht allzu viele Daten hergibt – noch nicht. Aber die Installation umfasst weitere, in Oldenburg erstmals zu sehende Räume; und dort wird es langsam ernster, viel ernster. Im Untergeschoss werden die Marktwerte der Benutzer von „Memopol II“ im Stil der bekannten Laufbänder aus Nachrichtensendungen an die Wand geworfen, inklusive Kursschwankungen. Ihre Leistungsfähigkeit und Krankheitsanfälligkeit wird analysiert und zu einem durchschnittlichen Prozentsatz zusammengefasst, der letztlich den Grad der Funktionalität des Betreffenden beschreibt. Arbeitgeber würde das wohl sehr interessieren, und spätestens hier fadet die Zukunftsmusik langsam aus – letztlich ist die elektronische Gesundheitskarte der erste Schritt in diese Richtung.</p>
<p>Ihren Höhepunkt findet die Installation im letzten Raum, einem vollautomatisierten Gerichtssaal. Die Entwicklung wurde von Toots hier konsequent weitergedacht: Die Maschine geht eine Reihe von fiktiven Strafrechtsparagraphen durch und gleicht diese mit den Eingaben der bisherigen Ausstellungsbesucher ab. Die Ergebnisse lesen sich lustig: „§177a: It is forbidden to complain about Markus“, steht da, gefolgt vom Namen des Benutzers und dem Schuld- oder Freispruch, immer wieder, Punkt für Punkt. „Ein elektronisches Jüngstes Gericht“, sagt Blum, „ohne Möglichkeit, sich zu verteidigen“. Wozu auch – schließlich ist eine Maschine nüchtern, unbestechlich und richtet sich nach den Fakten; sie ist die effizienteste Methode zur Industrialisierung der Rechtsprechung.</p>
<p>Bis es soweit kommt, werden noch viele Datenmengen durch die Glasfaserkabel fließen. Toots’ Installation wirft aber schon jetzt die Frage auf, wie weit dieser Weg wohl sein wird – an der Technik würde es ja schon heute nicht mehr scheitern.</p>
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		<title>Der raue Charme des Trostlosen</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Oct 2012 04:00:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Uni Oldenburg]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Journalist Gerhard Kromschröder setzt dem Emsland ein fotografisches Denkmal - Eindrücke einer Region, die nicht wenige eher meiden.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Der Journalist Gerhard Kromschröder setzt dem Emsland ein fotografisches Denkmal &#8211; Eindrücke einer Region, die nicht wenige eher meiden.</span></p>
<div id="attachment_42486" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-1.jpg"><img class="size-full wp-image-42486" alt="Neulich, irgendwo im Emsland. BILDER: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-1.jpg" width="600" height="389" /></a><p class="wp-caption-text">Neulich, irgendwo im Emsland. BILDER: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Eine Bushaltestelle mitten im Nirgendwo, lieblos aus Blech zusammengedengelt. Die in die Vorderwand hineingefräste Öffnung lässt sie wie eine in die Höhe gezogene Hundehütte erscheinen; die daneben platzierten Verkehrsschilder neigen sich zur Seite, als wäre ihnen sowieso schon alles egal. Wäre die Gegend, in der sie steht, nicht so offensichtlich feucht, würde man beim Betrachten des Fotos erwarten, dass ein vertrockneter Busch durchs Bild rollt. Das Mundharmonika-Lied von Ennio Morricone erklingt im &#8211; von der stetig wiederholten Bemühung dieses Stilmittels im Fernsehen abgestumpften &#8211; Innenohr. Die Bushaltestelle, um die es hier geht, steht im Emsland; das Foto von ihr, auf der man sie zu Gesicht bekommt, ohne Gefahr zu laufen, sich auf der Suche nach ihr in den nassen Weiten zu verirren, hängt in der Uni Oldenburg. Im Bibliotheksfoyer ist zurzeit die Ausstellung „Expeditionen ins Emsland“ des Journalisten Gerhard Kromschröder zu sehen.</p>
<p>Kromschröder war stellvertretender Chefredakteur des Satiremagazins <em>Pardon</em>, später investigativer Reporter und Redakteur beim <em>Stern</em> und schließlich Nahostkorrespondent, der während des ersten Irak-Kriegs aus Bagdad berichtete. Das Emsland, so möchte man meinen, klingt da als Ziel einer Fotosafari eher ein wenig – nun ja, klein. Das sieht Kromschröder allerdings anders: „Es ist doch viel spannender, im Kleinen das Große zu suchen und im Profanen das Erhabene, als sich nur mit den großen Dingen zu beschäftigen“, sagt der 71-Jährige.</p>
<p>Das Emsland – so nah und doch so fern; eine Region, die man nicht einmal durchqueren müsste, um irgendwo anders hinzukommen, da sie sich sehr gut umfahren lässt und von der man zumeist sowieso nur dann etwas hört, wenn gerade ein neues Kreuzfahrtschiff die Ems hinunterschleicht. Gerade einmal 40 Kilometer von Oldenburg entfernt und irgendwie doch ein ganz anderer Kulturkreis, ach was: eine ferne Galaxie. Als „Herz der Finsternis“ habe man den Landstrich damals, als Jugendlicher, wahrgenommen, erinnert sich der Satiriker und gebürtige Oldenburger Bernd Eilert, „fremdartig wie ein Mullahregime“. Der Schriftsteller Gerhard Henschel, der im Emsland zur Schule ging, bezeichnet es als „Schlumpfland“, und schon zu Kaisers Zeiten konstatierte ein durchreisender Geologe eine gewisse „Trostlosigkeit dieser Gegend“. Dass Kromschröder sich bei seinen Expeditionen mit seinem auswärtigen Kfz-Kennzeichen und dem Fotoapparat sogleich verdächtig machte und eine Reihe von Hinweisen auf sein undurchsichtiges Treiben bei der örtlichen Polizei eingingen, überrascht nicht wirklich.</p>
<p>Kromschröder hat nicht zufällig einen besonderen Blick für dieses merkwürdige, zwischen Ostfriesland, Osnabrücker und Münsterland sowie den Niederlanden eingeklemmte Niemandsland: Damals, in der Frühzeit seiner Karriere, arbeitete er als Lokalredakteur in Lingen und bei der <em>Ems-Zeitung</em> in Papenburg. Freunde hatte er sich mit seinen Recherchen nicht gemacht – zu sehr rüttelte er am regionsspezifischen Reaktionismus, am strengen Katholizismus, an der lange totgeschwiegenen braunen Vergangenheit, an der Erinnerung an die Emslandlager, die viele Einwohner lieber vergessen hätten. Und Freunde machte er sich auch jetzt mit der Ausstellung und dem zugrunde liegenden Bildband nicht – zumindest nicht im Landratsamt: Weder der ehemalige Landrat Hermann Bröring noch sein Nachfolger und CDU-Kollege Reinhard Winter waren im Sommer zur Eröffnung der Fotoschau im Moormuseum in Groß Hesepe anwesend. Bröring, der im Vorstand des Museumsvereins sitzt, soll seinen Unmut über Kromschröders Werk recht laut Ausdruck verliehen haben; Winter schlug gemäßigtere Töne an, aber die Aussage war die Gleiche: Den Landesherrn war der Eindruck, den die Fotos vom Emsland vermittelten, viel zu negativ.</p>
<div id="attachment_42487" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-2.jpg"><img class="size-full wp-image-42487" alt="Kalt. Nass. Herbst. Hat trotzdem was. BILD: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-2.jpg" width="600" height="268" /></a><p class="wp-caption-text">Kalt. Nass. Herbst. Hat trotzdem was. BILD: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Wie etwa die besagte Bushaltestelle. Oder das Schild, das den Weg zu einer „Stadtmitte“ weist, aber auf einer Verkehrsinsel mitten im Nirgendwo zu stehen scheint; im Hintergrund ein endlos scheinendes Getreidefeld. Oder das wie ein Hochsicherheitstrakt wirkende Einfahrtstor einer Hähnchenmastanlage. Oder die Schützen, immer wieder Schützen, die – seien wir ehrlich – sowieso schon etwas grundlegend Fremdartiges an sich haben. Es sind beeindruckende und groteske, abweisende und pittoreske, surreale und banale, trostlose und zum Schreien komische Motive. Die Schildchen darunter nennen den stets kurzen Titel und den Aufnahmeort, mehr nicht – und mehr ist auch gar nicht nötig. Die Bilder sprechen für sich.</p>
<p>Die meisten Aufnahmen hat Kromschröder zu Bild-Paaren zusammengestellt, und daraus beziehen sie eine umso tiefgreifendere Komik, die sich schwer in Worte fassen lässt. Da zeigt ein Bild ein Mantatreffen, sein Äquivalent eine Vernissage – beide dokumentieren eine ganz ähnliche Szenerie, scheinen aber von unterschiedlichen Planeten zu stammen, allerdings auch das wieder nur auf den ersten Blick. Stolze Rassehundebesitzer auf der einen, ein Hunde-Kackverbotsschild auf der anderen Seite. Hier eine Reihe erschossener Feldhasen, dort ein Kaninchenzüchter, der liebevoll seinen Rammler knuddelt. Da eine Wiese, auf der ein Boot liegt, dort ein Feld, das derart überschwemmt ist, dass das Boot eher dorthin zu gehören scheint – stattdessen stehen dort rostige Lkw-Wechselbrücken in der nassen Schlammwüste herum und warten scheinbar vergeblich darauf, jemals abgeholt zu werden.</p>
<p>Die Fotos würden die wirtschaftliche Dynamik des Landkreises unterschlagen, beschwerte sich Winter; „unfair“ und „polemisch“ nannte sie Bröring, und der Sprecher des Landkreises beschwerte sich gar schriftlich bei einer Zeit-Autorin über die „verzerrte Sichtweise“ ihrer Besprechung von Kromschröders Bildband. Die Ausstellung im Groß Heseper Moormuseum, ursprünglich auf vier Monate Dauer angelegt, wurde nach sieben Wochen vorzeitig beendet – der Verdacht, dass dies auf Druck der CDU-Granden geschah, dürfte nicht allzu weit hergeholt sein.</p>
<div id="attachment_42485" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-3.jpg"><img class="size-full wp-image-42485" alt="Auch eine Form von Dynamik. BILD: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-3.jpg" width="600" height="369" /></a><p class="wp-caption-text">Auch eine Form von Dynamik. BILD: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Den meisten Emsländern allerdings schienen deren Attacken herzlich egal zu sein. Die Ausstellung war gut besucht, die Erstauflage des Bildbands schnell vergriffen, berichtet Kromschröder. „Die Menschen sind viel klüger, als die Politik erlaubt“, sagt der Journalist: „Die Zeiten scheinen vorbei zu sein, in denen die Politiker sagen konnten, wo die Menschen ‚buh’ rufen und wo sie applaudieren sollen.“ Und überhaupt kann man das Ganze ja auch als eine Art Liebeserklärung an die Region sehen – eine erwachsene Liebe, bei der man eben auch die Macken und Kanten des anderen nicht übersieht.</p>
<p>Letztlich riet auch Eilert, trotz seiner Jugenderfahrung, nach der man „da einfach nicht hinfuhr“, jetzt zum Gegenteil: „Mir hat Gerhard Kromschröder erst recht Lust gemacht, mich bei nächster Gelegenheit dort in seinem geliebten Emsland einmal genauer umzusehen.“ Und aus der geharnischten Reaktion der beleidigten Landräte solle man ohnehin nicht den Rückschluss ziehen, dass so etwas typisch emsländisch sei, meint Kromschröder: „Wenn man etwas ähnliches mit Oldenburg macht – ich könnte mir vorstellen, dass die Reaktionen möglicherweise ganz ähnlich ausfallen würden.“</p>
<p>Wer wollte ihm da widersprechen.</p>
<p>&#8212;&#8212;<br />
<em><a href="http://www.uni-oldenburg.de/aktuelles/artikel/am/2012/09/21/von-schafen-und-schuetzen/" target="_blank">Gerhard Kromschröder: &#8220;Expeditionen ins Emsland&#8221;</a>, noch bis zum 31. Oktober im Foyer der Bibliothek der Uni Oldenburg (Campus Haarentor) zu sehen. Der gleichnamige Bildband ist bei Edition Temmen erschienen.</em></p>
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		<item>
		<title>Oldenburg, der Not-so-Big Apple</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Aug 2012 04:00:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Filmfest]]></category>

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		<description><![CDATA[Finanzierungsstreit, Unterstellungen, Gerichtsverfahren - das sind die Aspekte, um die es zuletzt ging, wenn man vom Oldenburger Filmfest sprach. Zeit, zur Abwechslung wieder über das eigentliche Festival zu reden. Im Lokalteil-Interview spricht Filmfestleiter Torsten Neumann über Musikfilme, eine Schauspiellegende, einen schrumpeligen Apfel - und, ja, natürlich, auch übers liebe Geld.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Finanzierungsstreit, Unterstellungen, Gerichtsverfahren &#8211; das sind die Aspekte, um die es zuletzt ging, wenn man vom <a href="http://www.filmfest-oldenburg.de/" target="_blank">Oldenburger Filmfest</a> sprach. Zeit, zur Abwechslung wieder über das eigentliche Festival zu reden &#8211; und zwar mit Filmfestleiter Torsten Neumann, der am Dienstag zum Endspurt für die am 12. September startende 19. Ausgabe des Festes läutete. Im Lokalteil-Interview spricht er über Musikfilme, eine Schauspiellegende, einen schrumpeligen Apfel &#8211; und, ja, natürlich, auch übers liebe Geld.</span></p>
<p>Um die Frage, wieviele Fans das Filmfest nun tatsächlich hat, wurde in den vergangenen Monaten in bisweilen ermüdender Breite diskutiert und gestritten. Vielleicht gibt die neue Marketingkampagne ja Aufschluss darüber, wie groß der Zuspruch ist: Mit T-Shirts mit dem Aufdruck &#8220;Support your local Filmfest&#8221; oder den unvermeidlichen Soli-Schleifen-Buttons, in diesem Fall im Design eines Filmstreifens, können Besucher das Festival unterstützen. Auch finanziell: Der Erlös wandert in die Filmfestkasse.</p>
<p>Wie prall die gefüllt ist, steht noch nicht fest; Neumann beziffert das Budget auf &#8220;weniger als 350.000 Euro&#8221;. Der finanzielle und damit auch inhaltliche GAU ist ausgeblieben: Zwar werden in diesem Jahr eine Handvoll Filme weniger gezeigt als 2011, und eventuell fällt auch noch das &#8220;Tribute&#8221;-Format weg. Dafür wird erstmals ein Darstellerpreis, der &#8220;Seymour Cassel Award&#8221;, vergeben und vom Namensgeber höchstselbst überreicht &#8211; im Großen und Ganzen wird sich das Festival in etwa auf Vorjahresniveau bewegen. Neue Sponsoren machen es möglich, vorhandene haben zudem ihr Engagement verstärkt. Insgesamt werden an den gewohnten Spielorten, allerdings nicht mehr im Staatstheater, mehr als 40 Filme sowie ein gutes Dutzend Kurzfilme zwischen dem 12. und 16. September laufen. <a href="http://youtu.be/FvXXhdIhQno" target="_blank">Der Trailer</a> &#8211; eine Hommage an Billy Wilders &#8220;The lost Weekend&#8221; von 1945, gedreht in der inoffiziellen Filmfestkneipe Marvin&#8217;s &#8211; ist ab diesem Donnerstag zu sehen.</p>
<p><object width="610" height="343" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube.com/v/7lVGDvSTljg?version=3&amp;hl=de_DE" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed width="610" height="343" type="application/x-shockwave-flash" src="http://www.youtube.com/v/7lVGDvSTljg?version=3&amp;hl=de_DE" allowFullScreen="true" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" /></object></p>
<p>Filme, Programm und Drumherum unter <a href="http://www.filmfest-oldenburg.de/" target="_blank">www.filmfest-oldenburg.de</a>.</p>
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		<title>Massentauglichkeit essen Elternschreck auf</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Jul 2012 04:00:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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		<description><![CDATA[Das weltgrößte Metalfestival steht vor der Tür: Anfang August werden wieder zigtausende Fans der härteren Gangart das kleine Dörfchen Wacken überrennen. Und im Gegensatz zu früher wird die Szene heute mit steigendem Wohlwollen in den Medien thematisiert. Was ist da passiert?]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Das weltgrößte Metalfestival steht vor der Tür: Anfang August werden wieder zigtausende Fans der härteren Gangart das kleine Dörfchen Wacken überrennen. Und im Gegensatz zu früher wird die Szene heute mit steigendem Wohlwollen in den Medien thematisiert. Was ist da passiert?</span></p>
<div id="attachment_42494" class="wp-caption aligncenter" style="width: 620px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/07/Wacken.jpg"><img class="size-full wp-image-42494" alt="Romantisches Wacken. BILD: cgo2/flickr (cc-by-2.0)" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/07/Wacken.jpg" width="610" height="458" /></a><p class="wp-caption-text">Romantisches Wacken. BILD: cgo2/flickr (cc-by-2.0)</p></div>
<p>Ort: Eine Oldenburger Kneipe. Zeit: Späte 90er-Jahre, kurz vor Feierabend. Der Wirt versucht, rechtzeitig zur Sperrstunde eine größere Gruppe mutmaßlicher Sparkassen-Azubis mittels voll aufgedrehter Metalmusik aus der Kneipe hinauszukomplimentieren. Seine Wahl fällt auf eine Scheibe der brasilianischen Schlechtelauneknüppler von „Sepultura“, aber die angestrebte Wirkung bleibt aus: Die Jungbanker springen auf die Tische und schütteln ihre akkurat frisierten Kurzhaarschnitte – die Party geht für sie erst los.</p>
<p>Ein kleines, unbedeutendes Erlebnis, gewiss – aber dennoch eines, das zeigte, dass sich etwas geändert hatte im Verhältnis zwischen Sub- und Popkultur, zwischen eingängigem Radiogedudel und schweren Gitarrenriffs, zwischen braven Jungs und bösen Buben. Heavy Metal war salonfähig geworden, irgendwie und irgendwann. Aus der Schmuddelecke, in der er seine komplette Jugend verbrachte, ist der Metal längst heraus, er ist mit erklecklichen Teilen seiner Fangemeinde älter geworden, reifer, erwachsener – und, im Gegensatz zum Punk, quicklebendig. Ausdruck von jugendlicher Rebellion ist er heute zwar eher woanders, in Bagdad oder Jakarta; im satten Westen füllt er dafür Fußballstadien und sorgt dafür, dass 70.000 Schwermetaller Jahr für Jahr in ein kleines Dorf in Schleswig-Holstein einfallen; und mit ihnen Kamerateams, Zeitungsreporter und Dokumentarfilmer. Jedes überregionale Blatt, jede Nachrichtensendung wird Anfang August zumindest einmal über das Wacken Open Air berichten.</p>
<p>Das hat, wie in den kommenden Wochen noch öfter zu lesen sein wird, vor 22 Jahren mit gerade 800 Besuchern angefangen, die sich sechs Bands für zwölf Mark angeschaut haben. Dass das Festival seither immer größer wurde – heute sind es rund 120 Bands für 140 Euro –, mag als Spiegelbild einer Szene gelten, in der es enorm viel Bewegung gibt und in der zugleich vieles beim Alten zu bleiben scheint. Sie wächst geradezu biologisch: Es gibt kaum Nachwuchssorgen, weder bei den Fans noch bei den Bands, und auch die Altvorderen bleiben der Szene treu. „Es ist eine gewisse Bodenständigkeit“, die die Metalgemeinde ausmache und für ihre Stabilität sorge, meint Michael Rensen vom Musikmagazin „Rock Hard“: Während andere Szenen sich irgendwann aufgelöst hätten, seien „Metalfans mehr mit ihren eigenen Wurzeln verhaftet, sie interessieren sich wenig für Trends und Hypes und bleiben gerne bei ihren Lieblingsbands“.</p>
<p>Gruppen, die sich jahrzehntelang vom Studio auf die Bühnen und zurück schleppen, scheinen im Metal häufiger anzutreffen zu sein als anderswo. Iron Maiden etwa – die Briten haben in dreißig Jahren fünfzehn Studioalben vorgelegt, sind zwischendurch dauernd auf Welttournee und wirken dabei lebendiger als ihr Maskottchen „Eddie“. Auch die deutschen Speedmetaller von Helloween, die ihre große Zeit in den 80ern hatten, weigern sich standhaft, in die ewigen Powerchordgründe einzugehen. Und an einer Band wie Kiss, die immer noch in jenem heute ein klein wenig albern wirkenden Outfit auftritt, in dem sie in den 70ern Eltern erschreckt hat, können sich die damaligen Kids heute mit ihrer eigenen Nachkommenschaft freuen, denn Metal funktioniere sogar generationenübergreifend, sagt Rensen: Im Gegensatz zu anderen Subkulturen sei es hier „nicht peinlich, mit seinen Eltern auf ein Konzert zu gehen.“</p>
<p>Aber dennoch gibt es auch Wandel. Die aufnäherübersäten Jeansjacken der 80er sind größtenteils verschwunden, die schwer entzifferbaren Bandlogos geblieben; ebenso die Vorliebe für schwarze Kleidung – dafür sind lange Haare nicht mehr zwingend nötig. Sogar das klassische Line-up einer Metalband – zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug – gilt nur noch bedingt. Beinharte Gruppen wie Ministry oder Tiamat bedienen sich an Synthesizern und Computerklängen, und um das früher oft verpönte Keyboard haben sich mittlerweile eigene Subgenres gebildet. Deren Zahl hat in den vier Jahrzehnten seit Aufkommen des Heavy Metal, damals noch ein undifferenzierter Sammelbegriff, ohnehin ein kaum mehr überschaubares Niveau erreicht. Man unterscheidet nicht bloß zwischen Death-, Black-, Speed- oder Thrash Metal, sondern auch zwischen Glam-, Melodic- und Symphonic Metal, zwischen Nu Metal und Post-Metal, irgendwann kamen Metal- oder Mathcore oder Folk Metal mit den Sub-Subgenres Pagan-, Celtic- oder Viking Metal dazu. Und so weiter.</p>
<p>Zugleich liest sich die Liste der am häufigsten in Fanpublikationen genannten Bands, die der Musikwissenschaftler Dietmar Elflein für seine 2010 erschienene Untersuchung „Schwermetallanalysen“ zusammengetragen hat, genauso wie vor einem Vierteljahrhundert: Megadeth. Judas Priest. Slayer. Black Sabbath. Und natürlich Metallica, zweifellos eine der prägenden Formationen des Genres und vielleicht auch die Band, an der sich dessen Entwicklung am besten festmachen lässt: Zu Beginn ihrer Karriere eine Thrash-Combo mit nicht zu überhörenen Anklängen an den seinen Höhepunkt überschritten habenden Punk; dann schrittweise Perfektionierung zu einer der einflussreichsten Bands, an der man als Fan nicht vorbeikam; irgendwann musikalisch zwei Gänge runtergeschaltet, die Haare abgeschnitten und mit juristischen Schritten gegen die Musiktauschbörse Napster einen Teil der Fans verprellt. Schließlich Rückbesinnung auf den alten Sound und heute erfolgreicher als je zuvor.</p>
<p>Metal stellt mittlerweile einen „wichtigen Teil des Mainstreams der multinationalen Musikindustrie“ dar, schreibt Elflein. In diesem Kosmos ist es nichts Ungewöhnliches mehr, wenn sogar, wie 2011, ein Album der schwedischen Todesmetaller In Flames vorübergehend an der Spitze der Charts auftaucht, einfach so – über Erstplatzierungen von Rammstein, AC/DC oder eben Metallica wundert sich ohnehin niemand mehr; zu Rammstein-Konzerten pilgern in den USA Zigtausende Fans und grölen die Lieder mit, mutmaßlich ohne ein Wort zu verstehen und AC/DC ist mittlerweile offiziell verteidigungsministertauglich. Sogar die „Bild“ übertitelt einen Artikel mit der Zeile „So heavy wird der Metal-Sommer!“ und stellt „die zehn härtesten Festivals vor“. Vielleicht auch deshalb, weil das reichweitenstärkste Szenemagazin, die „Metal Hammer“, zum Springer-Verlag gehört.</p>
<p>Bis vor gar nicht langer Zeit hatte sich die mediale Präsenz des Metal im Wesentlichen in alarmierenden Berichten über das angeblich zerstörerische Potential der Musik erschöpft, über blutrünstige Satanisten unter den Black- und lebensmüde Teenies unter den Death-Metal-Fans. Solche Zusammenhänge zwischen Gewalt und Gitarren konnte die Wiener Musikwissenschaftlerin Sarah Chaker längst widerlegen und räumte auch mit dem Vorurteil auf, es handele sich um den Sound der Unterprivilegierten – tatsächlich wies sie einen überdurchschnittlichen Bildungsstand unter den Headbangern nach. Allerdings trifft es nach wie vor zu, dass Metal eine Domäne der Männer ist, genauer gesagt weißer Männer – Frauen sind in der Fanszene in der Minderheit, unter den Musikern muss man sie mit der Lupe suchen.</p>
<p>Von allen Subkulturen, die einmal aus Wut entstanden sind, ist Metal die langlebigste und vielfältigste geworden. Es ist die musikalische Sprache und die nach wie vor gepflegte Selbstwahrnehmung des Außenseitertums, die die Szene weltweit verbindet; ein „glokalisierter Musikstil“, wie Elflein schreibt. Wenn eine Band wie Amon Amarth ihre romantisch-glorifizierenden Vorstellungen von Wikingerraubzügen und Kriegerethos ins Mikrofon brüllt, funktioniert das nicht nur in Schweden, sondern auch in Mexiko. Und natürlich in Wacken, wo die Death-Metal-Band zu den Top-Acts zählt und die Veranstalter solche Berührungspunkte zur Rollenspielerszene nutzen, gleich ein paar Mittelalterbands mehr einzuladen und ein Mittelalterdorf („Wackinger Village“) aufzubauen. Man probiere beim Drumherum öfter mal etwas Neues aus, sagt Veranstalter Thomas Jensen: „Wir wollen ja nicht langweilig werden.“ Es gebe zwar auch hin und wieder Kritik an der fortschreitenden Kommerzialisierung, aber das ficht die Wacken-Organisatoren nicht an: „Wir sind in engem Dialog mit den Fans, die gestalten die Entwicklung mit.“ Außerdem werde an Erfolgsgeschichten in Deutschland sowieso gerne &#8220;herumgemäkelt“, sagt Jensen.</p>
<p>Wie und wann es allerdings nun dazu gekommen ist, dass Metal massentauglich genug wurde, dass ein Dokumentarfilm über ein Szenefestival derart erfolgreich sein konnte wie „Full Metal Village“ der Koreanerin Cho Sung-hyung im Jahr 2006 – dazu kann auch Jensen nur Vermutungen anstellen. Irgendwann seien die Medien „am Thema wohl einfach nicht mehr vorbeigekommen“. Den Film findet er gut, allerdings habe der eigentlich nicht allzu viel mit Metal zu tun, sagt er. Mit Wacken eigentlich auch nicht, fügt er nach kurzer Überlegung hinzu. Eine einfache Erklärung für die mediale Präsenz des Metals hat der stellvertretende Chefredakteur der „Rock Hard“: Die Leute, die vor 20, 30 Jahren Metal gehört haben, „sitzen heute in Positionen, in denen sie etwas zu melden haben, zum Beispiel in Pressehäusern“, sagt Michael Rensen. „Metal ist jetzt kein reiner Underground mehr.“</p>
<p>Vielleicht sehen einige der Wacken-Besucher das anders. Aber es spielt eigentlich auch keine große Rolle, sagt Rensen – was die Feuilletons zu sagen haben oder die Nachrichtenmagazine über Wacken schreiben, interessiere die Metalheads erfahrungsgemäß nicht besonders. Wichtig ist, wie immer, allein die Musik, ihre Musik; vier Tage lang, gespielt von weithin unbekannten Formationen bis hin zu Urgesteinen wie Saxon; Testament oder den Scorpions… Moment, die Scorpions? Jawohl. Die Ledertruppe aus Hannover, die von der bundesdeutschen Medienwelt in den Achtzigern hochoffiziell zur ersten gesellschaftlich anerkannten Hardrock-Band auserwählt wurde. Und über deren weichgespülte Balladen sich wahre Headbanger damals bestenfalls lustig gemacht haben.</p>
<p>Es hat sich eben doch etwas geändert.</p>
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		<title>Persönlicher Nahostkonflikt</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Jul 2012 04:00:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Oldenburgisches Staatstheater]]></category>
		<category><![CDATA[PAZZ]]></category>
		<category><![CDATA[Theater]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Theatermacher Ilay den Boer ist ein alter Bekannter auf Oldenburgs Bühnen - dieses Jahr trat er beim Pazz auf, 2010 beim Go-West-Festival. Die aufgeführten Performances sind Teil eines Gesamtwerks, das sich an große Themen heranwagt: Antisemitismus, Nationalismus, Heimat - was ist das überhaupt?]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Der Theatermacher Ilay den Boer ist ein alter Bekannter auf Oldenburgs Bühnen &#8211; dieses Jahr trat er beim Pazz auf, 2010 beim Go-West-Festival. Die aufgeführten Performances sind Teil eines Gesamtwerks, das sich an große Themen heranwagt: Antisemitismus, Nationalismus, Heimat &#8211; was ist das überhaupt?</span></p>
<div id="attachment_42498" class="wp-caption aligncenter" style="width: 620px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/07/ilay-den-boer.jpg"><img class="size-full wp-image-42498" alt="Weltpolitisches Thema auf familiärer Ebene: Gert (l.) und Ilay den Boer. BILD: Moon Saris/Theaterinbeeld.nl" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/07/ilay-den-boer.jpg" width="610" height="406" /></a><p class="wp-caption-text">Weltpolitisches Thema auf familiärer Ebene: Gert (l.) und Ilay den Boer. BILD: Moon Saris/Theaterinbeeld.nl</p></div>
<p>Eine dunkle Bühne, im Hintergrund eine Art Schrankwand, schwarz gestrichen, einige Türen darin offen. Zwischen ein paar herumliegenden Requisiten – ein hakenkreuzbeschmierter Grabstein, eine halb verbrannte Israelfahne, einige Neonazi-Pappkameraden – steht Ilay den Boer und zwingt seinen Vater, ihm die Worte „fucking dirty jew“ entgegenzubrüllen; er zieht seine Kleider aus und überschüttet sich mit kaltem Wasser. Weil genau das eine Gruppe von Jungen mit ihm gemacht hatte, damals im Winter, als Ilay gerade 14 war. Und weil sein Vater seine Wut und seine Angst nicht verstanden hatte. Die seelische Narbe gibt den Handlungsrahmen für das Bühnenstück vor, die Auseinandersetzung mit dem Jüdischsein das Konzept: Der 26-Jährige den Boer macht sie an seiner Familiengeschichte fest und breitet diese vor dem Publikum aus, manchmal lustig, meist beklemmend; oft emotional und immer anders.</p>
<p>Sechs Teile umfasst den Boers Performance „The Promised Feast“, das „gelobte Festmahl“. Zum Auftakt der Reihe im Jahr 2008 war das wörtlich zu nehmen, als er im Stück „Bon Appetit“ &#8211; zu sehen beim &#8220;Go West&#8221;-Festival des Oldenburgischen Staatstheaters 2010 &#8211; seine eigene Bar Mitzwa inszenierte, die Zuschauer mit einem Abendessen inklusive Wein bewirtete und ihnen Rollen zuwies: Die grantelige Großmutter, der trinkfeste Onkel, die Teenie-Cousine. Er sinnierte über seine Jugend, den seltsamen Nichtbezug zu seinen beiden Heimaten; er ließ Gäste aus Briefen seiner Mutter vorlesen und tauschte sich mit ihnen aus, über Politik, Religion, Krieg. Über seine Enttäuschung, als er feststellte, dass sich das Lied, das er zum Motto seiner Bar Mitzwa gemacht hatte, weil er dachte, es würde eine Friedensbotschaft kolportieren, genauso gut von militaristischen Kreisen instrumentalisieren ließ.</p>
<p>Es ist die große Politik im Kleinen, der Nahostkonflikt innerhalb der eigenen Familie, dem der in Jerusalem geborene und in den Niederlanden aufgewachsene den Boer auf die Spur geht. Im zweiten Teil des Zyklus’ nahm er die Zuschauer mit auf eine Busreise – jene Reise, die eigentlich eine Flucht war und die seine Großmutter vom Ghetto in Litauen ins neu gegründete Israel führte. Den Boer versucht in seiner Rolle als Mitreisender nachzuvollziehen, wie aus ihr die hartleibige Zionistin werden konnte, die er kennengelernt hatte. Und als er es tatsächlich zu verstehen begann – ebenso wie ein Teil des eher linksgerichteten Publikums, das „plötzlich Verständnis für hardcore-rechte Positionen aufbrachte“, wie er sagt – drehte den Boers Freundin, die die Großmutter spielte, das Stück kurzerhand um. Sie sagte, dass sie gar nicht in dieses Land wolle, dass dieser Krieg nicht sein Krieg sei, dass sie die Verbindung zwischen israelischen Nationalismus und Auschwitz nicht begreife. Da sei das Publikum schockiert gewesen: War das jetzt nicht antisemitisch, ein bisschen zumindest?</p>
<p>Und ist es nicht ganz zweifellos antisemitisch, einen jüdischen Jungen zu beleidigen und zu schikanieren? Ilay und sein Vater Gert kicken sich auf der Bühne einen Fußball zu; Ilay war in seiner Jugend ein vielversprechendes Torwarttalent. Bis zu dem Eimer Wasser. Danach hörte er auf zu spielen, trotz der Versuche des – nichtjüdischen – Vaters, ihn mit der Erklärung zu beruhigen, die Jungen, die ihn da so erniedrigt hatten, seien keine Antisemiten, nur „shitheads“. Ilay drohe in seiner Wut auf sie genauso zu werden wie jene Leute, die er verachte, wirft er ihm vor, und die so locker und witzig gestartete, aber längst gekippte Performance bleibt an der Frage hängen, wo Antisemitismus beginnt, ohne sie beantworten zu können oder dies auch nur zu wollen.</p>
<p>Es wirkt wie eine schon beinahe schmerzhafte Mischung aus Seelenstriptease und Selbsterfahrung, der sich der junge Theatermacher jedes Jahr ein bisschen mehr hingibt, aber den Boer weiß die Linie zwischen Performance und Privatem sehr genau zu ziehen. Es sei keine Selbsttherapie, die er betreibe; wäre eine solche nötig, würde er sich eher in Behandlung begeben, lacht er: „Ich mache bloß Theater.“ Theater, bei dem den Boer die Zuschauer nahe an sich und seine Familie heranlässt. Es sind Schauspiele, natürlich; aber es sind zugleich authentische Erzählungen, die weitgehend ohne dazuerfundene Elemente auskommen: Die Fotos, die er zeigt, sind echt, ebenso die Briefe, aus denen er vorliest und vorlesen lässt. Gert, der Ilay nach der Szene mit dem Wassereimer auf der Bühne liebevoll abtrocknet und um Verzeihung bittet, ist tatsächlich sein Vater; im fünften Teil, der im Juli Premiere hat, wirkt sein Bruder Anan mit, ein Musiker mit Drogenproblemen in Tel Aviv. Es geht dabei um Eskapismus, über das Weglaufen vor der eigenen Identität, über das die beiden hart aneinandergeraten.</p>
<p>Zwei Teile waren bereits in Oldenburg zu sehen, zuletzt &#8220;This is my Father&#8221; beim Pazz 2012. Und vielleicht sieht das Oldenburger Publikum den Boer auch bald wieder. Zwar wird es mit dem fünften Teil, der als Open-Air-Veranstaltung konzipiert ist, auf dem kommenden &#8220;Go West&#8221; im Februar 2014 wohl nichts werden. Dafür aber arbeite das Staatstheater an einer gemeinsamen Produktion mit den Boer, sagt Chefdramaturg Jörg Vorhaben &#8211; man sei in &#8220;intensiven Kontakt&#8221;.</p>
<p>Antisemitismus, Zionismus, Krieg und Nation: Es ist ein großer Brocken, an den sich den Boer heranwagt, und einer, zu dem er keine Auflösung mitliefert, wie denn auch.  Am Ende der in den Niederlanden mehrfach ausgezeichneten Performancereihe soll kein Statement stehen, keine vorgefertigte Botschaft transportiert werden: „Mein einziges Ziel ist, kein Urteil abzugeben“, sagt den Boer. „Ich möchte nur sechs unterschiedliche Perspektiven und Sichtweisen bieten“, auf ein Thema, das sich ohnehin jedem Ausrufezeichen entzieht und das sich aufgrund seiner Emotionalität vielleicht auch nur emotional anfassen lässt, fernab der theoretisierenden Feuilletondebatten um Grass-Gedichte und Sarrazin-Eugenik. „Das Publikum durchschütteln“, wie er sagt: „Das ist die Macht, die das Theater hat.“</p>
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		<title>Künstlerlandverschickung</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jun 2012 04:00:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[FDP]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn sich die Bundestagsabgeordnete Christiane Ratjen-Damerau demnächst wieder auf den Weg nach Berlin macht, hat sie einen Sack voll Erde im Gepäck: Nachschub für ein umstrittenes Kunstwerk.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Wenn sich die Bundestagsabgeordnete Christiane Ratjen-Damerau demnächst wieder auf den Weg nach Berlin macht, hat sie einen Sack voll Erde im Gepäck: Nachschub für ein umstrittenes Kunstwerk.</span></p>
<div id="attachment_42503" class="wp-caption aligncenter" style="width: 620px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/06/erde-berlin.jpg"><img class="size-full wp-image-42503" alt="Bundestagsverwaltunggenormtes Erdetransportbehältnis. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/06/erde-berlin.jpg" width="610" height="407" /></a><p class="wp-caption-text">Bundestagsverwaltunggenormtes Erdetransportbehältnis. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Über <a href="http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/kunst/kuenstler/haacke/index.html" target="_blank">Hans Haackes Werk „Der Bevölkerung“</a> in einem der Lichthöfe des Berliner Reichstags ist im wahrsten Wortsinn Gras gewachsen. Der knapp 150 Quadratmeter große Trog, der mit Erde aus allen Wahlkreisen der Bundesrepublik gefüllt werden soll, ist mittlerweile, zwölf Jahre nach seiner Installation, ein Biotop, in dem mehr als 100 Pflanzen- und ein paar Tierarten leben – eingeschleppt von jenen Bundestagsabgeordneten, die sich bislang an dem Kunstprojekt beteiligt haben. Die Kontroverse um das Werk ist zwar nie so recht zu Ende gegangen – ob es nun die völkisch angehauchte Inschrift „Dem deutschen Volke“ am Portal des Berliner Reichstags konterkariert, wie es die einen sagen, oder ob es selbst eine Reminiszenz an Blut-und-Boden-Ideologie darstellt, wie es andere interpretieren, darüber kann man sich wohl auch heute noch trefflich streiten. Eine „skurrile Bundesgartenschau“ nannte der heutige Bundestagspräsident Norbert Lammert das Projekt seinerzeit; die F.A.Z. bezeichnete es gar als verfassungswidrig. Installiert wurde es erst nach einer Kampfabstimmung im Parlament, mit zwei Stimmen Mehrheit. Fest steht indes: Der Erdhügel wächst immer noch. Demnächst werden ihm wieder ein paar Schippen Oldenburger Boden hinzugefügt.</p>
<p>Rolf Künzel, Lehrer an der Fachoberschule für Gestaltung, hat das halbwegs eingeschlafene Kunstprojekt seinen Schülern schmackhaft gemacht. Als die liberale Abgeordnete Christiane Ratjen-Damerau 2010 für den Osnabrücker Carl-Ludwig Thiele in den Bundestag nachgerückt war, ergab sich die Gelegenheit, zum zweiten Mal Erde nach Berlin zu tragen – 2004 hatte die damalige SPD-Abgeordnete Gesine Multhaupt das schon einmal gemacht. Nach wie vor ist jeder neue Abgeordnete  aufgerufen, Erde aus dem Wahlkreis mitzubringen &#8211; ein Ende der Aktion ist nicht festgelegt und der Hügel im Reichstag noch ausbaufähig -; und nach wie vor hat das Kunstwerk das Zeug zum Polarisieren: Thomas Kossendey (CDU) etwa hat sich nicht daran beteiligt, und Ratjen-Damerau berichtet, dass sie für ihr Vorhaben unlängst heftig von Oberbürgermeister Gerd Schwandner angefeindet worden sei.</p>
<p>Dabei ist der Hintergedanke ein hehrer: Angesichts dessen, wie in den vergangenen zwölf Jahren seit dem Aufbau des Kunstwerks „mit den Migranten und Flüchtlingen in diesem Land umgegangen“ worden sei und vor allem im Hinblick auf den Neonaziterror war die Idee aufgekommen, die Erde gezielt an Stellen zu entnehmen, die für das interkulturelle gesellschaftliche Miteinander stehen; an „Orten, an denen wichtige Arbeit für die Integration geleistet wird“, sagt Künzel mit Bezug auf das Haackesche Kunstwerk: „Die Politik soll eben ‚die Bevölkerung’ im Sinn haben, nicht nur die Deutschen.“ Unterstützt wird er von Ulrich Hartig vom Förderverein Internationales Fluchtmuseum; in der vergangenen Woche trafen sie sich zum dritten Mal mit Ratjen-Damerau, diesmal beim interkulturellen Gartenprojekt der Gemeinwesenarbeit Kreyenbrück – wo die Politikerin schön häufiger zu Gast war, wie Jutta Hinrichs vom Stadtteiltreff betont; es sei nicht bloß als PR-Termin zu verstehen.</p>
<p>Das meint auch Künzel: Neben dem Zeichen gegen Rechts gehe es auch darum, Distanzen und Vorbehalte zwischen Politikern und Bürgern abzubauen und Politik zugänglicher zu machen. Ein gutes Dutzend Gäste ist dabei, als die studierte Landwirtin Ratjen-Damerau zum Spaten greift und drei, vier Ladungen Oldenburger Scholle zu der bereits im Sack befindlichen schaufelt, die bei den zwei vorangegangenen Terminen gesammelt wurde. Auf dem Jutesack steht in schwarzer Schrift der Schriftzug „Der Bevölkerung“, der Name der Abgeordneten und des Wahlkreises. Neue Parlamentarier bekommen diese Säcke von der Bundestagsverwaltung zugeschickt, fix und fertig bedruckt, das hat alles seine bürokratische Ordnung.</p>
<p>In den nächsten Tagen und nach einer weiteren Entnahme wird Ratjen-Damerau den Sack mit in die Hauptstadt nehmen und in den Haackeschen Trog füllen, eine Gruppe von Künzels Schülern wird sie dabei begleiten. Die Politikerin möchte bei dieser Gelegenheit nicht nur Erde, sondern auch „Wünsche und Anregungen der Bürger“ mitnehmen, sagt sie im Kreyenbrücker Stadtteiltreff: In Berlin werde ansonsten ja bloß immer „auf die Interessen von Wirtschaft und Industrie geschaut“ und kaum auf die Sorgen der kleinen Leute. Ratjen-Damerau ist, das sei an dieser Stelle nochmal erwähnt, Mitglied der FDP.</p>
<p>Sorgen und Wünsche haben die anwesenden Zuwanderinnen – es sind fast ausschließlich Frauen vor Ort – durchaus. Die Sprachkurse reichten nicht aus, sagen die einen; die Nichtanerkennung ihrer Ausbildung treffe sie hart, die anderen. Und Jutta Hinrichsen vom Stadtteiltreff hat eine ganz konkrete Anregung: Die massive Kürzung der Mittel für das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ sollte noch mal überdacht werden. Am Programm, das die „Verbesserung der Lebensbedingungen in benachteiligten Stadtteilen“ zum Ziel hat, sind <a href="www.oldenburg.de/stadtol/index.php?id=5219" target="_blank">in Oldenburg das Kennedy-Viertel und eben Kreyenbrück-Nord beteiligt</a>. Die Finanzierung sei allerdings von 95 Millionen Euro im Jahr 2010 dafür auf 28,5 Millionen heruntergefahren worden, beklagt Hinrichs – das reiche vielleicht für die eine oder andere Baumaßnahme, aber „für soziale Projekte bleibt da nichts übrig“.</p>
<p>Ratjen-Damerau nickt hier ernst, hat dort ein Lächeln parat, plaudert mit den Gärtnerinnen, lobt sie für ihre Deutschkenntnisse und betont den Stellenwert einer guten Ausbildung. An Anregungen, die sie mitnehmen kann, mangelt es nicht unbedingt. Ob sich die Landverschickung als politische Teilhabe der Bevölkerung herausstellt oder letztlich doch über den PR-Effekt nicht hinausgehen wird, werde sich zeigen, sagt Künzel. Immerhin werde Ratjen-Damerau jedes Mal, wenn sie den Haackeschen Erdtrog sehe, daran erinnert, was die Menschen ihr an diesem Tag gesagt haben. Und das wird oft geschehen, denn an „Der Bevölkerung“ vorbeizuschauen, ist in dem hohen Hause kaum möglich. Und vielleicht wächst dort ja demnächst auch Grünkohl.</p>
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