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	<title>Noltejournal &#124; Magazin &#187; Geschichte &#124; Noltejournal | Magazin</title>
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		<title>Das Haus vom Nikolaus</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Mar 2013 04:00:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Was machen eigentlich Herzogs? Also die Nachfahren des letzten regierenden Oldenburger Monarchen? Außer sich nach wie vor als „Königliche Hoheit“ ansprechen zu lassen? ]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Was machen eigentlich Herzogs? Also die Nachfahren des letzten regierenden Oldenburger Monarchen? Außer sich nach wie vor als „Königliche Hoheit“ ansprechen zu lassen? Wir schauten, was das Netz so über die Angehörigen des Hauses Oldenburg ausspuckt – und übernehmen keine Gewähr dafür, dass die Leser durch das Wirrwarr der Nikoläuse, Friedrichs und Augusts durchblicken.</span></p>
<div id="attachment_41954" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Schloss-Dämmerung.jpg"><img class="size-full wp-image-41954" alt="Möglicher Drehort für eine soap opera, Arbeitstitel &quot;Diese Herzogs&quot;: Das Oldenburger Schloss. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Schloss-Dämmerung.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Möglicher Drehort für eine soap opera, Arbeitstitel &#8220;Diese Herzogs&#8221;: Das Oldenburger Schloss. FOTO: mno</p></div>
<p>Großherzog Nikolaus Friedrich Peter war der letzte Oldenburger Monarch, der noch als regierender Herrscher von Gottes Gnaden dahinschied, gewissermaßen im Amt; das war im Jahr 1900. Sein Sohn und Nachfolger Friedrich August – der Erfinder des „Niki-Propellers“ &#8211; verließ bekanntlich im November 1918 eilig das Oldenburger Schloss, bevor ihn die revolutionären Wilhelmshavener Matrosen hinauswerfen konnten. Er starb 1931 in der der Familie verbliebenen Rasteder Residenz. Zumindest zwei seiner Kinder schlossen sich in jener Zeit den Nationalsozialisten an: Tochter Sophie Charlotte, die, nebenbei bemerkt, zeitweise mit dem zweitältesten Sohn Wilhelm Zwos verheiratet war, trat bereits 1930 in die NSDAP ein; ihr Bruder, der Erbgroßherzog Nikolaus Friedrich Wilhelm, bekleidete als Standartenführer einen hohen Rang in der SA. Soweit die Geschichte der mittlerweile verblichenen Herzogs. Widmen wir uns nun den lebenden.</p>
<p>Vermutlich hatte Nikolaus Friedrich Wilhelms Frau Helene seinerzeit das Mutterkreuz in Gold erhalten, denn aus der Ehe gingen nicht weniger als neun Kinder hervor. Der älteste Sohn Nikolaus’ ist heute Oberhaupt des Hauses, und er trägt einen in Oldenburg populären Namen: Anton Günther, gefolgt von den weiteren Namen Friedrich, August und Josias, gefolgt vom Titel „Herzog von Oldenburg“, mittlerweile ohne „Groß-“. Im Übrigen tragen alle sechs Söhne des letzten Erbgroßherzogs den Namen „Friedrich“, nur an verschiedenen Stellen. Vielleicht hat dieser Umstand es vereinfacht, wenn die Kinder zum Essen gerufen wurden.</p>
<p>Der mittlerweile 90-jährige Anton Günther lebt auf Gut Güldenstein ganz in der Nähe von Oldenburg, allerdings des holsteinischen. Er ist Mitverwalter der Stiftung Schloss Eutin, die die einstige Sommerresidenz, die mittlerweile zumindest einige Monate im Jahr für die Öffentlichkeit zugänglich ist, verwaltet. Außerdem ist er im Roten Kreuz aktiv. Sein Bruder Friedrich August (zuzüglich Wilhelm Christian Ernst) reagierte in den 60ern mal <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46275364.html" target="_blank">ziemlich lässig auf die Frage eines Journalisten</a>, ob die pompöse Hochzeit mit Marie-Cecilie, Urenkelin von Willem Zwo, nicht etwas anachronistisch sei: Seine Königliche Hoheit bedankte sich beim Reporter, der &#8220;die einzige vernünftige Frage gestellt&#8221; habe &#8211; ,Ich habe mich dasselbe auch schon immer gefragt&#8221;. Unter einem guten Stern stand die Ehe indes wohl ohnehin nicht, sie wurde nach 24 Jahren geschieden. Es klingt auch nicht besonders nach Romantik, sondern mehr als nur ein bisschen nach Standesdünkel, wenn die Braut sich vor der Trauung <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46414393.html" target="_blank">mit den Worten zitieren ließ</a>, &#8220;einen simplen Herrn Oldenburg hätte sie nicht zum Manne haben wollen&#8221;.</p>
<p>Sein gleichnamiger Neffe, noch ein Friedrich August, führt mehrere landwirtschaftliche Betriebe, unter anderem eine Viehzucht in Brandenburg, bei der er während der <a href="http://www.berliner-zeitung.de/archiv/herzog-von-oldenburg-will-trotz-bse-auf-seinem-gut-nicht-aufgeben-alle-449-rinder-der-herde-aus-hertefeld-werden-in-den-naechsten-tagen-getoetet,10810590,9873500.html" target="_blank">BSE-Welle 2001 die komplette Herde verloren</a> und damit ein bisschen Medienaufmerksamkeit bekommen hat. Anton Günthers Erstgeborener Christian, der ab und an auch mal in Oldenburg auftaucht, ist Vorstandsmitglied der schleswig-holsteinischen „Arbeitsgemeinschaft des Grundbesitzes“, einem Interessenverband für „Angelegenheiten rund um Grundbesitz und Gutsbetrieb“ mit „Fokus […] auf den größeren Betrieben“, der sich den <a href="http://www.grundbesitz-sh.de/selbstverstaendnis.html" target="_blank">Grundsatz auf die Fahnen geschrieben</a> hat: „Eigentum verpflichtet. Und deshalb ist unseren Mitgliedern der Schutz des Eigentums durch Ordnungspolitik ein zentrales Anliegen.“ Ob es Zeichen einer solchen zu erstrebenden Ordnungspolitik ist, wenn man die Sanierungkosten seines Familieneigentums in Form eines Mausoleums <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/01/12/geschlossene-gesellschaft/">nur zu einem Achtel selbst bezahlt</a> und den Rest mit Fördermitteln und Stiftungszuwendungen deckt, geht daraus nicht so ganz eindeutig hervor.</p>
<p><strong>Neoliberalismus statt Gottesgnadentum</strong></p>
<p>Interessanter wird es ohnehin bei der nachfolgenden Generation der Urenkel des letzten gekrönten Oldenburger Hauptes. Zu ihr gehört nämlich Beatrix von Storch, die politisch recht umtriebig ist. Sie ist Vorsitzende des Vereins „Allianz für den Rechtsstaat“, der sich für die Rückgabe in der DDR konfiszierten Eigentums einsetzt, sowie der „Zivilen Koalition für Deutschland“, einer wirtschaftsfreundlichen Organisation mit neoliberalen Anklängen, die in weiten Teilen der Zielsetzung der <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/12/03/und-schwups-kommt-unten-gemeinwohl-raus/">INSM</a> entsprechen. <a href="http://www.zivilekoalition.de/reformagenda" target="_blank">Leseprobe gefällig</a>? „Überregulierung herrscht vor allem auf dem Arbeitsmarkt, in den Sozialversicherungen, in der Familienpolitik und in der Subventionswut. Eben dieses Dickicht muss durchforstet werden“, heißt es in der Reformagenda des Vereins, und zum Thema Bildungschancen wird dort vermerkt: „Deutschland muß sich dringend von der Ideologie der Gleichmacherei um jeden Preis verabschieden.“</p>
<p>Der Verein betreibt ferner die Internetseiten abgeordneten-check.de &#8211; eine Art konservatives Gegenstück zum viel bekannteren Portal abgeordnetenwatch.de – und freiewelt.net, auf dem zurzeit kräftig gegen den Euro und für die neue Partei „Alternative für Deutschland“ getrommelt wird, sowie den Thinktank „Institut für strategische Studien Berlin“ unter Leitung von Beatrix’ Ehemann Sven von Storch. Hervorgegangen ist die „Zivile Koalition“ aus dem „Bürgerkonvent“, einer nur notdürftig als Bürgerbewegung verschleierten Lobbygruppe, deren Kampagne „Deutschland ist besser als jetzt“ laut den Recherchen des Journalisten Thomas Leif mit mehreren Millionen Euro vom Hotelunternehmer und Mehrheitseigner von Mövenpick, August von Finck, unterstützt wurde, der bekanntlich auch der FDP <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/parteispende-der-milliardaer-die-fdp-und-viele-offene-fragen-a-672499.html" target="_blank">umfangreiche Spenden</a> zukommen ließ, die später die Mehrwertsteuer für Hotels senkte. Die NachDenkSeiten vergleichen den nach wie vor existierenden Bürgerkonvent <a href="http://www.nachdenkseiten.de/?p=10678" target="_blank">mit der Tea-Party-Bewegung</a> und attestieren ihm „eine seltsam anmutende Mischung aus erzkonservativer Familien- und Gesellschaftspolitik und marktradikalen Forderungen“.</p>
<p>Beatrix’ Cousin Paul (Wladimir Nikolaus Louis-Ferdinand Peter Max Karl-Emich) macht sich derweil für die Christenheit stark &#8211; genauer: für die katholische Christenheit, und um es noch genauer zu sagen: Für einen ziemlich radikalen Teil der katholischen Christenheit. Der 43-Jährige, der in seiner Studienzeit zum Katholizismus konvertierte, leitet das Brüsseler Büro der Fédération Pro Europa Christiana, einer Organisation, die noch vor ein paar Wochen in Luxemburg eine zahlenmäßig überschaubare Demonstration gegen liberalere Abtreibungsbestimmungen durchführte und der dort regierenden CSV „übelsten Verrat“ an christlichen Idealen vorwarf. Wer Paul von Oldenburg bei der Aktion im &#8211; im Gegensatz zu Oldenburg &#8211; noch existierenden Großherzogtum in Aktion sehen will, findet einen kurzen Videoclip auf dem fundamentalistischen Webportal gloria.tv – und wie die Leute, die diese Seite betreiben, nun wiederum ticken, dazu lässt sich im Spiegel <a href="http://www.spiegel.de/panorama/spiegel-tv-magazin-ueber-katholisches-gloria-tv-zu-homo-ehe-und-papst-a-887934.html" target="_blank">einiges nachlesen</a>.</p>
<p>Seine königliche Hoheit engagiert sich auch im deutschen Ableger der in mehr als zwei Dutzend Staaten agierenden erzkonservativen Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum (TFP), die sich gegen die „Anfeindungen und Zersetzung“ der „christlichen Zivilisation“ wendet, den Ursprung allen menschlichen Ungemachs an einer unheiligen Dreifaltigkeit von Reformation, Französischer Revolution und Kommunismus, zusammengefasst unter dem Oberbegriff „Die Revolution“, festmacht und deren Mitglieder komische rote Umhänge tragen. Paul von Oldenburg trat unter anderem 2008 als Redner auf der von der TFP veranstalteten „Sommerakademie“ auf, die laut <a href="http://www.tfp.at/konferenz.html" target="_blank">Bericht auf der Website</a> einen „Besuch der Kommende des <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Orden" target="_blank">Deutschen Ordens</a>“ beinhaltete: „All das führte uns vor Augen, was die Christliche Zivilisation war und welche Werte wiedererlangt werden müssen.“ Hier fungieren Kreuzritter offenbar als Vorbilder.</p>
<p><strong>Gott will es!</strong></p>
<p>Aber daraus macht Paul auch keinen großen Hehl: &#8220;I had always admired the Middle Ages, castles, cathedrals, chivalry, the crusades &#8230;&#8221;, sagt er in einem Interview mit einem Medium namens <em>Catolicismo</em>, ins Leben gerufen einst auf Betreiben des brasilianischen Publizisten Plinio Correa de Oliveira, zugleich Gründer der TFP und Autor des ihrem Weltbild zugrundeliegenden Buchs &#8220;Revolution und Gegenrevolution&#8221; &#8211; also &#8220;Revolution&#8221; nach oben beschriebener Definition. Lassen wir Paul von Oldenburgbei dieser Gelegenheit die Bedeutung, die er seinem Beitritt zur TFP beimisst, am besten <a href="http://nobility.org/2012/05/10/interview-oldenburg/" target="_blank">selbst beschreiben</a>: &#8220;This was the second greatest grace of my life after my conversion to Catholicism: to devote myself to the cause of Christian civilization in order to hasten the coming of the Reign of Mary, as foreseen by Our Lady at Fatima.&#8221; Letzteres, dieser kurze Einschub muss sein, bezieht sich auf eine Marienerscheinung in Portugal im Jahr 1917, in der die Erscheinung eine Epoche des Friedens für den Fall voraussagte, dass Russland zum Katholizismus bekehrt würde.</p>
<p>Paul tritt als Verfechter einer massiv reaktionären Weltanschauung auf.  So bezeichnet er die gegenwärtige Epoche als eine &#8220;neue Form des Totalitarismus&#8221; und eine &#8220;Diktatur des Relativismus&#8221; oder spricht von der <a href="http://www.intereconomia.com/noticias-gaceta/sociedad/los-estados-seculares-imponiendo-una-religion-20120527" target="_blank">Verfolgung des Christentums</a> durch islamische und kommunistische Staaten sowie „scheinbare Demokratien“. Säkular verfasste Staaten drängten ihren Bürgern demnach eine „Staatsreligion“ mit Abtreibungsgesetzen, Homoehen und pädagogischer Indoktrination auf. Im erwähnten Interview behauptete er, dass man in Deutschland ins Gefängnis käme, wenn man seine Kinder vor Sexualkunde bewahren wolle, die er als „moralisch korrumpierenden Unterricht“ bezeichnete. Dass sich die Urteile, auf die er sich bezieht, auf die generelle Verletzung der Schulpflicht beziehen und nicht auf eine Ablehnung sexuellen Aufklärungsunterrichts, lässt er außer Acht. Die Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften <a href="http://dvck.webs.com/nachrichtenundzitate.htm" target="_blank">bezeichnete der Herzog</a> als „kollektiven Selbstmord“ und als Politik, die beabsichtige, „den Ast abzusägen, auf dem unsere ganze soziale Existenz aufgebaut ist”. Außerdem betätigt sich Paul <a href="http://pauloldenburg.blogspot.de/" target="_blank">als Blogger</a>, wenn auch nicht als sonderlich aktiver, und bleibt auch da seinem Hauptthema treu: „Wir haben bereits gesehen, daß die Revolution ein Kind der Sünde ist.“</p>
<p>Und sonst noch? Nikolaus Herzog von Oldenburg wiederum, ein weiterer Cousin – wir bewegen uns allmählich in entenhausenhaften Verwandschaftsverhältnissen – von Beatrix und Paul und nicht zu verwechseln mit seinem Großvater, ist als Rechtsanwalt mit dem Schwerpunkt Banken- und Kapitalmarktrecht zugelassen und betreibt mit dem ebenfalls blaublütigen Kompagnon Philipp von Mettenheim die Kanzlei OMG am Alsterufer in Hamburg, die sich ihren Kunden auch als Kämpfer gegen unliebsame Berichte in Medien – die seien schließlich „nicht zimperlich“, wie es <a href="http://www.omg-legal.de/kompetenz/presserecht-medienrecht.html" target="_blank">auf ihrer Website heißt</a> – anbietet: „OMG bietet Unternehmen, Privatpersonen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die konsequente Durchsetzung ihrer Ansprüche auf Unterlassung, Gegendarstellung, Widerruf und Schadensersatz.“ Außerdem stellte er sich zur Wahl für den <a href="http://www.hafencitynews.de/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=426&amp;Itemid=68" target="_blank">Kirchenvorstand der Hamburger Hauptkirche</a> St. Katharinen – allerdings offenbar erfolglos.</p>
<p>Pauls Schwester Rixa wiederum ist Designerin, hat einen Bürgerlichen geheiratet und es damit sogar in den <em>Oldenburger Lokalteil</em> geschafft, zumindest <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/10/16/presseschau-16-oktober-2012-nazi-esel-eine-scharfe-polizistin-und-eine-hochzeit-die-keinen-interessiert/">in die</a> <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/10/18/presseschau-18-oktober-mehr-blaues-blut-digitale-grabsteinoptik-und-die-herrschaft-des-mobs/">Presseschau</a>, während die <em>NWZ</em> und eigentlich auch der Rest der Presselandschaft, von ein, zwei Klatschblättern abgesehen, dieses gesellschaftliche Großereignis gar schmählich ignorierten. Soweit ist es gekommen mit der einstigen Herrscherdynastie. Über die <a href="http://www.nwzonline.de/oldenburg/kultur/wieder-hochzeit-im-eutiner-schloss_a_1,0,739384990.html" target="_blank">Hochzeit der erwähnten Beatrix</a> sowie einer weiteren – Sie ahnen es – Cousine, nämlich Tatjana von Oldenburg, hatte die <em>NWZ</em> <a href="http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Oldenburg/Artikel/2429119/Traumhochzeit+bei+Oldenburgs.html" target="_blank">immerhin noch berichtet</a>; vielleicht, weil beide Damen standesgemäße Partner ehelichten und der Schmachtfaktor dadurch ein höherer ist. Tatjana „lebte bislang in Süddeutschland und arbeitete als Managerin für einen bekannten Babykost-Hersteller“, schrieb das Blatt seinerzeit, und damit ist die Firma Hipp gemeint, die, wie es eine deutsch-russische Katholikenwebseite <a href="http://www.kath-deutsche-aus-russland.de/presse/oekt2010.html" target="_blank">herrlich formuliert</a>, „in Kaliningrad 1000 Menschen das tägliche Brot sichert“. Fast hätte Tatjana 2001 einen französischen Prinzen geheiratet, aber einem <em>BBC</em>-Bericht zufolge ist <a href="http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/1384875.stm" target="_blank">diese Trauung geplatzt</a>, weil sie leider, ach, Protestantin ist und das die Ansprüche ihres Fast-Bräutigams auf den – bitte festhalten – französischen Thron belastet hätte.</p>
<p>Dabei wäre das doch ein schönes Gegengewicht gewesen zu den hochzeitstechnisch viel erfolgreicheren Seitenlinien des Hauses, die mit dem britischen Königinnengatten Prince Philip – Ururururenkel von Friedrich V., König von Dänemark und Norwegen, Herzog von Schleswig und Holstein und Graf von Oldenburg und Delmenhorst – und Königin Margarethe von Dänemark, Urururururenkelin des besagten Friedrich, deren Ahnenreihe sich mit der Philips bis zum 1906 verstorbenen Christian IX deckt, in einer ganz anderen Liga spielen; und wenn Sie den vorangegangenen Satz oder überhaupt den ganzen Artikel beim ersten Durchlesen kapiert haben sollten, zollen wir Ihnen unseren aufrichtigen Respekt.</p>
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		<title>Die Angst des Busfahrers vor der Endstation</title>
		<link>http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=42303</link>
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		<pubDate>Fri, 15 Mar 2013 12:09:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Verein hält ein Stück Oldenburger Verkehrsgeschichte am Leben. Nun aber droht der Pekol-Sammlung das Aus.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Ein Verein hält ein Stück Oldenburger Verkehrsgeschichte am Leben. Nun aber droht der Pekol-Sammlung das Aus.</span></p>
<div id="attachment_42305" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Pekol-1.jpg"><img class="size-full wp-image-42305" alt="Bilder einer Ausstellung: Die Reste der Pekol-Schau. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Pekol-1.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Bilder einer Ausstellung: Die Reste der Pekol-Schau. FOTO: mno</p></div>
<p>Es ist kalt in der alten Halle des ehemaligen Busunternehmens Pekol; kalt und feucht – die ausgelegten Teppichböden gammeln, die aufgehängten Zeitungsartikel wellen sich, an einigen Holzteilen blüht der Schimmel. Nicht die geeignetste Umgebung, um historische Fahrzeuge zu lagern oder gar zu präsentieren – aber der Oldenburger Verein für Verkehrsgeschichte wäre wohl froh, wenn er wenigstens diese heruntergekommene, zugige Halle behalten dürfte. Denn ansonsten drohen die denkmalgeschützten Busse, historische Feuerwehrwagen und andere Oldtimer demnächst im Freien zu stehen: Ein Gericht verdonnerte den Verein dazu, die Halle zu räumen, der Eigentümer gab ihm genau vier Wochen Zeit dafür – Tief- und möglicher Endpunkt einer Geschichte, die einmal harmonisch begonnen hatte.</p>
<p>Hans-Joachim Luckau zeigt auf einen Linienbus mit Zigarillo-Werbung, der aussieht wie aus dem Ei gepellt, auf dem Dach stecken zwei Fähnchen in oldenburgischen Farben. „Der hatte früher mal als Hühnerstall gedient“, sagt der Vereinsvorsitzende. Der 65-Jährige hat das Fahrzeug, das beinahe genauso alt ist wie er, liebevoll restauriert und fahrbereit gemacht. Man kann diesen Bus buchen, etwa für Hochzeitsfahrten; Luckau sitzt dann am Steuer – wie er überhaupt 27 Jahre seines Lebens hinter Oldenburger Omnibuslenkrädern verbracht hat.</p>
<p>Er ist sogar in Sichtweite der Fahrzeughallen aufgewachsen, in denen der Tüftler Theodor Pekol einst seine eigenen Busse konstruierte; dieselben Hallen, in deren Resten Luckau jetzt steht und erzählt, wie er einen alten Pekol-Reisebus im Raum Stuttgart abgeholt und quer durch die Republik nach Oldenburg geschleppt hat. „Sein Herz fährt bis heute mit“, sagt Vereinskollegin Kerstin Beyer, die den erbsgrün-beige lackierten Bussen ebenfalls emotional verbunden ist. „Diese Busse gibt’s nirgendwo anders, die fahren nur hier“, hätten ihre Eltern ihr vorgeschwärmt: „Das fand ich toll.“ Nicht nur sie: Der Name des Unternehmens wurde zum Synonym für Mobilität. In Oldenburg fuhr man nicht Bus, man „fuhr Pekol“.</p>
<p>Tatsächlich waren die Busse des 1958 verstorbenen Pekol in vielerlei Hinsicht bahnbrechend, und darauf ist man stolz in einer Stadt, um die die Industrie weitgehend einen Bogen gemacht hat – Oldenburg, das war vielleicht das Oberzentrum des ländlich-platten Nordwestens, aber nicht unbedingt der Ort, an dem Technikgeschichte geschrieben wurde. Pekol allerdings schrieb gleich mehrere Kapitel: Ausgerechnet hier, im kleinen, abgelegenen Oldenburg, errichtete er ab 1936 das deutschlandweit erste durchgehende Oberleitungsnetz für Obusse; hier entwickelte oder verbesserte er die selbsttragende Leichtbauweise, den hinten liegenden Motor, die Einzelradaufhängung, erste Automatikgetriebe – Innovationen, die die Entwicklung künftiger Busmodelle prägen sollten. Und manche der Neuerungen sind auch für technische Laien ganz offensichtlich: Die simple Idee, das Gepäck der Reisenden in einem Raum unterhalb der Sitze statt wie bisher auf dem Dach zu verstauen, stammte ebenfalls von Pekol, sagt Luckau.</p>
<p>Das Unternehmen existierte bis in die 80er-Jahre, später richtete sich der Verein in den verfallenen Werkstatthallen ein und schraubte an den verbliebenen oder wiedergefundenen Pekolbussen herum. Viele gibt es nicht mehr – das in ihnen verbaute Aluminium war und ist begehrt. Heute steht ein halbes Dutzend Pekolbusse in Reih und Glied in der Halle, zwischen ihnen ein paar Möbel aus den 50ern, Stellwände, eine Schaffneruniform – Überreste der kleinen Ausstellung, die der Verein, der bis 2011 ein paar Mal pro Jahr die Rolltore für das Publikum öffnete, hier eingerichtet hat. „An manchen Tagen hatten wir tausend Besucher“, sagt Luckau stolz. Zu jedem einzelnen der Fahrzeuge, die er aus ganz Deutschland zusammengetragen hat, kann er die komplette Lebensgeschichte erzählen. Einer der Busse sieht aus, als wäre er irgendwann ausgebrannt und hätte dann noch ein paar Jahre auf dem Meeresgrund verbracht. Ein Modell aus dem Jahr 1953, erklärt Luckau, und natürlich sei der Zustand erbärmlich – aber dieser Restbus ist eben auch der letzte seiner Art, sprich: seines Modells; so etwas schmeiße man nicht weg. Ebensowenig den heruntergekommenen Übertragungswagen des NDR, über den die Fußballübertragungen aus der „Hölle von Donnerschwee“ liefen, damals, als der VfB Oldenburg noch in höheren Sphären spielte.</p>
<div id="attachment_42304" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Pekol-Luckau.jpg"><img class="size-full wp-image-42304" alt="Vorsitzender, Eigentümer, Sammler - aber kein geborener Lobbyist: Hans-Joachim Luckau. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Pekol-Luckau.jpg" width="600" height="333" /></a><p class="wp-caption-text">Vorsitzender, Eigentümer, Sammler &#8211; aber kein geborener Lobbyist: Hans-Joachim Luckau. FOTO: mno</p></div>
<p>Man hat das Gefühl, es würde ihm körperliche Schmerzen bereiten, sich von einem seiner Stücke zu trennen; und tatsächlich schaut Luckau alles andere als glücklich, als er erzählt, dass er rund 20 Fahrzeuge seiner Sammlung – die auch Feuerwehrfahrzeuge, Lastwagen, Autos und Motorräder umfasst – bereits abgegeben habe, „teilweise sogar verschenkt“. Denn der ihm zur Verfügung stehende Platz ist bereits deutlich geschrumpft: Die Stadt hatte das Pekol-Gelände an eine Supermarktkette verkauft, die dort ein Nahversorgungszentrum errichtet. Ein Teil der Halle sollte abgerissen, ein anderer Teil indes erhalten und als Museum in das Ensemble integriert werden – es klang nach einer für alle Seiten zufrieden stellenden Lösung. Aber dann gab es Streit, erst um die Größe der dem Verein verbleibenden Restfläche, dann um die Kosten für die Dachsanierung; am Ende redeten beide Seiten nur noch per Anwalt miteinander. Die Zweckehe endete schließlich vor Gericht, der Verein muss raus.</p>
<p>Und der Verein, das ist im Wesentlichen Luckau. Ihm gehören die Fahrzeuge, er führte die sonntäglichen Besucher durch seine Sammlung, und er ist stets anwesend, wenn sich der Kulturausschuss des Stadtrats mit der Verwaltung um die Zukunft seiner Sammlung zankt. Wenn überhaupt, werde man sich nur um die denkmalgeschützten Fahrzeuge kümmern, der Rest der Sammlung sei Luckaus Privatproblem, so der Tenor der Stadt.</p>
<p>Und es ist ein buchstäblich großes Problem: Wohin er mit den Bussen, den Lastern, den Bullis und Autos soll, weiß Luckau nicht. Eine andere und genügend große Unterstellmöglichkeit ist nicht in Sicht, und einen Plan B scheint der Verein nie entwickelt zu haben – hier, in den altehrwürdigen, wenngleich maroden Fahrzeughallen des Theodor Pekol müsse die Sammlung bleiben, wo denn sonst – in Hannover etwa, oder Salzgitter? Städte, deren Namen düster über der Diskussion schweben, weil vermutlich deren etablierte Verkehrsmuseen gemeint sind, wenn Luckau anmerkt, dass schon „andere Museen“ dagewesen seien und Interesse an den Schmuckstücken bekundet hätten? Undenkbar. Die Busse gehören nach Oldenburg – das sagen nicht nur die Vereinsleute, sondern auch Lokalpolitiker, Besucher, sogar Denkmalschützer.</p>
<div id="attachment_42306" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Pekol-2.jpg"><img class="size-full wp-image-42306" alt="Vergangene Größe: Die letzte Pekol-Halle wird nun wohl auch weichen müssen. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Pekol-2.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Vergangene Größe: Die letzte Pekol-Halle wird nun wohl auch weichen müssen. FOTO: mno</p></div>
<p>Daher setzt der Verein auch jetzt, wo die Frist zur Räumung unerbittlich abläuft, alles auf die Karte eines Ausgleichs mit dem Eigentümer, eines letzten Versuchs. Vielleicht, wenn man doch noch ein tragfähiges Konzept vorlege, sagt Heinz-Herrmann Schmidt, Mitglied des Vereins, seit er von Luckau im Zigarillobus zu seiner Feier zum 60. Geburtstag gefahren wurde. Vielleicht, wenn man noch einmal an den Investor appelliere, der die weit fortgeschrittene Bebauung ja ohnehin um die alte Halle herum geplant habe, sagt Beyer, die als Kind „mit Pekol zur Schule und zur Oma“ gefahren war, also täglich. Vielleicht. Die Politik will vermitteln, die Erfolgsaussichten sind dennoch gering. Viel Porzellan ist zerschlagen worden zwischen den Busfreunden und dem neuen Eigentümer des Areals, es mag auch ein wenig an missglückter Kommunikation seitens des Vereins liegen. „Verrentete Busfahrer sind halt keine geborenen Lobbyisten“, sagt Beyer.</p>
<p>Die Halle fristgerecht zu räumen, das könne überhaupt nicht funktionieren, sagt Luckau – es klingt ein Stück weit verzweifelt, aber auch ein wenig bockig. Für ihn geht es ja nicht nur um das Dach über dem Kopf – es geht um sein Lebenswerk, um das mögliche Auseinanderbrechen der Sammlung, darum, dass diese typisch Oldenburger Busse auf andere Museen verteilt werden könnten, um sie zu retten. „Diesen Gedanken“, sagt Luckau, „lasse ich gar nicht zu“. Der ehemalige Busfahrer, dessen Herz sein Leben lang Pekol fuhr, würde die Endstation lieber umfahren.</p>
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		<title>Der geschenkte Gaul</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Apr 2012 11:16:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der monatelange Streit um das Grafendenkmal, zusammengefasst in unkommentierten O-Tönen - oder: ein dramatischer Mehrakter aus der Provinz.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der monatelange Streit um das Grafendenkmal in unkommentierten O-Tönen &#8211; oder: ein dramatischer Mehrakter aus der Provinz.</p>
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		<title>Würdigungen im Wandel</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Feb 2012 05:00:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Uni Oldenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Hedwig Heyl war Hitlerverehrerin und Rassistin. Dennoch ist eine Oldenburger Straße nach ihr benannt - aber wohl nicht mehr allzu lange.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Hedwig Heyl war Hitlerverehrerin und Rassistin. Dennoch ist eine Oldenburger Straße nach ihr benannt &#8211; aber wohl nicht mehr allzu lange.</span></p>
<div id="attachment_42526" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/02/hedwig-heyl-straße.jpg"><img class="size-full wp-image-42526" alt="Widerstandskämpferin statt Hitlerverehrerin? Die Umbenennung der Hedwig-Heyl-Straße wird mehrheitsfähig. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/02/hedwig-heyl-straße.jpg" width="600" height="416" /></a><p class="wp-caption-text">Widerstandskämpferin statt Hitlerverehrerin? Die Umbenennung der Hedwig-Heyl-Straße wird mehrheitsfähig. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Zwar kam es auch dieses Mal nicht zu einem konkreten Beschluss zum neuerlichen Antrag der Linken, die Straße umzubenennen. Vom Tisch ist das Thema aber nicht, und mit ihr rücken auch andere Straßen in den Blickpunkt, deren Benennung aus heutiger Sicht kritisch zu bewerten ist. Vielleicht werden in absehbarer Zukunft gleich mehrere einen neuen Namen erhalten: Der Vorschlag der Verwaltung, alle nach Personen benannten Straßen in einer wissenschaftlichen Studie auf ihre historischen Altlasten zu prüfen, ist von einer breiten politischen Mehrheit im Kulturausschuss begrüßt worden.</p>
<p>Vor zweieinhalb Jahren hatte die Linke-Fraktion schon einmal versucht, im Rat einen Beschluss zur Umbenennung der Straße durchzusetzen; damals ist der Vorstoß von der Verwaltung und der politischen Mehrheit aus CDU, FDP und SPD abgeschmettert worden.  Dass jetzt Bewegung in die Sache kommt, liegt nicht etwa daran, dass neue Erkenntnisse zur Vita der 1934 verstorbenen Heyl vorlägen. Dass die Bremer Frauenrechtlerin Bewunderung für Hitler hegte, sich als Vorsitzende des „Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft“ gegen „Mischehen“ aussprach, „geeignetes Mädchenmaterial“ in die Kolonien schaffen wollte und vor einer drohenden „Verkafferung“ warnte, zeigte die Historikerin Doris Kachulle bereits 1992 in einem taz-Artikel auf. 1999 zogen zwei Berufsschulen in Hannover und Frankfurt die Konsequenz daraus und legten den Namen „Hedwig Heyl“ ab. Man dürfe zwar nicht vergessen, dass Heyl „bezüglich der Professionalisierung der Hauswirtschaft, des Kampfes um die Gleichberechtigung der Frau und der Durchsetzung des Frauenwahlrechts Hervorragendes geleistet“ habe, sagte der Direktor der nunmehr „Alice-Salomon-Schule“ heißenden Frankfurter Einrichtung: „Die große Mehrheit des Kollegiums war aber nach Abwägung aller Vor- und Nachteile der Auffassung, den Schulnamen aufzugeben.“</p>
<p><strong>NS-Verstrickung wichtiger als Rassismus?</strong></p>
<p>Das focht die Oldenburger Verwaltung zehn Jahre später nicht an. Heyl könne „persönlich keine Beteiligung an den Verbrechen der Nationalsozialisten vorgeworfen werden“, <a href="http://buergerinfo.stadt-oldenburg.de/vo0050.php?__kvonr=8016&amp;search=1" target="_blank">schrieb der damalige Kulturdezernent</a> Martin Schumacher, und: „Die Ehrung für ein Lebenswerk kann nicht aufgrund einiger weniger verbaler Aussagen völlig in Frage gestellt werden. Solange keine persönliche Verstrickung in Verbrechen zu konstatieren ist, reichen die Brüche in der Person nicht aus, die Verdienste in Frage zu stellen […].“ Soll wohl heißen: Äußerungen Heyls wie „häßliche, faule, verschlagene, kokette, dumme, schwarze Weiber“ oder „Möge uns die Zeit für Hitler reif werden“ sind wohl in Ordnung, solange die Frau keine offizielle Funktion in der Terrorherrschaft der Nazis hatte.</p>
<p>Aus der von den Linken zur Untermauerung ihrer Argumentation vorgelegten überschaubaren Literaturliste maß das Kulturamt allein dem taz-Artikel Aussagekraft bei und gestand zu, dass dieser „tatsächlich viele Zitate, die für sich genommen eine gewisse Sympathie, wenn nicht Bewunderung der Hedwig Heyl für den Nationalsozialismus nahe legen“ gebracht habe, mokierte sich zugleich aber: „Für keines der Zitate ist allerdings die entsprechende Quelle angegeben.“ Dass das für Zeitungsartikel auch eher ungewöhnlich wäre, schien dabei eine eher untergeordnete Rolle zu spielen; man hätte auch selbst einen Blick in die durchaus vorhandene Fachliteratur werfen können, aber das geschah offenbar nicht.</p>
<p>Mit Ruhm bekleckert hat sich niemand in der Debatte, und in den Ausschüssen wurde das Thema noch ein paar Monate müde hin- und hergeschoben, bis es schließlich versandete. Unterstützung fanden die Linken lediglich bei den Grünen, die sich anfangs allerdings <a href="http://buergerinfo.stadt-oldenburg.de/to0040.php?__ksinr=1420&amp;toselect=36593" target="_blank">auch eher geziert hatten</a> – er sehe solche Umbenennungen kritisch, zitiert die Niederschrift Grünen-Ratsherr Sebastian Beer, man könne Straßennamen auch als Dokumentation der Geschichte auffassen. Letztlich wischten CDU, SPD und FDP den Linke-Vorstoß vom Tisch, die Verwaltung machte weitergehende Forschungen zur Voraussetzung einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema. Dazu kam es allerdings nicht.</p>
<p><strong>Jetzt mal ganz grundsätzlich</strong></p>
<p>Man solle nun „nicht darüber streiten, warum die wissenschaftliche Aufarbeitung nie beschlossen worden ist“, sagt Oberbürgermeister Gerd Schwandner heute: „Vielmehr sollten wir die Studie jetzt sofort auf den Weg bringen.“ Man wolle damit auch eine Grundlage für etwaige künftige Debatten schaffen, statt alle paar Jahre „von Fall zu Fall zu springen“, ergänzt Sprecher Andreas van Hooven – den letzten hatte es erst 2008 gegeben, als bekannt geworden war, dass der Arzt Paul Eden zur NS-Zeit an Zwangssterilisationen im Peter-Friedrich-Ludwig-Hospital beteiligt gewesen war. Die nach ihm benannte Straße heißt heute Rahel-Strauß-Straße.</p>
<p>Andere Kommunen haben ähnliche Schritte unternommen. Münster etwa verfügt über eine Straßennamenkommission, die auf einer Website über laufende Debatten und „Problemnamen“ informiert. An der Uni Köln befasst sich eine Forschungsgruppe mit Straßennamen, und die Stadt Celle wiederum beauftragte einen Historiker mit einer umfassenden Studie, die seit Ende 2010 vorliegt und eine unappetitliche Schlammschlacht nach sich zog – es ging um die Umbenennung des nach dem langjährigen Oberbürgermeister und früheren SS-Obersturmführers Helmuth Hörstmann benannten Wegs. Eine emotional geführte Debatte wie in Celle mag Oldenburg mangels direkter Nachkommen von Hedwig Heyl im aktuellen Fall erspart bleiben – gleichwohl werden auch hier hitzige Debatten zu erwarten sein.</p>
<p>Denn Beispiele für weitere fragwürdige Ehrungen gibt es genug, und viele haben das Potential, Traditionalisten auf die Barrikaden zu treiben. Da wäre etwa die Hindenburg-Straße, die den Namen des Generalfeldmarschalls, Reichspräsidenten und Totengräbers der Weimarer Republik, der Hitler 1933 zum Kanzler ernannte, trägt. Oder die August-Hinrichs-Straße, benannt nach dem beliebten niederdeutschen Dichter, der im NS-Regime allerdings auch Landesleiter der Reichsschrifttumskammer war, die nicht linientreuen Schriftstellern Publikationsverbote erteilte. Und vielleicht müssen es auch nicht immer NS-Verstrickungen sein, die den Ausschlag geben – würden im Falle Heyls deren rassistische Überzeugungen für eine Umbenennung nicht vollkommen ausreichen? Schließlich wurden in den vergangenen Jahren eine Reihe von Straßennamen aufgrund ihres kolonialen Hintergrunds geändert.</p>
<p><strong>Andere Zeiten, andere Namensgebungssitten</strong></p>
<p>Straßennamen seien im Prinzip nichts anderes als &#8220;kleiner dimensionierte Denkmäler in serieller Form&#8221;, sagt der Historiker Stephan Scholz von der Uni Oldenburg. Grundsätzlich sei es durchaus geboten, über eine Umbenennung nachzudenken, wenn der Name &#8220;dem heutigen Wertesystem nicht nur nicht entspricht, sondern ihm gegenübersteht&#8221;. Andererseits müsse man es bis zu einem gewissen Grad &#8220;auch ertragen, wenn Straßen nach Personen oder Ereignissen benannt sind, nach denen man sie heute nicht mehr benennen würde“ &#8211; denn Straßenbenennungen seien auch ein Beleg für die Erinnerungskultur einer Stadt. Auch um diese spezielle Form des Gedenkens einmal gründlich aufzuarbeiten, wäre eine solche Studie eine gute Gelegenheit.</p>
<p>Ein Beispiel wäre etwa die Tangastraße, die zumeist dafür herhalten muss, mit dem Hinweis auf die dort ansässige &#8220;Miss Germany Corporation&#8221; auswärtige Bekannte zum Lachen zu bringen. Tatsächlich ist sie nach einer Schlacht des Ersten Weltkriegs in der Kolonie Deutsch-Ostafrika benannt. Eine Würdigung, die aus heutiger Sicht schwer aufrechtzuerhalten ist &#8211; zum einen erhielt sie ihren Namen zur NS-Zeit, in der die Militarisierung der Gesellschaft auch auf die Ebene der Straßennamen ausgeweitet wurde; zum anderen waren es zum größten Teil Soldaten der von den Europäern unterdrückten Völker, die in Tanga aufeinander gehetzt wurden, um den Krieg der Großmächte auszutragen.</p>
<p>Wo verläuft nun die Grenze zwischen zu ertragenden und nicht mehr zu ertragenen Straßennamen? Eine Frage, zu der eine solche Studie vielleicht keine eindeutigen Antworten, aber immerhin eine argumentative Basis und Diskussionsstoff liefern könnte. Letztlich ist es jedes Mal eine politische Entscheidung, ob eine Straße umbenannt wird oder nicht, sagt Scholz; Historiker können dazu nur die Materialien und Hintergründe beisteuern. Gespräche mit dem Institut für Geschichte an der Uni seien bereits anberaumt, sagt van Hooven. Es ist der Stadt offenbar ernst.</p>
<p>Das erstaunliche Umdenken bei der Verwaltung und der SPD mag mit personellen Veränderungen zusammenhängen &#8211; das Kulturdezernat wurde mittlerweile von Oberbürgermeister Gerd Schwandner übernommen, und ihm scheint es ein Anliegen zu sein, die Straßennamen unter die Lupe zu nehmen. Dass es in Oldenburg eine Hindenburgstraße gebe, habe er mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, sagte der OB vor dem Kulturausschuss: &#8220;So etwas ist im Süden undenkbar.&#8221; Und für die Sozialdemokraten sei die Grundlage eine andere als 2009: Damals habe man nicht genug Informationen gehabt und niemand habe die Sache weiterverfolgt, sagt Ursula Burdiek, damals wie heute Vertreterin der SPD im Kulturausschuss: &#8220;Wir finden es gut, dass die Sache jetzt grundsätzlich angegangen wird.&#8221;</p>
<p>Letztlich aber dürfte es vor allem die Kommunalwahl gewesen sein, die zur allseitigen Neubewertung der Frage führte: Die hatte bekanntlich einen NPD-Abgeordneten in den Rat gespült; zudem kam es erst vor wenigen Wochen zum Anschlag auf den jüdischen Friedhof. &#8220;Vor diesem Hintergrund&#8221;,  sagt van Hooven, sollte man beim Diskutieren eines solchen Antrags „mit einer kräftigen, demokratischen, einheitlichen Zunge sprechen“.  Die Oldenburger SPD hat für 2012 einen antifaschistischen Aktionsplan angekündigt, zu dem auch die Umbenennung der Hedwig-Heyl-Straße gehört.</p>
<p>Die wird ihren Namen vorläufig allerdings behalten. Nachdem der Vorschlag, eine solche Studie in Auftrag zu geben, von allen Vertretern im Kulturausschuss begrüßt wurde, kam die Frage auf, ob es nicht sinnvoller sei, diese erst abzuwarten, statt wieder in einem Einzelfall vorzupreschen &#8211; woraufhin die Linke/Piraten-Fraktion ihren Antrag zurückzog. Er wird aber in der Schublade bleiben, und einen Vorschlag für eine neue Namensgeberin hat die Fraktion auch schon parat: Ruth de Jonge, antifaschistische Widerstandskämpferin. Deren Leumund dürfte nicht in Frage stehen – und sie ist, anders als Hedwig Heyl, auch noch eine Oldenburgerin.</p>
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		<title>Wer ist das Volk?</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Feb 2012 05:00:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Die gute Nachricht für alle, die das Wort „Denkmalstreit“ nicht mehr hören können: Es geht in der Debatte wohl gar nicht mehr so sehr um den Grafen selbst – nicht um seine historische Beurteilung, nicht um die künstlerische Ausführung der Statue. Die schlechte Nachricht: Es geht um etwas viel, viel Ermüdenderes.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Die gute Nachricht für alle, die das Wort „Denkmalstreit“ nicht mehr hören können: Es geht in der Debatte wohl gar nicht mehr so sehr um den Grafen selbst – nicht um seine historische Beurteilung, nicht um die künstlerische Ausführung der Statue. Die schlechte Nachricht: Es geht um etwas viel, viel Ermüdenderes.</span></p>
<div id="attachment_42542" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/02/grafendenkmal-mini.jpg"><img class="size-full wp-image-42542" alt="Charmanter Lösungsvorschlag des Antiquariats &quot;Buchstabei&quot;: Warum nicht aus dem Bronzedenkmal so viele Grafenfigürchen machen, dass jeder eines bekommt? FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/02/grafendenkmal-mini.jpg" width="600" height="304" /></a><p class="wp-caption-text">Charmanter Lösungsvorschlag des Antiquariats &#8220;Buchstabei&#8221;: Warum nicht aus dem Bronzedenkmal so viele Grafenfigürchen machen, dass jeder eines bekommt? FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Die seit Monaten andauernde Diskussion um das von Privatpersonen gestiftete Reiterstandbild kulminiert neuerdings in einer Zahl. Nein, es ist nicht die Zahl 100.000 – der Betrag in Euro, den das Denkmal gekostet haben soll und die von den Initiatoren immer mal wieder in die Debatte eingebracht wird, vermutlich, um zu unterstreichen, dass so viel Geld nicht einfach sinnlos ausgegeben worden sein darf. Es ist auch nicht die Zahl 1918, das Jahr, in dem – nicht zufällig zeitgleich mit dem Sturz der Monarchie in Deutschland – zuletzt ein solches Reiterstandbild aufgestellt worden ist, aber das scheint die Befürworter ohnehin kaum zu interessieren. Und es ist auch nicht die Zahl 345 – die Anzahl an Jahren, die der Graf nun schon tot ist – oder 30, die Zahl der Jahre, die jener Krieg gedauert hat, aus dem er die Stadt so geschickt heraushalten konnte.</p>
<p>Nein, gemeint ist die 80. 80 Prozent der Bürger, so wurde in der Diskussionsveranstaltung des Nordwestradios am Mittwoch gebetsmühlenartig behauptet, seien für die Aufstellung des Bronzegrafen vor dem Schloss. Vier von fünf Bürgern – das kam von der Zusammensetzung des Publikums im Café Curtiz her sogar hin: Der Großteil der anwesenden Damen und Herren vornehmlich älterer Jahrgänge beklatschte ausschließlich Äußerungen der beiden Denkmalapologeten – eingeladen waren Horst Milde als Mitinitiator und Harald Götting, Vorsitzender der AG Stadtoldenburger Bürgervereine, die nicht nur hinter den Denkmalplänen stehen, sondern offensichtlich auch einen guten Teil ihrer Klientel zu dieser Veranstaltung mobilisieren konnten. Für ihre Antipoden – Museumsdirektor Rainer Stamm, für den die Veranstaltung im eigenen Haus wie ein Auswärtsspiel gewirkt haben muss, sowie Grüne-Ratsherr Sebastian Beer – blieb eher Gejohle, Gezeter oder eisiges Schweigen übrig. Denkmalskritiker waren auch anwesend, aber nicht viele, die meisten dürften zu dieser Uhrzeit an ihren Arbeitsstellen gewesen sein – und die, die sich ins Schloss aufgemacht hatten, hielten sich vornehm zurück. Vielleicht befürchteten sie, geteert und gefedert zu werden. Unrealistisch schien das zeitweise nicht.</p>
<p><strong>We are 80</strong></p>
<p>80 Prozent aller Oldenburger sollen also, den Worten Mildes, Göttings und einiger dunkelrot angelaufener Gäste zufolge, für die Aufstellung des Denkmals am Schloss sein. Das wäre in der Tat eine starke Mehrheit, eine, an der man nun wahrlich nicht mehr zu rütteln bräuchte, und genauso wird sie auch propagiert: Wer eine solche Mehrheit nicht anerkennt, handelt undemokratisch. Das Problem ist nur: Diese Zahl beruht auf – rein gar nichts. Es gibt keine repräsentative Umfrage, aus der ein solcher Prozentsatz hervorgeht; es wurde bislang ja noch nicht einmal eine nichtrepräsentative in Angriff genommen, die dieser Bezeichnung auch nur annähernd gerecht würde. Nicht mal ein Milchmädchen, das sie berechnet haben könnte, ist in Sicht. Dabei wäre eine solche Umfrage wohl zu einem deutlich realistischeren Ergebnis gekommen.</p>
<p>Dennoch wird diese Zahl von den Befürwortern des Denkmals wie ein Feldzeichen vorangetragen in den „Krieg“, wie Mitinitiator Bernd Eylers die absehbare Diskussion schon vor Monaten plakativ genannt hatte. Und der Gegner steht auch schon fest: Es ist nicht einmal Stamm, der das Ding definitiv nicht vor seiner Tür haben will und dies auch geduldig begründet. Es sind auch nicht die Historiker, die dem Ansinnen eher reserviert, manche auch fassungslos, gegenüberstehen. Es sind „Die Da Oben“, stets in Großbuchstaben, die man auch heraushört. Die Ministerin. Der OB. Die im Kulturausschuss. Überhaupt alle Politiker. „Was wir wollen, interessiert Die Da Oben doch eh nicht“, ruft eine Frau wütend dazwischen und erntet ebenso Applaus wie jeder andere, der an diesem Nachmittag das Wort „Bürgerwillen“ in den Mund nimmt – was macht es da, dass die Dame vor einem Dreivierteljahr aller Wahrscheinlichkeit nach selbst noch nicht wusste, dass sie demnächst ein Reiterstandbild Anton Günthers haben wollen würde, und zwar so dringend, dass sie sich nunmehr von der Obrigkeit unterjocht fühlt.</p>
<p><strong>Revoluzzerrhetorik, Oldenburg-style</strong></p>
<p>Ach ja, die Obrigkeit. Gegen die hat der Ex-Landtagspräsident und Ex-OB Milde auch noch etwas im Köcher. „Da kommt eine Obrigkeit und will den Bürgern das vorenthalten“, schimpft er. Er spricht vom Dienstweg, den er gegangen sei: erst über Stamm, dann über die Abteilungsleiterin im Ministerium – wobei Milde nicht vergisst zu erwähnen, dass es sich bei ihr um die Ehefrau von Schwandner handelt, was von einigen Besuchern mit unwilligem Knurren quittiert wird – bis hin zur Ministerin, „die mir ein Gespräch verweigerte“, und von der er sich gewünscht habe, „sie wäre heute hier“. Empörend: Die Ministerin kommt nicht einmal nach Oldenburg, um sich zu wiederholen oder vor den Bürgervereinen zu rechtfertigen. Die Da Oben mal wieder.</p>
<p>Die Ministerin <a href="http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Oldenburg/Artikel/2792432/Ministerin-bleibt-bei-%26%23x201E%3BNein%26%23x201C%3B-zum-Grafen.html" target="_blank">hatte in dieser Woche mitgeteilt</a>, dass sie keine Veränderung der Situation seit ihrem letzten ablehnenden Bescheid vom November sehe. „Frau Wanka“, klagt Milde, begreife einfach nicht, dass „der Bürgerwille größer geworden“ sei. Also größer als bei ihrem letzten Schreiben im November. Diese Behauptung bleibt ebenfalls unbelegt, aber das ist auch gar nicht nötig, um das anwesende Publikum zu Anfeuerungsrufen zu bewegen: „Genau!“ „Jawoll!“ „So isses!“ Die Überzeugung, Teil einer wachsenden Mehrheit zu sein, ist in dieser Gruppe offenbar groß und wird umso größer, je öfter man sich gegenseitig darin bestärkt. Wenn es so weitergeht, dauert es wohl nicht mehr lange, bis die Zustimmung für das Denkmal über die 100-Prozent-Marke schnellt.</p>
<p>Aber woher kommt diese Zahl „80“ denn nun? Wahrscheinlich liegt der Ursprung ganz banal in einer <a href="http://www.nwzonline.de/index_aktuelles_voting.php?pid=558" target="_blank">Onlineumfrage, die die NWZ unter ihren Lesern im vergangenen Jahr durchgeführt</a> hatte. Da waren 85 Prozent der Teilnehmer – nein, es müsste genauer heißen: 85 Prozent der getätigten Klicks – für die Aufstellung der Figur am Schloss. Allein: Der Wert, den Wissenschaftler und Umfrageexperten der Aussagekraft von Onlinevotings beimessen, ist gleich Null. Sie erreichen überhaupt nur eine bestimmte Klientel, die Stichprobe ist willkürlich, sie sind leicht zu beeinflussen, gar zu fälschen und in keiner Weise repräsentativ für die Allgemeinheit. Wären sie es, würde jeder vierte Oldenburger <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2011/09/06/kein-sockel-fur-gerd/" target="_blank">ein Ulrike-Meinhof-Standbild fordern</a>.</p>
<p>Das ist manchen Leuten indes herzlich egal. Milde wirft die „80 Prozent“ immer wieder in die Runde, zuvor hatte er sie öffentlichkeitswirksam <a href="http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Oldenburg/Artikel/2787489/Scharfe-Kritik-an-Schwandners-Worten.html" target="_blank">dem Oberbürgermeister um die Ohren geschlagen</a>. „In einem am Dienstag veröffentlichten offenen Brief wirft Milde Schwandner vor, es ‚kümmert Sie nicht’, dass ‚weit über 80 Prozent der Bürger der Stadt’ sich über die Statue freuen würden“, schreibt die NWZ am 25. Januar. Die Zahl hat sich längst verselbstständig, sie wird unreflektiert immer wieder hervorgekehrt, in der Diskussionsveranstaltung, in Leserbriefen und Foren. Vor zwei Wochen <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2011/12/19/horst-milde-die-spd-und-das-anton-gunther-denkmal/comment-page-1/#comment-2809" target="_blank">kommentierte ein Leser im Oldenburger Lokalteil</a>, dass sich, wir zitieren 1:1, „deutlich über 80 % !!! der O Bürger FÜR den Grafen am Schloss“ aussprächen. Ein von Götting am Mittwoch geäußerter Satz sagt viel zur Argumentationsweise der Denkmalunterstützer aus: „Die Stimmung ist ganz eindeutig und wir schätzen, 80 Prozent der Oldenburger und auch aus dem Umland sind dafür.“ Das muss man zweimal lesen: Sie „schätzen“, dass etwas „ganz eindeutig“ ist.</p>
<p><strong>Für den Grafen, gegen Fäkalien!</strong></p>
<p>Ob er denn keine repräsentativen Zahlen habe, fragte der souveräne und sichtlich um Ausgewogenheit bemühte Moderator Martin Busch den Vertreter der Bürgervereine. „Repräsentativ im statistischen Sinne sicherlich nicht“, gab Götting zu – aber er hätte gehört, dass es kein Problem war, „zahlreiche Unterschriften zu sammeln“. Die Aussagekraft einer Unterschriftensammlung wird dabei ebenso wenig in Frage gestellt wie Onlineumfragen – dabei fiele das leicht: Hape Kerkeling etwa hatte, lange vor seiner Horst-Schlämmer-Kampagne, in einer Rolle als unsympathischer Vorsitzender einer obskuren Splitterpartei, die sich gegen „Eurofäkalien in deutschen Flüssen“ aussprach, keine Probleme, in einer Fußgängerzone <a href="http://planet-interview.de/hape-kerkeling-01122003.html" target="_blank">binnen weniger Stunden mehr als 400 Unterschriften zusammenzubekommen</a>.</p>
<p>Nichtssagende Quellenlage hin, haarsträubende Methodik her: Die Zahl scheint längst in Stein gemeißelt zu sein. „80 Prozent der Oldenburger“, schmettert Milde, nun schon etwas ermüdend, in den Raum, „wollen das Denkmal“, und die zaghaften Versuche Beers, diese Zahl zu relativieren – „Es gibt auch Bürger, die es kritisch sehen“ – werden vom Publikum stante pede niedergebrüllt: „Ja, 20 Prozent!“ Ein anderer Besucher: „Da stehen die Grünen gerade!“ Was wohl heißen soll: Alle, die etwas an dem schönen Standbild auszusetzen haben, sind wohl ohnehin Grüne. Es seien doch bloß Schätzungen, entgegnet Beer; er erntet im Gegensatz zu Götting für die fast wortgleiche Aussage allerdings keinen Applaus. Und als er sagt: „Es gibt keine Umfrage dazu“, belfert es aus dem Publikum zurück: „Ach? Ja, WARUM denn nicht?“ Als hätte Beer persönlich eine solche verhindert.</p>
<p>Es ist jedoch viel simpler: Eine solche Umfrage kann nur von der Politik bzw. der Verwaltung der Stadt ausgehen. An die aber, das betont Milde immer wieder, habe er sich ja bewusst nicht gewandt, da die „alles zerredet hätten“, sondern gleich an das Land. Im Prinzip sind es somit lustigerweise ausgerechnet die Initiatoren, die einer Bürgerbefragung bislang im Weg standen. Egal – die Arschkarte in diesem Punkt hat Beer, er hatte sie sowieso schon ab dem Moment, als er Anton Günther zu Beginn als „eher durchschnittliche“ historische Figur bezeichnete. Das sagen zwar auch manche Historiker, aber denen hört in dieser ganzen Debatte ohnehin niemand mehr zu, ebenso wenig den Argumenten Stamms; und Beer erntete für seine Äußerung prompt Buhrufe. Majestätsbeleidigung! Der Jungspundpolitiker gehört ja irgendwie auch zu Denen Da Oben. Kein Vergleich zu unserem Grafen.</p>
<p>Einerlei. Eine Befragung wäre wohl ohnehin überflüssig, denn die Initiatoren und ihre Unterstützer sehen sich längst als Vollstrecker eines angenommenen „Bürgerwillens“. „Der öffentliche Raum gehört ja wohl allen Bürgern“, sagt Milde: „Und wenn man Rücksicht nimmt auf die Meinung der Bürger, dann ist die Entscheidung gefallen. Die Bürger wollen dieses Denkmal vor dem Schloss sehen.“ Applaus. Als Moderator Busch relativiert, es handele sich doch eher um „die Mehrheit derjenigen, die von der Tageszeitung befragt wurden“, schwenkt Milde schnell und geschmeidig um: „Wenn Sie erleben würden, wie oft bei mir zu Hause das Telefon klingelt und Leute Listen haben wollen“, Unterschriftenlisten also. Mehrere Tausend will er zusammengetragen haben. Mehr als Kerkeling.</p>
<p><strong>BürgerBürgerBürgerBürger</strong></p>
<p>Man merkt schon an diesem zusammenfassenden Artikel: „Die Bürger“, das ist ein in dieser Runde oft, sehr oft bemühter Begriff; auch Götting artikuliert sich ähnlich: Das Denkmal solle „dem Bürger gegeben werden“; „das muss man dem Bürger, dem etwas geschenkt wird, doch auch mal annehmen, als Stadt“ oder, etwas schwammiger, „man muss auch mal tolerant sein. Tolerant gegenüber dem Wunsch der Bürger, etwas zu haben“. Auch dafür gibt es Applaus. Beer findet es eher intolerant, wenn sich eine Gruppe hinstelle und sage: „Das sind die Bürgerinnen und Bürger.“ Da klatscht niemand.</p>
<p>„Die Bürger“ – wer ist das nun wieder? Die 80 Prozent, die das Denkmal angeblich wollen, klar – aber wer genau gehört dazu, wer ist das Volk, um dessen Willen es geht?<br />
Die Leute, die sich auf dem Onlineauftritt der Tageszeitung tummeln und auf ein kleines Umfragekästchen klicken?<br />
Die, die sich hinsetzen und einen Leserbrief schreiben?<br />
Die bei Milde zuhause anrufen?<br />
Die mittwochnachmittags Zeit und Lust haben, eine Diskussionsveranstaltung zu besuchen?</p>
<p>Zumindest sind diese Leute sich sicher, zur angenommenen überwältigenden Mehrheit zu zählen. Und sie sind sich sicher, dass die Denkmalinitiatoren ihren Willen, den „Bürgerwillen“ umsetzen wollen. Allerdings, und das störte offensichtlich niemanden: Milde kehrt nicht gerade hervor, dass er selbst sich auch erst dann an „die Bürger“ wandte, nachdem er bei den offiziellen Stellen – bei Denen Da Oben – abgeblitzt war. Und er verbirgt das in seinen Ausführungen so geschickt, dass den Anwesenden nicht auffällt, dass sie – „die Bürger“ – somit auch bei ihm, dem Volkstribun, ja erst an letzter Stelle derjenigen stehen, die nach ihrer Meinung gefragt werden. Kein Zweifel: Der Mann ist routinierter Berufspolitiker. Aber wenigstens, so glauben sie, keiner von Denen Da Oben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>_______________________</p>
<p><em>Die <a href="http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_unterwegs/audio79778-popup.html" target="_blank">komplette Diskussionsveranstaltung</a> lässt sich auf der <a href="http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_unterwegs/antonguenther100.html" target="_blank">Website des Nordwestradios</a> nachhören. Die Zwischenrufe des Publikums sind allerdings mangels Mikrofonen nur sporadisch zu hören.</em></p>
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		<item>
		<title>Schlüsselfrage für Herzogs</title>
		<link>http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=42671</link>
		<comments>http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=42671#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 14:07:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Mausoleum auf dem Gertrudenfriedhof wird saniert, mit einem nicht geringen Anteil öffentlicher Mittel. Das heißt aber nicht zwingend, dass die Öffentlichkeit auch häufiger Zutritt zu diesem kulturhistorisch bedeutenden Bauwerk erhält.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Das Mausoleum auf dem Gertrudenfriedhof wird saniert, mit einem nicht geringen Anteil öffentlicher Mittel. Das heißt aber nicht zwingend, dass die Öffentlichkeit auch häufiger Zutritt zu diesem kulturhistorisch bedeutenden Bauwerk erhält.</p>
<div id="attachment_42673" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Mausoleum_OL_außenwww.jpg"><img class="size-full wp-image-42673" alt="Nein, Christo hat nichts damit zu tun. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Mausoleum_OL_außenwww.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Nein, Christo hat nichts damit zu tun. FOTO: mno</p></div>
<p>Er hat schon bessere Zeiten gesehen, der wuchtige Totentempel auf dem Oldenburger Gertrudenfriedhof. Das Mausoleum derer von Holstein-Gottorf, der bis 1918 im Großherzogtum Oldenburg herrschenden Dynastie, verwittert seit Jahren vor sich hin, auf dem einsturzgefährdeten Dach wächst Gestrüpp, die Rückseite ist mit Graffiti übersät. Nun wird mit der Sanierung begonnen – für Pressevertreter eine seltene Gelegenheit, einen Blick ins schon geradezu sagenumwobene Innere des Baus zu werfen. Denn die Türen der bis heute im Familienbesitz befindlichen Grablege sind ansonsten für die Öffentlichkeit verschlossen.</p>
<p>Christian von Oldenburg höchstselbst, Ururururenkel des Herzogs Peter Friedrich Ludwigs, der das Mausoleum 1785 für seine früh verstorbene Gemahlin errichten ließ, ist aus dem schleswig-holsteinischen Eutin angereist, wo die Familie heute residiert. Ein paar Dankesworte vor dem Eingang, eine improvisierte Scheckübergabe der Stiftung Denkmalschutz, die üblichen shake-hands-Fotos für die Lokalpresse, dann geht es hinein in das eingerüstete Bauwerk, das als Keimzelle des klassizistisch geprägten Stadtbilds gilt.</p>
<div id="attachment_42674" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Mausoleum_OL_innenwww.jpg"><img class="size-full wp-image-42674" alt="Der Innenraum präsentiert sich derzeit eher verbaut. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Mausoleum_OL_innenwww.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Der Innenraum präsentiert sich derzeit eher verbaut. FOTO: mno</p></div>
<p>Der langerwartete Blick ins Innere, bislang nur durchs Schlüsselloch möglich, ist dann doch eher ernüchternd: Auch die Halle wird von einem riesigen Gerüst eingenommen, und zwar komplett, für den Fall, dass das Dach herunterkommt. Die Wände und Plastiken sind mit Holz verkleidet, nichts ist zu sehen von den Statuen Johann Heinrich Dannekers oder vom reliefverzierten Sarkophag des Erbauers und seiner Frau, zwischen den Laufgittern blitzen hier und da ein paar Zentimeter Stuck hervor – die Kunstschätze sind geschützt für die kommenden Arbeiten in dem eiskalten Steinwürfel.</p>
<p>Zwei Jahre veranschlagt das Architekturbüro für die Sanierung. Kostenpunkt: 800.000 Euro. Angesichts dieser Summe sei er „fast auf den Rücken gefallen“, sagt von Oldenburg, der hier immer noch mit „Seine Königliche Hoheit“ angesprochen wird, später bei Kaffee und Keksen in den Räumen des Kulturverbands „Oldenburgische Landschaft“. Nun kann er sich etwas entspannter zurücklehnen: Die Hälfte des Betrages übernehmen Bund und Land. Auch der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Kossendey ist da, der vor zwei Jahren mal Kulturstaatsminister Bernd Neumann ins Mausoleum geschleppt hatte, wo ihnen der Putz von der Decke entgegenrieselte. Das könnte ausschlaggebend für das Bemühen Neumanns um schnelle finanzielle Zusagen des Bundes gewesen sein, vielleicht auch der Umstand, dass beide im Parlament nebeneinander sitzen; gewiss aber ein Gutachten des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege. In ihm wird das Mausoleum als sehr frühes und fast noch im Ursprungszustand befindliches Beispiel klassizistischer Architektur als Bauwerk von nationaler, gar europäischer Bedeutung einstuft – das, sagt Kossendey, war „der Schlüssel zur Bundeskasse“.</p>
<div id="attachment_42672" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Mausoleum_OL_Stuckwww.jpg"><img class="size-full wp-image-42672" alt="Sieh da, ein Stück Stuck. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/06/Mausoleum_OL_Stuckwww.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Sieh da, ein Stück Stuck. FOTO: mno</p></div>
<p>Weitere 200.000 Euro steuert die Stiftung Denkmalschutz hinzu, dazu kommen Sponsorengelder – der herzogliche Anteil ist damit recht überschaubar geworden. Ob bei soviel öffentlicher Zuwendung das Monument nach erfolgter Sanierung auch mal ab und zu besichtigt werden könnte? Nun, druckst von Oldenburg, immerhin handele sich um einen „Ort der Ruhe“; wenn sich eine interessierte und genügend große Gruppe anmelde, ja, dann könnte man es wohl auch mal einrichten, dass jemand aus der Familie kommt und die Tür aufschließt. Seine Königliche Hoheit klingt nicht gerade begeistert, auch nicht, als der Landschaftspräsident vorschlägt, einen Zweitschlüssel zu hinterlegen, um Führungen anbieten zu können. Diese Schlüsselfrage wird sich wohl erneut stellen – 2013, wenn alles fertig ist.</p>
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		<title>Schwarz-Rot-Gold mit braunen Flecken</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 05:00:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Land]]></category>

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		<description><![CDATA[Historiker klopften die Biografien früherer Landtagsabgeordneter auf eine etwaige NS-Vergangenheit ab. Das Ergebnis liegt nun vor: Der Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder im Parlament war höher als gedacht.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Historiker klopften die Biografien früherer Landtagsabgeordneter auf eine etwaige NS-Vergangenheit ab. Das Ergebnis liegt nun vor: Der Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder im Parlament war höher als gedacht.</span></p>
<div id="attachment_42556" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/01/landtag-hannover.jpg"><img class="size-full wp-image-42556" alt="173 Abgeordnete bezogen 1962 den neuen Plenarsaal des Niedersächsischen Landtags. 56 von ihnen gehörten schon mal zu einer anderen Partei. BILD: Nds. Landtag" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/01/landtag-hannover.jpg" width="600" height="399" /></a><p class="wp-caption-text">173 Abgeordnete bezogen 1962 den neuen Plenarsaal des Niedersächsischen Landtags. 56 von ihnen gehörten schon mal zu einer anderen Partei. BILD: Nds. Landtag</p></div>
<p>Als am 30. Januar 1946 der „Ernannte Oldenburgische Landtag“ erstmals tagte, waren unter den – von der britischen Militärregierung eingesetzten – 54 Abgeordneten auch drei ehemalige Nationalsozialisten. Die Frage, inwieweit diese drei eine besondere Belastung für den Geburtsprozess der neuen deutschen Demokratie darstellten, klingt zunächst eher akademisch – aber es blieb nicht bei diesen niedrigen Zahlen. 1955 hatte jeder dritte niedersächsische Landtagsabgeordnete eine braune Vergangenheit, wie <a href="http://www.landtag-niedersachsen.de/download/29627/Bericht_Historische_Kommission.pdf" target="_blank">die vom Landtag eingesetzte Historische Kommission nachweisen konnte</a>.</p>
<p>Niedersachsen ist damit das erste Land, in dem das Parlament die eigene Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten ließ. Ein „längst überfälliger Anfang“, lässt die Linke-Fraktion verlauten – sie hatte vor vier Jahren die entsprechende Debatte angestoßen, die in die nun vorliegende, mehr als 200 Seiten starke Studie mündete. Die Debatte hatte sich 2008 an einer Aussage des stellvertretenden CDU-Fraktionschefs Bernd Althusmann entzündet: „Die CDU hat ihre geistigen und politischen Wurzeln im christlich motivierten Widerstand gegen den Terror des Nationalsozialismus“, sagte der heutige Kultusminister seinerzeit: „Das ist die Wahrheit.“ Die Linke beauftragte daraufhin den Oldenburger Historiker Hans-Peter Klausch mit der Überprüfung dieser Behauptung.</p>
<p>Zwar gibt es bereits seit 15 Jahren ein biografisches Handbuch der niedersächsischen Landtagsabgeordneten, das bis zum Jahr 1994 reicht und damit den in Frage kommenden Zeitraum zum allergrößten Teil abdeckt. Die darin enthaltenen Angaben seien bezüglich der NS-Vergangenheit der Parlamentarier allerdings mit Skepsis zu betrachten, meint Klausch – man müsse „davon ausgehen …, daß manche Angaben des Handbuches ‚geschönt’“ seien. Im Eintrag zum Oldenburger CDU-Abgeordneten und Oberbürgermeister (1961-64) Wilhem Nieberg heißt es: „Von 1919 bis 1933 Ratsherr und Mitglied des Stadtmagistrats Oldenburg. Bis 1933 Vorsitzender des Kreisverbandes und des Landesverbandes Oldenburg der Deutschen Volkspartei. 1945 Mitbegründer des Kreisverbandes Oldenburg der CDU, seit 1946 Vorsitzender. Später Ehrenvorsitzender. Seit 1945&#8230;“ und so weiter. Für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 tut sich, wie so oft in biografischen Publikationen der Nachkriegsrepublik, ein schwarzes Loch auf, mehr noch: Die wiederholte Verwendung der Formel „bis 1933“ impliziert eine Gegnerschaft des Mannes zu den Nazis – allerdings trat Nieberg der Partei 1937 bei, und das wohl auch freiwillig: „Zu einem solchen Schritt wurde doch niemand gezwungen“, schreibt Klausch: „Und auch für den Fall, dass man seinen beruflichen Aufstieg gefährdet sah, genügte doch ein Beitritt etwa in den Reichsluftschutzbund oder aber in die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), um sich entsprechend abzusichern.“</p>
<p>Der Historiker nahm sich insgesamt 297 Abgeordnete der CDU, der ihr nahe stehenden und später zum Teil in ihr aufgegangenen „Deutschen Partei“ (DP) sowie der FDP vor, die aufgrund ihres Lebensalters als früheres NSDAP-Mitglied in Frage kamen. Für keine dieser Personen habe das Handbuch eine „Mitgliedschaft in der NSDAP, in der SA oder SS“ aufgeführt, was wohl auch daran lag, dass die Hauptquelle für das Buch in den Angaben der Parlamentarier selbst zu suchen ist, die ihre NS-Vergangenheit nicht gerade überbetonten. Klausch konnte <a href="http://linksfraktion-niedersachsen.linkes-cms.de/fileadmin/linksfraktion-niedersachsen/Texte/Broschueren_PDF/Broschuere_Nazis_internet.pdf" target="_blank">in der 2008 veröffentlichten Broschüre</a> eine solche indes für nicht weniger als 71 Abgeordnete nachweisen – die zitierte Aussage Althusmanns gehöre, so das Fazit, „in dieser Rigorosität und Einseitigkeit in das Reich der Legenden und Schimären“.</p>
<p>Was ein Stück weit auch als parteipolitischer Grabenkampf begann, hat sich zu einem Maßstäbe setzenden Forschungsprojekt entwickelt. Der Landtag beauftragte 2009 die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen mit der Untersuchung der Biografien aller in Frage kommenden Abgeordneten. Der vom zu diesem Zweck eingestellten Historiker Stephan Alexander Glienke herausgegebene Bericht zeigt das Ausmaß der politischen Kontinuitäten zwischen dem „Dritten Reich“ und dem jungen Bundesland, die „stärker waren, als man das heute wahrhaben will“, wie es Adler formuliert. Von den untersuchten 755 Abgeordneten der nur 1945/46 bestehenden „Ernannten Landtage“ in Oldenburg, Braunschweig und Hannover sowie des 1947 erstmals gewählten niedersächsischen Landtags gibt es bei einem guten Viertel (204 Abgeordnete) Hinweise auf eine Mitgliedschaft in der NSDAP.</p>
<p>Nun ist die Parteizugehörigkeit allein noch kein Nachweis für eine fortdauernde faschistische Gesinnung; niemand würde Politikern wie etwa Hans-Dietrich Genscher oder Erhard Eppler eine solche attestieren. Zudem war gut die Hälfte der betreffenden Personen wie so viele andere, die sich davon Vorteile erhofften, der Partei erst nach dem 1. Mai 1937 beigetreten, nachdem der zeitweilige Aufnahmestopp beendet worden war und die Nazis längst fest im Sattel saßen. Erschreckender ist, dass 42 Volksvertreter bereits vor dem 30. Januar 1933 der NSDAP angehörten, vier sogar schon vor 1928 – die gängige Erklärung einer unfreiwilligen Parteimitgliedschaft als einer, die aus rein opportunistischen Gründen erfolgt sei, zählt hier wohl kaum. Für diese Personen „ist anzunehmen, dass hier das größte Maß an inhaltlicher Übereinstimmung und Identifizierung mit den Zielen des Nationalsozialismus vorliegt“, heißt es daher auch im Bericht.</p>
<p>Zu ihnen zählt zweifellos der Ministerpräsident des Landes Oldenburg zwischen 1933 und 1945, Georg Joel – ein „treuer und überzeugter Anhänger und Verfechter der Grundsätze“ der NSDAP, für die er schon 1925, kurz nach ihrer Wiederzulassung, die Ortsgruppe Oldenburg gegründet hatte. Schon vor dem Hitler-Putsch vom 9. November 1923 hatte er ihr angehört; der SA-Brigadeführer – ein Rang, der beim Militär einem General entspricht – zählte somit, obwohl er das Amt des Ministerpräsidenten im jungen Alter von 34 Jahren übernahm, zu den „alten Kämpfern“. Oder der ehemalige SA-Gruppenführer Alfred Richter, der ab 1933 für die neuen Machthaber den Hamburger Polizeiapparat gesäubert und die Posten mit regimetreuen Personen besetzt hatte. Richter, der der Partei ebenfalls bereits 1923 beigetreten war, verschlug es nach dem Krieg nach Oldenburg, wo er 1952 Ratsherr für die von ihm mit aufgebaute Ortsgruppe der DP wurde und ab 1958, wenn auch nur für ein halbes Jahr, als Abgeordneter dieser Partei – die zu jener Zeit mit Heinrich Hellwege nicht nur den Ministerpräsidenten des Landes, sondern auch den Oldenburger Grünkohlkönig stellte – im Landtag saß.</p>
<p>Wie kommen solche Leute in ein demokratisches Gremium? Die Antwort ist in manchen Fällen – wie dem von Joel – ebenso einfach wie unappetitlich: Sie wurden nicht trotz, sondern offenbar wegen ihrer Geisteshaltung gewählt. Der ehemalige oldenburgische Ministerpräsident schloss sich nach Kriegsende der rechtsextremen „Deutschen Reichspartei“ an und zog, nachdem sie es in Niedersachsen 1955 auf 2,8 Prozent gebracht hatte, mit fünf Kollegen in den Landtag ein. 1959 erreichte sie sogar 3,6 Prozent, war jedoch nicht mehr im Parlament vertreten, da zu dieser Wahl erstmals die Fünfprozenthürde Anwendung fand. Die noch radikalere „Sozialistische Reichspartei“, die teils ganz offen die NS-Ideologie propagierte, brachte es 1951 sogar auf 16 Sitze. Zu den Mandatsträgern zählte der zeitweise in Varel lebende ehemalige SS-Obersturmbannführer August Finke, bis 1945 im Reichssicherheitshauptamt tätig. Das Entnazifizierungsverfahren hatte ihm eine sechsmonatige Haftstrafe und den vorübergehenden Entzug des passiven Wahlrechts eingebracht, dennoch bestimmte er für knapp eineinhalb Jahre bis zum Verbot der SRP die Landespolitik mit.</p>
<p>Der braune Muff hatte in diesen rechtslastigen bis -extremen Parteien – zu nennen wäre auch noch der „Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (BHE) und später, von 1967 bis 1970, die NPD – ohnehin nur seine sichtbarste Form gefunden, er fand sich aber auch hinter der demokratischen Fassade der anderen Parteien. Bis Mitte der 1950er-Jahre stieg die Zahl der ehemaligen NSDAP-Mitglieder sogar noch an, für den dritten Landtag von 1955 bis 1959 konnte die Kommission für nicht weniger als 61 Abgeordnete eine solche Vergangenheit nachweisen: 61 von insgesamt 181. Erst 1974 fiel der Anteil der ehemaligen NSDAP-Mitglieder im niedersächsischen Landtag auf unter 25 Prozent. Alt- oder ehemalige Nazis saßen in allen Fraktionen – mit Ausnahme der KPD und später der Grünen, die allerdings bundesweit auch nicht völlig frei von NS-Altlasten war.</p>
<p>Am stärksten vertreten waren sie, und da decken sich die Ergebnisse der Kommission mit denen von Klausch, in der CDU und der DP. In den späten 50er- und frühen 60er-Jahren betrug der Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder in den Fraktionen mehr als 40 Prozent. Noch schlimmer sah es zeitweise bei der FDP aus, in der Legislaturperiode von 1967 bis 1970 hatten sechs der zehn Abgeordneten früher ein braunes Parteibuch. Und selbst bei der SPD, die neben den Kommunisten die meisten Opfer politischer Verfolgung unter dem NS-Regime zu verzeichnen hatte, traf dies zeitweise auf jedes fünfte Fraktionsmitglied zu.</p>
<p>All dies ist in dem vorliegenden Bericht tabellarisch und mit vielen Beispielen einzelner Biografien aufgeführt. Die Erstauflage beträgt 300 Exemplare; Landtagspräsident Dinkla kündigte bereits an, dass weitere nachgedruckt werden sollen – man wolle die Ergebnisse auch an die Parlamente anderer Bundesländer schicken. Niedersachsen könnte somit, 67 Jahre nach Kriegsende, zum Vorreiter werden: Vergleichbare Studien stehen noch aus, nur <a href="http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/hessen/nationalsozialisten-ein-brauner-schatten-ueber-dem-landtag-1641742.html" target="_blank">in Hessen wurden bereits Forschungen</a> eingeleitet – ebenfalls durch Klausch, mit ähnlichen Ergebnissen. Der Historiker warnte indes bereits bei deren Vorstellung 2010 vor Pauschalverurteilungen der enttarnten Personen, die Fälle seien „unterschiedlich zu gewichten“. Die Bandbreite ist eben groß, und bei vielen sagt der Zeitpunkt des Beitritts nicht viel aus. Zum Beispiel beim Leeraner CDU-Abgeordneten Hermann Conring, der es sogar in den Bundestag schaffte und ihm 16 Jahre lang angehörte: Conring war erst 1937 NSDAP-Mitglied geworden – das könnte ihn als einen der nicht wenigen Menschen ausweisen, die sich auf dem Höhepunkt der NS-Herrschaft lediglich anpassen wollten und ansonsten nicht allzu viel auf die herrschende Ideologie gaben – aber schon 1933 hatte er laut Klausch die KZ-Inhaftierung eines Kaufmanns mit den Worten begründet: „Wegen seiner schädlichen, geschäftl. [sic] Handlungsweise gegenüber den deutschen Volksgenossen. Er ist Jude.“ Als Bevollmächtigter des Reichskommissars für die Niederlande schrieb er später: „Für die Provinz Groningen wäre es sehr wünschenswert, wenn die Juden möglichst bald aus der Nachbarschaft des Küstenplatzes Delfzijl &#8230; bevorzugt verschwänden.“ Dass Conring später dennoch das Bundesverdienstkreuz bekam, sei nur am Rande erwähnt.</p>
<p>Für die Linke ist der Bericht nicht nur ein politischer Erfolg, sondern auch ein „wichtiger Beitrag für eine kritische Vergangenheitsaufarbeitung“, zu dem sich Hans-Henning Adler nur kleinere Nachbesserungen wünscht: Ein umfassendes biografisches Verzeichnis der betreffenden Parlamentarier fehle, der Bericht nennt nur rund 70 Beispiele von „Personen, die besonders viel Dreck am Stecken hatten“. Das ginge noch detaillierter – schließlich, meint Adler, „hatten die ja auch alle einen Wahlkreis“. Die Studie ist daher ein wichtiger und bedeutsamer, aber eben auch nur dies: ein Anfang. „Jetzt müssen wir auch andere Bereiche des Landes Niedersachsen beleuchten“, fordert Linke-Fraktionschefin Kreszentia Flauger. Gemeint ist die Landesverwaltung: „Uns würde interessieren, wie es da im Einzelnen aussah – Ministerialdirektoren, Polizeipräsidenten und so weiter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass da noch einiges zu finden sein wird“, sagt Adler.</p>
<p>Er wird Recht behalten. Denn schon die aktuelle Studie erwähnt, dass der kurzzeitige BHE-Abgeordnete Otto Wendt, NSDAP-Mitglied seit 1933, im Krieg Kreishauptmann in Galizien und als solcher in die dortige Judenverfolgung involviert, es 1952 zum Polizeipräsidenten brachte – in Oldenburg.</p>
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		<title>Krieg und Frieden</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Dec 2011 05:00:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Alle paar Wochen wird in irgendeinem Beitrag die Vorstellung eines angeblichen Friedensengels, der einst auf der Säule auf dem Friedensplatz gethront habe, kolportiert. Durch die ständige Wiederholung wird diese Behauptung allerdings nicht wahrer. Tatsächlich war der Platz, die Säule und vor allem die Statue an ihrer Spitze nach heutigen Begriffen alles andere als ein Friedenssymbol.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Alle paar Wochen wird in irgendeinem Beitrag die <a href="http://bcove.me/gq81mac9" target="_blank">Vorstellung eines angeblichen Friedensengels</a>, der einst auf der Säule auf dem Friedensplatz gethront habe, kolportiert. Durch die <a href="http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Oldenburg/Artikel/1742256/FDP+f%FCr+Engel+auf+der+S%E4ule.html" target="_blank">ständige</a> <a href="http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Oldenburg/Artikel/1755180/Gips+f%FCr+Engel+gibt%26rsquo%3Bs+noch.html" target="_blank">Wiederholung</a> <a href="http://www.nwzonline.de/index_aktuelles_spezial_artikel.php?id=1817118" target="_blank">wird</a> <a href="http://www.nwzonline.de/index_aktuelles_spezial_gruenkohl_artikel.php?id=1765984" target="_blank">diese</a> <a href="http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Oldenburg/Artikel/1735304/Neuer+Vorsto%DF+f%FCr+einen+alten+Engel.html" target="_blank">Behauptung</a> <a href="http://www.nwzonline.de/olstadt/Artikel/133/1757072/Neuer+Friedensengel+im+Meinungsstreit.html" target="_blank">allerdings</a> <a href="http://www.nwzonline.de/index_regionalausgaben_stadt_oldenburg_artikel.php?id=1739005&amp;" target="_blank">nicht</a> <a href="http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Oldenburg/Artikel/1747092/Der+Engel+muss+passen.html" target="_blank">wahrer</a>. Tatsächlich war der Platz, die Säule und vor allem die Statue an ihrer Spitze nach heutigen Begriffen alles andere als ein Friedenssymbol.</span></p>
<div id="attachment_42563" class="wp-caption aligncenter" style="width: 625px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/12/Säule-Friedensplatz.jpg"><img class="size-full wp-image-42563" alt="Gefallener Engel, geopferte Göttin: Die skulpturenlose Friedenssäule. FOTO: Maik Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/12/Säule-Friedensplatz.jpg" width="615" height="418" /></a><p class="wp-caption-text">Gefallener Engel, geopferte Göttin: Die skulpturenlose Friedenssäule. FOTO: Maik Nolte</p></div>
<p>Was es stattdessen war, geht aus einem Aufsatz des Jahres 1881 hervor, den der Divisionspfarrer Dr. Brandt verfasste. Titel: &#8220;Das Krieger-Denkmal zu Oldenburg&#8221;, erschienen im Volksboten. Als &#8220;Kriegerdenkmal&#8221; war es demzufolge seinerzeit wohl auch geläufig; und Brandt wird gewusst haben, wovon er sprach: Er hatte schließlich eine der Reden zur Einweihung des Denkmals gehalten. Entstanden war das Ensemble in den Nachwehen des deutsch-französischen Kriegs von 1870/71; dass bis zu ihrer Einweihung noch sieben Jahre verstreichen sollten, war laut Udo Elerd, dem stellvertretenden Leiter des Stadtmuseums, seinerzeit eine für die Stadt eher peinliche Angelegenheit: Überall ringsum waren bereits Denkmäler aufgestellt worden, nur in der Residenzstadt nicht. Daher ließ man sich, einmal den Entschluss zur Errichtung eines eigenen Kriegerdenkmals gefasst, auch nicht lumpen: Aus Schweden wurde ein Granitblock herangeschafft, aus dem die 6,41 Meter hohe Säule gefertigt wurde, und bekrönt wurde sie von der Siegesgöttin Victoria, der römischen Entsprechung der griechischen Nike. Ein Vorgang, der im Freudentaumel nach dem Sieg über den „Erbfeind“ an vielen Orten im Kaiserreich ganz ähnlich ablief. Auch die „Goldelse“ in Berlin ist damals entstanden; und auch sie stellt die Victoria dar. Im Unterschied zu ihrem ärmlicheren Oldenburger Pendant trägt sie heute noch denselben Namen wie zu Zeiten ihres Baus: Siegessäule.</p>
<p>In Oldenburg benannte der Magistrat zur Eröffnung des Denkmals 1878 den Platz in „Friedensplatz“ und die Säule in „Friedenssäule“ um. Eine pazifistische Anwandlung angesichts der Schrecken des Krieges? Wohl kaum, wir befinden uns schließlich im wilhelminischen Kaiserreich zur Hochphase des Imperialismus, und die Siegesbesoffenheit von 1871 war noch lange nicht in einen Kater umgeschlagen. Im zeittypisch schwülstigen Duktus waren denn auch die Reden gehalten, die zur Einweihung geschwungen wurden: Er übernehme, sagte der damalige Oberbürgermeister Freiherr von Schrenck, &#8220;das dargebotene Denkmal in den Besitz und Schutz der Stadt Oldenburg, aufdaß es seiner Bestimmung gemäß stehe zum ewigen Gedächtnis an jüngst vergangene große Zeiten, an die im Dienste ihres Vaterlandes ruhmreich dahingesunkenen Söhne und den von ihnen erkämpften glorreichen Frieden!&#8221;</p>
<p><strong>Frieden durch Sieg</strong></p>
<p>Ein Frieden also, der aus einem militärischen Sieg resultierte; ein Frieden, bei dem man nicht bloß froh war, dass das Gemetzel – Verzeihung: Das Dahinsinken – ein Ende hatte, sondern bei dem man zugleich den &#8220;glorreichen&#8221; Krieg abfeierte.  Dieser gedankliche Spagat könnte erklären, warum sich auf dem Sockel neben den Namen der im Krieg Gefallenen die sich merkwürdig um den heißen Brei herumlavierende Inschrift findet: „Sich errangen sie den Lorbeerkranz, dem Vaterlande die Palme des Friedens und das geeinte deutsche Reich.“ Palmzweig und Lorbeerkranz aber sind zusammen eigentlich schwer vorstellbar, es sei denn, man denkt bewusst an die Kampfparole des „Siegfriedens“, mit dem Hindenburg und Ludendorff vier Jahrzehnte später den Ersten Weltkrieg in die Länge ziehen und das Blut von Hunderttausenden Menschen saufen sollten. Diese begriffliche Schieflage hielt die Erbauer der Statue, die den Victoria-Skulpturen in der &#8220;Walhalla&#8221; nachempfunden war, allerdings nicht davon ab, sie genau so ambivalent zu gestalten: Den Palmzweig des Friedens in der einen Hand und mit der anderen sich selbst den Lorbeerkranz des Sieges aufsetzend.</p>
<div id="attachment_42565" class="wp-caption alignright" style="width: 294px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/12/Säule-Friedensplatz-Victoria.jpg"><img class="size-full wp-image-42565" alt="Der Kranz des Siegers.  BILD: alt-oldenburg.de" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/12/Säule-Friedensplatz-Victoria.jpg" width="284" height="334" /></a><p class="wp-caption-text">Der Kranz des Siegers. BILD: alt-oldenburg.de</p></div>
<p>Wer war sie also nun, die Dame, die auf der Spitze der Säule thronte und die sich manche Oldenburger so sehr zurückwünschen? Bei aller offiziösen Kreidefresserei in bezug auf die Benennung – auch wenn man einem Esel einen goldenen Sattel verpasst, bleibt er doch ein Esel, lautet ein türkisches Sprichwort. Und so blieb die Figur oben auf der Säule auch stets dieselbe, nämlich Victoria; und der Lorbeer- oder Siegerkranz blieb das mythologische Symbol, mit dem im alten Rom, einem der Ideale des wilhelminisch-historistischen Kunstverständnisses, ganz real siegreiche Feldherren geehrt wurden. Die zuvor natürlich erstmal einen Krieg ausgefochten haben mussten.</p>
<p>Die Oldenburger Victoria, die übrigens nicht gen Frankreich, sondern in Richtung Innenstadt blickte, wurde während des zweiten Weltkriegs demontiert und für Hitlers Kriegsmaschinerie eingeschmolzen. Ein adäquates Ende für eine kriegerische Figur – wenn das ein Engel gewesen sein soll, dann beileibe kein Friedens-, sondern allenfalls ein Todesengel; kein gefallener, sondern einer für die Gefallenen. Ihm nachzutrauern wäre in etwa so sinnvoll, als würde man sich nach einer von Verderben und Zerstörung geprägten Zeit zurücksehnen. Und die ursprüngliche Intention hinter dem Denkmal heute mit dem Hinweis, dass es sich bei diesem um ein &#8220;Zeitdokument&#8221;, ein &#8220;Baudenkmal&#8221; oder einfach ein &#8220;Stück Stadtgeschichte&#8221; handele, gezielt zu historisieren und so seine Wiederherstellung zu propagieren, führt auf einen Irrweg – man kann die originalgetreue Neuerrichtung eines Denkmals nicht von der Intention trennen, die ihm ursprünglich einmal zugrunde lag.</p>
<p><strong>Schöner sterben mit Victoria</strong></p>
<p>Und diese Intention klang seinerzeit so: &#8220;Möge es immerdar eine begeisternde Leuchte der Vaterlandsliebe für die Jugend, ein mahnendes Symbol der Ausdauer und treuen Pflichterfüllung für das reifere Alter sein! Mögen Frauen ihre Männer, Mütter ihre Söhne, Schwestern ihre Brüder an seine Stufen führen, wenn das Vaterland wieder in Gefahr ist, und ihnen zurufen: &#8216;Ziehet hinaus in den Kampf, und wenn es sein muß, in den Tot [sic], gleich denen, deren Namen ihr dort eingeschrieben findet!&#8217;&#8221; So sprach v. Schrenck zur Einweihung und vergaß, nebenbei gesagt, auch nicht den Aufruf zur Wachsamkeit &#8220;nicht allein gegen äußere, sondern auch gegen innere, im Stillen wühlende Feinde&#8221;. Gewiss eine Rede, die dem damaligen Zeitgeist geschuldet ist und die man nicht nach heutigen Maßstäben bewerten kann. Aber es geht ja auch nicht um den denkmalpflegerischen Erhalt eines existierenden Monuments, sondern um dessen neuerliche Errichtung – und die wäre eine politische Entscheidung unserer Tage und nicht der 1870er-Jahre. Warum sollte sich eine neue Zeit an alter Symbolik orientieren?</p>
<p>Man kann durchaus darüber diskutieren, ob auf der Friedenssäule auf dem Friedensplatz nicht ein Friedenssymbol installiert werden sollte. Da es einen „Engel“, der dorthin „zurückkehren“ sollte, nun aber nicht gegeben hat, ist eine solche Forderung schlicht Unfug. Ein paar Flügel am Rücken machen aus einer Göttin noch lange keinen Engel; ebensowenig wie der Hirtengott Pan zu Satan wird, bloß weil er über Hörner und Hufe verfügt. Dies möge – man verzeihe die Wiederholung, aber bei diesem Thema hat man mitunter das Gefühl, es nicht oft genug betonen zu können – fürderhin als in Stein gemeißelter Fakt gelten: Was auf der Säule gestanden hat, war – gewundene Vaterlandsrhetorik hin, volkstümliche Überlieferung her – ein Symbol des Krieges, nicht des Friedens. Wenn der Begriff &#8220;Frieden&#8221; nur in Kopplung mit Krieg vorstellbar ist, ist er nichts weiter als eine hohle Phrase.</p>
<p>Und: Wenn es denn schon unbedingt ein gefiedertes und geflügeltes Wesen auf der Säule sein muss – wie wäre es mit einer Friedenstaube? Mit Zweig im Schnabel und allem; ein Symbol, das niemand fehldeuten kann? Dass diese Forderung noch nie ernsthaft diskutiert wurde, stimmt bedenklich: Es zeigt nämlich bestenfalls, dass es mit dem Geschichtsbewusstsein der Engel-Apologeten nicht besonders weit her ist. Schlechtestenfalls deutet es auf etwas viel beunruhigenderes hin: Dass es ihnen gar nicht um den Frieden, sondern entweder um ein diffus-lokalpatriotisches Kuschelgefühl oder, schlimmer noch, um eine Rückkehr zu reichsherrschaftlicher Symbolsprache geht.</p>
<p>Oldenburg, deine Denkmäler &#8211; man könnte ein ganzes Buch darüber schreiben.</p>
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		<title>Der Letzte seiner Art</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Aug 2011 04:00:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Private Initiatoren wollen Anton Günther, dem berühmtesten der Oldenburger Grafen, ein Reiterstandbild spendieren. Da stellt sich die Frage: Wer war dieser Graf eigentlich – und vor allem: Was war er nicht?]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Private Initiatoren wollen Anton Günther, dem berühmtesten der Oldenburger Grafen, ein Reiterstandbild spendieren. Da stellt sich die Frage: Wer war dieser Graf eigentlich – und vor allem: Was war er nicht?</span></p>
<div id="attachment_42611" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/08/graf-wandgemälde.jpg"><img class="size-full wp-image-42611" alt="Hoch zu Ross: GAG blickt auf sein Volk herab, hier noch zweidimensional. FOTO: M. Nolte" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2011/08/graf-wandgemälde.jpg" width="600" height="499" /></a><p class="wp-caption-text">Hoch zu Ross: GAG blickt auf sein Volk herab, hier noch zweidimensional. FOTO: M. Nolte</p></div>
<p>Fragt man einen x-beliebigen Oldenburger, was er vom 1667 verstorbenen Grafen Anton Günther weiß, lautet die Antwort mit hoher Wahrscheinlichkeit so ähnlich wie „Er hat Oldenburg aus dem Dreißigjährigen Krieg rausgehalten“, häufig ergänzt durch den Zusatz „… indem er dem feindlichen Feldherren Pferde geschenkt hat“, vielleicht kennt der eine oder andere auch noch den Namen dieses Feldherrn, Tilly. Dass dies eine große politische Leistung Anton Günthers in einer Zeit, in der weite Teile des Reichs vom Krieg verheert wurden, darstellt, ist unumstritten – auch wenn es mit ein paar Pferden wohl kaum getan war; diplomatisches Geschick gehörte mit Sicherheit auch dazu, aber sei’s drum.</p>
<p>Der ehemalige Landtagspräsident Horst Milde, der als Sprecher der Denkmalinitiative fungiert, bringt diesen Aspekt aus der Regentschaft des Grafen als Hauptargument für die – für ihn längst überfällige – Ehrung vor: „Er ist eine Idealgestalt, was Friedenspolitik angeht“, sagt der SPD-Politiker: „Davon würde ich mir heute mehr wünschen.“ Eine Idealgestalt sei er tatsächlich, sagt der Historiker Heinrich Schmidt, meint es aber anders als Milde. Graf Anton Günther sei von späteren Geschichtsschreibern zu einer Lichtgestalt emporgehoben worden, einem Heimatsymbol, einer Klammer, die das „oldenburgische Volk“ einen sollte.</p>
<p><strong>Das Oldenburgische als Wille und Vorstellung</strong></p>
<p>Ein Volk, dass es so gar nicht gibt und auch nie gegeben hat, erklärt Schmidt: Die Grafschaft und das spätere Herzogtum sei ein „zusammenpolitisiertes Land“, die Vorstellung eines „oldenburgischen Volkes, in dessen Herzen Graf Anton Günther lebt, erfunden“. Die südoldenburgischen Gebiete etwa seien ohnehin erst 1803 dazugekommen, haben also mit dem Grafen nichts zu tun; im Jeverland erinnert man sich viel mehr an das Fräulein Maria als an den Herrn Anton Günther. Der Graf als romantischer Übervater eines herbeigeschriebenen Heimatlands – „Mir persönlich ist das zu sentimental und gefühlsselig“, meint Schmidt.</p>
<p>Nun gut, das Denkmal soll ja auch nicht in Jever oder Cloppenburg stehen, sondern in Oldenburg. Aber auch dort stellt sich die Frage, inwieweit es einer Stadt gut zu Gesicht steht, einem ehemaligen Feudalherrn Ehrerbietung zu zollen, zumal im 21. Jahrhundert. Das Verhältnis zwischen Städten und ihren Landesfürsten war bereits im Mittelalter zumeist ein gespanntes, ein mühseliges Ringen um Abgaben, Privilegien und Selbstverwaltung, die nicht selten in kriegerische Auseinandersetzungen mündeten. So weit kam es in der Residenzstadt Oldenburg zwar nicht, aber auch hier hielten die Grafen die Vertretung der Bürger an der kurzen Leine; Anton Günther dürfte, wie die meisten Adligen, weniger an ihrem Wohlergehen als an der steuerlichen Basis und Absicherung seiner Herrschaft interessiert gewesen sein.</p>
<p>Das ist ein Punkt, der sicher auch bei den Verhandlungen mit Tilly eine Rolle gespielt haben dürfte. Das schmälert zwar nicht seine Leistung, die Stadt gerettet zu haben – ob ihn das allerdings gleich zu einem „Friedensengel“ macht, wie jetzt in der Standortdiskussion zu lesen ist, bleibt fragwürdig. Es geht in der Denkmaldebatte offenbar ohnehin schon nicht mehr um das „ob“, sondern nur noch um das „wo“ – die NWZ fragt ihre Leser bloß noch nach dem besten Platz, nicht nach dem Sinn des Bronzegrafen. Für Milde kann der angemessene Standort ohnehin nur ein Platz vor dem Schloss sein: „Man muss da an den Ursprung zurückgehen, und das Schloss war seine Residenz.“</p>
<p><strong>Aller Denkmalinitiativen sind drei</strong></p>
<p>Vor dreieinhalb Jahrhunderten, könnte man hinzufügen&#8230; seitdem ist viel Wasser die Hunte heruntergeflossen. Und in dieser Zeit sind schon zwei ähnliche Vorstöße, Anton Günther ein Denkmal zu setzen, recht kläglich gescheitert: Der erste Versuch datierte in den frühen 1840er-Jahren und wurde in der demokratischen Bewegung von 1848 wieder eingestampft. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es eine weitere Initiative, die aber nie auch nur annähernd genug Geld zusammenbekam – sie wurde 1927, also zu Zeiten der Weimarer Republik, wieder aufgelöst. Dass nun – nachdem zu Zeiten, in denen ein weitaus stärkerer nationalistischer und patriotischer Zeitgeist herrschte, alle Versuche gescheitert waren – im Jahr 2011, in dem die Herrschaft des Adels seit fast einem Jahrhundert Geschichte ist, die Pläne für ein Denkmal wieder angestoßen werden, und dann auch noch in dieser klassischsten aller Herrschaftsposen, mag man als Treppenwitz der Geschichte abtun. Von differenziertem und kritischem Umgang mit der Geschichte zeugt es eher nicht.</p>
<p>Denn viel bleibt bei näherer Betrachtung nicht vom Über-Grafen, der oft als Sinnbild des „Pferdelandes Oldenburg“ gesehen wird; schließlich kommt die Initiative aus der Ecke der Pferdeliebhaber und es war mit Sicherheit kein Zufall, dass das Standbild während des Rasteder Landesturniers vorgestellt wurde. Die vielgerühmte Oldenburger Pferdezucht, als deren Begründer der Graf nicht selten bezeichnet wird, sei indes eine Entwicklung späterer Zeiten, sagt Schmidt. Zweifellos sei der Graf ein Pferdekenner gewesen – was immerhin die Idee des Reiterstandbilds stützen würde, man könne sich „Anton Günther nicht gut zu Fuß vorstellen“ –, die Zucht allerdings ein Privatvergnügen eines adligen Landesherrn. Die bäuerliche Pferdezucht habe ihn nur insofern interessiert, als er sich ein Vorkaufsrecht auf Tiere vorbehalten hat. Ähnliches gilt für die bürgerliche Wirtschaft. Zwar führte Anton Günther den einträglichen Weserzoll ein und verdiente so am Handel des großen Nachbarn Bremen mit – die eigene Bürgerschaft förderte er hingegen kaum. Der Verschonung der Stadt im Krieg folgte keine Blütezeit, kein nennenswerter Aufschwung.</p>
<p><strong>&#8220;Die sind nicht von hier!&#8221;</strong></p>
<p>Woher aber kommt dann dieser Kult um einen Adelsherrscher, dessen Einfluss auf die Oldenburger Geschichte letzten Endes doch eher gering ist – und dessen Stellenwert in der Erinnerungskultur der Stadt ja ohnehin schon einen enormen Umfang hat; man denke nur an das unübersehbare Wandgemälde August Oetkens in der Kurwickstraße oder an die wiederhergestellte, höchst weihevoll gestaltete Grablege in der Lambertikirche? So recht habe er das alles selbst noch nicht durchschaut, sagt Schmidt, äußert aber eine Vermutung: Der Nachruhm Anton Günthers rühre vielleicht daher, dass er der letzte der Oldenburger Grafen war. Nach seinem Tod – er hatte keinen legitimen Erben hinterlassen – fiel die Grafschaft an die dänische Krone, sie wurde vom fernen Kopenhagen aus mitverwaltet. Eine Zeit, die oft als „Fremdherrschaft“ dargestellt wird, obwohl die dänischen Könige dem Hause Oldenburg entstammten, und die nach gut 100 Jahren vom Herrschaftsantritt der Dynastie der Schleswig-Holstein-Gottorfer abgelöst wurde, die zwar weitaus mehr sichtbare Spuren in der Stadt hinterlassen haben, aber wohl eben noch weniger richtige Oldenburger sind.</p>
<p>Anton Günther eigne sich also von allen Oldenburger Herrscherfiguren am ehesten als Heimatsymbol, sagt Schmidt. In einem Aufsatz von 1983 schrieb er: „Zur dreihundertjährigen Wiederkehr seines Todestages 1967, zur vierhundertjährigen seines Geburtstages 1983 kamen immerhin Anton-Günther-Ausstellungen in Oldenburg zustande – zeitgemäßere und instruktivere Formen der Erinnerung als ein Denkmal, zu dem es vermutlich heute so wenig reichen würde wie Anfang unseres Jahrhunderts oder 1844.“ Dass es 28 Jahre später doch wieder soweit ist, habe ihn „ausgesprochen überrascht“, sagt Schmidt; erklärbar sei das nur damit, dass es von „zahlungskräftiger privater Initiative“ ausgegangen ist – eine öffentliche Meinungsbildung habe ja nicht stattgefunden.</p>
<p><strong>Blaupause für andere Denkmalvorhaben?</strong></p>
<p>Tatsächlich ist den Rasteder Zuschauern ein fix und fertiges Denkmal vor- und hingestellt worden, man könnte auch böse formulieren: Vor den Latz geknallt; in die künstlerische Ausführung ist – außer den Initiatoren – niemand involviert gewesen. Den einen oder anderen Oldenburger beschleicht da der Verdacht, mit dieser Vorgehensweise sollte eine wütende Debatte wie beim geplatzten Vertriebenendenkmal umschifft werden: Wenn die Skulptur schon fertig ist, gibt es schon mal keine Auseinandersetzung um ihre Ausführung und auch keine ums Geld. Es handelt sich buchstäblich um den geschenkten Gaul; Milde betont, dass es so häufig ja nun auch nicht vorkomme, dass &#8220;eine Stadt etwas geschenkt bekomme, was sie selbst nicht schafft&#8221;. Dann vielleicht in ein, zwei Jahren ein privat finanziertes Vertriebenendenkmal, für das man nur noch einen Standort brauche? Die GAG-Frage als Testlauf für eine nächste Runde im jahrzehntelangen Streit? Solche Überlegungen seinen bloße Fantasien, sagt Milde, der zu den stärksten Befürwortern eines Vertriebenendenkmals zählt, mit Nachdruck – das eine habe mit dem anderen nichts zu tun.</p>
<p>Man wird sehen &#8211; der Kulturausschuss will sich mit dem Thema der Aufstellung von Kunst im öffentlichen Raum befassen. Es bleibt also abzuwarten, ob der Graf demnächst auf dem Schlossplatz oder anderswo vom hohen Ross auf sein Volk herabblickt. Diesem Bild ließe sich sogar noch etwas abgewinnen, meint Schmidt lächelnd: Ihm gefalle immerhin „die Vorstellung, dass der Graf gegen das ECE-Center anreitet“.</p>
<p>________________________</p>
<p><em>Lesen Sie hierzu auch den Gastartikel des Oldenburger Historikers Stephan Scholz: &#8220;<a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2011/07/25/graf-anton-gunther-auf-den-sockel/">Graf Anton Günther auf den Sockel?</a>&#8220;. Das Interview mit Heinrich Schmidt lässt sich in voller Länge auf <a href="http://www.geschichte-mitmachen.de/?p=1225" target="_blank">www.geschichte-mitmachen.de</a> nachhören. </em></p>
<p><em>Weitere Beiträge zur D-Frage? Hier:</em><br />
<em>• Was ist die Motivation des Alt-Oberbürgermeisters Horst Milde, sich so vehement für das Denkmal einzusetzen? <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2011/12/19/horst-milde-die-spd-und-das-anton-gunther-denkmal/">Versuch einer Deutung</a></em>.<br />
<em> • Muss die Geschichte des Oldenburger Landes neu geschrieben werden? <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/01/17/sensationsfund-in-oldenburger-pizzeria/">Ein bislang unbekanntes Grafengemälde</a> ist aufgetaucht.</em><br />
<em> • <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/01/31/monarchen-martyrer-medienhype/">Die Stimmen zum Denkmal im Filmbeitrag.</a> Was sagen Denkmalsbefürworter und -kritiker?</em><br />
<em>• </em><em><a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/02/03/wer-ist-das-volk/">Wer ist das Volk?</a> Gedanken zu einer Livesendung im </em>Nordwestradio<em> zum Denkmalstreit.<br />
</em></p>
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