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	<title>Noltejournal &#124; Magazin &#187; Ausstellung &#124; Noltejournal | Magazin</title>
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		<title>Unbesungene Helden</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Apr 2013 04:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Seit drei Jahrzehnten wartet in der Unibibliothek eine bemerkenswerte Literatursammlung auf ihre wissenschaftliche Entdeckung: Britische Comics aus der Frühzeit des Genres, hinterlassen vom wohl dienstältesten Dozenten der Uni.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Seit drei Jahrzehnten wartet in der Unibibliothek eine bemerkenswerte Literatursammlung auf ihre wissenschaftliche Entdeckung: Britische Comics aus der Frühzeit des Genres, hinterlassen vom wohl dienstältesten Dozenten der Uni.</span></p>
<div id="attachment_41942" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Kevin-Carpenter-www.jpg"><img class="size-full wp-image-41942" alt="Ein Sammelsurium aus Landstreichern, Rabauken und Underdogs: Kevin Carpenter und die Helden einer vergangenen Comic-Ära. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Kevin-Carpenter-www.jpg" width="600" height="387" /></a><p class="wp-caption-text">Ein Sammelsurium aus Landstreichern, Rabauken und Underdogs: Kevin Carpenter und die Helden einer vergangenen Comic-Ära. FOTO: mno</p></div>
<p>Kevin Carpenter bittet um Nachsicht, dass sein Sprechzimmer so schmucklos ist: Nur wenige Ordner stehen im Regal, ein paar Kinderzeichnungen hängen noch an der Wand, in zwei Stunden kommt ein Techniker und holt den Computer ab. Es ist Carpenters letzter Tag an der Uni; nach fast 41 Jahren Lehrtätigkeit – er unterrichtete hier schon Englisch, als die Institution noch „Pädagogische Hochschule“ hieß – geht der Anglist in den Ruhestand. Ein Stück von ihm bleibt, in gewisser Hinsicht: In den 80er-Jahren hatte Carpenter eine Sammlung britischer Comics aus der Zeit von 1873 bis 1939 angeschafft, ein seltener literaturgeschichtlicher Schatz, der zurzeit in einer kleinen, auch im Internet zu sehenden Ausstellung in der Unibibliothek zu sehen ist. Ansonsten allerdings schlummert er im Verborgenen und wartet auf einen Forscher, der ihn ausgräbt.</p>
<p>„Mein Vermächtnis an die Uni“, sagt Carpenter. Kein unbedeutendes – rund 5.000 Ausgaben von Heftreihen mit Namen wie Illustrated Chips, The Jolly Jester oder Bubbles Annual umfasst die Sammlung aus der Frühzeit des Comicschaffens. Viel Stoff also für ambitionierte Nachwuchsanglisten, Material für Doktorarbeiten. Bislang hielt sich das Interesse indes in Grenzen: Hier und da habe es in den vergangenen drei Jahrzehnten mal eine Anfrage gegeben, berichtet Carpenter; einmal sei ein irischer Forscher dagewesen und habe sich durch den Bestand gelesen, aber etwas Zählbares ist dabei bislang nicht herausgekommen.</p>
<p>Dabei hätten diese Comics über die humoristischen, anarchischen, manchmal auch schlicht albernen Storys hinaus, in denen oft Landstreicher, Rabauken und Underdogs die Hauptrollen spielten, einiges zu erzählen. Sie könnten Aufschluss geben über die Leser, die Zeichner und Autoren, die Verlage und ihren Stellenwert im soziokulturellen Kontext des hoch- und spätimperialistischen Königreichs – all das sei noch nie richtig aufgearbeitet worden, sagt Carpenter: „Wir wissen eigentlich immer noch nicht genau, wer diese Hefte eigentlich gelesen hat, welche Altersgruppen, welche Schichten, welche Geschlechter.“ Es mag auch daran liegen, dass Comics überhaupt erst seit relativ kurzer Zeit als literarische Gattung ernstgenommen werden, in Deutschland seit vielleicht zwei Jahrzehnten. Früher wurden sie, wie überhaupt das Genre der Unterhaltungsliteratur, von rechts wie von links als „Schund“ angefeindet – aus Sorge um die störungsfreie Entwicklung der Heranwachsenden zu schöngeistigen Bildungsbürgern respektive klassenbewussten Proletariern.</p>
<div id="attachment_41943" class="wp-caption alignright" style="width: 233px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/britische-comics-www.jpg"><img class="size-medium wp-image-41943" alt="Statue klauen, Bobbies verwemsen: Anarchischer Humor mit Willie &amp; Tim. BILD: BIS Uni Oldenburg" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/britische-comics-www-223x300.jpg" width="223" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Statue klauen, Bobbies verwemsen: Anarchischer Humor mit Willie &amp; Tim. BILD: BIS Uni Oldenburg</p></div>
<p>Dabei ist der kulturelle Einfluss dieser frühen Comics auch für den Laien zu erahnen. Da wären etwa Weary Willie und Tired Tim, zwei Tramps, der eine dünn und schlaksig, der andere dick und gedrungen, die das Plakat der Ausstellung zieren. Sie erinnern in verdächtigem Maße an das spätere Komikerduo Stan Laurel und Oliver Hardy, und tatsächlich lassen sich Verbindungslinien ausmachen. Weary Willie und Tired Tim erreichten das, was man heute als Kultstatus bezeichnen würde und blieben bis zur Einstellung Titelhelden des Magazins, in dem sie erschienen, immerhin 57 Jahre lang. „Das hier ist eine wunderbare Geschichte“, sagt Carpenter und zeigt auf einen Strip von 1898, in dem die beiden Tramps eine Statue klauen und sich selbst an ihre Stelle setzen, um am nächsten Tag feierlich vom Bürgermeister enthüllt zu werden. Und sich anschließend den Fluchtweg durch herbeieilende Polizisten freikämpfen zu müssen. Landstreicher, die Bobbies vertrimmen, und das im spätviktorianischen England – vermutlich waren diese Geschichten auch wegen ihres aufsässigen Subtextes so populär.</p>
<p>Das Motiv des pfiffigen Landstreichers entwickelte ein anderer Zeitgenosse zu einer weltberühmten Ikone weiter: Charles Chaplin, dessen berühmtes Outfit direkt aus den Comics entnommen zu sein schien. Von Chaplin stammt auch der Titel der Ausstellung: Die Comics seien „wonderfully vulgar“, sagte er 1957 in einem Interview. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte ein Kritiker sie noch als „unspeakably vulgar“ bezeichnet. Es scheint nur konsequent, dass Chaplin selbst – kaum, dass er einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hatte – zu seiner eigenen Comicfigur in einer Heftreihe wurde.</p>
<p>Für heutige Geschmäcker sind die Bildergeschichten und die Heftserien eher ungewohnt, etwa in ihrer Textlastigkeit: Sprechblasen sind eher Beiwerk, die Handlung wird unter den Bildern ausgearbeitet und die Hefte umfassten nicht nur Comicstrips, sondern auch Short Storys. Das macht die ganze Palette allerdings auch enorm vielseitig und die Zahl der Facetten geradezu unüberschaubar. „Alles, was nur vorstellbar war und gezeichnet werden konnte, wurde verarbeitet“, sagt Carpenter, und so wurde auch nicht davor zurückgeschreckt, ein literarisches Nationalheiligtum wie Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes als „Chubblock Homes“ in Frauenkleider zu stecken.</p>
<p>Obwohl Comics heute längst als etablierte Kunstform gelten dürften, die meisten Printmedien regelmäßig Strips veröffentlichen und trotz des Erfolges von Mangas und Graphic Novels werden diese Anfänge des modernen Comics immer noch ignoriert, sagt Carpenter, der dem Thema erstmals 1981, anlässlich der Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse, eine kleine Ausstellung gewidmet hat. Damals habe die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einer Besprechung geschrieben, dass es „höchste Zeit“ sei, „sich mit diesen Lesestoffen zu beschäftigen“. Das ist es nach drei Jahrzehnten immer noch. Carpenter hofft, dass sich irgendwann doch noch jemand findet, der etwas daraus macht; vielleicht einer der Studenten aus seinen letzten Lehrveranstaltungen. Zumindest habe der eine oder andere interessiert gewirkt, sagt er und lächelt. Dann muss er los, sein Büro leerräumen.</p>
<p>++++</p>
<p><em><a href="http://www.wonderfullyvulgar.de/" target="_blank">„Wonderfully Vulgar“</a> – Britische Comics von 1873 bis 1939, bis 10. Mai 2013, Foyer der Universitätsbibliothek</em></p>
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		<title>Krempel aus der Zwischenwelt</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Apr 2013 04:00:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<description><![CDATA[Studierende der Uni haben ihre erste eigene Ausstellung konzipiert, und eine ungewöhnliche dazu: &#8220;Was übrig bleibt&#8221; widmet sich Dingen, die ansonsten eher nicht im Mittelpunkt stehen. Wohl jeder hat zuhause so ein Ding, das irgendwo herumsteht oder –liegt; ein Ding, das irgendwann einmal bei irgendetwas übrig geblieben ist und das &#8230;]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Studierende der Uni haben ihre erste eigene Ausstellung konzipiert, und eine ungewöhnliche dazu: &#8220;Was übrig bleibt&#8221; widmet sich Dingen, die ansonsten eher nicht im Mittelpunkt stehen.</span></p>
<div id="attachment_41948" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Telefone.jpg"><img class="size-full wp-image-41948" alt="Übriges-Telefone" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Telefone.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Überholt: Telefone. Mit Kabeln und so. FOTO: mno</p></div>
<p style="text-align: center;">Wohl jeder hat zuhause so ein Ding, das irgendwo herumsteht oder –liegt; ein Ding, das irgendwann einmal bei irgendetwas übrig geblieben ist und das man deshalb in Ehren hält oder einfach nur noch nicht weggeworfen hat, manchmal ohne zu wissen, warum. Ein Kleidungsstück aus ferner Jugendzeit vielleicht, das nie, nie wieder passen wird, man weiß es ja und macht sich nichts vor, aber trennt sich trotzdem nicht davon. Die Muschel, die man an irgendeinem mediterranen Strand aufgelesen und sie – im Gegensatz zu anderen Muscheln von anderen Stränden – behalten hat, weil jener Urlaub eben schöner war als andere. Oder ein hässliches Geschenk, das von der Hochzeitsfeier übriggeblieben ist und das man behält, um es dem Schenker auf Nachfrage jederzeit vorweisen zu können – solchen Gegenständen widmeten Studierende der Uni Oldenburg nun eine eigene Ausstellung: „Was übrig bleibt“ ist gewissermaßen das Gesellenstück der zehnköpfigen Gruppe, die sich für den Masterstudiengang „Museum und Ausstellung“ eingeschrieben hatte. Die erste Ausstellung, die die Studierenden selbstständig auf die Beine stellten, und angesichts ihres bevorstehenden Berufseinstiegs vielleicht für einen längeren Zeitraum die letzte, bei der sie so viele Freiheiten hatten.</p>
<p>„Alles, was übrig ist, kann Ausstellungsstück sein“, sagt Franziska Scholl, eine der Ausstellungsmacherinnen. Und übrig ist, was in eine der fünf von der Gruppe festgelegten Kategorien passt: Emotionsgeladen, Entbehrlich, Überholt, Überstanden, Verfehlt. Es gäbe sicher auch andere, meint Scholl, diese Einteilung sei nicht in Stein gemeißelt, und das sei „ja auch das Spannende daran: Vielleicht sehen Besucher das ja ganz anders.“ Zunächst aber sind es diese fünf Kategorien, von denen sich die eine oder andere selbst erklären dürfte. „Emotionsgeladen“ ist etwa ein Top, von seiner Besitzerin nur einmal getragen – auf dem Geburtstag ihrer Großmutter, die vier Tage später starb, weshalb die Enkelin es nicht mehr anziehen mochte. „Überholt“ ist beispielsweise ein altes, aber noch funktionierendes Telefon, nur hat sein Besitzer jetzt eben ein neueres, moderneres, cooleres.</p>
<p>Ein Objekt habe eine Funktion, erklärt Nora Spielvogel, die Sprecherin der Studentengruppe, den Status des Übrigseins: „Irgendwann verliert es diese Funktion.“ Und bis es einer neuen zugeführt werden kann oder schlicht weggeworfen wird, existiere es in einer Art Zwischenwelt. In die gerate es bewusst oder unbewusst, manchmal auch rein zufällig: die Vase etwa, die die Bombardierung und Zerstörung eines Hauses unversehrt überstanden hat. Übriges aus der Rubrik „Überstanden“.</p>
<p>Man ahnt es bereits: Es gibt viele, sehr viele Gegenstände, die in eine dieser Kategorien und mithin auch in diese Ausstellung passen würden. All die Dinge, von denen man immer hört oder selbst sagt, dass sie „zu schade zum Wegwerfen“ seien, dass man sie „noch mal brauchen“ könne, dass man sie „irgendwann wieder benutzen“ würde. Wie diesen komisch aussehenden Bauchmuskeltrainer, den man eines Tages verwenden wird, ganz ehrlich bestimmt, wenn man halt Zeit und Muße hat.</p>
<div id="attachment_41946" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Bauchmuskeltrainer.jpg"><img class="size-full wp-image-41946" alt="&quot;NATÜRLICH werde ich den nochmal benutzen!&quot; FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Bauchmuskeltrainer.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">&#8220;NATÜRLICH werde ich den nochmal benutzen!&#8221; FOTO: mno</p></div>
<p>In Anlehnung an ein zuletzt in ermüdendem Maße strapaziertes Bonmot könnte man fragen: Ist das übrig – oder kann das weg? Viele der gezeigten Dinge hätten irgendwann wegkommen können, auf die eine oder andere Weise. Sind sie aber nicht. Sie sind vielmehr gefangen in ihrem prekären Zwischenwelt-Dasein, das sich über das Festhaltenwollen, eine längst vergangene Sammelwut oder die bloße Ratlosigkeit ihrer Besitzer definiert. Eine Lavalampe etwa ist dabei, die nur deshalb noch existiert, weil die Besitzerin nicht weiß, wie man sie korrekt entsorgen müsste. Dort verläuft die Trennlinie zwischen „Übrigem“ und, nun ja, „Müll“ &#8211; einem Begriff, der nicht wenigen Besuchern durch den Kopf schießt, beim Betrachten des einen oder anderen Exponats.</p>
<p>Aber genau dort, im Müll, landeten sie eben nicht, obwohl sie keinen Zweck mehr erfüllen, manchmal nicht einmal mehr als bewusst aufbewahrtes Erinnerungsstück dienen. Und das macht sie zu für die Oldenburger Studentengruppe zu Ausstellungsstücken, zu Exponaten einer Schau, bei der jeder Betrachter sofort eine Idee hat, was er dazu beisteuern könnte.</p>
<p>Auch die Macher müssen nicht lange überlegen, welche Dinge aus ihrem irdischen Besitz übrig sind. Für Franziska ist es ein T-Shirt, von Freunden vor einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt bemalt, nie getragen und auch nicht gewaschen, da sie befürchtet, dass es die Farbe verlieren würde. Nora nennt eine Jacke, die ein verflossener Exfreund zurückgelassen hat und die sich in der Kruschtelkiste unterm Bett befindet. Emotionsgeladen. Dozentin Karen Ellwanger fällt ihre Sammlung altertümlicher Biografien ein, die ihr immer als Mahnung dienten, dass sie „so etwas nie machen soll“. Die, oder die roten Pumps einer alten Freundin.</p>
<p>Und nach der Ausstellung? Dann findet sich jedes einzelne Exponat in genau derselben Situation wieder wie zuvor; wird konfrontiert mit der Frage: Was tun mit dem Ding? Wieder zurück in die Schublade, auf den Dachboden, in die Umzugskiste im Keller? Oder erlebt es eine Renaissance, bekommt einen Platz im Regal, auf dem Kaminsims, dem Beistelltisch? Oder kann es sein letztes bisschen Daseinsberechtigung vor dem durch die Ausstellung geschärften kritisch-prüfenden Blick des Besitzers nicht mehr verteidigen und geht den Weg allen Irdischen – Flohmarkt, Ebay oder letztlich doch die Mülltonne?</p>
<p>Diese Unsicherheit, aber auch die reine Vielfalt der Objekte verleiht der Ausstellung ihre Spannung. Sie bedient sowohl den Nostalgie- als auch den Fremdschämfaktor; die ganze Palette von „Weißt du noch“ bis „Mein Gott, hat sich das wirklich wer in die Wohnung gestellt?“ Ein bisschen Zeitgeschichte hier, ein wenig Soziologie dort, garniert mit einer Prise Psychologie – aber eben einem solchen Schubladendenken verwehren sich die Exponate. Die 50er-Jahre-Zimmeruhr mag der Eine oder Andere grässlich finden, für ihren Besitzer und Leihgeber Carsten Schipke ist sie eine liebgewonnene Erinnerung an „Opa Martin“ – nicht einmal sein leiblicher Großvater, sondern ein freundlicher alter Mann aus der Nachbarschaft, der „mit über 90 Jahren noch in die Bäume geklettert ist, um Zweige abzusägen“, wie sich Schipke erinnert. Als Opa Martin mit 96 starb, half Schipke dessen Verwandschaft bei der Auflösung des Haushalts; mit ihnen ist er seitdem befreundet. Und von Opa Martin sind Fotoalben übriggeblieben, Bücher, eine Urkunde von den Reichsjugendwettkämpfen 1930 – und eben die Uhr, die nun Schipkes Wohnung ziert.</p>
<p>Es ist müßig zu betonen, dass jedes Objekt eine solche ganz eigene Geschichte hat, denn das trifft auf so ziemlich jedes Exponat in jeder Ausstellung dieser Welt zu. Die „übrigen“ Objekte aber erzählen ihre Geschichte über die reine Provenienz hinaus; man erfährt in wenigen Sätzen sowohl rührende als auch schräge Hintergründe. Der Schachcomputer etwa, Modell „Mephisto“, die Älteren werden sich erinnern. Eine betagte Dame hatte ihn von Verwandten geschenkt bekommen, da sie gerne Schachspielen lernen wollte, aber dem rein männlich geprägten örtlichen Schachclub nicht beitreten durfte. Der Computer sollte ein gutgemeintes Präsent sein, mit dem die Frau aber nichts anfangen konnte – es ging ihr weniger um das Spiel selbst als durch die sozialen Kontakte, die sie eigentlich darüber zu knüpfen gehofft hatte. Das Ding landete auf dem Flohmarkt; dort fanden es die Ausstellungsmacher. Nun baumelt „Mephisto“ von der Decke, neben geschmacklosen Snoopy-Figuren, die ebenfalls in die Kategorie „Verfehlt“ eingeordnet wurden. Und ihre eigene Geschichte erzählen.</p>
<div id="attachment_41947" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Snoopy.jpg"><img class="size-full wp-image-41947" alt="Äh, hübsch. Leider zu groß für den Setzkasten. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/04/Übriges-Snoopy.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Äh, hübsch. Leider zu groß für den Setzkasten. FOTO: mno</p></div>
<p>Es war eine Idee, die ihnen spontan gekommen sei, sagen die Studierenden. Eine, die sofort funktionierte, weil „jeder sofort etwas damit anfangen kann“, sagt Nora. Und auch eine, die nicht starr festgelegt bleiben soll, denn die Macher wollen auch Rückmeldungen von den Besuchern haben, schließlich ist es ja ihre erste Ausstellung. Eine hängt bereits an der Pinnwand im Ausstellungsraum: „Denn das, was übrig bleibt, ist meistens Gekotztes“, hat jemand geschrieben.</p>
<p>++++</p>
<p><em><a href="http://www.uebriges.de" target="_blank">„Was übrig bleibt. Eine Ausstellung vom Aufheben, Verstauen und Zurücklassen“</a>, bis 6. April im Ullmann-Haus, Lange Str. 91, 1. Etage.</em></p>
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		<title>Sie weiß, was du letzten Sommer getan hast</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jan 2013 04:00:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Totale Vernetzung, jederzeit und überall abrufbare Daten, gläserne Bürger - eine Horrorvorstellung für die meisten Menschen. In Estland ist man diesen Weg schon recht weit gegangen, und der Künstler Timo Toots zeigt zurzeit im Edith-Ruß-Haus, wo er hinführen könnte.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Totale Vernetzung, jederzeit und überall abrufbare Daten, gläserne Bürger &#8211; eine Horrorvorstellung für die meisten Menschen. In Estland ist man diesen Weg schon recht weit gegangen, und der Künstler Timo Toots zeigt zurzeit im Edith-Ruß-Haus, wo er hinführen könnte.</span></p>
<div id="attachment_42352" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/01/EDR-Memopolis.jpg"><img class="size-full wp-image-42352" alt="Wann, was, wieviel, wen? Memopol kennt seine Benutzer besser als die meisten anderen. FOTO: EDR" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/01/EDR-Memopolis.jpg" width="600" height="400" /></a><p class="wp-caption-text">Wann, was, wieviel, wen? Memopol kennt seine Benutzer besser als die meisten anderen. FOTO: EDR</p></div>
<p>„Memopol II“ ist eine Maschine, die ihren Betreiber gewissermaßen virtuell die Hosen herunterzieht – sobald sie den Personalausweis gescannt hat, gibt sie Auskunft darüber, wo er wohnt, wen er kennt, wieviel er verdient, welche Pillen er schluckt und wie es in seinem Oberstübchen aussieht. Das wirkt, zumindest in der Installation im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst, zunächst wie eine kurzweilige Spielerei, eine Mischung aus Zufallsgenerator und automatisiertem Googlen. Aber der Spaß ist nur vordergründig. Die Maschine kennt keinen Humor, nur Zahlen; und nach erfolgter Analyse aller Daten reduziert sie ihre Benutzer auf eben diese.</p>
<p>Für den Durchschnittsbesucher wirkt das Ganze ziemlich science-fiction-mäßig, für den Künstler Timo Toots ist es das nur bedingt. Toots lebt in Estland, einem Land, das die Idee der elektronisch vernetzten Gesellschaft weiter vorangetrieben hat als jedes andere: Nahezu jeder Este besitzt ein Handy, der Zugang zum Internet ist gesetzlich verankert und über zahllose öffentliche Hotspots und Terminals gewährleistet, sogar die Teilnahme an Wahlen ist längst online möglich. Die Digitalisierung geht aber noch viel weiter: Der estnische Personalausweis ist eine Chipkarte, mit der sich rechtsverbindliche Verträge digital abschließen lassen; man kann mit ihm bezahlen, Behördenkram erledigen und er funktioniert auch als Krankenversicherungskarte.</p>
<p>Der Ausweis weiß, kurz gesagt, eine ganze Menge über seinen Inhaber – und da alle denkbaren Interaktionen online ablaufen, drängt sich die Frage auf, wer das noch alles weiß. Oder zumindest in Erfahrung bringen kann. Die Antwort liegt nahe: Der estnische Staat hat auch in punkto Datensammlung alle anderen EU-Staaten hinter sich gelassen. „Memopol II“ tut im Prinzip nichts anderes, als dieses staatliche Portal zu simulieren; dass Besucher des Museums zunächst einen gefaketen Registrierungsvorgang absolvieren müssen, um die Installation zu betreten, ist da nur folgerichtig.</p>
<p>Die digitale Revolution werde in Estland eher gefeiert als gefürchtet, sagt Jan Blum, Mitarbeiter am Edith-Ruß-Haus: Viele Esten nähmen sie vor allem als Erleichterung im Umgang mit alltäglichen Dinge wahr. Das persönliche Profil eines Menschen definiere sich nicht mehr nur über dessen physikalische Existenz, so Toots – es gebe noch das andere, das digitale, über das er manchmal nur wenig Kontrolle habe und das stetig wächst, jedes Mal, wenn man elektronisch bezahlt oder sich in einem Sozialen Netzwerk bewegt.</p>
<p>Dass „Memopol II“ eher schräge Ergebnisse ausspuckt, liegt daran, dass der eingescannte deutsche Perso nicht allzu viele Daten hergibt – noch nicht. Aber die Installation umfasst weitere, in Oldenburg erstmals zu sehende Räume; und dort wird es langsam ernster, viel ernster. Im Untergeschoss werden die Marktwerte der Benutzer von „Memopol II“ im Stil der bekannten Laufbänder aus Nachrichtensendungen an die Wand geworfen, inklusive Kursschwankungen. Ihre Leistungsfähigkeit und Krankheitsanfälligkeit wird analysiert und zu einem durchschnittlichen Prozentsatz zusammengefasst, der letztlich den Grad der Funktionalität des Betreffenden beschreibt. Arbeitgeber würde das wohl sehr interessieren, und spätestens hier fadet die Zukunftsmusik langsam aus – letztlich ist die elektronische Gesundheitskarte der erste Schritt in diese Richtung.</p>
<p>Ihren Höhepunkt findet die Installation im letzten Raum, einem vollautomatisierten Gerichtssaal. Die Entwicklung wurde von Toots hier konsequent weitergedacht: Die Maschine geht eine Reihe von fiktiven Strafrechtsparagraphen durch und gleicht diese mit den Eingaben der bisherigen Ausstellungsbesucher ab. Die Ergebnisse lesen sich lustig: „§177a: It is forbidden to complain about Markus“, steht da, gefolgt vom Namen des Benutzers und dem Schuld- oder Freispruch, immer wieder, Punkt für Punkt. „Ein elektronisches Jüngstes Gericht“, sagt Blum, „ohne Möglichkeit, sich zu verteidigen“. Wozu auch – schließlich ist eine Maschine nüchtern, unbestechlich und richtet sich nach den Fakten; sie ist die effizienteste Methode zur Industrialisierung der Rechtsprechung.</p>
<p>Bis es soweit kommt, werden noch viele Datenmengen durch die Glasfaserkabel fließen. Toots’ Installation wirft aber schon jetzt die Frage auf, wie weit dieser Weg wohl sein wird – an der Technik würde es ja schon heute nicht mehr scheitern.</p>
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		<title>Der raue Charme des Trostlosen</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Oct 2012 04:00:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Uni Oldenburg]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Journalist Gerhard Kromschröder setzt dem Emsland ein fotografisches Denkmal - Eindrücke einer Region, die nicht wenige eher meiden.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Der Journalist Gerhard Kromschröder setzt dem Emsland ein fotografisches Denkmal &#8211; Eindrücke einer Region, die nicht wenige eher meiden.</span></p>
<div id="attachment_42486" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-1.jpg"><img class="size-full wp-image-42486" alt="Neulich, irgendwo im Emsland. BILDER: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-1.jpg" width="600" height="389" /></a><p class="wp-caption-text">Neulich, irgendwo im Emsland. BILDER: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Eine Bushaltestelle mitten im Nirgendwo, lieblos aus Blech zusammengedengelt. Die in die Vorderwand hineingefräste Öffnung lässt sie wie eine in die Höhe gezogene Hundehütte erscheinen; die daneben platzierten Verkehrsschilder neigen sich zur Seite, als wäre ihnen sowieso schon alles egal. Wäre die Gegend, in der sie steht, nicht so offensichtlich feucht, würde man beim Betrachten des Fotos erwarten, dass ein vertrockneter Busch durchs Bild rollt. Das Mundharmonika-Lied von Ennio Morricone erklingt im &#8211; von der stetig wiederholten Bemühung dieses Stilmittels im Fernsehen abgestumpften &#8211; Innenohr. Die Bushaltestelle, um die es hier geht, steht im Emsland; das Foto von ihr, auf der man sie zu Gesicht bekommt, ohne Gefahr zu laufen, sich auf der Suche nach ihr in den nassen Weiten zu verirren, hängt in der Uni Oldenburg. Im Bibliotheksfoyer ist zurzeit die Ausstellung „Expeditionen ins Emsland“ des Journalisten Gerhard Kromschröder zu sehen.</p>
<p>Kromschröder war stellvertretender Chefredakteur des Satiremagazins <em>Pardon</em>, später investigativer Reporter und Redakteur beim <em>Stern</em> und schließlich Nahostkorrespondent, der während des ersten Irak-Kriegs aus Bagdad berichtete. Das Emsland, so möchte man meinen, klingt da als Ziel einer Fotosafari eher ein wenig – nun ja, klein. Das sieht Kromschröder allerdings anders: „Es ist doch viel spannender, im Kleinen das Große zu suchen und im Profanen das Erhabene, als sich nur mit den großen Dingen zu beschäftigen“, sagt der 71-Jährige.</p>
<p>Das Emsland – so nah und doch so fern; eine Region, die man nicht einmal durchqueren müsste, um irgendwo anders hinzukommen, da sie sich sehr gut umfahren lässt und von der man zumeist sowieso nur dann etwas hört, wenn gerade ein neues Kreuzfahrtschiff die Ems hinunterschleicht. Gerade einmal 40 Kilometer von Oldenburg entfernt und irgendwie doch ein ganz anderer Kulturkreis, ach was: eine ferne Galaxie. Als „Herz der Finsternis“ habe man den Landstrich damals, als Jugendlicher, wahrgenommen, erinnert sich der Satiriker und gebürtige Oldenburger Bernd Eilert, „fremdartig wie ein Mullahregime“. Der Schriftsteller Gerhard Henschel, der im Emsland zur Schule ging, bezeichnet es als „Schlumpfland“, und schon zu Kaisers Zeiten konstatierte ein durchreisender Geologe eine gewisse „Trostlosigkeit dieser Gegend“. Dass Kromschröder sich bei seinen Expeditionen mit seinem auswärtigen Kfz-Kennzeichen und dem Fotoapparat sogleich verdächtig machte und eine Reihe von Hinweisen auf sein undurchsichtiges Treiben bei der örtlichen Polizei eingingen, überrascht nicht wirklich.</p>
<p>Kromschröder hat nicht zufällig einen besonderen Blick für dieses merkwürdige, zwischen Ostfriesland, Osnabrücker und Münsterland sowie den Niederlanden eingeklemmte Niemandsland: Damals, in der Frühzeit seiner Karriere, arbeitete er als Lokalredakteur in Lingen und bei der <em>Ems-Zeitung</em> in Papenburg. Freunde hatte er sich mit seinen Recherchen nicht gemacht – zu sehr rüttelte er am regionsspezifischen Reaktionismus, am strengen Katholizismus, an der lange totgeschwiegenen braunen Vergangenheit, an der Erinnerung an die Emslandlager, die viele Einwohner lieber vergessen hätten. Und Freunde machte er sich auch jetzt mit der Ausstellung und dem zugrunde liegenden Bildband nicht – zumindest nicht im Landratsamt: Weder der ehemalige Landrat Hermann Bröring noch sein Nachfolger und CDU-Kollege Reinhard Winter waren im Sommer zur Eröffnung der Fotoschau im Moormuseum in Groß Hesepe anwesend. Bröring, der im Vorstand des Museumsvereins sitzt, soll seinen Unmut über Kromschröders Werk recht laut Ausdruck verliehen haben; Winter schlug gemäßigtere Töne an, aber die Aussage war die Gleiche: Den Landesherrn war der Eindruck, den die Fotos vom Emsland vermittelten, viel zu negativ.</p>
<div id="attachment_42487" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-2.jpg"><img class="size-full wp-image-42487" alt="Kalt. Nass. Herbst. Hat trotzdem was. BILD: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-2.jpg" width="600" height="268" /></a><p class="wp-caption-text">Kalt. Nass. Herbst. Hat trotzdem was. BILD: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Wie etwa die besagte Bushaltestelle. Oder das Schild, das den Weg zu einer „Stadtmitte“ weist, aber auf einer Verkehrsinsel mitten im Nirgendwo zu stehen scheint; im Hintergrund ein endlos scheinendes Getreidefeld. Oder das wie ein Hochsicherheitstrakt wirkende Einfahrtstor einer Hähnchenmastanlage. Oder die Schützen, immer wieder Schützen, die – seien wir ehrlich – sowieso schon etwas grundlegend Fremdartiges an sich haben. Es sind beeindruckende und groteske, abweisende und pittoreske, surreale und banale, trostlose und zum Schreien komische Motive. Die Schildchen darunter nennen den stets kurzen Titel und den Aufnahmeort, mehr nicht – und mehr ist auch gar nicht nötig. Die Bilder sprechen für sich.</p>
<p>Die meisten Aufnahmen hat Kromschröder zu Bild-Paaren zusammengestellt, und daraus beziehen sie eine umso tiefgreifendere Komik, die sich schwer in Worte fassen lässt. Da zeigt ein Bild ein Mantatreffen, sein Äquivalent eine Vernissage – beide dokumentieren eine ganz ähnliche Szenerie, scheinen aber von unterschiedlichen Planeten zu stammen, allerdings auch das wieder nur auf den ersten Blick. Stolze Rassehundebesitzer auf der einen, ein Hunde-Kackverbotsschild auf der anderen Seite. Hier eine Reihe erschossener Feldhasen, dort ein Kaninchenzüchter, der liebevoll seinen Rammler knuddelt. Da eine Wiese, auf der ein Boot liegt, dort ein Feld, das derart überschwemmt ist, dass das Boot eher dorthin zu gehören scheint – stattdessen stehen dort rostige Lkw-Wechselbrücken in der nassen Schlammwüste herum und warten scheinbar vergeblich darauf, jemals abgeholt zu werden.</p>
<p>Die Fotos würden die wirtschaftliche Dynamik des Landkreises unterschlagen, beschwerte sich Winter; „unfair“ und „polemisch“ nannte sie Bröring, und der Sprecher des Landkreises beschwerte sich gar schriftlich bei einer Zeit-Autorin über die „verzerrte Sichtweise“ ihrer Besprechung von Kromschröders Bildband. Die Ausstellung im Groß Heseper Moormuseum, ursprünglich auf vier Monate Dauer angelegt, wurde nach sieben Wochen vorzeitig beendet – der Verdacht, dass dies auf Druck der CDU-Granden geschah, dürfte nicht allzu weit hergeholt sein.</p>
<div id="attachment_42485" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-3.jpg"><img class="size-full wp-image-42485" alt="Auch eine Form von Dynamik. BILD: Kromschröder/mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/10/kromschröder-emsland-3.jpg" width="600" height="369" /></a><p class="wp-caption-text">Auch eine Form von Dynamik. BILD: Kromschröder/mno</p></div>
<p>Den meisten Emsländern allerdings schienen deren Attacken herzlich egal zu sein. Die Ausstellung war gut besucht, die Erstauflage des Bildbands schnell vergriffen, berichtet Kromschröder. „Die Menschen sind viel klüger, als die Politik erlaubt“, sagt der Journalist: „Die Zeiten scheinen vorbei zu sein, in denen die Politiker sagen konnten, wo die Menschen ‚buh’ rufen und wo sie applaudieren sollen.“ Und überhaupt kann man das Ganze ja auch als eine Art Liebeserklärung an die Region sehen – eine erwachsene Liebe, bei der man eben auch die Macken und Kanten des anderen nicht übersieht.</p>
<p>Letztlich riet auch Eilert, trotz seiner Jugenderfahrung, nach der man „da einfach nicht hinfuhr“, jetzt zum Gegenteil: „Mir hat Gerhard Kromschröder erst recht Lust gemacht, mich bei nächster Gelegenheit dort in seinem geliebten Emsland einmal genauer umzusehen.“ Und aus der geharnischten Reaktion der beleidigten Landräte solle man ohnehin nicht den Rückschluss ziehen, dass so etwas typisch emsländisch sei, meint Kromschröder: „Wenn man etwas ähnliches mit Oldenburg macht – ich könnte mir vorstellen, dass die Reaktionen möglicherweise ganz ähnlich ausfallen würden.“</p>
<p>Wer wollte ihm da widersprechen.</p>
<p>&#8212;&#8212;<br />
<em><a href="http://www.uni-oldenburg.de/aktuelles/artikel/am/2012/09/21/von-schafen-und-schuetzen/" target="_blank">Gerhard Kromschröder: &#8220;Expeditionen ins Emsland&#8221;</a>, noch bis zum 31. Oktober im Foyer der Bibliothek der Uni Oldenburg (Campus Haarentor) zu sehen. Der gleichnamige Bildband ist bei Edition Temmen erschienen.</em></p>
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