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	<title>Noltejournal &#124; Magazin &#187; Interview &#124; Noltejournal | Magazin</title>
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		<title>&#8220;Mörderisches Programm&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Oct 2013 00:05:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>

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		<description><![CDATA[Neue Saison, neues Glück? 2013 scheiterten die EWE Baskets knapp an Meister Bamberg; in der aktuellen Spielzeit versuchen sie es erneut - mit nahezu demselben Team.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Neue Saison, neues Glück? 2013 scheiterten die EWE Baskets knapp an Meister Bamberg; in der aktuellen Spielzeit versuchen sie es erneut &#8211; mit nahezu demselben Team.</span></p>
<div id="attachment_42837" class="wp-caption aligncenter" style="width: 586px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/10/EWE-Baskets-Machowski-www.jpg"><img class=" wp-image-42837 " alt="Bereits in der ersten Saison in Oldenburg in der Erfolgsspur: Headcoach Sebastian Machowski. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/10/EWE-Baskets-Machowski-www.jpg" width="576" height="320" /></a><p class="wp-caption-text">Bereits in der ersten Saison in Oldenburg in der Erfolgsspur: Headcoach Sebastian Machowski. FOTO: mno</p></div>
<p><strong>Herr Machowski, Sie hatten nun ja reichlich Gelegenheit, die vergangene Saison Revue passieren zu lassen. Jetzt, mit entsprechendem Abstand betrachtet: Überwiegt da die Freude darüber, so weit gekommen zu sein – oder der Frust, so knapp gescheitert zu sein?</strong></p>
<p>Ich habe sehr lange gebraucht, um die Enttäuschung darüber, dass wir es nicht geschafft haben, das Finale zu gewinnen und dreimal so knapp an Bamberg gescheitert sind, zu überwinden. Mittlerweile überwiegt aber die Freude und der Stolz darüber, was wir erreicht haben. Nicht nur wegen der Vizemeisterschaft – wir waren ja auch in der Hauptsaison lange Zweiter und haben das Final Four der EuroChallenge erreicht. Wenn man bedenkt, wo das Team hergekommen ist, nämlich vom zehnten Platz in der Vorsaison, dann sehe ich es rückblickend als sehr erfolgreiche Saison.</p>
<p><strong>Wohl auch deswegen sahen Sie keinen Anlass zu tiefgreifenden Veränderungen: Nur ein einziger Spieler verließ das Team, und es gab auch nur einen Neuzugang. Die Nachdrücklichkeit, mit der Sie offensichtlich auf Konstanz setzen, ist bemerkenswert …</strong></p>
<p>Es war schon in der vergangenen Saison ein großes Risiko, aus der Vorjahresmannschaft sieben Spieler zu halten. Nicht, weil die nicht erfolgreich gespielt hätten – es ist aber schwierig, da erstmal ein komplettes Umdenken einzuleiten, und die Mannschaft hat tatsächlich eine Weile gebraucht, die neue Philosophie umzusetzen. Kontinuität ist natürlich auch für die Fans wichtig, die manche Spieler ins Herz geschlossen haben – es ist im Basketball ja nicht häufig der Fall, dass man es schafft, Spieler über Jahre zu halten. Das zeichnet im Übrigen auch den Oldenburger Basketball und die Strukturen, die wir bei den Baskets über die letzten Jahre geschaffen wurden, aus – die Spieler bleiben gerne hier, auch wenn sie in Russland oder der Türkei mehr verdienen könnten. Darüber hinaus hat sich die Mannschaft in der vergangenen Saison durch eine hohe Homogenität ausgezeichnet, die man ihr auch angemerkt hat: Die treten als Mannschaft auf, die spielen als Mannschaft, und das auch noch mit Spaß. Da war es für uns nur logisch zu versuchen, das Gros dieses Teams zusammenzuhalten.</p>
<p><strong>Es war also keine große Überzeugungsarbeit nötig, die Spieler hier zu halten?</strong></p>
<p>Wir schaffen es natürlich nicht, wie südeuropäische Mannschaften oder mittlerweile auch Bayern München die Spieler mit Geld zuzuschütten. Da muss man andere Argumente finden, und ich denke, die haben wir im Verlauf der letzten Saison geliefert sportlich sowie im Umfeld. Außerdem sind Die Voraussetzungen sind hier für die ausländischen Profis, aber auch für die Talente im Nachwuchsbereich sehr gut – die Jugendarbeit, die als eine der besten in Deutschland ausgezeichnet wurde, das Trainingszentrum, die zahlreichen Festangestellten im Klub, die sich um die Mannschaft kümmern, damit wir uns auf den Sport konzentrieren können &#8230; die Spieler merken, dass hier alles für sie getan wird.</p>
<p><strong>Forward Ronnie Burrell ist der einzige Abgang des Teams. Hätten Sie auch ihn lieber gehalten?</strong></p>
<p>Wir wollen uns verbessern und sportlich weiterentwickeln – und auf dieser Position brauchten wir mehr Konstanz in unserem Spiel, daher haben wir ihm keine Verlängerung angeboten. Mit Nemanja Alexandrov haben wir einen sehr talentierten Spieler für diese Position gefunden, der uns hoffentlich das gibt, was wir von ihm erwarten.</p>
<p><strong>Alexandrov hat vor wenigen Jahren eine komplette Saison ausgesetzt und mit einem Individualtrainer gearbeitet. Sehen Sie darin einen Ausweis seiner Professionalität oder muss man nicht vielleicht auch ein Fragezeichen hinter die Erwartungen setzen?</strong></p>
<p>Er wurde, wenn man den Medien glauben darf, als der nächste Nowitzki aus Serbien gehandelt – und dann zog er sich einen Kreuzbandriss zu. Dadurch wurde er zurückgeworfen und hat sich die Auszeit genommen, in der er richtig investiert hat. Im letzten Jahr hat er komplett gespielt, in Belgien und Spanien – er ist körperlich wieder hundertprozentig fit. Nur diesem Umstand hatten wir es zu verdanken, dass wir in der Lage waren, ihn hierher lotsen zu können – vergleichbare Spieler seiner Generation spielen bei ZSKA Moskau oder Real Madrid, die zahlen für einen Spieler so viel wie wir für unseren ganzen Kader zusammen.</p>
<p><strong>Ist es aus Sicht des Trainers einfacher, einem funktionierenden Team einen neuen Spieler hinzuzufügen oder fängt man lieber bei Null an?</strong></p>
<p>Fast alle Manager, mit denen ich in den vergangenen Wochen gesprochen habe, haben mich zu meinem „ruhigen Sommer“ beglückwünscht: Da die ganze Mannschaft zurückkomme, müsse ich ja nicht viel tun. Wir haben uns aber sehr schwergetan, dieses eine fehlende Puzzlestück zu finden – das war fast schwieriger und aufwendiger als im vergangenen Jahr, als nur ein Spieler einen laufenden Vertrag hatte und wir das Team gewissermaßen neu zusammenbauen mussten. Die Zukunft wird zeigen, ob wir – das Trainerteam und die Geschäftsführung – mit dieser Entscheidung richtig lagen.</p>
<p><strong>Zu ihrer Philosophie gehört, dass Sie den Spielern möglichst viele Freiräume und sie auf dem Feld weitgehend eigenverantwortlich agieren lassen. Das schien in der vergangenen Saison durchaus ein Erfolgsrezept zu sein – könnte es nicht aber auch die immer wieder mal zu beobachteten Chaosphasen in manchen Partien erklären?</strong></p>
<p>Ich denke nicht, dass uns grundsätzlich die Linie gefehlt hat. Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, dass es, wenn man viele Freiheiten einräumt, schwierig ist, in entscheidenden Situationen auf disziplinierte Umsetzung von taktischen Details zurückzufallen. Unser Ansatz ist, dass die Spieler Spaß am Spiel haben und sich frei entfalten können sollen. Wenn wir sie in ein taktisches Korsett zwängen und wie Roboter spielen lassen, wäre das Ergebnis fatal. Das betrifft ja vor allem die Offensive, und da haben wir in der vergangenen Saison gezeigt, dass wir Spiele gewinnen können. Noch schwerer wiegt die überzeugende Defensivleistung während der gesamten Saison – wir haben mit die wenigsten Körbe kassiert und offensivstarke Mannschaften wie Ulm und Bamberg in den Playoffs 20 Punkte unter ihrem Saisonschnitt gehalten. Da geht es dann nicht mehr um Freiräume, sondern um knallharte Teamdefense, die die Mannschaft umgesetzt und damit die Siege ermöglicht hat – wenn man hinten seinen Job erledigt, kann man sich vorne belohnen.</p>
<p><strong>Kaum jemand hat der Mannschaft nach zwei eher durchwachsenen Spielzeiten das durchweg hohe Niveau 2012/13 zugetraut. Sehen Sie die Gefahr, dass die Erwartungshaltung bei den Fans nun entsprechend hochgeschraubt wird?</strong></p>
<p>Ich denke, aufgrund der Tradition in Oldenburg und den wirtschaftlichen und strukturellen Möglichkeiten, die der Verein hat, gehören die EWE Baskets zu den Topteams in der Beko BBL. Da wollen wir auch in der kommenden Saison wieder hin. Ich denke aber auch, dass die Fans gut einschätzen können, was wir in der vergangenen Saison geleistet haben. Die Playoffs sind noch zehn Monate entfernt; zum Saisonstart geht es erstmal darum, die Euroleague-Qualifikation zu gewinnen. Wenn wir ein Ziel haben, dann ist es, das, dass wir in jedes Spiel zu gehen, um es zu gewinnen – egal, wer der Gegner ist. Wir bereiten uns immer akribisch auf den nächsten Gegner vor; welchen Platz wir am Ende belegen, wird sich dann zeigen. Das ist keine norddeutsche Zurückhaltung, sondern ein realistischer Ansatz.</p>
<p><strong>Wie schätzen Sie die Liga ein?</strong></p>
<p>Die Liga wird immer stärker: Bayern München rüstet unheimlich auf, die haben für zwei Mannschaften eingekauft. Bamberg wird sicher wieder stark sein, Berlin wird versuchen, nach dem Auswechseln der ganzen Mannschaft wieder an alte Erfolge anzuknüpfen … jedes Spiel wird wichtig, und keinen Gegner darf man unterschätzen. Und für die Fans ist es sicher spannend, dass man nun mit Artland, Bremerhaven und nun auch Vechta viele Nordderbys hat und die neue große Halle zum permanenten Zuhause wird. Das ist eigentlich wichtiger als irgendwelche Ziele vorzugeben.</p>
<p><strong>Sie erwähnten es eben bereits: Die Baskets haben die Chance, ins Oberhaus des europäischen Basketballs vorzustoßen – die Euroleague. Ist die Teilnahme und das Erreichen der Endrunden ein erklärtes Ziel oder eher ein „nice to have“?</strong></p>
<p>Wir wollen erstmal die Qualifikation schaffen. Wir fahren ja nicht dahin mit dem Gedanken, dass wir da nichts verloren hätten. Es ist natürlich schwierig, wenn man weiß: Wenn wir verlieren, spielen wir trotzdem im Eurocup. Aber die Euroleague ist auch ein Ziel, das die Spieler vor Augen haben – die wollen da hin, dafür haben sie letztes Jahr gekämpft, und diese Chance nun einfach abzutun, wäre falsch.</p>
<p><strong>Nervt denn eigentlich nicht, wenn man sich trotz des Kraftakts der Vizemeisterschaft dennoch erst qualifizieren muss – eine weiter hinten platzierte Mannschaft wie Bayern München aber eine Einladung bekommt?</strong></p>
<p>Die Euroleague hat das eben so entschieden: Der Meister ist dabei, der Vizemeister darf sich qualifizieren und die Wildcard ging an Bayern München. Das ist der Name, der zieht, aus bekannten Gründen.</p>
<p><strong>Sie hatten sich während der Playoffs kritisch zum engen Zeitplan im Profibasketball geäußert. Angenommen, die Saison verläuft sehr erfolgreich: Erreichen der Top 16, vielleicht sogar der Finalrunde in der Euroleague, Liga-Playoffs, Pokal – da kommen bis zu 70, 80 Spiele in nicht einmal neun Monaten zusammen. Ist diese Dichte eigentlich noch zu stemmen?</strong></p>
<p>Die Bamberger spielen von Anfang Oktober bis etwa Mitte März fast durchgehend drei Spiele pro Woche. Bei uns war es in der vergangenen Saison ab Februar so. Das ist ein mörderisches Programm. Wenn man sich das beim Fußball anhört mit den englischen Wochen, die alle paar Wochen mal anstehen – das ist für Basketballer Standard. Und da besteht die Gefahr, dass es zu einem mentalen und körperlichen Verschleiß kommt – dann treten Verletzungen auf, es kommt zu Unkonzentriertheiten, man bewegt sich im roten Bereich. Umso wichtiger ist es, eine kompakte Mannschaft zu haben, mit vielen Leistungsträgern, auf die man die Verantwortung verteilen kann. Wir wollen ja natürlich international spielen – die Spieler wollen es, der Verein will es, die Sponsoren; es ist dann ein Stück weit die Kehrseite, dass die Belastung sehr hoch ist.</p>
<p><strong>Die doppelte Anzahl an Zuschauern in der neuen Halle bedeutet ja auch eine verbesserte Einnahmensituation. Haben Sie dadurch als Trainer größeren Spielraum bei etwaigen Verpflichtungen?</strong></p>
<p>Unsere finanziellen Möglichkeiten sind gut, aber im Vergleich zu den großen Euroleague-Mannschaften nicht konkurrenzfähig. Die neuen Halle macht den Standort attraktiver und kann ist auch ein weiteres Argument, wenn wir Spieler hierher holen wollen. Aber das alles heißt nicht, dass wir automatisch mehr Geld für das Team haben. Zumal es immer kostspieliger ist, ein Team zu halten als ein neues zusammenzustellen.</p>
<p><strong>Eine Frage zum Abschluss: Julius Jenkins, einer der Schlüsselspieler der vergangenen Saison, ist aus dem Urlaub zurück, aber ohne seine Zöpfe. Ein schlechtes Omen? Oder neigen Basketballer nicht so sehr zu Aberglauben wie andere Sportler?</strong></p>
<p>Ich glaube nicht, dass Samson seine Kraft verloren hat. Im Gegenteil: Er wird nach dem Verlust von soundsoviel Kilo Haarmasse vielleicht noch leichtfüßiger aufspielen. Und er sieht nicht nur jünger aus, sondern spielt bestimmt auch so.</p>
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		<title>&#8220;Auch mal bereit sein, dazuzulernen&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Sep 2013 19:01:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bundestagswahl 2013]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer macht das Rennen im Wahlkreis 27? Der Lokalteil bittet die Direktkandidaten der Bundestagsparteien zum Gespräch - heute: Peter Meiwald (Grüne) über die Energiewende, Landwirtschaft und vegetarische Mittagessen.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Wer macht das Rennen im Wahlkreis 27? Der Lokalteil bittet die Direktkandidaten der Bundestagsparteien zum Gespräch &#8211; heute: Peter Meiwald (Grüne) über die Energiewende, Landwirtschaft und vegetarische Mittagessen.</span></p>
<div id="attachment_42816" class="wp-caption aligncenter" style="width: 682px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/09/Meiwald.jpg"><img class=" wp-image-42816 " alt="Es grünt so grün, wenn Ammerlands Baumschulen blühen. Äh. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/09/Meiwald.jpg" width="672" height="373" /></a><p class="wp-caption-text">Es grünt so grün, wenn Ammerlands Baumschulen blühen. Äh. FOTO: mno</p></div>
<p><strong>Herr Meiwald, heute ist Donnerstag. Was haben Sie denn zu Mittag gegessen?</strong></p>
<p>Heute Mittag gab es eigentlich nur Spiegelei mit Brot. Das Ei vom eigenen Huhn.</p>
<p><strong>Also war es ein privater Veggie Day. Ich will jetzt gar nicht diese durchsichtige Springerkampagne weiter zelebrieren – aber als Grünen-Politiker muss man sich ja Gedanken darum machen, warum sie so verfängt. Welche Schlüsse ziehen Sie aus den teils sehr heftigen Reaktionen und der Debatte, die sich daran entzündet hat?</strong></p>
<p>Es erschreckt uns auch, dass es uns trotz des eigentlich guten Themas nicht gelungen ist, das dahinter Stehende zu zeigen. Nämlich dass es uns um Qualität in der Lebensmittelerzeugung geht, um Tierhaltung, um Gesundheit und Verbraucherschutz; auch um Gerechtigkeit im internationalen Maßstab, etwa im Hinblick auf Futtermittel aus Ländern, die die Nahrung auch selber gut brauchen könnten. Diese ganze Thematik wurde umgedreht in eine Verbotsdiskussion, um die es uns aber nie ging. Es gibt ja mittlerweile jede Menge Kantinen, die so was machen oder sogar jeden Tag auch vegetarische Gerichte anbieten. Es ging darum, Denkanstöße zu setzen und die Leute zum Nachdenken zu bringen: Warum muss es denn was Schlimmes sein, einmal die Woche kein Fleisch auf der Speisekarte zu sehen? Viele essen ohnehin nicht täglich Fleisch – aber fühlen sich dann gleich eingeengt. Das ist offenbar nicht so gut rübergekommen, und es fiel bei Vielen in die Schublade: Die wollen uns was wegnehmen. Darum geht es uns aber nicht. Wir sind eine Partei der Freiheit, die für die Zukunft Entwicklungschancen anbieten will – und dazu gehört auch, dass wir unsere Lebensgrundlagen vorher nicht zerstören.</p>
<p><strong>Der Vorwurf der regelungswütigen Grünen wurde ja auch in andere Positionen und Forderungen, etwa das berüchtigte Tempolimit, eingebettet … es ist nicht eben schwierig, daraus zu stricken: Die Grünen wollen alles Mögliche verbieten; und was sie nicht verbieten, das schreiben sie vor. Brauchen die Leute denn diese Art von Regelung, weil sie von sich aus nicht im Sinne der Gemeinschaft handeln?</strong></p>
<p>Ich bin viel in Dänemark und Holland unterwegs gewesen und habe es dort als ziemlich entspannend empfunden, dass dort nicht so gerast wurde. Deutschland ist eines der letzten Länder, das kein Tempolimit hat; selbst sehr konservative Regierungen in anderen Ländern sehen es anders – das scheint wirklich ein deutsches Phänomen zu sein. Ich glaube aber, das es sich so ähnlich verhält wie in der Sozialpolitik auch: Wir brauchen neben dem Freiheitsgedanken auch so etwas wie Leitplanken, die verhindern, dass sich einige Starke ihre Freiheit auf Kosten der Schwachen nehmen. Und nur darum geht es, wenn wir sagen, dass wir uns für Klimaschutz und Verkehrssicherheit einsetzen und dafür eben auch Tempolimits haben wollen</p>
<p><strong>Kommen wir noch mal auf das Bio-Ei von heute Mittag zurück. Ihr Parteikollege Christian Meyer befasst sich zurzeit recht intensiv mit der industriellen Landwirtschaft hier in Niedersachsen. Was schwebt Ihnen denn auf Bundesebene vor, was wollen – und können – die Grünen da durchsetzen?</strong></p>
<p>Es geht ja um die Rahmenbedingungen – vieles ist tatsächlich EU- oder Länderrecht. Aber auch auf Bundesebene lässt sich etwa im Baurecht einiges tun. So muss der §201 im Baugesetzbuch wieder dahin gebracht werden, dass die Futtergrundlage für die bäuerliche Landwirtschaft wieder zum entscheidenden Kriterium wird. Im Moment kann man auch ohne große Flächen Riesenställe bauen und es dennoch als bäuerliche Landwirtschaft darstellen, wenn man die Flächen auch nur theoretisch nachweisen kann. Wenn es aber nicht als bäuerlich gilt, ist es gewerblich, und dann könnten die Kommunen steuernd regeln, was sie heute in vielen Fällen nicht können. Der Bund ist außerdem gefordert bei der Kennzeichnungspflicht – wie schön das klappen kann, sehen wir bei den Eiern. „Kein Ei mit der Drei“ hat sich durchgesetzt, weil die Bürger Eier aus Käfighaltung nicht mehr kauften. Aber bei Shampoo, bei Backmischungen und ähnlichen Dingen, bei denen nicht draufsteht, wo die Eier herkommen, hat der Kunde keine Wahl, er ist dem Hersteller ausgeliefert. Und wir wollen dem Bürger durch eine Kennzeichnungspflicht die Möglichkeit geben, eine bewusste Kaufentscheidung zu treffen. Andere Dinge wie etwa die gezielte Förderung kleinerer bäuerliche Betriebe gehen nur im Zusammenspiel mit den Ländern und der EU, sind aber natürlich auch wichtig.</p>
<p><strong>Es wird ja oft argumentiert, dass letztlich der Verbraucher entscheide. Und da der demnach offenbar immer billigere Hähnchen haben wolle, mache er sich mitschuldig an den Haltungsbedingungen beziehungsweise nehme es in Kauf.</strong></p>
<p>Auch da fehlt es zum Teil an einer klaren Auszeichnung – es gibt zwar die Neuland- oder Bioland-zertifizierten Schlachter, aber insgesamt noch zu wenig und solche Alternativen sind auch noch nicht so recht ins Bewusstsein gedrungen. Was selbst konventionelle Landwirte erschreckt, ist der Trend zum Convenience Food, dass es viele Leute gar nicht mehr wirklich interessiert, wo das Hackfleisch herkommt. Wenn ein konventioneller Landwirt sagt, dass es ihm mittlerweile viel mehr Probleme macht, sein gutes Jungbullenfleisch zu vermarkten als das Hackfleisch aus alten Tieren, dann ist das erschreckend – da sollte, unabhängig von Bio oder Nichtbio, ein Nachdenken einsetzen, ob wir uns mit diesem immer-billiger-Trend einen Gefallen tun.</p>
<p><strong>Das Ammerland ist ja stark landwirtschaftlich geprägt. Kommt das in Zeiten wie diesen einem Grünen-Kandidaten eigentlich entgegen? Oder gibt es eher Vorbehalte?</strong></p>
<p>Wir haben im Ammerland das Glück, keine so starke Massentierhaltungslobby zu haben wie in Südoldenburg. Als Grüne haben wir in den letzten Jahren sehr gute Kontakte zu den Landwirten geknüpft – es gibt meiner Meinung nach noch zu wenig Biolandwirtschaft, aber viel Grünlandwirtschaft, die in einigen Fällen gar nicht so weit davon entfernt ist. Bei vielen Fragen kommen wir schnell auf einen gemeinsamen Nenner.</p>
<p><strong>Kommen wir mal vom Regionalen ins Grundsätzliche. Der Wunsch-Koalitionspartner der Grünen ist die SPD. Der letzte Versuch aber hängt den Grünen ja immer noch nach: In diese Zeit fielen Kosovokrieg, Afghanistankrieg, Agenda 2010 … haben die Grünen ihre Schröder-Vergangenheit denn mittlerweile aufgearbeitet?</strong></p>
<p>Das kann ich eindeutig bejahen. Wenn man sich unser Programm und dessen Entstehungsprozess ansieht – eben dass man den Mut hat zu sagen: Wir müssen Schranken setzen, wir müssen Steuererhöhungen ehrlich ankündigen und nicht sagen, der Markt wird schon alles regeln und es wird alles gut werden, wenn wir nur die Wirtschaft ankurbeln. Wir haben es nun geschafft, Elemente der Postwachstumsökonomie in unser Programm aufzunehmen, eben diese Wachstumsfixierung zu hinterfragen; es gibt viel Kritik zur Rentenfrage und zur Umsetzung der Agenda 2010 – und nach vielen Jahren ist es auch wieder möglich, innerhalb der Grünen das Wort „Umverteilung“ in den Mund zu nehmen. Da haben wir uns, glaube ich, gut von dieser Zeit emanzipiert und viel daraus gelernt.</p>
<p><strong>An dieser Stelle kommt klassischerweise die Frage: Warum wurde denn nicht schon damals der Mindestlohn eingeführt oder der Zeitarbeit engere Schranken gesetzt? Als flankierende Maßnahme wäre das doch möglich gewesen. Um die größten Auswüchse der Hartzgesetze zu vermeiden.</strong></p>
<p>Aus der Rückschau betrachtet hat man sich wohl so an der Hartz-IV-Reform abgearbeitet, dass man den Mindestlohn nicht so richtig auf dem Schirm hatte. Die Zeitarbeit ist tatsächlich etwas, das durch die Agenda 2010 verschlimmert wurde – so kann es nicht weitergehen, da muss man selbstkritisch und in der Politik auch mal bereit sein, dazuzulernen. Mittlerweile sagen wir: Zeitarbeit kann nur dann funktionieren, wenn vom ersten Tag an Equal Pay gilt, möglichst auf Dauer mit einem Flexibilitätsaufschlag, so dass der Leiharbeitnehmer für den Unternehmer teurer ist und nur noch da eingesetzt wird, wo er hingehört, nämlich um Auftragsspitzen abzufedern. Zum Mindestlohn haben wir mittlerweile ja auch eine klare Position, gemeinsam mit Gewerkschaften und SPD. Da haben wir uns zum Positiven weiterentwickelt.</p>
<p><strong>Ihr Ur-Thema dürfen die Grünen als erledigt abhaken: Der Atomausstieg ist unter Dach und Fach, auch wenn ein zweiter Anlauf und ein explodiertes AKW dafür nötig waren. Das neue Kernthema dürfte die Energiewende sein, aber deren Verlauf stößt nicht eben auf einhellige Begeisterung. Wie zufrieden sind Sie denn mit der Entwicklung?</strong></p>
<p>Es läuft bei der jetzigen Regierung sehr viel schief – sie führt das Wort „Energiewende“ im Mund, aber sabotiert sie zugleich auf verschiedensten Ebenen. Wenn ich mir Herrn Seehofer anschaue, der durch sein Land läuft und behauptet, man bräuchte die zehnfache Anlagenhöhe als Mindestabstand zwischen Windrädern und Wohnhäusern, dann bedeutet das nichts anderes als ein komplettes Ausbremsen der Windenergie in Bayern. Oder nehmen wir die Diskussion um Riffgat: Dass das Netzunternehmen Tennet zum einen überfordert war, zum anderen aber auch gar keine echte Motivationshilfe hatte, weil sie ihren Schaden ja auf die Kunden umlegen kann – dann geschieht das auf der Grundlage eines Gesetzes, das Philipp Rösler geschaffen hat, nämlich der Offshoreumlage. Man verlegt das unternehmerische Risiko zu den Kunden – das geht in eine ganz falsche Richtung. Wir müssen auch die Berechnung der EEG-Umlage neu justieren: In der Planung waren alle davon ausgegangen, dass die Energiepreise an der Börse nur eine Richtung kennen, nämlich nach oben. Daher war die EEG-Umlage so konzipiert, dass sie die Differenz zwischen Einspeisevergütung und Börsenpreis abbildet. Dass letzterer aufgrund des überwältigenden Erfolgs der erneuerbaren Energien sinkt, hat niemand vorhergesehen – da müssen wir jetzt ran. Die Bundesregierung hat eine Menge Ankündigungen gemacht, aber nichts getan. Es liegen mindestens fünf Millarden Euro herum, die dringend offshore investiert werden wollen, die aber auch nach Planungssicherheit verlangen – die Banken geben das Geld nicht, wenn nicht klar ist, ob es hinterher mit dem Anschluss und der projektierten Vergütung klappt.</p>
<p><strong>Einige plädieren für eine Dezentralisierung der Energieversorgung, also die klassische PV-Anlage auf dem Hausdach. Andere sehen die Zukunft in immer größeren Wind- und Solarparks. Was ist denn nun der bessere Weg?</strong></p>
<p>Das mit den Dachanlagen hat sich ja ganz gut entwickelt. Was ich gerne in die Diskussion einbringen würde, ist: Man muss meiner Meinung nach die EEG-Vergütung für neue Dachanlagen an die Einführung dezentraler Speicher koppeln. Im Moment kann man diese Speicher zwar bekommen, sie sind aber noch zu teuer und wirtschaftlich nicht sinnvoll. Wir haben aber auf der anderen Seite volkswirtschaftlich das Problem, dass wir viel Geld in den Netzausbau stecken müssen, damit es diese vielen Anlagen verkraften kann. Da könnte man mit relativ einfachen Mitteln über die EEG-Förderung eine Netzentlastung herbeiführen und zugleich dafür sorgen, dass die Bürger noch mehr von der dezentralen Energiewende profitieren können. Auch da sind der Bundesregierung Versäumnisse vorzuwerfen: Sie hat in den vergangenen zwei Jahren ständig an der Vergütung herumgeschraubt, ohne zu sagen, was sie stattdessen will. Da bleiben am Ende nur die großen Betreiber – wobei die, wie gesagt, im Moment auch keinen Spaß daran haben.</p>
<p><strong>Was die Regierung hingegen ganz gut hinbekommt, sind Rüstungsexporte. Im Grünen-Programm findet sich die Forderung: „Der Export von Waffen und Software zur Überwachung von Kommunikation und Internet an Diktaturen muss ganz gestoppt werden.“ Muss man daraus lesen: Der Export von Waffen Überwachungstechnik an Nichtdiktaturen ist in Ordnung? Und: Wer entscheidet eigentlich, was eine Diktatur ist und was nicht?</strong></p>
<p>Wir diskutieren das gerade auf verschiedenen Ebenen. Wir müssen im ersten Schritt zumindest alle Rüstungsexporte in Nicht-Natoländer stoppen. Sie haben recht: Die Unterscheidung, was ein Krisengebiet ist und was nicht, ist kaum mehr darzustellen. Es gab ja in Deutschland über viele Jahrzehnte den Konsens, nicht in Spannungsregionen zu liefern; das war aber auch schon immer eine schwierige Geschichte und ist auch unter Rot/Grün nicht besonders gut abgearbeitet worden. Aber heute zu sagen, Saudi-Arabien, Katar, Bahrein oder Indonesien seien keine Spannungsgebiete – das geht gar nicht. Da gibt aus meiner Sicht nur die Möglichkeit, einen klaren Schnitt zu setzen: Alles außerhalb der Nato darf keine Waffen und Sicherheitstechnologie mehr bekommen. Der weitergehende Schritt, für den die Gesellschaft aber vermutlich noch nicht reif ist, wäre, grundsätzlich zu hinterfragen, ob es sinnvoll ist, Waffen zu produzieren und zu exportieren. Aber ich glaube, wenn es uns gelingt, in den kommenden vier Jahren diesen ersten Schritt zu unternehmen, dann haben wir schon ein bisschen für die Humanisierung der Welt erreicht.</p>
<p><strong>Im Falle der U-Boote an Griechenland klappt es ja auch schon ganz gut. Ein anderer Punkt: „Wir schlagen ein modernes und faires Urheberrecht vor und wollen die Abmahngeschäfte der großen Anwaltskanzleien beenden.“ Inwieweit das mit dem „modernen Urheberrecht“ eine Gegenoffensive zur Piratenpartei ist, sei dahingestellt; reden wir über den Abmahnwahn. Eigentlich ein Thema, bei dem sich sehr leicht einiges erreichen ließe, es gibt ja Vorschläge genug. Warum passiert da eigentlich nie etwas?</strong></p>
<p>Ich glaube, dass sich die jetzige Regierung stark hinter der Internationalität dieses Geschäfts versteckt hat, nach dem Motto: Wenn die Server irgendwo im Ausland stehen, können wir sowieso nichts machen. Dieser Punkt muss aber dringend angegangen werden, sowohl im nationalen als auch internationalen Recht. Wenn auf europäischer Ebene ein Freihandelsabkommen mit den USA verhandelt wird, müssten genau solche Dinge da geregelt werden.</p>
<p><strong>Auch wenn es mit der Direktwahl schwierig werden könnte, stehen die Chancen recht gut, dass Sie über die Landesliste in den Bundestag einziehen. Ich würde gerne fragen, was Sie als allererstes anpacken, wenn Sie nach Berlin gehen – aber da es angesichts der Umfragen ziemlich utopisch ist, dass die Grünen an der Regierungsverantwortung beteiligt werden …</strong></p>
<p>Naja, so negativ würde ich das nicht sehen. Wir kämpfen schon noch darum, und wir haben in vergangenen Jahren ja gesehen, dass Umfragen mitunter mit großen Unsicherheiten behaftet sind. Und wir haben in Niedersachsen erlebt, dass man eine Wahl im letzten Moment noch gewinnen kann.</p>
<p><strong>Ist es angesichts des großen zahlenmäßigen Abstands zwischen den beiden Lagern denn noch zeitgemäß, die Linke aus dem rot-grünen Lager herauszuhalten?</strong></p>
<p>Das wird sich zeigen. Es ist ja letztlich eine Frage des Bürgerwillens, der sich im Wahlergebnis niederschlägt. Es gibt zurzeit in allen drei Parteien große Widerstände dagegen, über eine Zusammenarbeit überhaupt zu reden. Andererseits habe ich jetzt viele Podiumsdiskussionen miterlebt und festgestellt: Es gibt mit CDU und FDP so gut wie keine inhaltlichen Überschneidungen – insofern wird man sich dem Thema noch mal stellen müssen.</p>
<p><strong>Sie sind gegen die A20 – natürlich, als Grüner kann man wohl nur schwer für Autobahnen sein. Hand aufs Herz: Wäre diese Ablehnung im Falle einer rot-grünen Mehrheit, die dann über den Bundesverkehrswegeplan zu befinden hätte, nicht eine der ersten Positionen, die auf dem Altar der Koalitionsverhandlungen geopfert werden würde?</strong></p>
<p>Nein. Wir haben sie ja auch auf Landesebene nicht geopfert, auch wenn es an manchen Stellen so aussieht und Olaf Lies immer wieder betont, dass die Planungen weitergehen. Es wird eher darum gehen, ob es uns gelingt, möglichst viele Sozialdemokraten davon zu überzeugen – es gibt nämlich viele, die die A20 ebenfalls kritisch sehen. Und allein, dass auf absehbare Zeit kein Geld für solche Neubauprojekte da ist, wird dazu führen, dass schließlich alles, was überhaupt an Investitionsmitteln im Verkehrsbereich vorhanden ist, in den Erhalt von Bestandsstecken, in Brücken und Tunnel gesteckt werden wird. Es gibt zudem auch noch andere Gründe, die dagegen sprechen, etwa der demografische Wandel: Wieso brauchen wir denn immer größere Verkehrsnetze, wenn doch gar nicht mehr Menschen im Land leben? Und auch der Zuwachs beim Warentransport bleibt schon jetzt hinter den Erwartungen zurück. Das ist auch gut so – wie im Programm gesagt: Man muss Grenzen des Wachstums auch mal akzeptieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>&#8220;Gift im System&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Sep 2013 19:06:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer macht das Rennen im Wahlkreis 27? Der Lokalteil bittet die Direktkandidaten der Bundestagsparteien zum Gespräch - heute: Stephan Albani (CDU) über die Gesundheit, Haussanierungen und die Eignung von Schiebedächern als Türen.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Wer macht das Rennen im Wahlkreis 27? Der Lokalteil bittet die Direktkandidaten der Bundestagsparteien zum Gespräch &#8211; heute: Stephan Albani (CDU) über die Gesundheit, Haussanierungen und die Eignung von Schiebedächern als Türen.</span></p>
<div id="attachment_42820" class="wp-caption aligncenter" style="width: 682px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/09/Stephan-Albani-2.jpg"><img class=" wp-image-42820 " alt="Ganz Ohr: Stephan Albani im Hörgarten am Haus des Hörens. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/09/Stephan-Albani-2.jpg" width="672" height="408" /></a><p class="wp-caption-text">Ganz Ohr: Stephan Albani im Hörgarten am Haus des Hörens. FOTO: mno</p></div>
<p><strong>Herr Albani, Sie erben die Direktkandidatur der CDU in diesem Wahlkreis von einem Parteikollegen, der in der Region recht prominent und populär ist, nämlich Thomas Kossendey. Macht das Ihre Kandidatur zu einem Selbstläufer oder eher schwieriger?</strong></p>
<p>Es hat ein wenig von beidem. Auf der einen Seite ist es gut, dass Herr Kossendey und ich während meiner Kandidatur vieles gemeinsam gemacht haben und er mich auch sehr unterstützt hat und ich ja auch gerne lerne und an 27 Jahren Politerfahrung teilhaben möchte – es wäre ja Wahnsinn zu meinen, dass man so etwas nicht nötig hätte. Andererseits stellen sich die Leute dann auch schnell die Frage: Wo hört Kossendey auf und wo fängt Albani an? Ich denke aber, dass ich mir in den 16 Jahren, in denen ich das Haus des Hörens aufgebaut habe und vor allem in den letzten zehn Jahren, in denen ich vermehrt in Berlin tätig war, mir auch das eine oder andere habe aneignen können. Zumal ich ja keine typische Parteipflanze bin: Ich bin seit vier Jahren in der Partei tätig und bringe auch viele Anregungen von außen ein – und wir haben zusammen festgestellt, dass das auch seine Reize hat.</p>
<p><strong>Sie sind Physiker – das haben Sie schon mal mit der Kanzlerin gemein – und als solcher an Wissenschafts- und Hochschulpolitik interessiert, die Sie auch zu Ihren Schwerpunkten zählen. Hätten Sie da nicht in Hannover mehr bewegen können als in Berlin?</strong></p>
<p>Ich bin ja nicht in die Politik gegangen, um das zu tun, was ich hier schon mache. Die Überlegung entstand durch die vielen Jahre, in denen ich in Berlin in verschiedenen Gremien tätig bin – das ist im Laufe der Zeit immer breiter geworden: Am Anfang war es Hörforschung, dann Forschung und Bildung, dann Wirtschaftsleistung in der Region … Irgendwann ergab es sich dann in Gesprächen mit Parteifunktionären, dass sie sagten: Kommen Sie doch hierher und machen Sie Politik! Und nachdem die Entscheidung getroffen war, stellte sich die Frage, wo ich mich am sinnvollsten einsetzen kann. Das eine ist natürlich der Wissenschaftsbereich, in den ich einiges einbringen kann, das zweite ist der Unternehmerbereich – immerhin haben wir drei Unternehmen hier aufgebaut, auch wenn es eher kleine sind – und last but not least sind wir ja im medizinischen Bereich tätig.</p>
<p><strong>Gesundheit, gutes Stichwort. Alle paar Jahre wird die große Reform angekündigt, heraus kommen allerdings eher Reförmchen. Und für die Patienten ändert sich zumeist nur, dass die Kosten steigen, die Leistungen aber zurückgefahren werden. Ein ziemlich dickes Brett, bei dem Sie da zum Bohrer greifen wollen.</strong></p>
<p>Vor 30 Jahren haben wir festgestellt, dass wir im Gesundheitssystem Schwierigkeiten bekommen werden. Damals waren auf der einen Seite die Einnahmen der Kassen rückläufig, auf der anderen Seite wurde die medizinische Versorgung immer teurer. Ich sage dann immer: Freuen wir uns doch erstmal, dass wir alle soviel länger gesund bleiben. Es wird immer gesagt: Ohgottohgott, demografischer Wandel, Riesenproblem – aber daran haben wir doch Jahrzehnte gearbeitet. Also, erstmal kräftig freuen, dann an die Probleme rangehen. Da haben wir zwei Stellschrauben: Die eine ist die Verbesserung der Einnahmenseite. Das lief in den letzten Jahren aufgrund der Arbeitsmarktentwicklung ganz gut. Andererseits haben wir jetzt viele Jahre der Therapie des Gesundheitssystems hinter uns, in denen wir versucht haben, mit immer weniger Kosten immer mehr Leistung aus dem System herauszuholen – was dazu geführt hat, dass die Krankenhäuser, die Ärzte und die Therapieeinrichtungen an einem ganz gefährlichen Punkt stehen. All diejenigen, die ineffizient arbeiteten, sind in den letzten Jahren kaputtgegangen – jetzt müssen wir schauen, wie wir die Medizin in den nächsten Jahren betreiben wollen, was wir dafür ausgeben wollen und die nötigen Strukturen schaffen.<br />
Ich sehe das als eine Art Chemotherapie: Weil es vor 30 Jahren schlicht undenkbar war, ein Krankenhaus zu schließen oder einen Fachbereich zu schleifen, hat man versucht, mit immer weniger Geld zu arbeiten. Damit bringt man Gift in das System; die ineffizient Arbeitenden gehen als erste drauf, die Gesunden halten länger durch. Aber wenn Sie nicht irgendwann die Chemo absetzen und anfangen, den Körper wieder aufzubauen, gehen irgendwann auch die Gesunden kaputt. Deswegen haben wir eigentlich keine Zeit mehr für viele „Reförmchen“. Und dass es teurer wird, ist eine Entscheidung der Gesellschaft: Wollen wir uns die Gesundheit etwas kosten lassen oder nicht? Wir können nicht per Verordnung entscheiden, dass eine medizinische Innovation nicht teurer sein darf als X. Wir können aber Wettbewerb zulassen, wie es bei den Pharmafirmen mittlerweile ja auch der Fall ist, wenn nach dem Auslaufen von Patenten Generika auf dem Markt Preisdruck erzeugen.</p>
<p><strong>Ihr persönlicher Wahlkampfslogan lautet, passend zu Ihrer Profession: „Hören, zuhören – handeln“. Welcher Gruppe würden Sie denn im Falle Ihrer Wahl zuallererst einmal zuhören wollen?</strong></p>
<p>Der Gruppe, der ich heute auch schon zuhöre: den Bürgern.</p>
<p><strong>Hm. Geht das auch etwas spezifischer?</strong></p>
<p>Ich führe mit den Leuten am Stand ja Gespräche über alles Mögliche, von der richtigen Einstellung medizinischer Geräte bis hin zur richtigen Einstellung ihrer Fritzbox. Ich höre gerne zu, wenn irgendwo der Schuh drückt, gerne auch in Bereichen, in denen ich nicht so viel Erfahrung habe wie bei meinen Kernthemen. Ich gehe in Unternehmen und Einrichtungen, spreche mit den Leuten höre mir die Probleme an und auch die Lösungsvorschläge – natürlich sind die oftmals sehr nischenbezogen. Aber darin sehe ich meine Aufgabe: Wie kann man aus diesen Partikularlösungen generelle Lösungen entwickeln? Es gibt also keine Gruppe, bei der ich sage: Denen höre ich jetzt mal als allererstes zu. Als Unternehmer weiß ich, dass es Auftraggeber und Auftragnehmer gibt. Und als gewählter Abgeordneter wäre ich Auftragnehmer für die Menschen in der Region.</p>
<p><strong>Ich zitiere Sie einmal aus einem Wahlkampfvideo: „Wir müssen Deutschland modernisieren. Wir müssen viele Dinge umbauen, erneuern, verändern“ – als Metapher diente Ihnen die Sanierung eines Hauses. Nun wird der Regierung Merkel in den sieben Jahren ihrer Regierungsverantwortung ja eher das Gegenteil nachgesagt, nämlich eine gewisse Scheu vor allzu großen Veränderungen. Möchten Sie auch deswegen nach Berlin, um Ihren Parteigenossen in den Allerwertesten zu treten?</strong></p>
<p>Ich bin ja kein Freund davon, irgendjemanden zu treten, egal ob Freund oder Gegner …</p>
<p><strong>… na, dann sagen wir: Wollen Sie frischen Wind nach Berlin bringen?</strong></p>
<p>Ich gehe – ohne naiv zu sein, dazu bin ich schon zu lange dabei – mit dem Wunsch und der Hoffnung in die Wahl, etwas bewegen und verändern zu können. Es ist ja nicht so, dass ich dahin will, weil ich hier nichts zu tun oder weil ich in meinen Unternehmen keine erfüllende Tätigkeit gefunden hätte. Ein Hinterbänkler möchte ich nun ganz bestimmt nicht sein. Man muss ja auch die Größe der Schritte, die die Regierungen in den letzten Jahrzehnten unternommen haben, differenziert betrachten – es gab große und kleine. Mir geht es darum, den Menschen vor den großen Schritten Mut zu machen; so ist auch das Bild mit dem Haus entstanden. Ich habe mal während eines Vortrags die Leute gefragt, wer denn in einem Haus aus den 50er-, 60-er Jahren wohnt, das waren die meisten. Und ich führte aus, dass man zwar immer hier etwas dran macht und dort etwas umbaut, aber irgendwann an den Punkt kommt, an dem ein großer Schritt nötig ist: Dann muss eine neue Heizung her, die Verkabelung muss neu verlegt werden oder ein neues Dach aufgesetzt. Und wenn dann die Handwerker kommen, bekommt man ein komisches Gefühl und fragt sich, ob man die Bude nicht lieber gleich verkaufen sollte, aber zieht es dennoch durch – es ist ja schließlich das Zuhause. Und genau an dem Punkt, an dem nur noch große Schritte helfen, sind wir jetzt: Die neue Verkabelung &#8211; das ist gewissermaßen dasselbe wie die neuen Stromtrassen, die gebaut werden müssen. Die neue Heizung – das ist die Energiewende im eigenen Haus. Der Umbau von Zimmern, etwa weil die Kinder aus dem Haus sind: die Reaktion auf den demografischen Wandel. Und ich fragte die Leute: Haben Sie das in Ihrem Haus denn hinbekommen? Die Antwort: Ja. Na, dann lassen Sie uns doch mit demselben Mut an die Herausforderungen der nächsten Jahre gehen, und uns nicht darüber ärgern, dass der neue Brenner zwar schon eingebaut ist, aber der Elektriker noch nicht da war, um ihn anzuschließen …</p>
<p><strong>… ich habe gerade einen bestimmten Offshore-Windpark vor Augen.</strong></p>
<p>Genau. Ich habe das Problem übrigens auch gerade zu Hause. Im Ernst: Wenn Probleme auftreten, muss man die auch klar ansprechen. Aber dieses selbstzerfleischende „Die Welt geht unter“-Lied, das Politiker so gerne singen und bei dem die Bürger das Gefühl bekommen, dass alles nur schlecht sei – dem möchte ich entgegenwirken. Ich möchte um Gotteswillen auch nichts banalisieren – wir stehen vor einem Mehrgenerationenprojekt, aber einem, bei dem wir den Luxus haben, es im Gegensatz zur Nachkriegsgeneration auf relativ hohem Niveau angehen zu können. Was aber zugleich das Problem nach sich zieht, dass man bei jedem Teil, das man verändert, schnell denkt: „Ach, so schlecht war das doch eigentlich alles gar nicht &#8211; können wir nicht lieber doch noch ein paar Kohlekraftwerke bauen und fertig?“ Oder diese unglückliche Diskussion über das Fracking: Wir haben doch längst die Entscheidung gefällt, dass fossile Brennstoffe nicht sinnvoll sind. Jetzt darauf zu setzen wäre etwa so, als würde man Weihnachten verschieben, um mehr Zeit zum Geschenke kaufen zu haben – das klappt nicht. Und wenn wir entschieden haben, auf Kreislaufprozesse zu setzen, dann müssen wir diesen Schritt auch konsequent gehen. Wenn man einen Zahn zieht, kann man das schnell oder langsam machen. Ich glaube, schnell ist besser.</p>
<p><strong>Wo Sie gerade Energie ansprechen: Dieser Sektor ist neben der Landwirtschaft einer der großen Wirtschaftszweige in dieser Region. Nun findet sich auf Ihrer Website der Satz: „Nahrungsmittelproduktion muss immer Vorrang vor der Energieproduktion haben.“ Könnten Sie das etwas näher erläutern?</strong></p>
<p>Ich meine damit die Konkurrenz um Flächen, wenn es um die Gewinnung von Bioenergie geht; Flächen, die dann nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung stehen. Die Technologie der Biogasproduktion ist ja aus der Idee entstanden, dass man aus Bioabfall, der ohnehin entsteht, auch noch Energie gewinnen kann. Daraufhin hat man von Seiten der Politik angefangen zu wirken, Subventionen beschlossen und Wirtschaftsmodelle gefördert – was letztlich dazu geführt hat, dass der Bauer als Betriebswirt zu dem Schluss kommt, mit dieser und jener Pflanze könne er mehr Geld verdienen. Aber das ist ein künstlich erzeugtes Modell, und man muss sich fragen: Ist das eigentlich richtig? Hier bei uns im Haus kennen wir das Wort der Zweckgebundenheit von Technologie. Wie sagt unser Auditor immer so schön: „Ja, das Schiebedach Ihres Autos ist eine Möglichkeit, das Auto zu verlassen. Aber dazu ist es nicht gedacht. Es ist insofern eine schlechte Tür.“ Wenn wir jetzt den Menschen dafür Geld zahlen, dass sie ihre Autos durch das Dach verlassen, dann machen sie das, bekommen das Geld und äußern sich darüber, dass das doch eigentlich blöd ist. Also lassen Sie uns das Auto doch lieber wieder durch die Tür verlassen.</p>
<p><strong>Die CDU kennt natürlich, wie alle anderen auch, innerparteiliche Auseinandersetzungen – im Moment aber scheint es so, als ob es erstmals regelrechte Flügelkämpfe gebe: Den einen wird die Partei zu sozialdemokratisch, die anderen fordern eben mehr soziale Politik ein, manche begannen sogar das Wort „Mindestlohn“ in den Mund zu nehmen. Wo innerhalb des Richtungsspektrums der Partei verorten Sie sich?</strong></p>
<p>Ich bin von meiner Herkunft her Pragmatiker, und was ich überhaupt nicht mag, ist Ideologie. Ich möchte mich keinem Flügel zuordnen, weil ich dadurch die Flexibilität meines Denkens verlöre. Ich möchte die einzelnen Fragen lieber sachbezogen angehen. Als Naturwissenschaftler kann ich mir das erlauben, und ich halte es auch für die Politik für sinnvoll. Sie werden mich, je nach Fragestellung, auf beiden Flügeln wieder finden.</p>
<p><strong>Die CDU wirbt – relativ ideologiefrei – mit Sprüchen wie „Mehr für Familien“, „Deutschland ist stark“ oder „Sichere Arbeit“. Hand aufs Herz: Das sind ja doch Worthülsen, in die man alles Mögliche hineininterpretieren kann. Meinen Sie nicht, dass der eine oder andere Aufstocker, prekär Beschäftigte oder Arbeitnehmer mit befristetem Vertrag – und hier bewegen wir uns bereits im Millionbereich – den Slogan „Sichere Arbeit“ eher als Hohn empfinden könnte?</strong></p>
<p>Es ist ja die Frage, ob die Plakate das in der Vergangenheit erreichte beschreiben oder das, was man für die Zukunft in den Fokus rückt. Ich bin da ganz bei Ihnen: Ich finde es fürchterlich, auf Parolen reduziert zu werden; und wenn ich irgendwo spreche, gehe ich mit Freuden daran, sie mit Inhalten zu füllen. Wenn wir über „sichere Arbeit“ sprechen, dann geht es darum, gegen den Missbrauch sinnvoller Instrumente des Arbeitsmarkts vorzugehen – Stichwort Zeitarbeit. Dass diese feste Arbeitsverhältnisse ersetzt, war ja nicht intendiert; diese Schlupflöcher müssen sehr zügig geschlossen werden. Wir müssen Arbeit in zweierlei Hinsicht sicher machen: Zum einen in genereller Hinsicht, also den eingeschlagenen wirtschaftlichen Kurs weiterführen mit dem Ziel der Vollbeschäftigung. Das ist die Grundlage für die Rente, die Gesundheit, für Vieles. Zum anderen in individueller Hinsicht: Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben und in vernünftigen Verhältnissen arbeiten können. Das eine bringt nicht viel ohne das andere: Es hilft nichts, wenn Menschen individuell sicherer gestellt sind, dafür aber weniger Menschen überhaupt Arbeit haben. Deshalb ist der Spruch „Sichere Arbeit“ vielleicht plakativ, aber dennoch nicht inhaltslos. Und daher plädiere ich auch für einen tariflichen, nicht gesetzlichen Mindestlohn: Den Sachverstand, den zu ermitteln, haben die Tarifparteien. Und wo es keine gibt, müssen wir dafür sorgen, dass beide Seiten an einen Tisch kommen. Ich halte starke Gewerkschaften daher für wichtig.</p>
<p><strong>Die Arbeitgeber der Fleischbranche schienen ja lange Zeit kein gesteigertes Interesse an starken Gewerkschaften oder Tarifgesprächen zu haben, erst nach massiven Negativschlagzeilen scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Was kann die Politik da tun?</strong></p>
<p>Die Politik kann dafür sorgen, dass von Arbeitgebern und Arbeitnehmern Personen ausgewählt werden, die für ihre jeweilige Seite sprechen und sie an einen Tisch setzen. Es gibt diese Leute ja. Das Ergebnis kann die Politik dann für allgemeinverbindlich erklären. Ich möchte aber nicht, dass Volksvertreter dirigistisch eingreifen. Deswegen: Die Regeln vorgeben und dafür sorgen, dass die Hausaufgaben gemacht werden – aber nicht die Hausaufgaben für andere erledigen.</p>
<p><strong>Zum Abschluss noch ein unmoralisches Angebot: Der Wahlkampf ist bislang sterbenslangweilig – das beklagen Leitartikler und Kabarettisten gleichermaßen. Daran wollen wir jetzt mal gemeinsam etwas ändern: Sie dürfen nun einem politischen Gegner Ihrer Wahl einen Vorwurf nach Ihrem Ermessen machen, und ich drucke das ab.</strong></p>
<p>So nett dieses Angebot ist: Das tue ich nicht. Ich bin ganz am Anfang auf meine Mitbewerber zugegangen und habe ihnen gesagt, dass ich überhaupt keine Lust darauf habe, selbst besser anzukommen, indem ich sie schlecht mache. Man wird nicht deshalb gut, weil man sich als besser darstellt als andere. Und das finde ich an diesem Wahlkampf eigentlich ganz gut, dass das gar nicht so stattfindet, zumindest nicht von Seiten der CDU. Was wir den Menschen anbieten müssen, sind Lösungen, Ansätze, Visionen. Das mag dem einen oder anderen langweilig erscheinen, aber ich frage ganz ehrlich: Weshalb muss ein Wahlkampf denn Unterhaltungswert haben? Das ist die Arbeit der Kabarettisten.</p>
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		<title>&#8220;Es geht um die oberen Zehntausend&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Aug 2013 18:41:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wer macht das Rennen im Wahlkreis 27? Der Lokalteil bittet die Direktkandidaten der Bundestagsparteien zum Gespräch - heute: Martin A. Michels (Die Linke) über Steuerpläne, die Ökobranche und Helmut Kohl.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Wer macht das Rennen im Wahlkreis 27? Der Lokalteil bittet die Direktkandidaten der Bundestagsparteien zum Gespräch &#8211; heute: Martin A. Michels (Die Linke) über Steuerpläne, die Ökobranche und Helmut Kohl.</span></p>
<div id="attachment_42806" class="wp-caption aligncenter" style="width: 682px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/09/Martin-Michels.jpg"><img class=" wp-image-42806 " alt="Die Sahra, der Oskar und der Martin. FOTO: mno" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/09/Martin-Michels.jpg" width="672" height="437" /></a><p class="wp-caption-text">Die Sahra, der Oskar und der Martin. FOTO: mno</p></div>
<p><strong>Herr Michels, die erste Frage, die ich Linken-Politikern stelle, ist eigentlich immer die gleiche: Reallöhne sinken, prekäre Beschäftigungsmodelle sind auf dem Vormarsch, vielen Arbeitnehmern droht Altersarmut. Warum steht die Linke nicht dauerhaft auf, sagen wir, 15 Prozent? Sind doch alles Steilvorlagen, mit denen sich Wähler gewinnen lassen.</strong></p>
<p>Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten, aber natürlich stellen wir sie uns selbst auch. Ich kann das nur darauf zurückführen, dass die Linke seit jeher Opfer von Kampagnen ist, die die DDR-Vergangenheit herbeibemühen, um sämtliche Vertreter der Partei ins Zwielicht zu rücken. Gerade im Westen ist es ein Malus, immer wieder erklären zu müssen, dass wir diese Vergangenheit aufgearbeitet haben. Auch das klassische Wirtschaftswunderdenken sitzt noch sehr tief: Wer fleißig ist, bekommt genug zum Leben und kann sich was leisten – und wer keine Arbeit hat, ist faul. Diese einfache Gleichung gilt heute zwar nicht mehr, aber die Linke wird trotzdem häufig als Partei dargestellt, die sich für die Faulen einsetzt. Dieser Zusammenhang wird oft missverständlich und verkürzt dargestellt, und die etablierten Medien und Parteien sorgen dafür, dass wir da sehr schwer herauskommen. Obwohl sich in unserem ganzen Programm Forderungen finden, die gar nicht so weit von dem entfernt sind, was es schon mal gab: Zum Beispiel bewegen wir uns beim Spitzensteuersatz auf einem Level, den wir unter Helmut Kohl hatten, und nicht auf dem einer radikalen Splitterpartei.</p>
<p><strong>Huch. Fühlt man sich als Linker nicht ein wenig seltsam, wenn man sich bei seinen Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit auf Helmut Kohl beziehen muss?</strong></p>
<p>Naja, wir spielen natürlich auch ein bisschen mit diesem Bezug. Mit Kohl verbinden die Menschen so eine Art konservativen Übervater, der das Land lange im Griff hatte. Wir machen das mit einem Augenzwinkern, aber auch, um den Menschen die Angst zu nehmen – unter Kohl ist zwar auch viel Schlimmes passiert, aber viele werden ihn irgendwie als „Fels in der Brandung“ in Erinnerung haben. Und diese „Solidität“ ein bisschen in unsere Außenwirkung hereinzubringen, ist ja auch nicht das Schlechteste.</p>
<p><strong>Halten wir also fest: Es war nicht alles schlecht damals …</strong></p>
<p>… Das haben jetzt Sie gesagt.</p>
<p><strong>Kehren wir ins Jahr 2013 zurück: Mindestlohn, Mindestrente, Grundeinkommen – die Linke verspricht Vielen Vieles und sieht sich oft dem Vorwurf ausgesetzt, nicht dazu zu sagen, wer das eigentlich alles bezahlen soll. Sie haben jetzt die Gelegenheit …</strong></p>
<p>Die Forderungen, die wir stellen, kommen ja nicht von ungefähr. Die Mindestrente von 1.050 Euro ist nicht vermessen, wenn man sich vor Augen führt, dass ein Mensch am Ende seines Lebens eine gewisse Menge Geld braucht, um in Würde zu leben. Ähnlich ist es beim Mindestlohn von 10 Euro. Bei der Gegenfinanzierung setzen wir auf Umverteilung von oben nach unten – wir haben dabei diejenigen im Blick, die wirklich viel haben. Mit unserem Steuerkonzept würden alle, die weniger als 6.000 Euro brutto verdienen – ich denke, das trifft auf die ganz überwiegende Mehrheit zu –, besser dastehen als zuvor. Es geht also um die oberen Zehntausend, und wir wollen Jahreseinkommen von über einer Million Euro mit 75 Prozent besteuern sowie eine einmalige Vermögensabgabe von zehn Prozent oberhalb von einer Million durchsetzen. Da kommt einiges zusammen, wenn man bedenkt, dass wir in Deutschland ja eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Einkommensmillionären haben. Außerdem wollen wir beispielsweise Vergünstigungen für die Industrie abschaffen, etwa in punkto EEG-Umlage, bei der ja viel Lobbyarbeit geleistet wurde. Die Rückabwicklung solcher Sonderregelungen würde die Staatskasse massiv entlasten. Wir machen uns also schon Gedanken, wie wir das alles finanzieren wollen.</p>
<p><strong>Sie haben die Soziale Gerechtigkeit als „Kerngeschäft“ der Linken bezeichnet. Ein Kerngeschäft, in dem die Konkurrenz nicht schläft – Mindestlohn etwa wird auch von SPD und Grünen gefordert und schwirrt sogar schon bei der CDU zumindest als Gedanke durch den Raum. Ähnliches gilt für Aussagen zur Rente oder zu bezahlbaren Mieten – warum also die Linke wählen?</strong></p>
<p>Die Linke hat ein langfristiges Ziel, das über die Forderungen der anderen hinausgeht: Sie hat eine solidarische Gesellschaft im Blick. Die Forderungen selbst mögen sich nur in Nuancen unterscheiden, etwa beim Mindestlohn &#8211; aber der Grundgedanke ist bei den Linken ausgeprägter. Außerdem haben wir weniger Denkverbote. Die Lösungsvorschläge der anderen Parteien sehe ich eher als symptomatische Korrekturen am status quo. Und wir sind beharrlicher und würden etwa unser Steuerkonzept nie so zur Disposition stellen, wie es etwa die SPD gerade tut, bei der Sigmar Gabriel gerade von den Steuererhöhungen wieder abweicht, um die CDU-Strategie zu kopieren, nämlich einzelne Positionen zu übernehmen, um Wählerstimmen abzugraben. Dieses machtpolitische Kalkül, ist bei uns nicht vorhanden; wir taktieren nicht, um Koalitionen zu erwirken.</p>
<p><strong>Nun ja, welche Koalition denn auch? In Frage käme nur Rot-Rot-Grün – allerdings hat sich die SPD auch zu dieser Wahl dagegen ausgesprochen. Wann, glauben Sie, wird diese epische Feindschaft – lassen wir die paar Versuche in den neuen Bundesländern mal beiseite – enden? Wird sie das überhaupt?</strong></p>
<p>Viele Leute sagen ja, es stünde und fiele mit der Person Oskar Lafontaines. Der aber tritt ja gar nicht mehr an, trotzdem hat die SPD eine Koalition ausgeschlossen. An uns soll’s nicht scheitern; ich glaube aber, die SPD hat immer noch das Ziel, die Linke soweit zurückzudrängen, dass nur noch ein paar traurige Reste übrig bleiben, die dann zur SPD überlaufen und das linke politische Lager wieder vereint wäre. Dabei muss man aber die Frage stellen, ob die SPD überhaupt noch eine linke Partei ist oder nicht doch schon eine mittige – das schwankt ja sehr stark, je nachdem, mit wem man da spricht. Ich glaube, das wird noch ein paar Jahre dauern mit der Annäherung; ich glaube aber auch, dass dafür eine Notwendigkeit besteht, denn alles andere führt zu politischer Stagnation. Auch wenn es rechnerisch zu einer rot-rot-grünen Koalition reichen würde, käme es eher zu einer Großen Koalition. Die Linke war übrigens nie stärker als zu Zeiten der letzten Großen Koalition – von daher wäre das für uns ein gar nicht so schlechtes Szenario, aber den Menschen im Land wünschen wir das nicht.</p>
<p><strong>Sie sind &#8211; das entnehme ich verschiedenen Quellen &#8211; recht netzaffin. Der ganze Komplex aus NSA und BND, aus Prism und Tempora liefert ordentlich Munition im Wahlkampf – allerdings scheint das Thema außerhalb der Redaktionen kaum jemanden so richtig zu interessieren …</strong></p>
<p>Ich habe mich darüber unlängst mit einem Freund von den Grünen unterhalten – die Menschen scheinen sich mehr über den Veggie Day aufzuregen als darüber, ausspioniert zu werden. Den meisten scheint noch gar nicht bewusst zu sein, was das bedeutet; viele glauben offenbar, das wäre so wie beim großen Lauschangriff damals – dass also ein Verdacht besteht und dann irgendjemand aktiv wird, der E-mails und Chatprotokolle des Verdächtigen abzweigt. Dass aber völlig unsystematisch ein riesiger Pool geschaffen wird, auf den man mit Suchtools jederzeit zugreifen kann – das ist eine neue Qualität der Geheimdienstarbeit, und wie brisant die ist, zeigen die Vorfälle beim Guardian. Das Thema ist sehr viel größer als das, was wir in Deutschland daraus machen; und die Reaktionen der Regierung wirken eher ausweichend. Das Thema wird nicht so aufgebauscht wie andere Dinge; es ist auch schwer, die Menschen dafür zu sensibilisieren. Die Sprache bestimmt das Bewusstsein, und solange den Leuten eingeredet wird, wer nichts zu verbergen habe, müsse sich auch nicht fürchten, wird es nur eine Minderheit sein, die diese Dinge kritisch hinterfragt. Gerade deshalb ist es mir wichtig, sie im Wahlkampf zu thematisieren.</p>
<p><strong>Themen, die den Menschen in diesem Wahlkreis sicher näher stehen, sind die regionalen Verkehrsprojekte wie die Küstenautobahn oder eine mögliche Bahnumgehung. Kann man darüber punkten?</strong></p>
<p>Bisher war es bei den Infrastrukturprojekten so, dass die Linke den Protest der Menschen ernst- und für sich angenommen hat. Im Falle der Küstenautobahn gibt es auch eine Studie, die zeigt, dass derartige Infrastrukturmaßnahmen in strukturschwachen Regionen kaum etwas bewirken, und der Preis der Landschaftszerstörung ist dann ein ziemlich hoher – zumal die A1 weiterhin die Hauptverkehrsachse bleiben wird. Wir wollen Güter eher auf die Schiene verlegen; und gerade wenn es dann heißt, die Autobahn solle den Jade-Weser-Port unterstützen, muss man sich fragen, ob das angesichts des schleppenden Anlaufs des Hafens überhaupt Sinn ergibt. Derzeit würde ich allein auf der Vernunftebene sagen, dass sich der Bau nicht lohnt. Vielleicht muss man das irgendwann einmal neu bewerten. Bei der Bahnumgehung haben wir uns klar positioniert, dass wir sie unbedingt wollen, aber das ist ja eine Sache, die nicht vor Ort entschieden wird. Wenn ich in Berlin wäre und auch in der Situation, dem Bau der Trasse Vorschub leisten zu können &#8211; was ich bezweifele, da man selbst als Mitglied des Verkehrsausschusses allenfalls ein gewisses Mitspracherecht gegenüber den Planern und Experten hat -, dann würde ich mich natürlich dafür einsetzen. Aber ich fände es unseriös, mit einem solchen Versprechen in den Wahlkampf zu ziehen.</p>
<p><strong>Ein anderes klassisch linkes Thema: Rekommunalisierung. „Strom- und Wärmenetze gehören konsequent in öffentliche Hand oder in die Hand unter demokratischen Gesichtspunkten geführter Unternehmen“, steht im Programm – halten Sie die EWE, die wie ein normaler Konzern geführt wird, deren Anteile ja aber von den Kommunen gehalten werden, für ein gutes oder eher nicht so gutes Modell?</strong></p>
<p>Die EWE ist von ihrer Organisationsform – also dass sie sich größtenteils in kommunaler Hand befindet – zunächst ja kein negatives Beispiel. Das Problem ist eher die gelebte Geschäftspolitik – dass sie sich konsequent über den Willen der Kommunen hinwegsetzt und am Markt agiert wie ein Global Player. Die ganzen Zukäufe an Unternehmen sind Dinge, die ich von einem kommunalen Energieversorger erstmal nicht erwarten würde. Ich glaube, dass sich die EWE von ihrem Kerngeschäft sehr weit entfernt hat; und das ist der Unterschied zu Stadtwerken, die lediglich das Ziel verfolgen, kostendeckend zu arbeiten. Die EWE ist ein Wirtschaftsunternehmen, das nur noch begrenzt der Kontrolle der Kommunen unterliegt – das halte ich für problematisch.</p>
<p><strong>Apropos Energie. Sie haben in einer Selbstbeschreibung beim Landesverband nicht eben nur rosige Worte für die Ökobranche gefunden. Sind das denn nicht die Guten?</strong></p>
<p>Ich werbe für einen aufgeklärten Umgang mit der Erneuerbare-Energien-Branche, in der ich jahrelang gearbeitet habe. Man sieht sehr unterschiedliche Dinge dort. Natürlich gibt es auch wirklich idealistisch geführte Unternehmen – nehmen wir etwa das Oldenburger Gründerzentrum. Aber momentan wird die Energiewende so organisiert, dass die Anreize monetärer Art sind. Beispiel Offshore-Windparks: Da geht es den Investoren und Betreibern meist darum, maximal abzukassieren – das geht soweit, dass sie es als Teil ihres Geschäftsmodells betrachten, die fehlende Landanbindung in Form von Schadenersatzansprüchen geltend zu machen. Der Energiewende bringt das nichts. Ich glaube, wir brauchen eine andere Herangehensweise – nicht nur finanzielle Anreize, sondern auch ein ethisch-moralisches Commitment. Das Ziel, Nachhaltigkeit bei der Energieversorgung zu erreichen, muss wieder in den Vordergrund rücken. Es gibt mittlerweile etliche schwarze Schafe in der Branche, die mit Energie regelrecht zocken – an der European Energy Exchange (EEX) etwa, an der man Strom verkauft oder eben bewusst zurückhält. Das dient zwar auch der Netzlaststabilität, ist aber dehnbar und kann missbraucht werden. Das bunte Bouquet an Vergütungen, das dort gezahlt wird, wird letztlich auf die Verbraucher umgelegt. Ich glaube, dass wir zu lange durch die rosarote Brille geschaut haben, auch bei der Linken – jedes Mal, wenn jemand ein Windrad oder eine PV-Anlage bauen wollte, wurde das erstmal als gut betrachtet, ohne kritischen Blick darauf, ob sich jemand nicht eher in die eigene Tasche wirtschaften will. Außerdem sind die Arbeitsbedingungen in der Ökobranche oft schlecht. Es gibt Biomarktketten und Windenergieunternehmen, die keinen Betriebsrat haben, unterdurchschnittliche Löhne zahlen und stark auf Leiharbeit setzen.</p>
<p><strong>Viele Forderungen der Linken erfordern für ihre Umsetzung eine Stärkung des staatlichen Einflusses. Besteht da nicht die Gefahr, dass mancher Wähler, der sich das wahnsinnig umfangreiche Programm tatsächlich durchliest, viele Punkte als schlichte Gängelei empfindet?</strong></p>
<p>„Staatlich“ ist ja erstmal kein Qualitätsmerkmal, staatliche Organisation kann genauso danebengehen wie private, man muss sich nur die DDR anschauen. Das steht bei uns auch nicht unbedingt im Vordergrund – uns geht es um demokratische Legitimation. Wenn die Deutsche Bank Mist baut, kann ich als Mensch, auch wenn ich direkt geschädigt bin – Stichwort Immobilienblase –, den Vorstand ja nicht einfach abwählen. Wenn aber Stadtwerke oder öffentliche Einrichtungen Mist bauen, landet das letztlich immer auf dem Tisch eines demokratisch gewählten Vertreters. Und dadurch gibt es zumindest eine gewisse Einflussmöglichkeit der Öffentlichkeit. Das heißt: In einer staatlichen Einrichtung gibt es demokratische Kontrolle, in einer privaten nicht.</p>
<p><strong>Das wäre auch ein Argument für mehr direkte Demokratie – aber auch diesen Punkt haben sich ja fast alle Parteien auf die Fahnen geschrieben, ohne dass sich da viel zu bewegen scheint.</strong></p>
<p>Wir wollen auch mehr Bürgerbeteiligung, vor allem sollen Volksentscheide auf Bundesebene aus der Bevölkerung heraus initiiert werden können. Ich glaube, man muss das gar nicht dahingehend beurteilen, ob auf dieser Basis sinnvolle Entscheidungen getroffen werden – allein die Tatsache, dass es bislang nicht möglich ist, stößt vielen Menschen vor den Kopf. Wenn die Menschen die Möglichkeit haben, solche Entscheidungen selbst initiieren zu können, werden sie ernstgenommen und fühlen sich gehört. Wenn sie sie nicht haben, setzt bei den einen Politikverdrossenheit ein und bei den anderen das Gefühl: „Wir können ja eh nichts dran ändern.“ Allein deswegen ist direkte Demokratie wichtig, weil offenere Partizipationsmöglichkeiten auch ein offeneres Bewusstsein hervorrufen.</p>
<p><strong>Die Linke räumt in ihrem Programm dem Antifaschismus viel Platz ein, bis hin zu der Forderung, er solle Verfassungsrang erhalten. Was muss denn Ihrer Meinung nach die Konsequenz aus dem NSU-Skandal sein?</strong></p>
<p>Das ist ja nicht nur ein Problem des Faschismus, sondern auch der Geheimdienste. Die Linke tritt für deren Abschaffung ein; sie haben ja die ganze Sache nur immer weiter verschleiert – und damit verschlimmert –, anstatt zur Aufklärung beizutragen. Wenn man den Faschismus insgesamt nimmt, so fordern wir natürlich auch den sofortigen Abzug aller V-Leute aus der NPD. Wer da Geheimdienstler und wer Nazi ist, ist nicht zu überblicken; die meisten sind ja ohnehin irgendwo beides. Das macht es juristisch schwer, die Partei verbieten zu lassen. Der NSU-Skandal zeigt, dass der Faschismus ein sehr viel größeres Problem in der Gesellschaft ist, als wir das bislang geglaubt hatten, und ich frage mich, warum das eigentlich so kleingeredet wird. Die Nazis werden als kleines, verirrtes Grüppchen dargestellt, aber wer einmal in den Nazi-Hochburgen im Osten war, wird das anders wahrgenommen haben. Der NSU hat uns allen schlagartig vor Augen geführt, dass es organisierte faschistische Untergrundbewegungen in Deutschland gibt, die eine echte Gefahr darstellen. Für die Linke ist Antifaschismus ein Hygienefaktor: Faschismus ist das genaue Gegenteil von allem, wofür wir als Partei stehen. Es ist unsere Pflicht, konsequent dagegen zu arbeiten; und wir würden uns wünschen, dass Antifaschismus nicht länger kriminalisiert und auf eine Stufe mit dem Faschismus gestellt wird, wie es so häufig getan wird. Das ist ungerecht und einseitig.</p>
<p><strong>Eine Frage zum Abschluss: Auf der Landesliste stehen Sie auf Platz 6. Sie als Mathematiker gefragt: Schon mal ausgerechnet, auf wie viele Stimmen die Linke kommen müsste, damit es für Sie reicht?</strong></p>
<p>Letztes Mal kam die Linke auf 11,8 Prozent, damit haben wir sechs Kandidaten reinbekommen. So um 11,x Prozent müssten es wohl werden &#8230; letztlich kämpfen wir um ein möglichst gutes Ergebnis. Gregor Gysi hat gesagt: „Zweistellig ist möglich“, zuletzt lagen wir sogar in den ZDF-Umfragen bei acht Prozent, bei Forsa jetzt sogar bei zehn – ob die Dynamik reicht, um uns am 22. September über die elf Prozent zu hieven, wird sich zeigen. Ich bin optimistisch.</p>
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		<title>&#8220;Letzte Zuckungen eines Körpers, der nicht sterben will&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Mar 2013 04:00:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im zweiten Teil des Lokalteil-Interviews spricht Postwachstumsökonom Niko Paech über den Bioboom, erklärt, warum er die Energiewende für ein Desaster hält - und warum sich sein persönlicher Frustfaktor trotz allem in Grenzen hält.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Im zweiten Teil des Lokalteil-Interviews spricht Postwachstumsökonom Niko Paech über den Bioboom, erklärt, warum er die Energiewende für ein Desaster hält &#8211; und warum sich sein persönlicher Frustfaktor trotz allem in Grenzen hält.</span></p>
<div id="attachment_41936" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/paech-fracking.jpg"><img class="size-full wp-image-41936" alt="&quot;Ökologischer Wahnsinn, der das Problem nicht lösen wird&quot;: Fracking-Anlage in Wyoming, USA. BILD: pd" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/paech-fracking.jpg" width="600" height="451" /></a><p class="wp-caption-text">&#8220;Ökologischer Wahnsinn, der das Problem nicht lösen wird&#8221;: Fracking-Anlage in Wyoming, USA. BILD: pd</p></div>
<p><em>Im </em><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=39133"><strong>ersten Teil des Interviews</strong></a><em> ging es um das neue Interesse der Medien an Wachstumskritik, um das individuelle CO2-Konto und darum, wie überbordender Konsum seine eigene Art von Verstopfung und Burn-out verursacht.</em></p>
<p><strong>Auch dieses Stichwort greife ich gerne auf: „Gewissen beruhigen“. Es gibt ja durchaus den Bio-Boom, eine gestiegene Sensibilität für Tier- und Umweltschutz, die – wenn auch noch zaghaften – Schritte Richtung Energiewende. Sind das nicht hoffnungsvolle Zeichen? Oder, wie manch böse Zunge behauptet, doch bloße Akte der Gewissensberuhigung gut situierter Lehrerfamilien?</strong></p>
<p>Die Energiewende in Deutschland ist eine der größten ökologischen Katastrophen, die wir bis jetzt erlebt haben. Das werde ich auf Wunsch auch gerne weiter ausführen … Zum Bio-Boom: Natürlich finde ich es positiv, wenn Leute Dinge kaufen, die aus einer ökologischeren Herstellung stammen als die konventionellen Produkte. Aber insgesamt haben wir, wenn wir mal die kulturwissenschaftliche Brille aufsetzen, ein Stadium der Selbstinszenierung erreicht, in dem die Artefakte, mit denen wir uns schmücken, nicht nur zur Herausbildung einer Identität oder Authentizität dienen, sondern auch einer moralischen Kompensation. Wir erleben dann die SUV-Fahrer, die Stammkunden im Bioladen sind oder Bionade trinkende Vielflieger. Das Leben ist eine Ansammlung unterschiedlicher und vom Sinngehalt her verbundener Baustellen, was auch eine Globalisierung unserer Lebensstile zur Konsequenz hat. Der Mensch lässt sich nicht mehr darstellen als Angehöriger eines bestimmten Milieus – er ist eher ein Konstrukt, vergleichbar mit einem Garderobenständer, an den sich viele soziale Praktiken hängen lassen. Derselbe Schlipsträger, der abends Golf spielt, ist nachmittags vielleicht Ökofreak und geht am Freitag in den Community Garden, um am Samstag nach New York zu fliegen. Es ist eine Art Sinfonie unterschiedlicher Selbstdarstellungsmöglichkeiten: Ich kaufe Bioprodukte, um moralisch zu kompensieren, dass ich ein viel zu großes Haus bewohne. Man kann aus der einzelnen Handlung eben keinen Rückschluss auf die ökologische Gesamtperformance einer Person ziehen. Diese symbolische Kompensation ist daher ein ganz wichtiger Schrittmacher der Biobranche.</p>
<p><strong>Jetzt wollen wir natürlich auch wissen, warum die Energiewende die größte ökologische Katastrophe ist …</strong></p>
<p>Seit wir von der Energiewende sprechen, ist Energieeinsparung kein Thema mehr. Das ist so beispielhaft, dass man in den USA schon von der „German Energiewende“ spricht, man übersetzt das gar nicht mehr. Es ist dieselbe Kompensation, nur auf politischer Ebene: Wir haben diese Energiewende deshalb ins Gespräch bringen können, weil sie unser Wohlstandsmodell gegen jede ökologisch motivierte Kritik immunisiert, aus der sich sonst die Schlussfolgerung ziehen ließe, dass wir unsere Ansprüche reduzieren müssten.<br />
Zweitens betrifft sie ja nur Elektrizität. Was ist mit dem Kerosin für Flugzeuge, dem Sprit für Lastwagen und Autos, dem Schweröl für Schiffe? Was ist mit der Heizenergie in Häusern, der Energie in der Landwirtschaft? Was ist vor allem mit der Energie, die in den Geräten steckt, die ja nicht einmal in Deutschland produziert werden? Es ist doch ein Witz, dies alles nicht mal zu thematisieren, denn Wind, Sonne und Biogasanlagen reichen da nicht hin.<br />
Und drittens muss man sich klarmachen, dass der Ausbau regenerativer Energien Bumerang-Effekte nach sich zieht. Rein physisch betrachtet ist regenerative Energie keine Lösung für irgendein ökologisches Problem, sondern nur dessen Umwandlung in einen anderen Systemzustand. Wir sind in Deutschland dabei, die Landschaft abzuschaffen. Jetzt hat sogar Kretschmann – ein grüner Ministerpräsident! – sich dahingehend geäußert, dass man, wenn man die Energiewende voranbringen wolle, auch den Schwarzwald näher betrachten müsse. In Niedersachsen haben wir inzwischen den Punkt erreicht, an dem wir nicht mehr in der Lage sind, den Getreidebedarf auf den eigenen Flächen zu befriedigen, ohne dass dieser Bedarf gestiegen wäre: Die Vermaisung ganzer Landstriche sorgt dafür, dass immer mehr Landwirte auf Energiemais umstellen. Hinzu kommen die Verspargelung und Verspiegelung durch Photovoltaik-Freiflächenanlagen.</p>
<p><strong>Sie meinen die Zunahme der Windenergie- und Solaranlagen – ist das denn kein Hoffnungsschimmer?</strong></p>
<p>Die Photovoltaik-Freiflächenanlagen schießen wie Pilze aus dem Boden, weil es für die meisten Investoren viel bequemer ist, Flächen zu kaufen oder zu pachten, als Hausdächer zu verwenden. Dazu kommt noch die Produktion der Anlagen. Und es kommen die finanziellen Rebound-Effekte hinzu: Weil mit erneuerbarer Energie neue Einkommensquellen erschlossen, neue Jobs geschaffen, neue Märkte erobert werden können, wird über dieses wirtschaftliche Wachstum neue Nachfrage entfacht. Menschen, die in grünen Branchen Geld verdienen, tun dasselbe, was jeder andere Konsument in Europa macht: Sie fahren große Autos, fliegen, wohnen im Einfamilienhaus, hängen in jedes Zimmer einen Flachbildschirm und so weiter. Ich will das gar nicht kritisieren, nur feststellen, dass das Geld, das angeblich nicht stinkt, weil es aus grünem Wachstum stammt, genauso verheerende Folgen hat wie jedes andere.</p>
<p>Ich möchte aber auch richtigstellen, dass ich großer Befürworter alternativer Energien bin, weil es ja keine Alternative gibt. Allerdings gibt es zwei Bedingungen: Erstens dürfen die Erneuerbaren nicht Instrument einer Wachstumspolitik, sondern in eine Postwachstumsökonomie eingebunden sein. Wenn das Bruttoinlandsprodukt wächst, wird über den Zuwachs von Einkommen und kaufkräftiger Nachfrage jede Umweltentlastung wieder zunichte gemacht. Zweitens: Weil auch regenerative Energie nicht zum ökologischen Nulltarif zu haben ist, braucht auch sie ökologische Rahmenbedingungen. Wir brauchen ein Boden- und Landschaftsmoratorium, es darf überhaupt keine Anlage mehr – egal ob Wind, Biogas oder Photovoltaik – einfach so in die unversiegelte Fläche hineingebaut werden, sondern es sind bereits okkupierte Flächen zu konvertieren oder Hausdächer zu verwenden.</p>
<p><strong>Welche haben Sie im Sinn?</strong></p>
<p>Ich plädiere für die Stilllegung von 50 Prozent aller deutschen Autobahnen und 75 Prozent aller Flughäfen. Das sind doch sowieso die größten Klimakiller, so könnte man doch mal zeigen, dass man es ernst meint mit Klimaschutz. Beim derzeitigen Aufkommen von Auto- und Flugverkehr kann man gar keinen Klimaschutz betreiben, das ist ja absurd.</p>
<p>Wenn wir diese Flächen zur Energiegewinnung hernähmen, dazu alle geeigneten Dächer für Photovoltaik und solarthermische Anlagen verwendeten, ergäbe sich jene Energiemenge, die ich als menschliches Maß bezeichnen würde. Das wäre die Menge, die wir uns, ohne über unsere Verhältnisse zu leben, ökologisch an Energie aneignen können.</p>
<p><strong>Eine andere Kernforderung von Ihnen lautet: 20-Stunden-Woche für alle. Das klingt auch für Laien erstmal reizvoll, und auch konservativere Ökonomen sehen darin ja durchaus Chancen – und sei es nur als arbeitsmarktpolitisches Instrument. Allerdings müsste dazu die Wirtschaft, die Arbeitgeberseite mitspielen, und so richtig darauf zu brennen scheint sie nicht unbedingt. Wie lässt sich deren Begeisterung wecken?</strong></p>
<p>Das wird nicht gelingen. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich entsprechende politische Mehrheiten bilden würden, wie wir es jeweils einmal in Dänemark und den Niederlanden erlebt haben, wo ja tatsächlich prägnante Arbeitszeitverkürzungen und -umverteilungen auf freiwilliger Basis möglich wurden.<br />
Ich glaube allerdings nicht, dass es nur an der Angebotsseite liegt. Es ist einfach so, dass die deutsche Mittelschicht ihren Reichtum dadurch hat mehren können, dass man pro Familie zwei 40-Stunden-Jobs hat. Es wird ein bestimmter Lebensstil beansprucht, der gehalten werden muss, und dazu muss man soundsoviel arbeiten – das ist das Problem. Ich meine, wir haben doch zwei Möglichkeiten, die Wirtschaft in die Zange zu nehmen: Das eine ist die sanfte Verweigerung, nämlich alle Spielräume zu nutzen, um nicht mehr für 40 Stunden zur Verfügung zu stehen. Der zweite Weg besteht darin, zukünftige Krisen zu nutzen, weil manchen Firmen die Nachfrage wegbricht. Darauf zu sozialpolitisch verantwortungsbewusst reagieren hieße, die Arbeitszeit anders zu verteilen. Leider scheinen die Gewerkschaften, abgesehen von Ausnahmen, davon nicht sonderlich begeistert zu sein.</p>
<p><strong>Weil es ihnen letztlich nicht um Lebenszeit, sondern mehr um Wohlstandswahrung geht?</strong></p>
<p>Beispielsweise hat der emeritierte Osnabrücker Politologe Mohssen Massarrat, der auch bei Attac aktiv ist, mit einigen Kollegen gerade die 30-Stunden-Woche als Kampagne in die Diskussion eingebracht – bei vollem Lohnausgleich! Nicht mal dieses Schlaraffenland wird von den Gewerkschaften unterstützt, wenngleich ich diesen Vorschlag ebenfalls kritisch sehe.<br />
Das Problem ist, dass man die von mir vorgeschlagene 20-Stunden-Konzeption – ohne Lohnausgleich – nur umsetzen kann, wenn Menschen bereit sind, mit Konsum anders umzugehen und sich darauf einzulassen, die freigestellten 20 Stunden darauf zu verwenden, Ersatz für Produktion zu leisten. Dies gelingt durch gemeinschaftliche Nutzung von Produkten und eine eigenständige Verlängerung ihrer Nutzungsdauer, etwa indem man sich mit Produkten umgibt, die man selbst pflegen, instand halten und gegebenenfalls auch reparieren kann. Dann ist man reich, auch wenn man weniger Geld hat, weil man die Zeit, die man hat, sinnstiftend verwendet. Das geht nicht von heute auf morgen – ich würde niemals dafür plädieren, auf Knopfdruck eine 20-Stunden-Woche einzuführen. Es ist eher ein Leitbild, das wir bestenfalls innerhalb einer Dekade umsetzen könnten, ansonsten würden wir die Gesellschaft überfordern. Und es geht um einen langfristigen Durchschnittswert. Nicht ausgeschlossen wäre, etwa in jungen Jahren voll zu arbeiten und später kürzer zu treten oder ein Jahr voll und das folgende Jahr gar nicht zu arbeiten. Da gibt es viele Kombinationsmöglichkeiten. Eine Gleichmacherei nach dem Rasenmäherprinzip würde ich ablehnen – es geht um eine Entwicklungsrichtung, nicht um eine Zahl.</p>
<p><strong>Wie ist es eigentlich um die Idee der Postwachstumsökonomie in anderen Ländern bestellt? Ist anderswo die Akzeptanz höher als in Deutschland?</strong></p>
<p>Es gibt eher Länder, die auf unfreiwillige Weise damit konfrontiert sind, ihre Ökonomie auf einem Konsum- und Produktionsniveau zu stabilisieren. Ob das einer Postwachstumsökonomie ähneln wird, werden wir sehen. Denken wir etwa an Kuba. Oder denken wir an Griechenland …</p>
<p><strong>Oje.</strong></p>
<p>Ich warne davor, das jetzt zu glorifizieren: Was in Griechenland passiert, ist ein Drama. Das kann man nicht schönreden. Andererseits wurde in Griechenland derart über die Verhältnisse gelebt – und das ist jetzt weißgott keine Häme –, dass man sich an fünf Fingern abzählen konnte, was irgendwann passieren würde. Was ich mir wirklich wünschen würde, wäre, dass die Griechen cool bleiben und sagen: Okay, wir haben verstanden, also machen wir uns jetzt einen Spaß draus, der Welt vorzuführen, wie es geht, auch in einer schrumpfenden Ökonomie klarzukommen, ohne in irgendeinen Rechtsradikalismus oder sonstigen Schwachsinn abzudriften. Griechenland könnte vorführen, wie es gelingt, unter Wahrung von Freiheit, Demokratie und Toleranz mit Knappheit umzugehen.<br />
Bei Kuba ist es wiederum so, dass es das erste Land auf diesem Planeten ist, das „peak oil“ schon hinter sich hat – als die Sowjetunion Anfang der 90er zusammenbrach, war es ja so, dass kein Erdöl mehr geliefert werden konnte, kein Dünger und auch bestimmte Maschinen nicht. Und was die Kubaner dann im Bereich der Landwirtschaft und des urban gardening vorgeführt haben, ist beachtlich.<br />
Ansonsten gibt es hier und da ähnliche Bewegungen: „décroissance“ in Frankreich, „transistion towns“ weltweit … das sind noch Minderheiten, aber warten wir die nächsten Krisen ab. Dann wird in mehreren europäischen Ländern die Notwendigkeit erkannt, andere Lebensstile auszuprobieren.</p>
<p><strong>Das klingt ja letztlich doch irgendwie hoffnungsvoll. Nur sieht die Gegenwart so ganz anders aus: Ich habe eben in den Radionachrichten von Überlegungen gehört, nachdem der automatisierte Börsenhandel dadurch gebändigt werden soll, dass Aktien mindestens eine halbe Sekunde gehalten werden sollen, bevor sie weiterverkauft werden dürfen. Wenn man sich einerseits mit der Zukunft eines kippenden Gesellschaftskonzepts befasst und auf der anderen Seite nun sieht, dass dies die Themen sind, mit denen sich die Tagespolitik auseinandersetzt – droht man da nicht wahnsinnig zu werden?</strong></p>
<p>Nö. Ich habe mittlerweile aufgehört zu glauben, dass wir noch die Kurve kriegen. Ich weiß, dass das zynisch klingt, vielleicht auch ein bisschen trivial, aber die Einschläge müssen noch näher kommen. Diese beiden Finanzkrisen von 2008 – Lehman Brothers und Subprimederivate – und jetzt das Griechenlanddesaster, das man auch nicht ganz davon trennen kann, verdeutlichen, dass zukünftig noch viel verheerendere Finanzkrisen wahrscheinlich sind, denn aus diesen Ereignissen haben wir ja nichts gelernt, sondern wurschteln einfach weiter.<br />
Und dasselbe gilt auch für Ressourcenknappheit. Was die Amerikaner mit dem Fracking machen, ist nur ein kleiner Aufschub – und ein ökologischer Wahnsinn, der das Problem nicht lösen wird. Es geht ja nicht nur um Öl-, sondern auch um die bereits genannte Flächenknappheit und Phosphor; es geht um Coltan, Palladium, Neodym. Wir haben uns durch die digitale Revolution so abhängig gemacht von seltenen Erden, dass die Sollbruchstellen unseres Wohlstands immer offenkundiger werden. Und deswegen frustriert mich das eigentlich nicht, Nachrichten zu hören, in denen so getan wird, als könne man mit minimalen Reparaturmaßnahmen ein zum Scheitern verurteiltes Modell doch noch retten. Das sind die letzten Zuckungen eines Körpers, der nicht sterben will; solche Sachen wie ein Jade-Weser-Port, eine Küstenautobahn oder hier in Oldenburg IKEA, ein Einkaufszentrum und so weiter – das sind Amokläufe einer angstgetriebenen Politik, die verzweifelt an einem Modell festhält, das schon nach Verwesung riecht.</p>
<p>++++</p>
<p><em>Von Niko Paech ist zuletzt das Buch &#8220;Befreiung vom Uberfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie&#8221; im Oekom-Verlag (Munchen 2012) erschienen.</em></p>
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		<title>Die Verstopfung der Welt</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Mar 2013 04:00:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
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		<description><![CDATA[Dass stetiges Wirtschaftswachstum vielleicht doch nicht der Weisheit letzter Schluss und die Lösung aller Probleme ist, ist wohl längst keine Außenseitermeinung mehr. Der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech ist derzeit ein gefragter Mann - im zweiteiligen Lokalteilinterview spricht er über Medienwirbel, die Postwachstumsökonomie und das Glücklichsein.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Dass stetiges Wirtschaftswachstum vielleicht doch nicht der Weisheit letzter Schluss und die Lösung aller Probleme ist, ist wohl längst keine Außenseitermeinung mehr. Der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech ist derzeit ein gefragter Mann &#8211; im zweiteiligen Lokalteilinterview spricht er über Medienwirbel, die Postwachstumsökonomie und das Glücklichsein.</span></p>
<div id="attachment_41968" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Elektroschrott_by_Karl-Heinz-Laube_pixelio.jpg"><img class="size-full wp-image-41968" alt="Mehr, mehr, MEHR: Elektronikschrott, Wohlstandsmüll, Sargnägel? BILD: Karl-Heinz Laube / pixelio.de" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Elektroschrott_by_Karl-Heinz-Laube_pixelio.jpg" width="600" height="450" /></a><p class="wp-caption-text">Mehr, mehr, MEHR: Elektronikschrott, Wohlstandsmüll, Sargnägel? BILD: Karl-Heinz Laube / <a href="http://www.pixelio.de/index.php" target="_blank">pixelio.de</a></p></div>
<p><strong>Herr Paech, beginnen wir unser Gespräch doch mit einem kleinen Quiz: Ich nenne Ihnen eine Bezeichnung oder eine Formulierung, mit der Sie in einem Medienbericht bedacht worden sind, und Sie sagen mir, in welchem Medium das war.</strong></p>
<p>Okay, ich versuch’s …</p>
<p><strong>Fangen wir an: „Spinnt der?“</strong></p>
<p>Das war die <em>Bild</em>.</p>
<p><strong>Okay, das war einfach. Nächste Bezeichnung: „Der größte Miesepeter der Nation“?</strong></p>
<p><em>Tagesspiegel</em>.</p>
<p><strong>Nicht schlecht. Einen habe ich noch: „Unter Ökonomen, die oft trocken daherkommen, ist Paech eine echte Rampensau.“</strong></p>
<p>Das war in der <em>Zeit</em>.</p>
<p><strong>Hundertprozentige Trefferquote, ich bin beeindruckt. Apropos Zeit. Sie waren für den Zeit-Wissen-Preis nominiert – hat’s denn geklappt?</strong></p>
<p>Nein, die Leuphana-Universität in Lüneburg hat den Preis bekommen. Ich war mir auch sicher, dass ich nicht gewinnen würde. Es waren drei Akteure nominiert: Einmal eine komplette Uni, dazu ein relativ üppiges Projekt, bei dem ein Team von Managern versucht, Open-Air-Festivals zu begrünen, also nachhaltigkeitskompatibel zu gestalten, und ich als einzelne Person … da war klar, dass nicht der Einzelne den Preis bekommt. Aber überhaupt nominiert worden zu sein, hat mich ja schon fast schockiert – in diesem Kreis etablierter Vertreter aus Wirtschaft und Mainstream-Nachhaltigkeitsforschung einer von drei Nominierten sein zu dürfen, das schlägt schon irgendwo durch die Decke.</p>
<div id="attachment_41972" class="wp-caption alignleft" style="width: 229px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Niko-Paech.jpg"><img class="size-medium wp-image-41972" alt="Ökonom, Wachstumskritiker und derzeit wohl medienpräsentester Oldenburger: Niko Paech BILD: Uni" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/03/Niko-Paech-219x300.jpg" width="219" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Ökonom, Wachstumskritiker und derzeit wohl medienpräsentester Oldenburger: Niko Paech BILD: Uni</p></div>
<p><strong>Die Nominierung kam ja nicht von ungefähr: Sie hatten in den vergangenen Monaten eine enorme Medienpräsenz, alle möglichen Blätter kamen irgendwann mit der Paech-Story raus. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? An der klassischen Eigendynamik der Branche – ein Medium bringt die Geschichte zuerst, alle anderen springen auf? Oder ist die Zeit tatsächlich reif dafür, das Thema ins Bewusstsein der Leute zu transportieren?</strong></p>
<p>Ich glaube, es gibt drei Aspekte, die man da nennen muss. Der gerade genannte, dass also Medien nach Erreichen einer kritischen Masse von Berichterstattung plötzlich aufgrund dieser Logik ein stärkeres Quantum an Aufmerksamkeit offenbaren – das ist auf jeden Fall so.<br />
Als alleinige Erklärung reicht das allerdings nicht aus, man muss ja auch fragen: Woher kommt diese kritische Masse? Und das hat zu tun mit der Finanzkrise ab 2008, da ging’s los. Es ist ja so, dass wir seit Jahrzehnten über ökologische Eskalation und inzwischen auch über ökonomische Wachstumsgrenzen reden – „peak oil“ ist da ein Stichwort –, und als dann auch noch die Finanzkrise dazukam, ist bei vielen Menschen irgendwie ein Faden gerissen. Da ist das Vertrauen in die Stabilität unseres wachstumsabhängigen Wohlstandsmodells vollends den Bach runtergegangen. Und das führt dazu, dass plötzlich Wachstumskritik wieder ein Thema ist.<br />
Und dann gibt es noch ein drittes Element, bestehend darin, dass die bisherige wachstumsfreundliche Nachhaltigkeitsforschung grandios gescheitert ist. Die Frustration darüber führt dazu, dass sich mehr Menschen einer wachstumskritischen Auslegung des Begriffs „Nachhaltigkeit“ zuwenden.</p>
<p><strong>Für den Normalbürger ist ja der sichtbarste Ausweis dieses Wohlstandsmodells, dass man sich mit einem durchschnittlichen Gehalt vieles leisten kann: ein bis zwei Autos, eine bis zwei Urlaubsreisen pro Jahr, einen neuen Computer alle paar Jahre und so weiter. Wenn Sie da vom „Maßhalten“ sprechen, hören viele Menschen eher das Wort „Verzicht“ heraus – aber wer verzichtet schon freiwillig? Was bekommen Sie da an Reaktionen von Zuhörern?</strong></p>
<p>Nun ja, wenn ich zu Vorträgen und öffentlichen Veranstaltungen eingeladen werde, dann kommen da zumeist Leute hin, die ein gewisses Interesse am Thema haben – deren Reaktionen sind dann nicht repräsentativ, das muss ich schon einräumen. Von daher werde ich gar nicht so oft mit dem Vorwurf konfrontiert, ich würde Verzicht predigen.<br />
Die andere Sache ist: Ich weigere mich beharrlich, das von mir in die Diskussion eingebrachte Konzept der Suffizienz …</p>
<p><strong>… das die Entschleunigung und Entrümpelung eines überbordenden Konsumverhaltens beschreibt …</strong></p>
<p>… als Verzicht zu bezeichnen. Reduktionsleistungen im Hinblick auf die Ansprüche an materielle Selbstverwirklichung sind nicht notwendigerweise Verzicht. Sie können auch Befreiung vom Überfluss bedeuten. Darum geht es mir: Logiken zu entwickeln, die verständlich – oder sogar fühlbar – machen, dass Reduktionsleistungen bis zu einem bestimmten Punkt etwas mit Selbstschutz zu tun haben, mit Abwurf von Wohlstandsballast, der doch sowieso nur unser Leben verstopft. Damit ist aber auch schon gesagt, dass es um Reduktionsleistungen gradueller Art geht – ich würde nie in Abrede stellen, dass Konsum ein wichtiger Bestandteil des modernen und freien Lebens ist. Nur macht die Dosis das Gift. Die Frage ist: Wie kann man Konsum so entschleunigen oder seine Frequenz so verringern, dass auf diese Weise die einzelne Konsumhandlung letztlich mehr Genuss generiert, als wenn sie in einer Lawine vieler Konsumhandlungen untergeht? Das ist der Trick dabei: Kein Verzicht, sondern eine neue Rationalität des Konsums.</p>
<p><strong>Das heißt: Man muss sich nicht generell von Urlaubsreisen verabschieden, sollte aber nicht unbedingt zwischendrin auch noch dauernd für verlängerte Wochenenden nach Malle jetten?</strong></p>
<p>Ganz genau. Wobei: Mit den Flugreisen ist es wirklich schwierig, weil ich mich in meinen Ausführungen zur Postwachstumsökonomie immer auf die individuellen ökologischen Grenzen fokussiere, die wir einhalten sollten. Besser gesagt: Ich weise zärtlich darauf hin, dass das Zwei-Grad-Klimaschutzziel in Verbindung mit globaler Gerechtigkeit nun mal bedeutet, dass jeder Mensch auf diesem Planeten pro Jahr nur noch 2,7 Tonnen CO<sub>2</sub> verursachen darf. Da ist eine jährliche Flugreise nach New York nicht drin – was man machen kann, ist, nicht jedes Jahr ein Flugzeug zu benutzen.<br />
Das soll keine giftige Forderung sein, sondern darauf hinweisen, dass man sich mal entscheiden muss: Will man Klimaschutz oder will man ihn nicht? Will man ihn, muss man die Konsequenz ziehen oder wenigstens so ehrlich sein zu sagen: Ich halte das nicht durch, ich muss meinen Beitrag zum Klimaschutz schuldig bleiben. Blöderweise bleibt man dann auch die Antwort auf die Frage schuldig: Wie soll Klimaschutz dann jemals funktionieren? Es handelt sich hierbei um eine Wenn-dann-Aussage, nicht um den Versuch, jemandem auf die Füße zu treten.</p>
<p>Noch was zu Flugreisen. Wenn sich jeder Mensch eingestehen würde, dass diese 2,7 Tonnen CO<sub>2</sub> den Orientierungsrahmen darstellen, dann kann man das auch wie ein Konto behandeln: Wenn man selbst oder vielleicht auch Menschen im Bekanntenkreis drei, vier Jahre darunterbleiben, kann man sich auch mal wieder eine Flugreise erlauben. Es geht also nicht um ein Verbot, sondern das Management, um langfristig und durchschnittlich betrachtet innerhalb verantwortbarer Grenzen zu bleiben.</p>
<p><strong>Sie haben von einer global gerechten Aufteilung des CO<sub>2</sub>-Aufkommens gesprochen. Was ist mit Entwicklungs- und Schwellenländern? Man wird den Menschen dort ja kaum vermitteln können, dass sie, einen entsprechenden wirtschaftlichen Aufschwung vorausgesetzt, nun auf Annehmlichkeiten, die die Menschen in den Industrienationen jahrzehntelang genossen haben – Auto, Reisen etc. –, von vornherein verzichten sollen.</strong></p>
<p>Vermittlung ist ein Kommunikations-, kein politisches Problem. Das heißt: Solange wir in Europa nicht in der Lage sind, eine Daseinsform in Bezug auf Konsum, Mobilität, Telekommunikation und andere Bequemlichkeiten zu entwickeln, die innerhalb der gerade genannten Grenzen bleibt, wird es nie möglich sein, mit beispielsweise den Chinesen darüber ins Gespräch zu kommen, dass weniger mehr sein kann. Wir in Europa sind die Projektionsfläche, auf der Menschen in Asien, Lateinamerika und Afrika das Bild eines erstrebenswerten Lebens bewundern. Und solange wir auf dieser Projektionsfläche nichts anderes in Erscheinung treten lassen als das, was in den Untergang führt, können wir den Menschen in Afrika nicht vermitteln, dass ein nachhaltiges Wohlstandsmodell möglich und „cool“ sein kann.</p>
<p>Deswegen sind auch diese ganzen Klimakonferenzen schlimme Zeitverschwendung. Und Kerosinverschwendung, weil es ja immer tausende von Leuten sind, die da hinfliegen.</p>
<p><strong>Allerdings können wir ja eigentlich nicht einmal ansatzweise von einer Reduktion des Verbrauchs sprechen. Im Gegenteil ist trotz aller Öko-Mahnerei alles am Ansteigen: Die Zahl der Flugreisen, der Verbrauch an Strom, der CO<sub>2</sub>-Ausstoß, die Zahl der technischen Spielzeuge in den Haushalten … fühlt man sich als Postwachstumsökonom nicht als Mahner in der Wüste?</strong></p>
<p>Naja, wenn ich zu Klimaschutz, nachhaltiger Entwicklung oder eben Postwachstumsökonomie gefragt werde, muss ich wenigstens versuchen, mich selbst nicht zu belügen und auch dem geneigten Publikum entsprechende Antworten geben: So gesehen ist die Postwachstumsökonomie das Gebot der Stunde. Das ist mein Diskussionsbeitrag, mehr nicht. Ich kann ja nicht so vermessen sein zu glauben, dass sich die Dinge ändern, bloß weil ich den Schnabel aufmache. Es gibt ja auch die Gegenrede, es gibt Heerscharen von Wirtschaftswissenschaftlern und Feuilletonisten, die ganz andere Standpunkte vertreten; und in einer offen geführten Auseinandersetzung kann nicht ein Einzelner für sich in Anspruch nehmen, für massenhafte Akzeptanz dessen zu sorgen, was er verbreitet.<br />
Es ist auch ein Missverständnis, wenn der Eindruck entsteht, dass ich Massen erreichen will. Nichts liegt mir ferner. Mir geht es um eine Avantgarde, ich will den Nischen Rückhalt geben, in denen Pioniere jetzt schon bereit und fähig sind, Lebensstile zu praktizieren, die mit einer zukunftsfähigen Ökonomie kompatibel sind. Ich will diesen Leuten Würde geben und argumentative Munition liefern, damit sie nicht als Romantiker, Sektierer oder durchgeknallte Spinner dastehen.<br />
Diese Lebensstil-Schablonen, die in solchen Nischen bereits entstehen, werden dann wichtig sein, wenn dieses Kartenhaus, das wir „Wohlstand“ nennen, zusammenbricht. Das ist der eigentliche Schrittmacher. Es geht nicht um Überzeugung, es geht nicht mal mehr darum, den Kollaps oder die Kette von Kollaps-Szenarien, die der Club of Rome erstmals definiert hat, zu verhindern, sondern nur noch darum, sie zu gestalten. Wir sind an allen Ausfahrten in Richtung Nachhaltigkeit mit Hochgeschwindigkeit vorbeigerast. Wir erleben gerade den Vorabend – nun, ich würde sagen, einer Situation, die noch einige Herausforderungen und Überraschungen bereithält.</p>
<p><strong>Klingt niederschmetternd.</strong></p>
<p>Trotzdem würde ich nicht von „Desaster“ oder „Katastrophe“ reden. Ich rede von Zuspitzung, von Krise, von Eskalation. Und Krisen können ja auch immer eine Chance für einen Neuanfang darstellen, das wissen wir aus der Medizin. Sie können sogar mit Humor getragen werden – ich erinnere an die autofreien Sonntage 1974/75, als erst alle vor Angst und Schrecken erstarrt sind. Später dann, als wir die Bilder gesehen haben, wie Kinder mit Rollschuhen und Bonanzarädern über die Autobahnen gekurvt sind und ganze Familien ihren Grill auf der vierspurigen Strecke aufgebaut hatten, haben wir uns vor Lachen gekrümmt. Die eine Party hört auf, und die nächste – und vielleicht viel lustigere – fängt an.</p>
<p><strong>Stichwort Medizin: Sie verwenden mitunter medizinische Termini, um Ihre Thesen zu veranschaulichen. Was mit „Konsumverstopfung“ gemeint ist, haben wir vorhin schon gehört. Was aber verbirgt sich hinter der Diagnose „Konsum-Burnout“, wie äußert der sich?</strong></p>
<p>Er äußert sich in Stress; vor allem darin, dass die Bewältigung all der Konsumoptionen, die man sich angedeihen lässt, weil man sie sich inzwischen leisten kann, schlicht und ergreifend eine Kapazitätsgrenze erreicht. Der Mensch hat seit der Steinzeit doch eigentlich nichts dazugelernt. Nicht nur, dass er nach wie vor zwei Arme, zwei Beine und einen Körper hat, also auch physisch nicht zu mehr in der Lage ist – auch die Festplatte und der Prozessor im Oberstübchen sind nicht wirklich gewachsen. Es gibt lediglich so etwas wie einen pädagogischen Fortschrittseifer. Aber es ist für mich hanebüchen zu glauben, dass Menschen plötzlich in der Lage sein sollen, aus einem 24 Stunden dauernden Tag mehr an selbst aufzubringender Aufmerksamkeit herauszuholen, als das in der Steinzeit der Fall war.<br />
Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, und diese nicht vermehrbare Ressource auf immer mehr Ereignisse zu verteilen, kann nur dazu führen, dass ich jedes einzelne Ereignis entwerte. Der Nutzen oder der positive Effekt, den ich einem Ereignis oder einem Konsumgut entringen kann, ist eine Funktion der Zeit, die ich dieser spezifischen Aktivität widme. Und wenn ich mit einer immer größeren Geschwindigkeit über einen Ozean der Möglichkeiten surfe , aus Angst, mir könnte etwas entgehen, und somit die Fähigkeit zum Verweilen verlerne, dann praktiziere ich die oberflächlichste Form der Aneignung, nämlich gar keine mehr. Ich sammle dann nur noch Trophäen; ich triggere nur noch Ereignisse oder Konsumlösungen, kann sie aber nicht mehr ausschöpfen im Sinne einer positiven emotionalen Steigerung. Das ist dann in gewisser Weise ein Burnout, der uns unglücklicher werden lässt.</p>
<p><strong>Das ist die Diagnose. Wie sieht es mit den Therapiechancen aus?</strong></p>
<p>Man muss sich einmal klarmachen, dass in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt die Menge der verschriebenen Antidepressiva verdoppelt wurde. Wie kann das sein, in einem der reichsten Länder? Das sind Indizien dafür, dass die Überlastung, die im Extremfall in eine Depression einmündet und in verschiedenen Vorstufen als Burnout bezeichnet wird, immer weiter zunimmt. Wir leben heute in einer Welt, in der wir – quasi zwischen Hammer und Amboss – gleich zwei Überlastungen ausgesetzt sind: Zum einen nach wie vor der beruflichen Leistungsgesellschaft. Zum anderen ist aber inzwischen das Privatleben zu einer parallelen Leistungsgesellschaft geworden. Der nächste Urlaub bedeutet Stress, da kriegt man einen Horror und denkt: Ach du Schreck, ich muss ja bald wieder Urlaub planen – wo fliege ich hin, was soll ich da machen und so weiter. Oder das neue iPhone kommt raus. Das wirft mich in ein Problem hinein, denn ich habe ja noch das alte – ich stehe vor dem Problem, mich zu entscheiden.<br />
Wir haben inzwischen einen Punkt erreicht, an dem selbst die Dinge, für die wir uns nicht entscheiden, unsere knappe Ressource Zeit rauben. Alleine das Konfrontiertsein mit immer mehr Möglichkeiten, immer mehr Selbstverwirklichungsoptionen, immer mehr Freiheitspotentialen, verlangt mir ab, das alles zu verarbeiten. Also wird ein Teil meiner nicht vermehrbaren Aufmerksamkeit abgezapft.<br />
Das wird irgendwann auch zu einem ökonomischen und auch ein pädagogischen Problem. Ich bin konservativ genug, um zu sagen, dass das ganze Gedaddel mit den Pisa-Studien eine große Lebenslüge ist, die uns ersparen soll, die unbequeme Wahrheit anzuerkennen: Es ist die Konsumgesellschaft, die das Bildungssystem kaputtmacht, und nicht das dreigliedrige Schulsystem – das ich um Gotteswillen nicht schönreden will. Junge Menschen sind umgeben von soviel zeitraubenden und konzentrationsheischenden Objekten und Prozessen der digitalisierten Kommunikation, dass es doch kein Wunder ist, dass sie sich nicht mehr konzentrieren können. Ich habe in meinen Vorlesungen Leute sitzen, die nur auf Displays gucken. Die gehen nur noch dahin, um ihr Gewissen zu beruhigen; sie können sich auf das, was ich ihnen als Dozent präsentiere, gar nicht mehr konzentrieren, weil sie gleichzeitig Mails abrufen, SMS verschicken und sich irgendwas im Netz angucken.</p>
<p>++++</p>
<p><em>Lesen Sie im </em><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=39139"><strong>zweiten Teil des Interviews</strong></a><em>, was Niko Paech von der &#8220;German Energiewende&#8221; hält, warum weniger Arbeiten mehr sein kann und was das alles mit Griechenland zu tun hat.</em></p>
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		<title>&#8220;Das muss man durchstehen&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jan 2013 04:00:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Landtagswahl]]></category>
		<category><![CDATA[Linke]]></category>

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		<description><![CDATA[Nur noch drei Oldenburger sind im 17. Niedersächsischen Landtag vertreten. Linke-Fraktionschef Hans-Henning Adler wird nach der Wahlniederlage seiner Partei nicht mehr dabei sein - im Lokalteil-Interview blickt er zurück auf die Niedersachsen- und voraus auf die Bundestagswahl.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Nur noch drei Oldenburger sind im 17. Niedersächsischen Landtag vertreten. Linke-Fraktionschef Hans-Henning Adler wird nach der Wahlniederlage seiner Partei nicht mehr dabei sein &#8211; im Lokalteil-Interview blickt er zurück auf die Niedersachsen- und voraus auf die Bundestagswahl.</span></p>
<div id="attachment_42339" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/01/Linke-Pfeil.jpg"><img class="size-full wp-image-42339" alt="Der Lack ist ab: Die Linke steht im Westen derzeit nicht besonders stark da. BILD: stihl024 / pixelio.de" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/01/Linke-Pfeil.jpg" width="600" height="345" /></a><p class="wp-caption-text">Der Lack ist ab: Die Linke steht im Westen derzeit nicht besonders stark da. BILD: stihl024 / pixelio.de</p></div>
<p><strong>Herr Adler, die Linke musste in Niedersachsen eine deftige Niederlage einstecken. Woran lag’s?</strong></p>
<p>Eine Ursache ist, dass wir unfreiwillig Leihstimmen an SPD und Grüne abgegeben haben. Viele Menschen haben uns an den Wahlkampfständen gesagt: Wir finden eure Arbeit eigentlich ganz gut, aber die FDP und McAllister wurden jetzt wieder so starkgeschrieben, dass wir um den Regierungswechsel fürchten – und deshalb dann doch lieber Rot-Grün die Stimme geben. Aus so einer Dynamik – wenn die Parole eines Kopf-an-Kopf-Rennens ausgegeben wird – kommt man ganz schwer raus.<br />
Das ist auch erst in den letzten zwei Wochen vor der Wahl passiert, vorher sah es ja so aus, dass SPD und Grüne eine deutliche Mehrheit hätten. In dieser Konstellation hätten wir bessere Chancen gehabt – bundesweit stehen wir bei sieben bis acht Prozent, wenn man das angesichts unserer Stärke im Osten auf Niedersachsen herunterrechnet, wären das immer noch fünf Prozent. Aber so sind wir zwischen die Mühlsteine geraten.</p>
<p><strong>Gilt die Linke für einige Wähler also als Hemmnis für einen Politikwechsel? Bei einigen Wahlergebnissen der letzten Jahre hat das Fünf-Parteien-System dazu geführt, dass weder CDU und FDP auf der einen noch SPD und Grüne auf der anderen Seite eine Mehrheit zustande bekommen haben und es letztlich auf eine große Koalition hinauslief, die ja zumeist niemand will.</strong></p>
<p>Einige denken sicherlich so. Wir müssen unsere eigenständige Bedeutung klarmachen, die wie in diesem parlamentarischen System haben. Wenn wir nicht dabei sind – ja, was wird denn dann passieren? Rot/Grün haben wir ja schon gehabt, dabei sind Hartz IV und Steuererleichterungen für die Reichen herausgekommen.</p>
<p><strong>Der Wahlkampf in Niedersachsen wurde ja von vielen Seiten als Lagerwahlkampf geführt und bezeichnet – Schwarz/Gelb gegen Rot/Grün. Sehen Sie die Gefahr, dass das bei der Bundestagswahl ähnlich laufen und die Linke erneut unter die Räder geraten wird?</strong></p>
<p>Ich denke, aufgrund unserer Stärke im Osten sind wir da aus der unmittelbaren Gefahrenzone heraus. Da kann man schon davon ausgehen, dass die Stimme für die Linke keine verlorene sein wird.<br />
Wir stehen für eigene Inhalte und haben ja auch eine Art Wächterfunktion für die Versprechungen von SPD und Grünen. Die haben ja praktisch unser gesamtes Programm übernommen – alles, was wir im Landtag einbringen, haben die mit zeitlicher Verzögerung auch gebracht. Wir haben etwa die ganze Zeit gesagt, man müsse mehr Betriebsprüfungen durch die Finanzämter machen. Vier Wochen vor der Wahl hat sich dann Stephan Weil hingestellt und gesagt: Das ist die Lösung.</p>
<p><strong>Im Programm der Linken finden sich ja durchaus mehrheitsfähige Forderungen wie Mindestlohn, Einschränkung der Leiharbeit, Abschaffung der Studiengebühren. Die Stimmen dafür bekommen aber offenbar die Anderen, die SPD scheint vom Thema Mindestlohn weitaus mehr zu profitieren …</strong></p>
<p>Ja, obwohl das ja mal unsere Idee war und wir das als erste Partei im Bundestag eingebracht hatten. Müntefering hatte das damals strikt abgelehnt, das haben die Leute vergessen. Das Problem ist eigentlich, dass die Linke als junge Partei noch keine ausreichende Stammwählerschaft hat – in Nordrhein-Westfalen liegt die zwischen zwei und drei Prozent, in diesen Größenordnungen bewegt sich das. Alles andere ist das, was in einer Wahlanalyse mal als „flüchtige Wählerschaft“ bezeichnet wurde – Wähler, die sagen: Diesmal gebe ich meine Stimme der Linken. So war das auch bei der Landtagswahl vor fünf Jahren. Da hatten wir eine große Koalition in Berlin, vor deren Hintergrund es viel Enttäuschung gegenüber der SPD gab und einige die Linke gewählt haben. Das heißt aber nicht, dass wir diese Stimmen jetzt immer kriegen. Es ist auch unserer Problem, dass wir in den Milieus der Hartz-IV-Empfänger und prekär Beschäftigten nicht genug mobilisieren konnten – da sind viele aus Resignation zuhause geblieben. Es ist unsere Aufgabe, die wieder an die Wahlurne zu kriegen.</p>
<p><strong>Ein Punkt, die die Linke nicht mit anderen gemeinsam hat, ist, dass Sie die Schuldenbremse ablehnen. In Zeiten, in denen das Wort „Schulden“ omnipräsent ist und allgemein als Bedrohung empfunden wird, gewissermaßen ein Recht auf Schulden einzufordern – das kam wohl nicht besonders gut an.</strong></p>
<div id="attachment_42341" class="wp-caption alignright" style="width: 216px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/01/hh-adler.jpg"><img class="size-medium wp-image-42341" alt="Ex-MdL Hans Henning Adler. BILD: Linke Nds." src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2013/01/hh-adler-206x300.jpg" width="206" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Ex-MdL Hans Henning Adler. BILD: Linke Nds.</p></div>
<p>So haben wir’s ja nicht gesagt. Unsere Schuldenbremse ist die Millionärssteuer, also die Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Es wäre ja durchaus möglich, auch ohne Schulden Haushalte auszugleichen. Die Schuldenbremse wollen wir nicht in der Verfassung stehen haben. Wenn ein Land einen nicht ausgeglichenen Haushalt hat, dann muss das vom Volk gewählte Parlament das Recht haben zu entscheiden: Ausgaben kürzen, Einnahmen steigern oder Schulden machen. Das sind die drei Möglichkeiten. Wenn das Parlament diese Entscheidung nicht mehr treffen kann, ist das für uns ein Demokratieproblem. Man muss das offen diskutieren können: Wir haben ein Haushaltsproblem, was machen wir jetzt? Gürtel enger schnallen? Sozialleistungen kürzen? Steuern erhöhen? Oder eben, wenn es die konjunkturelle Entwicklung rechtfertigt, auch mal Schulden zu machen. Es spricht sich ja keiner dafür aus, dauerhaft immer mehr Schulden zu machen.</p>
<p><strong>Was die Landespolitik angeht, sind die Gestaltungsmöglichkeiten auf der Einnahmenseite allerdings ziemlich beschränkt. Die Linke forderte zum Beispiel die Rücknahme der Kürzung der Beamtengehälter in Niedersachsen oder ein öffentliches Beschäftigungsprogramm. Wie hätten Sie das finanzieren wollen?</strong></p>
<p>Das liegt an der verfassungsrechtlichen Konstruktion der Bundesländer. Die Vermögenssteuer ist eine Steuer, die zu 100 Prozent den Ländern zugute kommt, aber vom Bund beschlossen wird. Das ist ein richtiges Problem: Auf der Länderebene hat man nur sehr wenige Steuern, die man beeinflussen kann. Eine wäre die Grunderwerbssteuer, die ist aber schon unter McAllister erhöht worden, da kann man nicht mehr viel machen.<br />
Man kann aber woanders etwas tun. Wie schon der Verband der Steuerbeamten sagte: Stellt mehr Betriebsprüfer ein und kontrolliert die Unternehmen. Jeder Steuerprüfer refinanziert sich um das Zehnfache, da kommt Geld rein. Jeder Arbeitnehmer muss bei seiner Einkommenssteuererklärung alle Belege vorlegen und wird vollständig kontrolliert – und wann finden in den Betrieben Prüfungen statt? Alle fünf bis zehn Jahre. Da sind doch die großen Reserven.</p>
<p><strong>An Themenfeldern, die die Linke belegen könnte, mangelt es ja nun wirklich nicht: Bankenkrise, Casinokapitalismus – lauter Steilvorlagen. Allerdings hört man dazu von der Partei eher wenig, wenn nicht gerade Gysi oder Lafontaine vor die Kameras treten; es wirkt, als könne die Partei diese Themen nicht richtig besetzen.</strong></p>
<p>Naja, was die Arbeit der Landtagsfraktion angeht, kann ich sagen: Wir haben im Verhältnis zur Größe der Fraktion so viele Presseerklärungen rausgeschickt und alternative Positionen entwickelt, dass wir uns da wirklich nicht verstecken müssen. Das Problem ist eigentlich eher, dass das alles nicht so wahrgenommen wird. Man muss sich nur mal die NWZ angucken, wie die die FDP hochgeschrieben haben – die konnten sagen, was sie wollten und kriegten immer gleich Riesenartikel. Dabei waren die eine Zeitlang stimmungsmäßig genauso stark wie wir, nur wurden sie völlig anders behandelt. Wir freuen uns schon immer, wenn wir mal eine kleine Bemerkung kriegen. Zum Beispiel die Erhöhung der Strompreise, die vor allem die Ärmsten treffen wird – wir haben dieses Thema in den Mittelpunkt gestellt, es ist aber überhaupt nicht wahrgenommen worden. Anderes Beispiel: Die Firma Vion in Emstek. Die haben Arbeitnehmer entlassen und stattdessen rumänische Arbeiter mit Werkverträgen für fünf Euro pro Stunde eingestellt. Das ist ein unglaublicher Skandal. Ich habe Anzeige erstattet und eine Presseerklärung rausgegeben – das haben die nicht gebracht.</p>
<p><strong>Die Linke ist im vergangenen Jahr aus den Landtagen von Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein hinausgeflogen, im Saarland ist sie &#8211; wohl wegen der Person Lafontaines &#8211; noch drin, hat aber auch dort schwere Verluste erlitten. Wohin entwickelt sich die Linke – zurück zur Regionalpartei im Osten, wie die großen Medien jetzt unken?</strong></p>
<p>Nein, das denke ich nicht. Die Linke wird bundesweit präsent bleiben, die Frage ist, in welcher Stärke. Die FDP und die Grünen sind auch schon aus Landtagen rausgeflogen und waren längere Zeit nicht drin, sind dann aber wieder reingekommen. Das muss man als Partei einfach durchstehen. Wir sind im Europaparlament, im Bundestag, in Kommunalparlamenten – das Durchhaltevermögen haben wir.</p>
<p><strong>Ein Stimmen-Leihgeber ist ja auch eher nicht in Sicht.</strong></p>
<p>Nein, Leihstimmen bekommen wir im Gegensatz zur FDP nicht. Aber ich finde, es schmückt die FDP auch nicht gerade, dass sie nur mithilfe dieser künstlichen Blutzufuhr am Leben erhalten wird.</p>
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		<title>&#8220;Unregierbar, das ist mir sympathisch&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Jan 2013 05:00:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Leute]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Comiczeichner Gerhard Seyfried hat einst der Spontiszene ein Gesicht gegeben - eines mit Zottelbart und breitem Grinsen. Heute schreibt er historische Romane - im Lokalteil-Interview berichtet er über den Cartoonisten Seyfried, den Schriftsteller Seyfried - und wie sich die beiden so vertragen.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Der Comiczeichner Gerhard Seyfried hat einst der Spontiszene ein Gesicht gegeben &#8211; eines mit Zottelbart, breitem Grinsen und auf einem Körper sitzend, der gerne auch mal eine Bombe in den Händen hielt. Heute schreibt er historische Romane &#8211; im Lokalteil-Interview berichtet er über den Cartoonisten Seyfried, den Schriftsteller Seyfried &#8211; und wie sich die beiden so vertragen.</span></p>
<p><object width="610" height="458" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube.com/v/vOQVc5Z4iZE?version=3&amp;hl=de_DE" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed width="610" height="458" type="application/x-shockwave-flash" src="http://www.youtube.com/v/vOQVc5Z4iZE?version=3&amp;hl=de_DE" allowFullScreen="true" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" /></object></p>
<p>Es ist bereits der vierte Roman, den Seyfried im Rahmen der LiteraTour Nord im Wilhelm 13 vorstellte; und der dritte, der zu Kaisers Zeiten spielt: In &#8220;Verdammte Deutsche!&#8221; geht es um die mitunter skurill anmutenden Anfänge des modernen Geheimdienstwesens am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Die Vorliebe für die Pickelhaubenzeit, in die sich Seyfried schon mit seinen Kolonialromanen &#8220;Herero&#8221; und &#8220;Gelber Wind&#8221; begeben hatte, mutet nicht eben als naheliegendstes Steckenpferd für den Künstler an, der mit Comicbänden wie &#8220;Invasion aus dem Alltag&#8221; oder &#8220;Flucht aus Berlin&#8221; zuvor vor allem die späte Bundesrepublik wie kein zweiter in Szene gesetzt hatte. Mindestens ein Seyfried-Cartoon war und ist auch heute noch in jeder WG-Küche &#8211; sofern deren Bewohner etwas auf sich halten &#8211; zu sehen; seine Helden waren sesselpupsige Anarchos, seine Lieblingsfeinde Nazis und Polizisten, seine Geschichten herrlich abgedreht. 1990 brachte ihm das auf dem Erlanger Comicsalon die Auszeichnung als &#8220;bester deutschsprachiger Comickünstler&#8221; ein.</p>
<p>Zuletzt erschien 2010 nach zehnjähriger Pause mit &#8220;Kraft durch Freunde&#8221; wieder ein Comicalbum in Zusammenarbeit mit Ziska Riemann.</p>
<p>++++</p>
<p style="text-align: left;"><em>Kamera und Schnitt: Amon Thein</em></p>
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		<title>Oldenburg, der Not-so-Big Apple</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Aug 2012 04:00:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Filmfest]]></category>

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		<description><![CDATA[Finanzierungsstreit, Unterstellungen, Gerichtsverfahren - das sind die Aspekte, um die es zuletzt ging, wenn man vom Oldenburger Filmfest sprach. Zeit, zur Abwechslung wieder über das eigentliche Festival zu reden. Im Lokalteil-Interview spricht Filmfestleiter Torsten Neumann über Musikfilme, eine Schauspiellegende, einen schrumpeligen Apfel - und, ja, natürlich, auch übers liebe Geld.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Finanzierungsstreit, Unterstellungen, Gerichtsverfahren &#8211; das sind die Aspekte, um die es zuletzt ging, wenn man vom <a href="http://www.filmfest-oldenburg.de/" target="_blank">Oldenburger Filmfest</a> sprach. Zeit, zur Abwechslung wieder über das eigentliche Festival zu reden &#8211; und zwar mit Filmfestleiter Torsten Neumann, der am Dienstag zum Endspurt für die am 12. September startende 19. Ausgabe des Festes läutete. Im Lokalteil-Interview spricht er über Musikfilme, eine Schauspiellegende, einen schrumpeligen Apfel &#8211; und, ja, natürlich, auch übers liebe Geld.</span></p>
<p>Um die Frage, wieviele Fans das Filmfest nun tatsächlich hat, wurde in den vergangenen Monaten in bisweilen ermüdender Breite diskutiert und gestritten. Vielleicht gibt die neue Marketingkampagne ja Aufschluss darüber, wie groß der Zuspruch ist: Mit T-Shirts mit dem Aufdruck &#8220;Support your local Filmfest&#8221; oder den unvermeidlichen Soli-Schleifen-Buttons, in diesem Fall im Design eines Filmstreifens, können Besucher das Festival unterstützen. Auch finanziell: Der Erlös wandert in die Filmfestkasse.</p>
<p>Wie prall die gefüllt ist, steht noch nicht fest; Neumann beziffert das Budget auf &#8220;weniger als 350.000 Euro&#8221;. Der finanzielle und damit auch inhaltliche GAU ist ausgeblieben: Zwar werden in diesem Jahr eine Handvoll Filme weniger gezeigt als 2011, und eventuell fällt auch noch das &#8220;Tribute&#8221;-Format weg. Dafür wird erstmals ein Darstellerpreis, der &#8220;Seymour Cassel Award&#8221;, vergeben und vom Namensgeber höchstselbst überreicht &#8211; im Großen und Ganzen wird sich das Festival in etwa auf Vorjahresniveau bewegen. Neue Sponsoren machen es möglich, vorhandene haben zudem ihr Engagement verstärkt. Insgesamt werden an den gewohnten Spielorten, allerdings nicht mehr im Staatstheater, mehr als 40 Filme sowie ein gutes Dutzend Kurzfilme zwischen dem 12. und 16. September laufen. <a href="http://youtu.be/FvXXhdIhQno" target="_blank">Der Trailer</a> &#8211; eine Hommage an Billy Wilders &#8220;The lost Weekend&#8221; von 1945, gedreht in der inoffiziellen Filmfestkneipe Marvin&#8217;s &#8211; ist ab diesem Donnerstag zu sehen.</p>
<p><object width="610" height="343" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube.com/v/7lVGDvSTljg?version=3&amp;hl=de_DE" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed width="610" height="343" type="application/x-shockwave-flash" src="http://www.youtube.com/v/7lVGDvSTljg?version=3&amp;hl=de_DE" allowFullScreen="true" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" /></object></p>
<p>Filme, Programm und Drumherum unter <a href="http://www.filmfest-oldenburg.de/" target="_blank">www.filmfest-oldenburg.de</a>.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>&#8220;Das ist unterstes Niveau&#8221;</title>
		<link>http://www.noltejournal.de/Magazin/?p=25013</link>
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		<pubDate>Fri, 23 Mar 2012 05:45:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maik Nolte</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Filmfest]]></category>
		<category><![CDATA[Grüne]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Ratsmehrheit hat gesprochen: Filmfestleiter Torsten Neumann muss in diesem Jahr mit einem um gut ein Drittel reduzierten städtischen Zuschuss auskommen. Im Lokalteil-Interview sagt er, was er davon hält - und von den Vorwürfen, die er sich anhören muss.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Die Ratsmehrheit hat gesprochen: Filmfestleiter Torsten Neumann muss in diesem Jahr mit einem um gut ein Drittel reduzierten städtischen Zuschuss auskommen. Im Lokalteil-Interview sagt er, was er davon hält &#8211; und von den Vorwürfen, die er sich anhören muss.</span></p>
<div id="attachment_42451" class="wp-caption aligncenter" style="width: 610px"><a href="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/03/Filmfest-Neumann.jpg"><img class="size-full wp-image-42451" alt="Die Zukunft des Filmfests im Dunkeln? Leiter Torsten Neumann. FOTO: FF" src="http://www.noltejournal.de/Magazin/wp-content/uploads/2012/03/Filmfest-Neumann.jpg" width="600" height="359" /></a><p class="wp-caption-text">Die Zukunft des Filmfests im Dunkeln? Leiter Torsten Neumann. FOTO: FF</p></div>
<p><strong>Herr Neumann, es ist zwei Tage nach dem Ratsbeschluss vielleicht ein bisschen früh für diese Frage, aber ich stelle sie mal trotzdem: Was nun?</strong></p>
<p>Das weiß ich noch nicht. Zu dem, was ich bereits gesagt hatte und was viele, auch diverse Ratsmitglieder, als „Drohung“ bezeichnet haben…</p>
<p><strong>… nämlich mit dem Filmfest in eine andere Stadt zu ziehen…</strong></p>
<p>… kann ich nur sagen: Das ist keine Drohung, sondern eine Einschätzung der Realität, die ich versucht habe, diesen Herrschaften etwas näher zu bringen. Es ist natürlich etwas komplexer, aber wenn man es ganzheitlich sieht, dann ist so ein finanzieller Einschnitt etwas, was sich nach unten potenziert. Es ist also weniger als eine Drohung als vielmehr etwas, wo ich keine Perspektive sehe. Wir haben in letzter Zeit viel positives Feedback von der Oldenburger Bevölkerung bekommen, auch von Leuten, die gesagt haben: „Wir finden noch Wege, das zu finanzieren“ und so weiter – aber das, was ich gesagt habe, steht jetzt erstmal im Raum. Wir müssen das Fest 2012 irgendwie auf die Beine stellen, das muss dann wahrscheinlich mit irgendwelchen Einbußen zurechtkommen – aber es wird ermüdend, wenn man das weiterhin so betreiben muss. Auch die Statements der Politik, die ich jetzt so lese, klingen nicht nach „Ja, wir wollen das Filmfest“ – das geht im Moment ja nur noch auf der persönlichen Ebene und auf unterstem Niveau ab.</p>
<p><strong>Gibt es denn Vergleichsansätze mit anderen Städten, anderen Filmfesten – kurz, alternativen Orten, an denen eine stabilere Finanzierung zu erwarten ist?</strong></p>
<p>Ich würde gar nicht nach solchen Vergleichen suchen – die besten Festivals finden in klitzekleinen Städten statt. Cannes hat 70.000 Einwohner, aber das ist kein Vergleich; genauso wenig sollten wir uns deutsche Provinzstädte suchen und deren Festivals vergleichen. Saarbrücken hat ein Festival, das 40 Jahre alt und strukturell gewachsen ist und das auch mal umkämpft und hinterfragt wurde – ich weiß nicht, was für Budgets die im Einzelnen haben und es steht mir auch gar nicht an zu sagen, mit wem ich uns vergleichen will, das müssen andere machen.<br />
Ich will es aber auch nicht immer wieder gebetsmühlenartig erklären müssen – wir geben schließlich nicht nur jedes Jahr einen Verwendungsnachweis ab, es gibt ja auch einen Pressespiegel, in dem andere sagen, wie sie das Filmfest einschätzen. Wenn das nicht gesehen oder nicht wertgeschätzt wird, muss ich mich nicht noch hinstellen und das lange erklären. Wir haben ein gutes Standing und ich glaube – das kann ich wohl sagen, ohne rot werden zu müssen –, dass es in Oldenburg nicht so viel gibt, das über die Stadt hinaus strahlt. Ich kann mir auch nicht mehr anhören, wie jemand sagt: „Ich empfehle dem Herrn Neumann, einfach mal weniger Gäste weniger einzuladen“ – muss ich demjenigen erklären, was ein Filmfest ist? Ein solches Festival bedeutet, dass die Macher der Filme anwesend sind, darum geht es doch. Dann brauche ich auch keine Filme mehr zu besorgen, dann brauchen wir auch kein Filmfest mehr.</p>
<p><strong>Es gibt aber nun auch Leute, die bezweifeln, dass das Filmfest außerhalb von Oldenburg tatsächlich diese Ausstrahlung und dieses Renommee hat, das immer kolportiert wird.</strong></p>
<p>Ja, das lese ich auch hier und da. Da gibt es ein paar, die vollkommen irrationale Vergleiche anstellen und das Filmfest einfach nur miesmachen wollen. Wenn man sich aber anschaut, was für Reaktionen wir bei den Leuten hervorrufen, die sich damit auskennen, dann ist das, ehrlich gesagt, Schwachsinn.</p>
<p><strong>Grünen-Fraktionssprecher Sebastian Beer hat unverblümt <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/03/19/cancel-it-again-sam/">seiner Vermutung Ausdruck</a> verliehen, die Besucherzahlen des Filmfests seien schöngerechnet worden. Was sagen Sie dazu?</strong></p>
<p>Ganz wenig. Ich finde es verwegen, so etwas laut zu äußern. Man kann nicht einfach die Besucherzahlen mal sieben rechnen und dann zu dem Schluss kommen, dass das ja Einnahmen von 100.000 Euro ergeben müsste. Da gibt es Akkreditierungen, da gibt es Einladungen, da gibt es Freikarten, Dauerkarten, die JVA-Screenings, wo alle Insassen die Filme sehen… alles zusammen ergibt diese Zahl. Ich halte es für eine Unverfrorenheit, so was zu sagen – zumal ich gar nicht weiß, warum er das sagt. Was hat er davon? Er vertritt eine städtische Kulturpolitik, die das Festival ja immer noch mit 50.000 Euro fördert – und dann will er das schlechtmachen?</p>
<p><strong>Die Zahl 50.000 ist ja nicht neu – sie entspricht im Wesentlichen der Förderung von 2010, die ja dann nur für 2011 wieder aufgestockt wurde. Und das man in der Haushaltsfrage an Rot/Grün nicht vorbeikommt, ist auch schon länger klar – hat das Filmfestmanagement versäumt, rechtzeitig Kontakt aufzunehmen und seine Interessen zu vertreten?</strong></p>
<p>Ich hatte mich nach dem Filmfest 2010 mit Leuten von den Grünen getroffen, wir haben lange und meiner Meinung nach durchaus erhellende Gespräche geführt. Nach dem letzten Filmfest habe ich mich mit Herrn Krogmann von der SPD getroffen, und auch das war ein Gespräch, aus dem wir mit dem Gefühl rausgegangen sind, uns ein bisschen besser zu verstehen. Und wir reichen jedes Jahr einen Antrag ein – da ist eine Kalkulation drin, da wird die Vernetzung in Oldenburg dargelegt, da sind Pressestimmen beigelegt; da wird also genau begründet, warum wir soundsoviel beantragen. Wie kann man da jetzt sagen: „Herr Neumann muss sich mal vorher mit uns in Verbindung setzen“? Das verstehe ich gar nicht. Ich habe doch mit den Leuten gesprochen, wenn auch nicht mit jedem Ratsmitglied; es kann doch nicht sein, dass mir das jetzt als Versäumnis ausgelegt wird. Und das Beste daran war die Nummer, mir vorzuwerfen, ich hätte denen erklären müssen, wie der Haushalt hätte aufgestellt werden müssen – also, tut mir leid, aber was ist denn hier los?</p>
<p><strong>Wie geht’s jetzt weiter – versuchen Sie, mit den 50.000 Euro auszukommen, sollen noch Sponsoren gesucht werden, um sich der Vorjahressumme zumindest zu nähern, oder wird sich eventuell tatsächlich etwas an den Eintrittsgeldern ändern?</strong></p>
<p>Bei den Eintrittsgeldern finde ich es eine Frechheit, das vorzuschlagen. Auch eine politische Dummheit – wie kann man denn ernsthaft versuchen, eine fehlende Kulturförderung auf die Bürger abzuwälzen? Wir haben normale Kinopreise, die nicht höher und nicht niedriger sind als normales Kino – also, das kommt überhaupt nicht in Frage. Und Sponsoren einwerben… so groß ist Oldenburg auch nicht, und wir haben ja bereits einen ziemlich hohen Anteil an Sponsoren, auch weil wir für diese interessant sind – durch die Mischung aus Independent und Kommerziellem und damit durch Gäste, die ein größeres Medieninteresse erregen. Diese Relation „Weniger Gäste einladen und mehr Sponsoren werben“ funktioniert da nicht, das beißt sich doch selbst in den Schwanz.</p>
<p><strong>Nun scheinen in rhetorischer Hinsicht die Schützengräben ausgehoben zu sein – die Vorwürfe auf der Pressekonferenz von SPD und Grünen auf der einen, <a href="http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/03/15/filmfest-will-gerettet-werden/">Ihre Facebook-Kampagne</a> auf der anderen Seite; das darf man wohl als kommunikative Eiszeit bezeichnen. Ist es derzeit überhaupt denkbar, in absehbarer Zeit aufeinander zuzugehen?</strong></p>
<p>Ich finde, mit Persönlichem sollte das nichts zu tun haben. Wie man als Politiker eine Kulturveranstaltung, die eigentlich für sich selbst bewertet werden könnte, auf so eine Ebene ziehen kann, verstehe ich nicht.</p>
<p><strong>Wie dürfen wir uns denn das Filmfest 2012 vorstellen? Wird sich an der Dauer etwas ändern? Oder doch an der Gästezahl? Wie werden Sie der finanziellen Einbuße begegnen?</strong></p>
<p>Die Sache ist ja die, dass hierbei relativ viel miteinander zusammenhängt und das Budget sich ja in viele kleine Segmente aufteilt. An den Tagen sparen werden wir wohl eher nicht. Es gibt Festivals, die ihr Programm auf 16 Tage aufblasen – die haben dann mehr Zuschauer, aber auch weniger Festivalcharakter; für uns bedeutet ein Festival, dass zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort Menschen zusammenkommen. Das funktioniert hier klasse – das Publikum kommt an die Filmemacher heran.<br />
An irgendeinem Punkt – das habe ich vor zwei Jahren auch schon gesagt – ist eine Schwelle unterschritten. Eine, unter der Gäste, die eine bestimmte Bedeutung in der Filmbranche haben und die nicht so ohne weiteres nach Oldenburg fahren würden, sondern sich auf anderen Festivals zeigen, das Oldenburger Filmfest dann als zu klein wahrnehmen würden. Wir hätten dann gar nicht mehr die Möglichkeit, auf diesem Level zu agieren. Wir laden Filme ein, die zu anderen Festivals auch eingeladen werden. Im Herbst findet das Festival in Rom statt, das vieles wegblockt, weil die viel Geld haben; in San Sebastian ist das große Festival, Deauville hat ein Festival… in diesem Gefüge sind wir aktiv, und Filmemacher müssen sich überlegen – bei amerikanischen Indies ist das so –, wo sie für ihre Europapremiere hingehen. Das sind wichtige Entscheidungen für sie, sie müssen sich vermarkten und sehen, dass sie wahrgenommen werden und Geld wieder einspielen können.<br />
Und wenn wir auf diesem Level agieren wollen, dann muss ich auch eine gewisse Moral aufrechterhalten, was diese Leute hier zu erwarten haben. Sonst kann ich bestimmte Filme nicht einladen, sondern müsste sagen: „Ist wohl besser für euch, wenn ihr in Rom lauft“. Aber wenn alles gut ist, können wir hier etwas machen, was diese Größenordnung erhalten kann. Aber das ist etwas, was Leute dann mittragen, verstehen und unterstützen müssen.</p>
<p><strong>Und was ist mit der Kritik, dass man keine Promis für viel Geld einfliegen lassen muss?</strong></p>
<p>Wir kriegen es ja von allen Seiten: Da gibt es Leute, die sagen: „Das sind ja nur B- und C-Promis“, und andere sagen: „Diese Stars, die braucht ihr doch nicht“ – ich denke immer: Leute, das ist Independentfilm; wir haben Gäste wie, im letzten Jahr, Matthew Modine – das ist für meine Definition ein Level von Bekanntheit und Starruhm, den ich gar nicht höher haben will. Oder Ted Kotcheff &#8211; da haben viele Kritiker mir gesagt: „Das war ja eine Superentdeckung!“ Das sind Leute, die uns interessieren; wir haben gar keine Lust, eine Wim-Wenders- oder Mike-Leigh-Retrospektive zu machen; nicht weil ich die doof finde, sondern weil die auf anderen europäischen Kunstfestivals unterwegs sind und ich lieber Gäste hole, die nicht allgegenwärtig und präsent sind. Da finde ich es unqualifiziert, zu sagen: „Sind doch alles C-Promis“.</p>
<p><strong>Lehnt man sich also zu weit aus dem Fenster, wenn man sagt, dass es auf diese Alternativen hinausläuft: Entweder eine Förderung auf einem höheren Niveau oder das 19. wird das letzte Filmfest in Oldenburg gewesen sein?</strong></p>
<p>Klar lehnt man sich damit weit raus, vor allem, weil das überhaupt nicht mit dem zusammengeht, was die Oldenburger dazu meinen und wie viel guten Rückenwind man von der Seite kriegt. Man muss wissen, wie man agieren will und eine Basis dafür schaffen – und da gehört auch eine bestimmte Kulturpolitik dazu. Ich muss mich jetzt erstmal mit den Sponsoren auseinandersetzen und sagen: „Okay, ich hoffe, ihr bleibt erstmal dabei“ – wir müssen ja eine Balance herstellen, die viele Komponenten mit einbezieht. Also, wenn wir uns entscheiden, nur klein und Indie zu machen und nicht mehr interessant sind für die regionale Presse, dann sind wir auch nicht mehr interessant für die Sponsoren – das potenziert sich alles. Ich finde, die Mischung, die wir machen, hat ein höheres Ansehen verdient als das, das wir von den Mehrheitsfraktionen im Rat erhalten.</p>
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